Fernsehturm vor dem Dom und dem im Rückbau befindlichen Palast der Republik rechts im Bild.
dpa

- Serie "Demographischer Wandel" (Teil V): Warum unsere Bevölkerung schrumpft - Auf Spurensuche in der Single-Hauptstadt Berlin

Überalterung, Landflucht, Verteilungskämpfe und immer weniger Kinder. Doch warum ist das eigentlich alles so? Was sind die Gründe, warum wir immer weniger Kinder bekommen, und was kann die Politik dagegen tun? Demografen sagen: fast nichts. Denn der demographische Wandel sei das Ergebnis eines tief greifenden Bewusstseinswandels der Menschen. Beobachtungen aus Berlin, der Single-Hauptstadt Deutschlands.

Aber im Ernst: Frauenquote und Gleichberechtigung sind wichtige Faktoren für die Zukunft unserer Gesellschaft. Das Problem: Wir werden immer älter und gleichzeitig werden in Deutschland immer weniger Kinder geboren. Welche dramatischen Folgen das auch für Berlin und Brandenburg hat, haben wir in den vergangenen Sendungen in unserer Reihe zum demografischen Wandel gezeigt. Heute gehts um die Kernfrage: Was ist die Ursache dieses Wandels? André Kartschall hat sich in der Single-Hauptstadt Berlin auf Spurensuche begeben.

Harald Michel, Demograf
„Ich bin Harald Michel, bin 56 Jahre alt, bin von Beruf Soziologe und beschäftige mich seit 1980 mit Demografie, ich leite seit 20 Jahren das Institut für Demographie und mach auch 'ne Vorlesung hier an der Humboldt-Uni. Also, vor 20 Jahren wussten die Leute nicht mal, was Demografie bedeutet. Sie haben das mit Demoskopie oder Demokratie verwechselt. Heute meint jeder, etwas zur Demographie sagen zu müssen. Das ist nicht unbedingt immer hilfreich. Der Demografische Wandel hat im Wesentlichen eine einzige Ursache. Und das ist der Rückgang der Geburtenzahlen seit wir diese Zahlen messen können, ganz exakt in Deutschland seit 1874.“

Die Fakten

Harald Michel, Demograf

„Die rote Linie zeigt uns die Zahl der Kinder pro Frau. Und wir sehen, seit wir diese Zahlen erheben, nimmt diese Zahl ab. Etwa bis zum Ersten Weltkrieg reduzierte sich diese Zahl auf etwa 2,1. Und ein zweiter wesentlicher Absenkungsprozess dann etwa ab 1970, der dann zu dem heutigen Niveau von etwa 1,4 – 1,5 geführt hat. Die grüne Linie ist die, die notwendig wäre, um in etwa die Bevölkerung durch Geburten konstant zu halten. Und da können wir feststellen, dass in etwa bis 1920 diese Zahl ausreichend war und dann im Übrigen für den gesamten Zeitraum unterschritten wurde, das heißt also: Deutschland hat sich aus eigener Kraft schon seit diesem Zeitraum nicht mehr reproduzieren können.“

Dorothea Volkmann
„Ich heiße Dorothea Volkmann, ich bin 54 Jahre alt, und ich habe keine Kinder.“

Karl Maslo
„Ich heiße Karl Maslo, ich bin 60 Jahre alt, und die Frage, ob ich Kinder habe, kann ich eigentlich nicht richtig wahrheitsgemäß beantworten: Ich glaube, ich habe keine Kinder.“

Die Ursache des Geburtenrückgangs

Harald Michel, Demograf
„Wir kriegen eine Teilung unserer Gesellschaft, die haben wir mittlerweile schon. Und zwar zwischen Menschen, die Kinder bekommen und denen, die keine Kinder mehr haben. Die liegt gegenwärtig etwa bei einer Quote von 80 zu 20.“
KLARTEXT
„Und die 80 Prozent machen was?“
Harald Michel, Demograph
„Die bekommen ausreichend Kinder für die Reproduktion der Bevölkerung. Und 20 nehmen an diesem Prozess nicht teil. Ohne jede Wertung – das ist gut so, dass sie diese freie Entscheidung treffen können. Aber konstatiert bedeutet das, dass sie diesen Durchschnitt im Endeffekt dann herstellen.“

Die „20 Prozent“

Dorothea Volkmann
„Ich denke, Kinder als Erfüllung des Lebensinhalts, Lebenstraums, spielen keine Rolle mehr. Also, nur noch bei 'ner ganz geringen Anzahl an Leuten. Ich möchte unbedingt 'n Kind haben – wann hat man das letzte Mal den Satz gehört?“

Karl Maslo
„Es gab schon zwei, drei Beziehungen in meinem Leben, die über fünf oder sogar einmal sieben Jahre gingen, wo ich mir durchaus ein dauerhaftes Leben vorstellen können und da war auch ein Kinderwunsch da. Oft war es eben so, wenn ich einen Kinderwunsch hatte, waren es eben dann die Frauen, die dann gesagt haben: 'Nee, ich kann mir ein Leben mit Dir länger vorstellen, aber bitte ohne Kind.' Zwei-, dreimal war ich kurz davor zu sagen: 'Okay, ich bin bereit, ich bin bereit, ja.' Heute bin ich froh, dass es nicht hingehauen hat.“

Gibt es eine moralische Pflicht zum Kinderkriegen?

Karl Maslo
„Jeder Mensch hat eine moralische Verantwortung hier in dieser Gesellschaft, aber, ob er eine moralische Verantwortung, was unsere zukünftige Kinderwelt betrifft … Ich glaub, man kann dazu keinen zwingen. Also auch selbst dieses moralische Empfinden ist etwas, was entweder da ist, oder gewachsen ist. Jedenfalls gibt es dafür keine klare Direktive.“

Was kann die Politik tun?

Harald Michel, Demograph
„Also, ob ich Kinder bekomme ist eine zutiefst individuelle Entscheidung, die übrigens auch nicht moralisch mit irgendwelchen Aufforderungen verbunden werden sollte in einer Gesellschaft. Und ich bin der festen Überzeugung, dass die Einflussmöglichkeiten von Politik in Bezug auf diese Entwicklung sehr begrenzt sind. Politik sollte sich in dem Zusammenhang eher in Demut üben und bestimmte demografische Entwicklungen hinnehmen und versuchen, politisch zu gestalten und nicht zu verändern.“

Die nächsten Generationen

Dorothea Volkmann
„Wir in meiner Generation waren 15, 16 Kinder. Und die wiederum haben 8 Kinder bekommen zusammen. Und in der nächsten Generation werden es vielleicht 3 oder 4 Kinder sein. Und man kann sich das Ende ja ausrechnen, wie viele dann übrig bleiben in zwei, drei Generationen.“

Harald Michel, Demograf
„Wir können im Durchschnitt vorhersagen, wie der Kinderwunsch in einer Gesellschaft strukturiert ist. Das ist ein relativ gut untersuchtes Phänomen, ein sehr interessantes. Etwa seit den 80er Jahren wissen wir, dass dieser Kinderwunsch bei 2,1 Kindern pro Frau liegt. Die Realität lag bei 1,5 und 1,6. Und seit etwa zehn Jahren beobachten wir ein ganz interessantes Phänomen: Jetzt beginnt sogar dieser Kinderwunsch zu sinken und liegt mittlerweile bei 1,7 pro Frau, was bedeutet natürlich für die Zukunft, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die reale Kinderzahl ansteigen wird.“

Dorothea Volkmann
„Eine Verantwortung für eine Familie zu übernehmen, das ist ne Sache, das möchten, glaube ich, ganz Wenige, also, das zu sagen. Ja, jetzt nicht für die nächsten fünf Jahre oder die nächsten zwei Jahre, sondern für die nächsten 20, 30 Jahre – wer möchte das sagen?“

Ein Fazit

Harald Michel, Demograf
„Die Gesellschaft an sich müsste ja daran interessiert sein, sich zu reproduzieren, der Einzelne kann aber einen Vorteil daraus ziehen, genau dies nicht zu tun. Und diese Diskrepanz, die kann natürlich die Gesellschaft insgesamt in Gefahr bringen, in ihrer Existenz, langfristig gesehen.“

Und nach der Logik heißt das: Irgendwann sterben die Deutschen aus. Doch vorher werden wir zu einer Republik der Alten werden - und das wohl mit stetig sinkendem Wohlstand. Mehr zu dem Thema finden Sie auch auf unserer KLARTEXT-Seite im Internet unter rbb-online.de, da können Sie sich die Folgen unserer Demografie-Reihe nochmal ansehen.


Ein Beitrag von André Kartschall