- Serie "Demographischer Wandel" (Teil II): Die schwierige Zukunft des Speckgürtels: Wenn alle auf einen Schlag älter werden

Ein Häuschen fast in der Stadt und doch gleichzeitig auf dem Land, viel Grün und ein S-Bahn-Anschluss - der ideale Wohnort für junge Familien. So bildete sich rund um Berlin binnen weniger Jahre ein dicker Speckgürtel. Doch die Zugezogenen gehören fast alle zu ein und derselben Generation. Und die geht in 15 bis 20 Jahren geschlossen in Rente. Die Folge: Der demografische Wandel trifft das Berliner Umland im Zeitraffer.

Der demografische Wandel, welche Folgen hat er für Berlin und Brandenburg? In Teil zwei unserer Reihe geht es heute um den sogenannten Speckgürtel um Berlin, eine Wohnlage, die eigentlich als besonders attraktiv gilt. Vor allem junge Familien sind ins nahe Umland gezogen, um sich den Traum vom Häuschen im Grünen zu erfüllen, mit der Großstadt direkt vor der Haustür. Doch schauen Sie mal: Ausgerechnet diesen Orten im Speckgürtel droht eine verhängnisvolle Entwicklung - die Überalterung. Die Zugezogenen gehören fast alle zur selben Generation. Das heißt: Sie werden in etwa 15 Jahren nahezu geschlossen in Rente gehen. André Kartschall zeigt, wie eine Gemeinde wie Ahrensfelde damit umgeht.

Auf den ersten Blick sieht es nicht so aus, als ob Ahrensfelde die Überalterung droht. Nachwuchs gibt es jede Menge, diese Kindertagesstätte musste gerade erst erweitert werden. Doch Bürgermeister Wilfried Gehrke sieht in dem Gebäude nicht nur eine Kita, sondern auch ein zukünftiges Altersheim. Als Kita soll das Haus nur vorübergehend dienen, später soll aus dem Spielzimmer einmal ein Speisesaal für Senioren werden. Und die Gruppenräume sind so zugeschnitten, dass sie sich auch als Zwei-Zimmer-Appartements nutzen lassen.

Wilfried Gehrke (CDU), Bürgermeister Ahrensfelde

„Ja, hier sehen wir nun ein Beispiel, wie man eine altersgerechte Wohnung herrichten könnte. Hier hätten wir einen Wohnraum. Hier hätten wir ein Bad, ein schönes geräumiges Bad, müsste man dann umbauen, ist jetzt kindergerecht, kann nachher seniorengerecht umgebaut werden. Sie sehen, es ist geräumig. Und es ist ja so, dass die Räume parterre sind, also kindergerecht, aber auch seniorengerecht. Man kann dann raus treten und die schöne Natur bewundern.“

Kindertagestätten zu Altersheimen. Eine ungewöhnlich vorausschauende Idee. In Ahrensfelde waren sie schon immer etwas schneller als andernorts. Nach der Wende wuchs die Gemeinde im Zeitraffer. Binnen 20 Jahren stieg die Einwohnerzahl von 5.000 auf 13.000 – viele der Zugezogenen waren junge Menschen mit Kindern. Bereits zweimal erhielt der Ort die Auszeichnung „Familienfreundliche Gemeinde“.

Wilfried Gehrke (CDU), Bürgermeister Ahrensfelde
„Also, ich muss zugeben, wir waren erstmal froh, dass wir den Zuzug hatten in der Gemeinde. Alle Orte, oder viele Orte gerade in Brandenburg haben ein anderes Problem, dass die Leute abwandern, bei uns war ein Zuwandern da. Da waren und sind wir sehr froh und hatten das gleich nicht im Fokus, dass man auch älter wird und wie sich unsere Altersstruktur entwickeln wird. Das kam erst später, das haben wir dann erst 2005 durch Untersuchungen gesehen, dass wir doch immer älter werden.“

Die Ursache der Alterung liegt dabei schon länger zurück. Mitte der 90er Jahre zogen viele junge Menschen raus aus Berlin, bauten Häuser und gründeten Familien. Der sogenannte „Speckgürtel“ entstand.

Doch gerade der massive Zuzug junger Menschen in der Vergangenheit sorge für das Problem von morgen, sagt Demografieforscher Reiner Klingholz. Die weit verbreitete Meinung, der demografische Wandel träfe nur das flache Land, sei falsch.

Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
„Es kommt dann abrupter. Schlicht und einfach aus dem Grund, dass die Menschen, die dort hingezogen sind, zu diesem Zeitpunkt des Hinzugs alle mehr oder weniger alle gleich alt waren und die altern dann in einer Gruppe.“

Und so wird ein Großteil der Bewohner des Speckgürtels kurz vor dem Jahr 2030 mit einem Schlag in Rente gehen.

Auf der Internetseite „Strukturatlas Land Brandenburg“ kann man sich anschauen, wo die Zahl der Rentner besonders stark zunimmt. In den roten Gebieten wird es 2030 mehr als doppelt so viele Über-65-Jährige geben. Betroffen sind fast alle Speckgürtelgemeinden: Großbeeren, Schönefeld, Hoppegarten. Und am härtesten von allen trifft es: Ahrensfelde im Nordosten von Berlin.

Wilfried Gehrke (CDU), Bürgermeister Ahrensfelde
„Ja, wir haben mal die Altersstruktur untersucht und man kann mal sehen, ich hab das auch mal mitgebracht, graphisch, wie 2006 sich die Altersstruktur darstellt und wie sie 2025 sein wird. Und da kann man ganz deutlich sehen, dass die 50-Jährigen, wie sich das nach oben langsam verschiebt. Und dass wir dann 2025 dann wirklich den Anstieg von circa 200 Prozent mehr Senioren in der Gemeinde haben werden.“

Eine enorme Steigerung. Kindertagesstätten in Seniorenheime umwandeln, dürfte da nicht Ahrensfeldes einzige Herausforderung sein. Demografen sehen noch ein ganz anderes Problem. Die heute noch gefragte „Wohnlage Speckgürtel“ werde sich rasend schnell in eine Immobilienblase verwandeln. Und die platze spätestens, wenn die große Generation der Häuslebauer stirbt.

Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
„Das Problem an diesen Siedlungen ist, dass wenn die Menschen, die sie gebaut haben, diese Häuser, irgendwann in das Alter kommen, wo man eben nicht mehr unter uns ist, dass dann zuviele dieser Häuser verkauft werden müssen und dafür keine Käufer mehr zu finden sind. Das heißt, diese Blase, die platzt dann, weil es wenn mehr als zehn Prozent dieser Häuser auf dem Markt sind, keine Preisfindung mehr gibt und sie dann praktisch unverkäuflich sind oder zu einem Wert verkauft werden müssen, der nicht attraktiv ist für die Bewohner.“

Doch in Ahrensfelde will man die Zukunft nicht so schwarz sehen. Die Demografen hätten einfach vergessen, dass die Menschen im Speckgürtel ja auch Kinder haben. Und die würden Ahrensfelde retten.

Wilfried Gehrke (CDU), Bürgermeister Ahrensfelde
„Ja, dann hat man ja auch ‘nen Generationswechsel in der Gemeinde. Wir werden dann sicher auch hier zu einem normalen Lebensbaum kommen und werden uns von uns aus regenerieren, so dass wir dann gut aufgestellt sind.“

Die Kinder erben die Häuser der Eltern und leben selbst darin. Eigentlich eine logische Vorstellung. Doch leider selten die Realität, sagt der Demograf.

Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
„Mit den Kindern ist es ja im Allgemeinen immer so, dass die Kinder nicht in den Häusern wohnen, in denen ihre Eltern gelebt haben. Die ziehen in Städte, die machen ihre Ausbildung woanders, die sind sehr mobil. Und dieser Generationenwechsel gerade in diesen Einfamilienhäusern findet häufig gar nicht statt.“

Doch daran will man in Ahrensfelde nicht glauben. Und kämpft weiter gegen die Widrigkeiten der Demografie an. Schon jetzt ist die Altersstruktur so bedrohlich, dass dringend eine „Blutauffrischung“ her muss – sprich: noch mehr Eigenheime.

Wilfried Gehrke (CDU), Bürgermeister Ahrensfelde
„Ja, hier diese Freifläche hier soll zukünftig bebaut werden. Wir sind dabei, unseren Flächennutzungsplan zu ändern und hier ein Baufeld auszuweisen, um die Altersstruktur in der Gemeinde zu verbessern, circa sieben Hektar um für junge Familien die Gemeinde weiterhin attraktiv zu gestalten.“

Doch das mache alles nur noch schlimmer, warnt der Demograf. Die Gefahr einer Immobilienblase steige mit jeder neuen Eigenheimsiedlung.

Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung
„Die stehen in Konkurrenz zu Häusern, die schon ein bisschen länger da sind. Und ich vergrößere dadurch die Chance, dass es irgendwann diese Blase gibt. Und das Problem ist natürlich, dass viele Kommunalverwaltungen ein großes Interesse daran haben, für ihr eigenes Gebiet noch was auszuweisen und im Zweifel, im schlimmsten Fall, kannibalisieren sie sich mit der Nachbargemeinde.“

Die nächsten beiden Jahrzehnte im Speckgürtel dürften also ungemütlicher werden als die vorangegangenen.



Autor: André Kartschall