Asbest
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- Die verharmloste Gefahr - Asbest in Berliner Wohnungen

Die Gefahr lauert in vielen Fußbodenbelägen: Asbest! Der krebserregende Stoff wurde bis in die 70er-Jahre in sogenannten Vinyl-Bodenbelägen verarbeitet. Längst werden die Beläge porös, brechen und setzen Asbestfasern frei. Jetzt haben betroffene Mieter gerichtlich einen Schadensersatzanspruch für mögliche gesundheitliche Folgeschäden erstritten. Ein weitreichendes Urteil: Doch die Politik redet das Problem klein.

Krebs durch Asbest – daran sterben in Deutschland mehr Menschen als durch Berufsunfälle und auf dem Weg zur Arbeit zusammen. In Berlin sind tausende Mietwohnungen asbestbelastet. Dennoch wird die Gefahr seit Jahren verharmlost: Weder die betroffenen Wohnungsbaugesellschaften noch die Politik kümmern sich ernsthaft um die Gesundheit der Mieter. Doch gleich zwei Gerichtsurteile geben den Betroffenen nun Schützenhilfe – und das könnte weitreichende Folgen haben! Ute Barthel.

Fatma Oguzhan
„Gucken Se mal hier, …."

Im Kinderzimmer der Familie Oguzhan fing es an. Erst brach eine Bodenfliese, dann die nächste. Irgendwann war der ganze Fußbodenbelag brüchig. Die Gefahr besteht darin, dass die Platten Asbest enthalten. Doch davon hat der Vermieter, die Wohnungsbaugesellschaft GEWOBAG, der Familie nichts erzählt.

KLARTEXT
„Wann hat denn das angefangen mit den Platten, dass die sich lösen?
Fatma Oguzhan
„Letztes Jahr habe ich die kaputten Fliesen gemeldet, und dann kam auch eine Firma. Die kaputten Platten wurden dann wieder angeklebt und einfach so geblieben."

Auch im Wohnzimmer hat die GEWOBAG die kaputten Fliesen erstmal abkleben lassen. Im Herbst fand Frau Oguzhan dann ein Informationsschreiben im Briefkasten. Darin stand, dass die brüchigen Fliesen Asbest enthalten können, Zitat:

„Sollten Sie Schäden…feststellen, bitten wir Sie, uns umgehend zu informieren … und sie nicht selbständig zu beseitigen."

Frau Oguzhan wohnt mit ihrer Familie am Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg. Die Wohnbauten stammen aus den 70er Jahren und gehörten einst der Neuen Heimat. Damals wurde viel Asbest verbaut, erst viele Jahre später wurde bekannt, dass das Material krebserregend ist.

Die Nachbarin von Frau Oguzhan, Margit Boé, erfuhr durch KLARTEXT von der Gefahr in den Fußböden. Im Mai 2012 berichteten wir erstmals über die asbestbelasteten Bodenplatten:

Ausschnitt
KLARTEXT vom 9. Mai 2012
„Solange sie intakt sind, gelten sie als ungefährlich, da der Asbest festgebunden ist. Doch sobald sie brechen, können die krebserregenden Fasern freigesetzt werden, sagt der Experte vom Umweltbundesamt.“

Heinz-Jörn Moriske
Umweltbundesamt
„Die Gefahr ist einfach erhöht, wenn die Platten gebrochen sind, dann wird über kurz oder lang immer eine Faserfreisetzung passieren und das ist aus gesundheitlicher Sicht natürlich nicht tolerierbar und das bedeutet auch, dass die Wohnung in diesem Zustand nicht bewohnt werden sollte, sondern kurzfristig saniert werden sollte."

Bei Margit Boé klingelten alle Alarmglocken, denn ihre Bodenfliesen hatte sie schon vor einigen Jahren austauschen lassen, vor Asbest hat sie aber niemand gewarnt.

Margit Boé
„Die Fliesen, die hier gelegt wurden, also im Flur und diese zwei Stufen. Da hat der Fliesenleger die Fliesen weggekratzt, Stück für Stück, und es hat auch ganz schön gestaubt.“

Noch stärker beunruhigt, ist Zuzanna Pinterova. Sie hat ihre Wohnung am Mehringplatz selbst renoviert. Auch ihr Freund hat dabei geholfen und auch ihre Eltern, die extra aus der Slowakei angereist waren. Die Wohnung hatte die GEWOBAG 2011 mit dem kaputten Fußboden angeboten. Wer den Fußboden in Eigenleistung erneuert, bekäme zwei Kaltmieten erlassen.

Zuzanna Pinterova
„Also ich habe den ganzen Abend, beziehungsweise die ganze Nacht hier auf den Knien gesessen und den ganzen Staub eingeatmet.“

Mario Ellebrecht
„Zu mehreren eigentlich. Viele Platten waren schon lose, manche waren zerbrochen und lagen am Boden. Die restlichen sind dann zerbrochen beim Entfernen natürlich.“

Eine der alten Bodenfliesen haben sie im Labor untersuchen lassen: das Ergebnis: die Fliese enthält Asbest und kann Krebs erregen.

Die GEWOBAG war nicht zu einem Interview zur Asbestproblematik bereit: schriftlich teilt man uns mit, Zitat:

„In unserem Mieterinformationsschreiben werden die Mieter ausdrücklich darauf hingewiesen, Asbest-Arbeiten NICHT selbst auszuführen.“

Aber als Zuzanna Pinterova ihre Wohnung bezog, gab es weder ein Informationsschreiben noch irgendeinen anderen Hinweis auf Asbest im Fußbodenbelag.

Zuzanna Pinterova
„Sie haben gesagt, wenn Sie etwas handwerklich geschickt sind, dann schaffen Sie das auch alleine, weil es gab kein Geld für eine Firma, die wir beauftragen würden. Das Geld würde freigesetzt nur für das Material, also wurde das vorausgesehen, dass wir das eigentlich selber machen.“

Sollten die beiden erkranken, haben sie künftig einen Anspruch auf Schadensersatz. Erst vor kurzem hat das Landgericht Berlin zwei richtungweisende Urteile gefällt: Mieter können eine zehnprozentige Mietminderung geltend machen, wenn sie schadhafte Bodenfliesen in der Wohnung haben: Und sie haben das Recht auf Schadensersatz für gesundheitliche Folgeschäden. Erstritten hat diese Urteile der Rechtsanwalt Sven Leistikow.

Sven Leistikow
Rechtsanwalt
„Generell würde ich jedem Mieter empfehlen, wenn er in seiner Wohnung gebrochene Platten findet, die Mietminderung sofort anzuzeigen und auch umzusetzen, also von der Miete den Betrag zehn Prozent abzuziehen, wobei damit die Kaltmiete gemeint ist, diese zehn Prozent abzuziehen. Dann wird dadurch ein Druck auf die Wohnungsbaugesellschaften entstehen, der vielleicht die Wohnungsbaugesellschaften dazu bringt, zu sanieren.“

Diese Urteile können für die GEWOBAG in Zukunft zu einem enormen finanziellen Problem werden, denn sie hat nach eigenen Schätzungen 14.000 Wohnungen mit den asbesthaltigen Fußböden. Aber nicht nur die GEWOBAG ist betroffen, sondern fast alle Wohnungsbaugesellschaften in Berlin. Im Jahr 2000 gab es eine Schätzung von rund 60.000 Wohnungen, allein bei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Und noch weiß niemand, wie viele Privatvermieter betroffen sind.

Deswegen haben die Berliner Grünen im Abgeordnetenhaus bereits im vergangenen Jahr beantragt, dass endlich ein Gefahrenkataster und ein Sanierungsplan erstellt wird. Doch bis heute wurde der Antrag im Bauausschuss nicht diskutiert.

Andreas Otto
Bündnis 90/Die Grünen, baupolitischer Sprecher
„Die Kollegen der Koalition haben das dreist abgesetzt von der Tagesordnung, in einer Ausschusssitzung im November, und das war schon sehr bitter, weil es natürlich von einer gewissen Ignoranz zeugt.“

Wir wollen vom Senat für Stadtentwicklung erfahren, wann es diesen Asbestbericht und einen Fahrplan für die Sanierung gibt. Doch dort fühlt man sich nicht zuständig und schickt uns zur Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Dort aber die gleiche Antwort und man schickt man uns wieder zurück zum Senat für Stadtentwicklung.

Aber die behaupten wieder: sie sind nicht zuständig. Vielleicht würde ja der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen Auskunft geben.
Die aber sehen keine Notwendigkeit, die Fußböden komplett auszutauschen.

David Eberhardt
Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen
„Der Ausbau ist mit großen Schwierigkeiten verbunden, mit hohen Kosten verbunden, die nur dann wirklich zu rechtfertigen sind, wenn eine Gesundheitsgefährdung besteht und die besteht in aller Regel nicht bei diesen Platten.“

Doch die Platten brechen jetzt, weil sie nun 40 Jahre alt und porös sind. Der Austausch der einzelnen Platten ist Flickschusterei. Doch eine komplette Sanierung würde die städtischen Wohnungsbausgesellschaften mehrere Hundert Millionen Euro kosten. Deswegen wird das Thema lieber verharmlost und im wahrsten Sinne des Wortes unter den Teppich gekehrt.

 

Beitrag von Ute Barthel