Im Auge des Shitstorms - Wie rechte Aktivisten Social Media-Debatten manipulieren

Sie organisieren sich wie eine Geheimarmee im Netz und planen Angriffe auf politische Gegner: Die Mitglieder des rechten Internet-Netzwerks "Reconquista Germanica". Mit Hilfe von Fake-Accounts und gezielter Stimmungsmache versuchen sie die Meinungsbildung im Netz zu manipulieren. Das Ziel: Wählerstimmen für die AfD, wie internes Material vom Server der Trollarmee belegt. Gemeinsame Recherchen von Kontraste und dem Rechercheverbund von WDR, NDR und SZ zeigen: An dem Feldzug im Verborgenen sind auch Funktionsträger der AfD beteiligt.

Anmoderation: Facebook, Twitter und Co. haben es möglich gemacht: Das Phänomen Shitstorm. Viele glauben, dass dahinter der geballte Volkszorn und Massen an Menschen stecken. Doch meine Kollegen Diana Kulozik, Markus Pohl und  Lisa Wandt zeigen Ihnen: Rechtspopulisten haben im Internet virtuelle Trollfabriken aufgebaut. Gezielt organisieren hier Wenige Hetzkampagnen gegen Politiker oder Medien und inszenieren sich dabei als Volkes Stimme.

Eine deutsche Familie in einem Schlauchboot, auf der lebensgefährlichen Flucht nach Afrika. Denn in Europa regieren die Faschisten.

Der Film "Aufbruch ins Ungewisse" lief vor zwei Wochen im Ersten. Sicher streitbar – am Ende aber doch nur ein Film.

Doch noch während der Ausstrahlung bricht auf Twitter schon ein Sturm der Entrüstung los. Unter dem Hashtag "Aufbruch ins Ungewisse" wettern nicht nur prominente AfD-Politiker gegen angebliche "Staatspropaganda". Hinzu kommt eine große Zahl an Tweets, oft mit rassistischen Fotomontagen, die von Profilen ohne Klarnamen verbreitet werden. Es wirkt wie ein Aufstand der Massen.

Der Datenanalyst Luca Hammer aber ist auf ein merkwürdiges Muster gestoßen. Er hat untersucht, welche Nutzerkonten – also Accounts – an dem Twittersturm beteiligt waren.

Luca Hammer, Datenanalyst

"Auffällig ist grundsätzlich, dass eine kleine Gruppe an Accounts besonders viele Tweets zu diesem Thema abgesetzt hat. Es ist einfach klar, dass diese Accounts sich vorab verabredet haben, dass sie vernetzt sind und bestimmte Botschaften gesetzt haben."

Wir sehen uns diese Accounts genauer an. Immer wieder stoßen wir auf ein Schlagwort: "Reconquista Germanica" – die Rückeroberung Deutschlands. Dahinter steckt ein rechtes Netzwerk, organisiert in einem abgeschotteten Bereich im Internet.

Wir finden einen Insider aus der Gruppe. Er hat Angst, erkannt zu werden. Und erzählt uns, dass die rechten Aktivisten gezielt die Öffentlichkeit manipulieren wollen.

Leaker (nachgesprochen)   

"Sie versuchen in sozialen Medien die Meinung der Leute zu beeinflussen, indem sich jeder eine große Anzahl Social-Media-Accounts macht, also massenhaft Fake-Accounts! Eine Person gibt vor, hunderte Personen zu verkörpern."

Ein Bildschirmfoto des geheimen Chats der Gruppe beweist: Auch im Fall des ARD-Films hat sich das Netzwerk verabredet, um mit falschen Twitter-Konten gezielt Stimmung zu machen.

Was wie massenhafte Empörung wirkt, geht also in Wahrheit nur auf wenige Nutzer zurück.

Die rechte Trollarmee ist straff organisiert, wie die Mitschnitte vom Server der Gruppe zeigen. Zugang gibt es nur für Auserwählte. Im Wehrmachts-Jargon teilen sie sich hier in Fronten und Heeresgruppen auf. Es gibt Generäle und Offiziere, die Sturmtruppen kommandieren - per "Tagesbefehl".

Gezielt versuchte die Gruppe schon im Bundestags-Wahlkampf Einfluss zu nehmen, wie Mitschnitte aus ihren Sprach-Chats belegen.

Ton-Mitschnitt

"Guten Abend, grundsätzlich wisst ihr wahrscheinlich alle inzwischen, dass wir vorhaben, sowas wie Trollstürme durchzuführen, einfach um alle Parteien, die so im Bundestag sitzen möglichst kaputtzuschießen und im gleichen Zuge natürlich versuchen wollen andersherum der AfD möglichst einen großen Stimmenanteil zuzuschustern."

Dafür verbreitet Reconquista Germanica massenhaft AfD-freundliche Fotomontagen, sogenannte Memes.

Und während des TV-Duells twittert das Netzwerk mit seinen falschen Profilen das Schlagwort "Verräterduell".

Eine typische Strategie, sagt der Rechtsextremismus-Experte Alexander Häusler.

Alexander Häusler, Rechtsextremismus-Forscher

"Diese Leute sind in Wirklichkeit nicht in der Mehrheit, sondern in der Minderheit, aber versuchen sich mit diesen Methoden über soziale Netzwerke als vermeintliche Mehrheit im Sinne eines Volkswillens, eines angeblichen Volkswillens darzustellen."

Aber wer steckt hinter Reconquista Germanica? Sogenannter Oberbefehlshaber ist ein Nikolai Alexander. Wer sich dahinter verbirgt, ist unbekannt. Ein Interview lehnt er ab, aber er schreibt uns

Zitat

"Wir pflegen sehr gute Kontakte nach Russland. Ohne russische Unterstützung wäre das Projekt in dieser Form wohl nicht möglich gewesen."

Haben russische Stellen also über Reconquista auch versucht, den deutschen Wahlkampf zu beeinflussen? Unsere Nachfragen dazu bleiben unbeantwortet.

Was wir aber auf dem Reconquista-Server finden, sind bekannte Rechtsextremisten. Etwa Frank Kraemer, Musiker der Neonaziband "Stahlgewitter".

Oder den Österreicher Martin Sellner, Kopf der Identitären, einer völkischen Bewegung.

Und dann stoßen wir auf den "Jungpolitiker Lars", Gefreiter mit VIP-Status und - AfD-Mitglied.

Wir finden heraus, um wen es sich handelt: Lars Steinke, Vorsitzender der Jungen Alternative Niedersachsen und Mitarbeiter in der AfD-Landtagsfraktion. Hat auch er bei den Täuschungs-Aktionen mitgemacht?

Lars Steinke, JA-Vorsitzender Niedersachsen

"Ich hab keinen Fake-Account angelegt!"

Kontraste

"Okay, aber Sie waren in einem Netzwerk, wo das auf jeden Fall ausgesprochenes Ziel war." Lars Steinke, JA-Vorsitzender Niedersachsen

"Ja, wie gesagt, mein Ziel war, damit die AfD in einem neutralen, besseren Licht dastehen zu lassen, dass die Leute auch mal eben andere Perspektiven erfahren, das war mein Ziel von dem Ganzen. Wenn andere da eben auch noch übertreiben oder das weiterziehen, ist das nicht mein Problem."

Steinke steht nicht allein. In dem uns vorliegenden Mitschnitt des Servers ist als VIP auch ein Yannick vom Arcadi-Magazin eingeloggt.

Leitender Redakteur des neu-rechten Arcadi-Magazins ist Yannick Noé, Chef der Leverkusener AfD.

Von seinem Anwalt lässt uns Noé ausrichten, er sei tatsächlich bei Reconquista gewesen - aber nur ein einziges Mal, um dort ein Interview zu geben.

Bei der AfD im Bund bestreitet man offizielle Kontakte zu Reconquista Germanica. Auf unsere Anfrage heißt es:

Stellungnahme AfD  

"Wir lehnen generell Stimmungsmache über Fake-Accounts ab und verwehren uns dagegen."

Bei Jungpolitiker Steinke ist das offenbar noch nicht angekommen.

Lars Steinke, JA-Vorsitzender Niedersachsen

"Shitstorms sind ja nicht irgendwas Neues, was von rechts erfunden wurde, sondern was ich auch selber schon erleben durfte, was von links auch genutzt wird und zwar nicht zu wenig und dementsprechend, wenn die andere Seite es benutzt, dann muss sie sich nicht wundern, wenn wir es auch benutzen."

Als wäre das alles ganz harmlos. Unser Informant dagegen berichtet von einer zunehmenden Radikalisierung.

Leaker (nachgesprochen)

"Manche haben sich da ja schon so hineingesteigert, dass die sich auf einen Bürgerkrieg vorbereiten, und es wird ja auch offen dazu aufgerufen, sich zu bewaffnen. Offiziell nur um sich vor Kriminellen zu schützen und auf das Schlimmste gefasst zu sein, aber das ist definitiv ein Grund zur Sorge."

Vor kurzem wurde das Reconquista-Forum vom Server-Anbieter gesperrt. Die rechten Trolle aber sind schon weitergezogen - auf einen neuen Server.

Beitrag von Diana Kulozik, Markus Pohl und Lisa Wandt

weitere Themen der Sendung

Terroropfer ohne Lobby - Warum Deutschland ein modernes Entschädigungsrecht braucht

Wäre Rami Elyakim in seiner Heimatstadt Herzlia durch einen Selbstmordattentäter verletzt worden, so könnte er sich sicher sein, dass der Staat ihm unbürokratisch hilft. In Israel gilt den Opfern von Terroranschlägen die Solidarität aller, sie tragen die Last in einem unerklärten Krieg. Doch Rami Elyakim wurde nicht in Israel sondern auf dem Berliner Breitscheid-Platz Opfer eines Terroranschlags. Er überlebte schwer verletzt, seine Frau wurde umgebracht. Seither kämpft er mit der deutschen Bürokratie - wie auch Astrid Passin, die seit dem Anschlag traumatisiert ist. Ob Terroranschlag oder Verkehrsunfall, das deutsche Entschädigungsrecht kennt keinen Unterschied. Trotz aller Versprechungen warten die Opfer noch immer auf unbürokratische Hilfe.

Funkstille - Warum die Bundeswehr bei NATO-Manövern nur bedingt "gesprächsbereit" ist

Fregatten und Panzer sind nicht einsatzbereit. Soldaten fehlen Nachtsichtgeräte und Zelte. Der Bundeswehr fehlt es an allen Ecken und Enden. Auch moderne Kommunikationsmittel für den gemeinsamen Einsatz mit anderen NATO-Truppen sind rar. Statt Produkte "von der Stange" einzukaufen, setzten die deutschen Militärs auf teure Eigenentwicklungen. Bis die Truppe damit ausgestattet ist, leiht man sich die Technik von NATO-Partnern oder greift auf den altbewährten Krad-Melder zurück.

Streit ums Geld - Warum Intensivpflegepatienten der Willkür der Krankenkassen ausgesetzt sind

Ob Beatmungs- oder ALS-Patient, sie alle sind rund um die Uhr auf medizinische Pflege angewiesen. Trotzdem können sie kommunizieren, arbeiten, soziale Kontakte pflegen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen - wenn man sie denn lässt. Auf ihre besonderen Bedürfnisse sei Rücksicht zu nehmen, so steht es zumindest im Gesetz. Doch im Alltag werden sie meist ausgegrenzt und abgeschoben, weil die Krankenkassen nicht bereit sind, dafür zu bezahlen. Seit Jahren fehlt es an klaren Regeln, auf welche Leistungen Intensivpflegepatienten Anspruch haben.