Abgehängter Osten - Warum ganze Regionen ohne Perspektive sind

28 Jahre nach der deutschen Einheit sind die ländlichen Regionen Ostdeutschlands geprägt von Perspektivlosigkeit: Frauenmangel, Überalterung, niedrige Löhne und eine Wirtschaftsleistung genau in der Mitte zwischen Rumänien und Bayern tragen zum Frust bei – und zum Erstarken der AfD.

Anmoderation: Eine Begründung dafür, die man immer wieder hört: Gerade in ländlichen Regionen fühlen sich viele Menschen "abgehängt":  Aber was bedeutet das eigentlich konkret? Unsere Autoren Chris Humbs und Tobias Wilke sind nach Sachsen und Brandenburg in die Lausitz gereist. In eine Region, die als besonders überaltert gilt und in der der Frust inzwischen unübersehbar ist.

Volleyballtraining in Reichenbach in der Oberlausitz – dem östlichsten Zipfel der Republik. Die Mädchen und jungen Frauen  sind zwischen 14 und 21 Jahre alt, kommen aus dem ganzen Umland. Weiblich, jung, voller Chancen: in dieser Region eine Gruppe, die ihr Glück gern woanders sucht.

Kontraste

"Wer bleibt?"

Jugendliche 1

"Naja, ich denke in der weiten Welt ist schon ein bisschen mehr los als hier."

Jugendliche 2

"Andere Regionen kennen lernen und Kulturen, die es da sonst noch so gibt außer der Lausitz"

Jugendliche 3

"Das ist halt so zwei, drei Ausbildungsplätze die angeboten werden und dadurch ist man gezwungen wegzugehen"

Jugendliche 4

"Weil es in anderen Städten Universitäten gibt mit Fachgebieten, die ich gern studieren wöllte".

Jugendliche 5

"Wenn es tatsächlich so ist, dass die Leute alle wegziehen, wird die Lausitz wohl aussterben."

Der Frauenmangel durch Abwanderung aus der Region - europaweit einmalig. In einigen Dörfern der sächsischen Lausitz wird diese Landflucht besonders deutlich: wie hier in Kreba-Neudorf kommen in der Altersgruppe der 18 – 30-Jährigen auf 100 Männer mitunter kaum mehr als 50 Frauen.

Die Auswirkungen sind dramatisch. Es fehlt an Nachwuchs. Ganze Regionen drohen auszusterben.

Professor Harald Simons erforscht seit Jahren die Wanderungsbewegungen junger Menschen. Nicht nur Frauen gehen, auch gut ausgebildete Männer: demnach gibt es einen regelrechten "Run" auf einige, wenige Ballungszentren. Zu Lasten der Provinz.

Prof. Harald Simons, Volkswirt, Empirica-Institut

"Ja, die Lausitz ist wie der gesamte Ländliche Raum nicht nur im Osten Abwanderungsgebiet geworden. Während einzelne Städte in Deutschland und in der Gegend wäre das vor allem Dresden, Leipzig und im Norden Berlin die großen Zuwanderungsregionen sind und die saugen die jungen Leute da ab. Wir haben Dörfer in der Lausitz jetzt schon, da kommen auf einen 25-Jährigen zehn 65-Jährige".

Die Lausitz war zu DDR Zeiten geprägt von der Kohle, Glas- und Textilindustrie – nach der Wiedervereinigung: Der Zusammenbruch. Zehntausende in der Region wurden arbeitslos. Viele gingen.

Tino Chrupalla hat hier seinen Malerbetrieb. Er sitzt seit Herbst 2017 für die AfD im Bundestag. Mit 32 Prozent der Stimmen holte er das Direktmandat im Wahlkreis Görlitz, gewann gegen Michael Kretschmer, den späteren sächsischen Ministerpräsidenten von der CDU.

Ein Grund für den Erfolg der AfD – der Frust vieler Hiergebliebener.

Tino Crupalla (AfD), Bundestagsabgeordneter

"Genau, hallo!"

Frau am Fenster

"Da sind ja nur alte Leute noch hier. Junge Leute wandern ab, weil keine Arbeit ist. Und die Arbeit, die es hier gibt ist hier schlechter bezahlt als in anderen Regionen. Und die jungen Leute wandern ab und kommen ganz selten wieder hier her. Das sehen wir ja bei unseren Kindern och. Die sind in Berlin und Potsdam."

Mann am Fenster

"Und das Haus will keiner haben."

Rezepte diesen Trend umzukehren? AfD-Mann Crupalla gibt sich bescheiden. Er setzt auf die Entlastung des Mittelstandes.

Tino Crupalla (AfD), Bundestagsabgeordneter

"Dass Unternehmen wie hier die Firma Kreissel auch in der Bürokratie entlastet werden, dass ist Aufgabe der Politik, vor allem. Dass hier Bedingungen entstehen, in denen die Firmen wachsen können. Wenn die wachsen, dann können auch neue Arbeitsplätze entstehen."

Aber die potentiellen Arbeitnehmer, die jungen Leute, gehen oftmals, weil sie den ländlichen Raum per se unattraktiv finden. Schon heute gibt es hier im einen Facharbeitermangel. Unter diesen Bedingungen werden auch mehr Jobs wenig helfen.

Prof. Harald Simons, Volkswirt, Empirica-Institut

"Wir haben überall flächendeckenden Mangel an Arbeitskräften. Was dem ländlichen Raum fehlt, ist etwas anderes, das ist Lebendigkeit, das sind andere junge Menschen, das ist ein Lebensgefühl, das mir sagt, ich bin hier nicht der letzte in dem Dorf, der noch unter 30 ist. ich finde hier gar keinen mehr, mit dem ich mich irgendwie anfreunden kann. Und durch diese Ausdünnung gibt es einfach nichts mehr, was attraktiv ist."

Hinzu kommt:

Die Einkommen im Westen sind noch immer deutlich höher als die im Osten. Schlusslicht ist der Landkreis Görlitz mit nicht einmal zwei Drittel des Westeinkommens.

Ein paar Kilometer nördlich im Brandenburger Teil der Lausitz: die Glasmanufaktur Brandenburg. Hier arbeiten noch knapp 300 Mitarbeiter, produzieren Solarglas in der Braunkohleregion. Das Unternehmen zahlt keine Tariflöhne  - so wie die meisten in den ostdeutschen Flächenländern. Doch auch so ist es schwer genug, sich gegen die Konkurrenz aus Fernost zu behaupten.

Torsten Schroeter, Geschäftsführer Glasmanufaktur Brandenburg GmbH

"Wir stehen in einen harten Wettbewerb mit asiatischen Unternehmen, die immer wieder unsere Preise unterbieten werden, die immer wieder mit gedumpten Preisen auf den Markt kommen werden. So, mit diesen Preisen müssen wir konkurrieren."

Vergleichsweise niedrige Gehälter, eine kleinteilige Wirtschaft ohne einen einzigen DAX-Konzern: der Aufschwung im Osten stottert.

Nach einem Anstieg in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung  bleibt der Abstand zum Westen fast konstant - seit mehr als 20 Jahren.

Beim Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner ist Bayern der Primus unter den Flächenländern – der Osten belegt die fünf letzten Plätze, dicht beieinander. Mittlerweile ist der Rückstand auf Bayern ungefähr so groß wie der Vorsprung vor Rumänien, das wohl auch in diesem Jahr deutlich stärker wachsen wird als Ostdeutschland.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sieht darin Konfliktpotential.

Prof. Alexander S. Kritikos, Deutsches Institut für Wirschaftsforschung

"Insgesamt muss man sagen, dass die wirtschaftliche Entwicklung im Osten in den letzten Jahren angefangen hat zu stagnieren. Nicht mehr aufgeholt hat gegenüber dem Westen. Und das frustriert die Menschen. Sie haben nicht mehr das Gefühl, dass das nachholen, den Wunsch, dass der Osten aufholt, dass der noch ernsthaft von der Politik betrieben wird und angestrebt wird."

Viele Lausitzer fühlen sich schlichtweg abgehängt, vergessen:

Auf der Straße treffen wir einen Rentner – das West-Ost-Gefälle frustet:

Rentner

"Ja sicher, das ist eines der Hauptfaktoren. Jeder möchte gut leben. Jeder möchte gut verdienen. Gute verdienen tue ich heute im Westen Deutschlands. Wenn es möglich wäre, vielleicht in München oder Bayern oder Frankfurt. Aber hier ist doch der Hund verfroren."

Statt die Probleme in den Regionen einzugestehen, blenden führende Politiker sie einfach aus. Über Jahrzehnte bejubeln sie geradezu die Entwicklung Sachsens – als ewigen Boom.

Kurt Biedenkopf, CDU, Ministerpräsident Sachsen am 01.01.1998

"Von außen schaut man zunehmend mit Respekt und Anerkennung auf den Freistaat Sachsen."

Georg Milbradt, CDU, Ministerpräsident Sachsen am 01.01.2006

"Bei uns kommt die Entwicklung zum Guten am schnellsten voran."

Stanislaw Tillich, CDU, Ministerpräsident Sachsen am 01.01.2015

"Sachsen hat sich gut entwickelt, so gut, wie es sich nie jemand hätte träumen lassen."

Michael Kretschmer, CDU, Ministerpräsident Sachsen am 01.01.2018

"Ein Land in dem jeder seine persönlichen Ziele und Träume verwirklichen kann. Egal ob in der Stadt oder auf dem Land."

In der ländlichen Lausitz wirken solche Sätze wie Hohn.

Proteste gegen den Kohleausstieg. Es stehen bis zu 20.000 gut bezahlte Jobs auf dem Spiel. In Sachsen und Brandenburg sind in einem Jahr Landtagswahlen – die AfD könnte stärkste Kraft werden.

Der Bundeswirtschaftsminister mit einem vollmundigen Versprechen:

Peter Altmaier (CDU), Bundesminiser für Wirtschaft und Energie

"Der wichtigste Punkt ist für uns, dass am Ende nicht weniger, sondern mehr Arbeitsplätze in der Region vorhanden sind. Das verspreche ich euch."

Prof. Harald Simons, Volkswirt, Empirica-Institut

"Es ist fahrlässig, weil es nämlich im schlimmsten Falle Hoffnung weckt. Und dann haben wir plötzlich die 25- oder 30-Jährigen, nochmal, das sind die Entscheidenden, die sahen, jetzt geht in Zukunft aufwärts. Und dann kaufen die ein Haus, renovieren das, verschulden sich hoch und dann ist das nicht so. Ich halte das für fahrlässig, für unfair halte ich das, etwas zu versprechen, was nicht gehalten werden kann."

All das spielt der AfD in die Hände. Wut und Enttäuschung in den strukturschwachen Regionen – davon profitiert die Partei.

Wo durch Abwanderung der Anteil der über 60-Jährigen besonders hoch ist, hat die AfD laut einer Studie des DIW ihre Hochburgen. Vor allem in Ostsachsen und dem südlichen Brandenburg.

Abmoderation: Es ist also nicht nur das Flüchtlingsthema, das die AfD so erfolgreich macht.

Beitrag von Chris Humbs und Tobias Wilke

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