Autobahnbaustellen - Warum es nicht voran geht

Fachkräftemangel, explodierende Preise, fehlende Rohstoffe und unzureichende Planungskapazitäten – vieles läuft schief auf den derzeit 538 deutschen Autobahnbaustellen. Nach jahrelangem Sparen hat der Bund die Investitionsmittel jetzt deutlich erhöht und befeuert damit den Bauboom in Deutschland. Die Firmen kommen kaum noch hinterher, es entstehen Bauzeitverzögerungen und im Extremfall Geisterbaustellen.  

Anmoderation: Kennen Sie das: Auf deutschen Autobahnen hat man das Gefühl, es gibt ständig neue Baustellen! Dauernd steht man im Stau. Nicht nur jetzt zur Herbstferienzeit. Und tatsächlich wird auf Deutschlands Autobahnen so viel gebaut wie nie - allerdings mit Verzögerungen und enormen Problemen. Ein Grund: Die Baufirmen kommen bei den massenhaften Aufträgen nicht mehr hinterher. Bettina Malter und Ursel Sieber.  

Vergangenen Freitag, Nordrhein Westfalen A 3 Richtung Oberhausen – ein ganz normaler Morgen. Baustelle an Baustelle, der Verkehr stockt, kommt ganz zum Stehen. Quälend langsam geht es voran. Die ewigen Baustellen – für alle die täglich fahren – bitterer Alltag

LKW-Fahrer

"Täglich habe ich Verlust von ungefähr zweieinhalb Stunden."

LKW-Fahrer

"Was mich an Baustellen am meisten nervt? Die Baustellen, die immer da sind oder die sie gerade einrichten?"

Autofahrer

"Für Leute, die wirklich viel auf der Straße sind, ist das 'ne ganz starke Belastung."

Audio- Verkehrsmeldungen: "A3 Köln Richtung Frankfurt sieben Kilometer Stau …"

Deutschlandweit ist die Zahl der Autobahnbaustellen seit dem vergangenen Jahr um 15 Prozent gestiegen. Mittlerweile sind es 538 laut ADAC – Rekord. Mancherorts reiht sich schon heute Baustelle an Baustelle. Und es sollen noch mehr werden. Nach jahrelangem Sparen gibt der Bund plötzlich mehr Geld frei. Ein Grund zum Feiern für Bundesverkehrsminister Scheuer: Er ist gekommen, um einen neuen Bauabschnitt einzuweihen.

Andreas Scheuer (CSU), Bundesverkehrsminister

"Entschuldige mich für meine Verspätung, es lag am Verkehr."

Und dann verkündet der Bundesverkehrsminister Rekordinvestitionen

Andreas Scheuer (CSU), Bundesverkehrsminister

"Für die Menschen, für die Pendler, für die Unternehmen vor Ort, und vor allem auch für die langlaufenden Verkehre."

Seit zwei Jahren investiert der Bund mehr Geld – lange überfällig, aber viel zu spät. Die öffentliche Hand befeuert nun den Bauboom, den es in Deutschland ohnehin schon gibt. Im kommenden Jahr sollen die Mittel für Neu- und Ausbau der Autobahnen sogar noch um 56 Prozent steigen. Die Folge: Firmen geraten unter Druck: Auf der A12 Richtung Berlin, Stillstand über Wochen, weil spezieller Beton fehlte.

Oder auf der A15. Über Tage mussten sie auf Gestein warten. Denn die Firmen kommen so schnell gar nicht hinterher, beklagt die Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Bauindustrie Nordrhein-Westfalen.

Beate Wiemann, Verband der Bauindustrie NRW

"Für die Bauunternehmen, hat das zum Teil die Folge, dass Rohstoffknappheit eingetreten ist, denn in der Geschwindigkeit, in der jetzt die Investitionen angehoben kommen die Lieferketten im Moment noch nicht mithalten".

Was hierzulande in Steinbrüchen abgebaggert wird, reicht längst nicht mehr aus. Aus diesem Material wird Splitt hergestellt. Ein Rohstoff, der für den Autobahnbau dringend gebraucht wird, aber ein knappes Gut geworden ist, so wie Sand, Kies oder Bitumen. Deshalb steigen die Preise teilweise um das Doppelte. Auch wegen des Transports.

Beate Wiemann, Verband der Bauindustrie NRW

"Für Kies und Sand wird unter anderem aus Norwegen geliefert und Bitumen unter anderem aus Österreich. Ein weiter Weg und verteuert natürlich das Bauen damit".

Die Preise im Straßenbau ziehen rasant an, seit  2016 um 11 Prozent. Damit  hat auch Burkhard Vieth zu kämpfen. Er ist Chef der Behörde, die für die Autobahnen in Hessen zuständig ist und Aufträge an Firmen vergibt.

Burkhard Vieth, Hessen Mobil

"Die Angebote der Firmen werden teurer, die Preise steigen und insofern müssen wir das natürlich dann bezahlen, Klar. Das ist eine Frage des Marktes, die Nachfrage regelt das Ganze und wenn wir eben die eben die teuren Preise nur angeboten bekommen, dann muss der Baulastträger diese teuren Preise bezahlen.

Kontraste

"Mit dem vielen Geld, das jetzt zur Verfügung steht, kann man weniger bauen?"

Burkhard Vieth, Hessen Mobil

"Letztendlich kann man dann weniger umsetzen, ja, an Baumaßnahmen."

Und weil die Firmen mit Aufträgen, etwa für den privaten Haus- und Wohnungsbau schon überausgelastet sind, hat die öffentliche Hand heute viel weniger Auswahl.

Burkhard Vieth, Hessen Mobil

"Früher hatten wir natürlich 6, 7, 8-10 Angebote , wenn wir heute 2-3 haben, die wirtschaftlich sind, dann sind wir froh."

Skurril: Firmen geben so genannte Pro Forma Angebote ab. Wie das funktioniert, erfahren wir von einem ehemaligen Bauleiter eines großen Baukonzerns. Er will nicht vor die Kamera, bestätigt uns aber schriftlich:

Zitat

"Mit ProForma Angeboten will man nur im Gedächtnis der öffentlichen Hand bleiben. Man will den Auftrag aber gar nicht haben. Der Preis ist deshalb völlig überteuert, und nicht durchkalkuliert. Durch den Bauboom bekommen Firmen aber trotzdem immer häufiger den Zuschlag."

Und sie haben dann eine Autobahnstelle mit zu wenig Fachkräften. Die Folge: Bauverzögerungen.

Oder es erhalten Firmen den Zuschlag, die noch nie im Autobahnbau tätig waren. Wie hier in Vetschau in Südbrandenburg: Vier Monate lang sah die Autobahn hier so aus: Eine Fahrbahn abgesperrt, sonst tat sich nichts. Eine Firma war gekommen, um die Fugen aufzukratzen – danach ruhte der Bau. Eine Geisterbaustelle. Sehr zum Ärger des Bürgermeisters.

Bengt Kanzler, Bürgermeister Vetschau

"Wenn gebaut wird, na gut, das muss ja auch mal sein, dann übersteht man die Zeit auch, fährt man aber Monate lang an so einer leeren Baustelle vorbei, da wird sich natürlich jeder ärgern".

Verantwortlich: Die Firma STW, tätig im Erdbau und kommunalen Straßenbau. Sie gibt dem Land die Schuld: es habe die Bauausführung nachträglich geändert. Das Land bestreitet das.

Wir suchen die Firma auf: Kein Interview heißt es. Doch dann spricht Roland Müller mit uns, Betriebsleiter, 2014 verurteilt wegen Insolvenzverschleppung. Zu seiner Überraschung hätten sie den Auftrag bekommen, erzählt er. Erfahrung im Autobahnbau? Keine. Mit dem Auftrag wirkt die Firma überfordert. Aber: Man sei ca. 20 Prozent günstiger als zwei große Mitbieter gewesen.

Laut dem zuständigen Verkehrsministerium in Brandenburg ist der Zuschlag nach einer Ausschreibung und gemäß Haushaltsrecht erteilt worden.

Kontraste

"Sie sagen, Sie haben die Referenzen geprüft, die Firma hat sie aber nicht."

Steffen Streu, Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung, Brandenburg

"Wie gesagt, wir haben ein ordentliches Vergabeverfahren durchgeführt und haben die Referenzen geprüft und den Auftrag erteilt."

Kontraste

"Wie sollen Sie prüfen, wenn es die nicht gibt?"

Steffen Streu, Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung, Brandenburg

"Ich kann mich da nur wiederholen. Also ich kann sagen, wir haben ein Ausschreibungsverfahren durchgeführt, ein Vergabeverfahren, haben die Referenzen geprüft und dann den Auftrag erteilt, weil das Unternehmen das günstigste Angebot vorgelegt hat."

Befeuert durch den Bauboom entstehen auf Baustellen auch Sicherheitsrisiken durch gering qualifizierte Arbeiter. Hier simulieren Feuerwehrleute den Ernstfall: Eine Gasleitung wurde angebohrt. Trainer Jürgen Euler schult sonst Bauarbeiter, damit Leitungen und Kabel unbeschädigt bleiben. Und verzweifelt inzwischen: Viele können nicht einmal Deutsch.

Jürgen Euler, Trainungszentrum Oberneisen

"Man bedient sich Hilfsfirmen aus den europäischen Ausland, die sich nicht in den Gesetzmäßigkeiten auskennen, die die Vorschriftenwerke nicht kennen, die auch aufs geradewohl einfach arbeiten und dadurch hohe Risiken eingehen, für sich und  für die Infrastruktur, die wir haben und dort Schäden verursachen, die sich sehr schnell hochsummieren."

Und zwar auf über eine Milliarde Euro pro Jahr im gesamten Straßenbau schätzt das Institut für Bauforschung in Hannover.

Steigende Preise, Rohstoffknappheit, eine Bauwirtschaft am Limit. Hier rächt sich die Politik der schwarzen Null. findet Ökonom Prof. Mühlenkamp. Es sei falsch, jahrelang an der Infrastruktur zu sparen, und gerade jetzt Rekordsummen zu investieren.

Prof. Holger Mühlenkamp, Deutsche Universität für Verwaltungswissenschaften, Speyer

"Das kommt jetzt genau in die Phase, wo auch die private Baunachfrage groß ist und auch in die Phase, wo auch der Infrastrukturbedarf enorm groß ist, weil man eben in den letzten Jahren die Infrastruktur, ich will nicht sagen, kaputtgespart hat, aber doch in einem Maße vernachlässigt hat, dass ein gigantischer Nachholbedarf da ist".

Den Preis bezahlen alle: Mit überteuerten Projekten, Baustellen-Chaos und immer mehr Stau.

Beitrag von Bettina Malter und Ursel Sieber

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