Merkels Erbe - Der Kampf hinter den Kulissen

In der CDU ist es vorbei mit der Alternativlosigkeit – an der Basis wird heftig diskutiert um den oder die künftige Parteivorsitzende, derweil bringen sich die Kandidaten in Stellung und aktivieren ihre Netzwerke. Im Kampf um Merkels Nachfolge kommt dem mächtigen Landesverband NRW eine Schlüsselrolle zu.

Anmoderation: Die Ära Merkel geht zu Ende. Der Machtkampf um ihre Nachfolge ist voll entbrannt und die Kanzlerin hat die Fäden nicht mehr in der Hand. Denn den besten Start in diesem Rennen hat nicht ihre Wunschkandidatin, sondern ihr alter Erzfeind Friedrich Merz. In solchen Stunden ist Politik genauso spannend wie brutal. Mehr von Cosima Gill, Kaveh Kooroshy, Susanne Opalka und Lisa Wandt.

Berlin gestern Mittag. Merkels Erzfeind kehrt zurück auf die politische Bühne. Friedrich Merz, 62 Jahre, ihretwegen seit neun Jahren raus aus der Politik. Jetzt will er ihren Posten, zunächst den CDU-Vorsitz. Und ab wann als Kanzler?

Kontraste

"Herr Merz, mit Ihnen als CDU-Chef, kann da Merkel Kanzlerin bleiben?"

Merkel hatte ihn einst aus dem Fraktionsvorsitz gedrängt. Wie er heute zu ihr steht, macht er gleich unmissverständlich klar.

Friedrich Merz (CDU)

"Es gibt Menschen, die einfach, ja, von ihren Überzeugungen oder auch von ihrer Art wie sie arbeiten nicht zusammen passen. Und dann muss man auseinandergehen."

"Ich bin der festen Überzeugung, dass Angela Merkel und ich miteinander unter diesen veränderten Bedingungen auskommen und klarkommen werden. Und zwar so, wie wir beide es dann gemeinsam beurteilen."

Wer so formuliert, stellt klar: Komme ich, muss sie gehen.

Das hat sich Angela Merkel sicher komplett anders vorgestellt, als sie Montagmittag ihren schrittweisen Rückzug ankündigt. Sie gibt den Parteivorsitz auf, in der Hoffnung ihre Kanzlerschaft zu retten.

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

"Für den Rest der Legislaturperiode bin ich bereit, weiter als Bundeskanzlerin zu arbeiten."

Das ginge am einfachsten, wenn Merkels enge Vertraute Annegret Kramp-Karrenbauer den Job als CDU-Chefin bekommt. Sie gilt als liberal und sozial, wirft als erste ihren Hut in den Ring.

Kurz darauf folgt Jens Spahn, ein Konservativer und kein Merkel-Freund.

Genau wie Friedrich Merz. Via BILD lässt der Wirtschaftsliberale verlauten, dass er zu haben sei.

Sichtlich zerknirscht verlässt Jens Spahn die Parteizentrale. Er weiß: Mit Merz hat er nun einen erbitterten Konkurrenten im Kampf um die Konservativen und Jungen in der Partei.

Für sie war Spahn bisher der Hoffnungsträger in der Partei. Doch nun lassen ihn einige fallen.

Christoph Ploß (CDU), Bundestagsabgeordneter  

"Ich glaube, dass Jens Spahn in einigen Jahren das Format hätte Kanzler zu werden, deswegen wäre mein Wunsch, dass Friedrich Merz Jens Spahn jetzt eben eng in das Führungsteam einbaut und ihn möglicherweise auch dann zu seinem Nachfolger aufbaut."

Der Bundestagsabgeordnete Ploß gehört mit anderen zu den Jungen in der CDU, die sich immer wieder mit Merz ausgetauscht haben – auch über dessen Comeback.

Mit seiner wohl genau geplanten Kandidatur entfesselt Merz eine Dynamik, die seine Konkurrenten kalt erwischt.

Dienstagabend in Bad Honnef in NRW. Hier treffen sich auch CDU-Freunde zur Themenwerkstatt. So manche hat nur auf einen Konservativen wie Merz gewartet.

Vox-Pop Frau "Ich hätte die Hoffnung, dass Herr Merz vielleicht die zurückholt, die damals konservativ oder die immer noch konservativ denken und aus vielen Gründen sich auch abgekehrt haben."

Vox-Pop Frau "Ich sage Ihnen, wenn der Merz Vorsitzender der CDU wird, dann trete ich wieder in die CDU ein."

Auch im gut 20 Kilometer entfernten Siegburg, bei der Vorstandssitzung des größten CDU-Kreisverbandes in Deutschland, ist Merz der Favorit. Man ist hier voller Euphorie.

Mann

"Der Mann kann reden, der muss es nicht erst lernen, wenn er den Job macht. Das hat schon viel für sich."

Mann

"Bei uns in der Jungen Union ist so das Gefühl, ja, dieser Mann, der kann was, der hat schon was bewegt und dem trauen wir sogar eigentlich mehr zu, die Kanzlerschaft, als jetzt einem Jens Spahn."

Es ist ein regelrechter Merz-Hype in Gang, der erstmal kaum Platz für andere Kandidaten lässt.

Friedrich Merz (CDU)

"Mein Name ist Friedrich Merz, mit E."

Auch nicht für Parteifreund Armin Laschet, der als Ministerpräsident und CDU-Chef des größten Bundeslands ein natürlicher Anwärter wäre. Beim Heimatabend der Düsseldorfer Jonges am Dienstagabend wird er prompt darauf angesprochen.

Wolfgang Rolshoven, Düsseldorfer Jonges e.V.   

"Sie haben ja nun einige Kandidaten auch hier aus Nordrhein-Westfalen. Sie selbst sind ja auch Kandidat wenn ich das …"

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident NRW     

"Es ist eine absolute Überraschung gewesen. Und ich habe nur am Montag gesagt - ich fand das jetzt falsch - nachdem man das hört ... das nach einer Stunde schon die ersten sagen: Ich will aber und der will und der will und es waren schon zig Namen im Gespräch, wo das gerade erstmal war."

Armin Laschet – von der Entwicklung erst überrascht, dann überrollt.

Am nächsten Tag. Kurz vor der Antritts-Pressekonferenz von Friedrich Merz die Agenturmeldung: Laschet will sich für den CDU-Vorsitz nicht bewerben.

Bleibt noch Jens Spahn, bis vor kurzem die konservative Hoffnung der Partei. Die Karten lagen gut für ihn – bis Merz aus der Versenkung kam und ihn eiskalt erwischte.

Zu seiner Kandidatur will Spahn sich gegenüber KONTRASTE gerade nicht äußern. Wir treffen ihn gestern Abend bei einer Veranstaltung in Düsseldorf und fragen trotzdem nach:

Kontraste

"Herr Spahn, Sie haben über das Thema auf der Bühne gesprochen. Haben Sie noch eine Chance Parteivorsitzender zu werden?"

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

"Ich weiß gar nicht, ich bin hier gerade bei einer Veranstaltung, treffe ein paar nette Menschen, wenn Sie nicht böse sind, aber wenn ich …"

Kontraste

"Es geht ja auch um Ihre Kandidatur. Haben Sie noch eine Chance Parteivorsitzender der CDU zu werden. Wie wollen Sie sich gegen Herrn Merz durchsetzen?"

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

"Ich verstehe schon die Frage nicht. Wir machen einen gesunden, sportlichen, fairen Wettbewerb. Also ich finde die Frage schon merkwürdig."

Kontraste

"Wie wollen Sie sich denn gegen ihn durchsetzen inhaltlich?"

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

"Warum sind Sie denn so engagiert dabei?"

Kontraste

"Weil wir uns interessieren für Ihre Themen?"

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

"Wir wollen ganz ruhig und sachlich und ganz vernünftig einen fairen Wettbewerb."

Fünf Wochen hat Spahn jetzt noch Zeit, das Blatt wieder zu wenden.

Und der Höhenflug von Merz könnte schnell vorbei sein – wie der Politologe Andreas Püttmann analysiert.

Andreas Püttmann, Politikwissenschaftler

"Friedrich Merz ist bei den CDU-Mitgliedern und sicherlich auch vielen Anhängern eine Projektionsfläche für die goldenen Zeiten, in denen man noch über 40 Prozent der Stimmen bekommen konnte und die CDU noch etwas konservativer, also rechts der Mitte orientiert war. Da hat er eine geradezu euphorisierende Wirkung im Moment. Nur sollten wir vorsichtig sein mit euphorisierenden Kandidatenwirkungen, seit wir den Schulz-Zug entgleisen sahen."

Genau darauf dürfte Annegret Kramp-Karrenbauer spekulieren, die sich zurzeit noch erfolgreich wegduckt. Sollte der Merz-Zug tatsächlich entgleisen, wäre er zum zweiten Mal an Merkel gescheitert.

Abmoderation: Wichtigste Aufgabe des neuen CDU-Parteichefs wird es sein, den freien Fall der Partei aufzuhalten. Wenn am Sonntag Bundestagwahl wäre, käme die CDU nach aktueller Umfrage auf nur noch 25 Prozent. Vor allem im Osten laufen der CDU die Wähler weg.

Beitrag von Cosima Gill, Kaveh Kooroshy, Susanne Opalka und Lisa Wandt

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