Polizist tastet einen Mann an einem Polizeiauto ab (Quelle: rbb)
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Die Clans - Arabische Großfamilien in Deutschland

Kriminelle Clans aus arabischen Großfamilien beschäftigen mehr denn je Polizei, Politik und Presse. Spektakuläre Coups wie der Diebstahl der Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum oder der KaDeWe-Raub verschaffen den Tätern Legendenstatus. Ehrenmorde und Gruppengewalt stiften sozialen Unfrieden und schüren Angst. Oft genügt es, wenn die Clans mit ihren Namen drohen. Wer sind diese Familien? Wie genau sieht ihre abgeschottete Parallelwelt aus? Wo kommen sie her? Was denken die Clanmitglieder über den deutschen Rechtsstaat? Antworten geben sie selbst in dieser exklusiven Reportage aus der Welt der Clans.

Anmoderation: Ob Dortmund, Essen, Bremen oder Berlin: Mittlerweile sind die Clanstrukturen in vielen deutschen Großstädten so verfestigt, dass das Bundeskriminalamt gestern einräumen musste: Die Bedrohung durch organisierte Kriminalität in Deutschland ist hoch. Schutzgelderpressung, Drogengeschäfte, Raub und Mord. Sogar Polizisten und Staatsanwälte werden bedroht. Das Problem der Clan-kriminalität ist so groß, dass wir, als Magazin aus Berlin, eine ganze Sendung dafür freigeräumt haben. Monatelang haben wir gemeinsam mit den Kollegen der Berliner Morgenpost in deutschen Großstädten recherchiert, Clanmitglieder zum Reden gebracht, die Strukturen bis in die Türkei zurückverfolgt. Unser Autor Olaf Sundermeyer nimmt sie mit in die Welt der Clans.

Berlin-Neukölln: Die Gegend um die Sonnenallee gilt als Clanland. Hier beansprucht ein halbes Dutzend arabischer Großfamilien die Hoheit und hat in weiten Teilen eine Parallelwelt errichtet. Mit eigenen Regeln und eigenen Werten. Um sie durchzusetzen gibt es immer wieder auch Gewalt. Wie bei diesem Friseur. Am helllichten Tag wurde er von 20 Vermummten Überfallen.

Mit Äxten, mit Messern, mit Holz.

Friseur

"Mit Äxten, mit Messern, mit Holz. Mit einem Messer oder einer Axt, dann bist du tot."

Unter der Hand erfährt man, viele Geschäftsleute zahlen Schutzgeld. Doch der Friseur weist es von sich.

Friseur

"Schutzgeld, nein. Schutzgeld, nein. Schutzgeld, nein."

Khaled Miri ist in Berlin geboren. Er gehört zu einem der größten Clans in Deutschland – dem Miri-Clan. Unter der Bedingung, über einige Dinge nicht zu sprechen, zeigt er seine Welt mitten in Berlin.

Khaled Miri

"Wenn du Sonnenallee aufgewachsen bist dann fühlst du dich wie in der Heimat, weißt du was ich meine? In der alten Heimat von deinen Eltern und so. Da lernst du auch richtig gut Arabisch, jeden Dialekt. Weißt du was ich meine? Wenn ich dir jetzt sage dass Gewalt bei uns nicht vorkommt dann würde ich lügen. Kurz und knapp. Gewalt kommt überall vor. Auch bei uns. Aber das ist bei uns letzte Mittel."

Doch wegen ihrer Gewalttätigkeit geraten sie immer wieder in die Schlagzeilen.

Newsflash

Der geballte Hass der Familie entlädt sich auf Journalisten und den Richter. Es gibt Morddrohungen.

Fahnder berichten immer wieder wie respektlos ihnen die kriminellen Clans im Duisburger Norden gegenüber auftreten.

Ein bewaffneter Raubüberfall mitten im Weihnachtsgetümmel. Wie hoch die Beute ist? Unklar.

Nordrhein-Westfalen  hat den Kampf gegen die Clans zum politischen Ziel erklärt.

Thomas Jungbluth, Landeskriminalamt NRW

"Die arabischen Großfamilien sind zurzeit die Familien, die OK-Struktur, die uns am meisten auf den Nägeln brennt. Die ganze Situation ist sehr abgeschottet. Auch für die Polizei sehr abgeschottet. Man regelt seine Konflikte untereinander, man trifft sich, versucht über Gespräche mit Familienoberen Dinge zu regeln, die eigentlich der Staat regeln müsste, und schafft so eine Welt, die in der Tat teilweise einer Parallelwelt gleicht. Und wir versuchen genau das aufzubrechen im Moment."

Der muslimische Friedhof in Neukölln. Hier haben die arabischen Großfamilien einen eigenen Bereich. Sie gehören zu einer Sippe, sind also alle miteinander verwandt - auch die Miris. Abgrenzung nach außen und Zusammenhalt nach innen haben sie mächtig gemacht.

Khaled Miri

"Familie bedeutet für mich alles, ja. Familie ist das wichtigste was du hast in deinem Leben, ja. Die stehen jeden Tag hinter dir."

Was das heißt wird bei dieser Beerdigung deutlich. Ihre schiere Größe, ihre Loyalität zur Familie und die Verteidigung ihrer Ehre mit allen Mitteln - das zeichnet die Clanmitglieder aus, macht sie schlagkräftig.

Khaled Miri

"Wenn mir was passiert kommen meine Cousins. Das ist selbstverständlich. Manche greifen zu Gewalt, manche greifen zu … Keine Ahnung, holen ihre großen Brüder. Das würde ich auch für die machen, das ist Familie. Wir halten zusammen."

Khaled Miri

"Wir wollen das Unmögliche. Wir wollen nicht so leben, wie … Wir wollen auch den Reichtum haben, den andere Menschen haben. Wir wollen auch die Anerkennung haben, die andere Menschen haben. Warum soll jemand anders diesen Reichtum haben?"

Ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Es ließ aus Flüchtlingen, die in den 80ern kamen, ein gefürchtetes Phänomen werden.

Khaled Miri

Die Menschen haben einen gewissen Respekt vor uns. Die Menschen wissen die können nicht mit uns umgehen wie die wollen. Die wissen wenn die mit uns respektlos umgehen dann wird es Konsequenzen haben. Ernsthafte Konsequenzen, weißt du was ich meine?

Clans machen sich nicht nur in der Hauptstadt breit

Thomas Jungbluth, Landeskriminalamt NRW

"In Nordrhein, in Berlin, Niedersachsen und in Bremen. Das sind auch die vier Bundesländer oder die vier Länder in denen sich diese Gruppierungen Anfang der neunziger, Mitte der achtziger Jahre niedergelassen haben. Bürgerkrieg im Libanon war so das ausschlaggebende Kriterium und wir stellen schon fest, dass es Verbindungen gibt zwischen den Familien, innerhalb dieser Länder, das man sich austauscht, dass man sich besucht, das man Geschäftsinteressen miteinander austauscht."

Die Provinz Mardin im Südosten der Türkei. Von hier stammen die meisten Großfamilien in Deutschland. Viele Menschen hier haben arabische Wurzeln. Früher gab es häufig Konflikte mit dem türkischen Staat.

Das Dorf-Rashdiye mit 700 Einwohnern. Ursprungsort für einen großen Teil der Mitglieder der Clans. Viele flohen einst von hier über Beirut nach Westeuropa. Deshalb gelten sie in Deutschland oft als Libanesen.

Wie stark die Verbindung noch immer ist, zeigt sich auf dem Friedhof: Hier soll eine Frau aus dem deutschen Miri-Clan beerdigt werden. Dieses Haus wird von einem Clan Mitglied aus Hannover gebaut. Er gehört auch zur Miri-Familie, und erzählt von seinen Verwandten in Bremen.

Angehöriger Familie Miri

"Sie bekommen ja eine Art Gehalt dort, also Sozialhilfe. Und ihre Kinder arbeiten. Allah sei Dank hat sich unsere Situation hier deshalb deutlich verbessert. Und meine Kinder besitzen jetzt einige Hotels, auch eine Tankstelle. Zum Glück geht es mir jetzt sehr gut."

Das deckt sich mit den Aussagen einzelner Clan-Mitglieder in Deutschland.

Angehöriger Familie Miri

"Sie kommen aus Deutschland und gehen in die Türkei, reisen immer hin und her."

Er war selbst vor einiger Zeit in Bremen.

Angehöriger Familie Miri

"Deutschland steht auf der Seite der Armen. Ich war drei Monate lang dort, habe auch dieses Gehalt bekommen. Allah Sei Dank! Wir haben uns dann einen Fernseher gekauft."

Das ganze Dorf lebt von Geld aus Deutschland. Von dort kommen immer wieder Familienmitglieder zu Besuch. Sozialhilfe, Einnahmen aus Drogenhandel, Schutzgelderpressung, hier werden sie verbaut.

In der Dortmunder Nordstadt haben die Clans vor ein paar Jahren Fuß gefasst.

Wegzug und Verelendung schufen soziale Freiräume, in denen jetzt die Kriminalität blüht. In keiner deutschen Stadt wird mehr Kokain konsumiert als hier. Den Handel beherrschen die Clans.

Vor ein paar Jahren ist auch Walid Omeirat in die Stadt gekommen. Womit genau er sein Geld verdient, darüber will er nicht sprechen. Früher saß er längere Zeit im Gefängnis. Er soll einen Konkurrenten mit mehreren Messerstichen schwerst verletzt haben. Heute lebt er ruhiger, aber sein Name hat im Viertel immer noch Gewicht.

Walid Omeirat

"Hier ist ein neuer Laden, wird aufgemacht. Ja, das ist von unseren Freunden, und diese ist, die Jungs sind alles Bekannte von uns, unsere Jungs. Und das ist der Club für diese Jungs. Und die sind auch respektvolle Jungs von uns. Auch von Türkei. Salam Aleykum! Das ist unsere Jungs, wir stehen hinter. Hier ist meine Bruder auch. Das ist keine Problem, der ist unter unsere Schutz, weil ich es sage kann er auch von mir kriegen."

"Yallah. Wir sind immer zusammen."

Man kennt sich im Kiez.

"Wenn uns jemand ans Bein pinkeln will dann kommt unser großer Abe  und er sagt 'Leute, wir schlichten.' … Dankeschön, danke! Ich bin hinter euch."

Die Clans haben ihre eigene Rechtsprechung. Jamal El-Zein ist ein sogenannter Friedensrichter –  die moralische Instanz für gut 10.000 Clan-Mitglieder. Nach seiner Überzeugung ist er wichtig für die deutsche Gesellschaft, weil er dort hilft, wo der Rechtsstaat an den Regeln der Clans scheitert.

Jamal El-Zein, Friedensrichter

"Weil wir die Angelegenheiten regeln können, die der Staat nicht lösen kann. Wenn ein, zwei Leichen auf dem Boden fallen, klären wir das innerhalb von zwei Wochen. Zwei drei vier Wochen und wir lösen das! Wir sind doch eine Sippe, wir sind als Großfamilien unter uns."

Er ist überzeugt, ohne dieses System der Paralleljustiz wären die Auseinandersetzungen unter den Clans noch viel gewalttätiger.

Jamal El-Zein, Friedensrichter

"Dann hätte es in Essen schon 50 Tote gegeben."

Thomas Jungbluth, Landeskriminalamt NRW

"Wenn Sie eine Situation haben wo sich eine, eine Subkultur bildet die versucht ihre eigenen Regeln zu, umzusetzen, durchzusetzen gegen die Interessen des Staates, wo man den Staat als Ordnungsfaktor für das Regeln einer sozialen Gemeinschaft bewusst ablehnt, negiert, wo der Staat eben nicht mehr regelt, sondern die Community selber regelt, dann ist das ein Nährboden in dem organisierte Kriminalität entstehen kann."

Oer-Erkenschwick

Eigentlich ist das westfälische 30.000-Einwohner-Städtchen am Rande des Ruhrgebiets kein typischer Schauplatz für Clan-Kriminalität.

Doch inzwischen reicht  der Arm der Großfamilien auch bis hier.

Beim örtlichen Fußballverein ist heute Herta Recklinghausen zu Gast. Wie präsent die Omeirats sind, zeigt sich schnell: Jeder Spieler trägt den Familiennamen auf den Trikot. Sie alle kommen aus den Clans.

Mitglied Familie Omeirat

"Heute müssen wir das Spiel machen."

Mitglied Familie Omeirat

"Hat sich mal so ergeben. Haben sich zwei junge Männer unterhalten, zwei Cousins, habt ihr nicht Lust hier und da und da hab ich denen gesagt 'Jungs, ganz ehrlich, da bin ich dabei.'"

In der Kreisliga treffen Welten aufeinander. Gestern und heute des Ruhrgebiets.

Mitglied Familie Omeirat

"Wir haben extra für unsere muslimischen Gäste halal und extra für unsere deutschen Gäste Schweinefleisch dabei."

Auf dem Spielfeld zeigt sich beispielhaft, was man den Clans in der Gesellschaft vorwirft.  Mit dem Recht des Stärkeren alle Regeln zu missachten.

Der Omeirat-Torwart foult einen Stürmer. Der Spielführer der Clan-Mannschaft eilt zu dem Am-Boden-Liegenden - doch statt ihm zu helfen, versetzt er ihm noch einen Schlag auf den Hinterkopf.

Der Schiedsrichter stellt den Torwart vom Platz.

Den eigentlichen Schläger aber lässt er straflos davon kommen – was vielleicht mit seinem Namen und seinem Auftreten zu tun hat?

Mitglied Familie Omeirat

"So sind manche Spiele, Schiedsrichter bedroht man und dann gewinnt man als Schiedsrichter"

Mitspieler Herta Recklinghausen

"Ja, aber ist wirklich so! Nein, Sie lassen sich beeinträchtigen. Wenn der Firat kommt, der haut den Schiedsr…, der haut unseren 16er in die Fresse, fragen Sie ihn mal. Dann hat er sie so angerannt, dann haben Sie Angst ihm eine rote Karte zu geben."

"Nein."

"Natürlich, das hat jeder gesehen!"

"Sieg! 4:2. Zehn Spiele, zehn Siege."

Inzwischen ist die Gewalt der Clans aber auch auf den Straßen der Kleinstadt angekommen. Die örtliche Autowerkstadt gehört dem Kapitän der Fussball-Mannschaft. Nachbarn erleben hier im Juni 2017 die unerwartete Eskalation einer Fehde.

 "Boah, jetzt schießen die auch noch? Der schießt. Der in dem Golf. In Erkenschwick, was geht hier ab?"

Anlass der Schießerei ist  eine Auseinandersetzung in der Rapper-Szene.

Khaled Miri: "Der wollte nur Angst einjagen. Der wollte nur 'Jetzt ist Ruhe', weißt du was ich meine? Der wollte Cut schließen. Das ist dann passiert. Das ist dann halt eskaliert."

"Jetzt geht’s rund. Hast du das drauf? … Ach du Scheiße."

Für einige Clans ist Rap-Musik inzwischen eine wichtige Einnahmequelle geworden. Die Familien kämpfen darum, wer bei welchem Musiker als "Schutzmacht" abkassiert.

Khaled Miri

"Jeder Rapper in Deutschland, jeder, ausnahmslos, hat einen gewissen Background, Rücken. Ja, man sagt Rücken dazu, warum auch immer. Der ihn schützt vor Äußerlichkeiten, vor anderen Menschen die sich an ihm bereichern wollen, das ist Security, Sicherheit, wir sorgen für seine Sicherheit. Es ist nötig, es ist nötig in Deutschland. Weil sonst kommen die Haie, das ist ein Haifischbecken. Ja, und du bist so eine kleine Kaulquappe, was auch immer. Und dann schwimmen Haie um dich herum. Du brauchst doch einen Background, du brauchst Leute die für dich einstehen."

Newsflash

"Das ist der Hauptangeklagte: Hamad, 45, aus Essen. Grund für die brutale Auseinandersetzung? Streit unter Rappern."

"Scheiben und Türen des Imbisses im Plänterwald wurden beschädigt. Der Betreiber des Imbiss gehört einer palästinensisch-stammenden Großfamilie an und war eine Zeitlang Manager des Rappers Bushido."

"Bei einer Schlägerei am Dresdner Hauptbahnhof sind am Abend zwei Männer verletzt worden. Einer von ihnen schwer."

Der Rapper Azizz21 war bei der Schlägerei in Dresden dabei. Er gehört zum Miri-Clan in Berlin. Und singt über die Kämpfe auf der Straße.

Azizz21

"Ja, so, wenn Leute kommen aus woanders. Die wollen uns provozieren. Dann können wir auf jeden Fall auch anders, ne?"

Im Interview spricht er über seine Erlebnisse nur zögerlich und indirekt. Aber seine Andeutungen reichen, um sich ein Bild vom Leben im Clan zu machen.

Azizz21

"Wenn Leute kommen aus woanders, die wollen uns provozieren, dann können wir auf jeden Fall auch anders."

Azizz21

"Sagen wir mal so, jetzt rede ich nicht von meiner Familie, sondern von jemand anderes, wo ich gesehen habe. Ja? Zum Beispiel wenn jemand verraten wird von einem anderen Typen. Die werden ihn halt wehtun."

Die Verteidigung der Familienehre steht dabei über allem.

Azizz21

"Sag mal zum Beispiel, er sticht jemanden von der Familie, von irgendwelchen Leuten. Er wird auch auf jeden Fall zum Tod."

Die Verteidigung der Familienehre steht dabei über allem.

In der Popkultur werden die gewalttätigen Auseinandersetzungen und die kriminellen Geschäfte  inzwischen gefeiert. Kriminalität als Kulturereignis.

Für viele junge Clan-Mitglieder wie Khaled Miri ein Weg, sich Anerkennung zu verschaffen. Er gibt sich in seinem Video unter dem Künstlernamen "Dapharao" als Kokaindealer.

Der Job über den Khaled Miri singt – Tarek  macht ihn wirklich. Er gehört zu einem Clan aus Neukölln.

Mit seinem Kokstaxi liefert er frei Haus. Bestellt wird per Handy - von Kunden aus allen Schichten.

Tarek

"Friedrichshain. Da Schönhauser Allee die Gegend. Prenzlauer Berg halt. Ganz normale Leute. So Leute wie euch.

Kontraste

"Warum machen Deutsche dieses Geschäft nicht?"

Tarek

"Deutsche? Deutsche sind fleißig in der Schule, die meisten oder nicht? Die leben ja nicht von Harz 4. Die meisten die von Harz 4 leben sind ja Araber, Türken. Und wer nicht mit Schule weiterkommt fängt irgendwas auf der Straße aufzubauen."

Im Bezirksamt Berlin-Neukölln hat man erkannt, dass die Geschäfte der Clans den Rechtsfrieden gefährden. Denn sie schrecken auch nicht vor brutalsten Verbrechen zurück.

Newsflash

"Es geschieht auf offener Straße und vor aller Augen. Ein Mann wird totgeschlagen, vermutlich mit Baseballschlägern. Die Anwohner sind erschüttert."

"Am Boden liegend wurde weiterhin mit dem Baseballschläger auf den Kopf eingeprügelt, der derart zertrümmert war, dass er einem Unfallopfer glich."

Selbst Beamte werden eingeschüchtert. Der Mitarbeiter des Ordnungsamtes will lieber anonym sprechen.

Ordnungsamtsmitarbeiter

"Es gab in der Vergangenheit auch Vorfälle, das insbesondere Polizeibeamte auch in ihrer Freizeit bedroht wurden und das hinterlässt natürlich auch Spuren. Die Kollegen waren dann so mutig, haben weitergemacht, haben sich davon nicht einschüchtern lassen, aber ich könnte gut verstehen dass wenn man dann plötzlich merkt dass vor der Schule wo die eigenen Kinder dann auch unterrichtet werden immer wieder dasselbe schwarze Auto steht und deutliche Botschaften sendet, dass man dann schon auch vielleicht den Druck so ein bisschen rausnimmt."

Mit Razzien versucht man verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Ihr Ziel ist weniger der ganz große Fang, als der Wunsch, es der Szene in Neukölln mit Nadelstichen unbequem zu machen.

Polizist

"Schönen guten Tag, wo ist denn hier der dem der Laden gehört, wer ist denn das? Der Chef?"

"Diese Shisha- Bars, diese Wettbüros, das hat schon so 'ne Art Wohnzimmercharakter für diese Menschen. Man trifft sich dort mit Freunden, empfängt dort Geschäftspartner, ja es nervt nichts mehr als wenn dann womöglich da gerade in einem netten Gespräch oder bei einem gemütlichen Fußballgucken dann plötzlich die Ordnungsmacht durch die Tür kommt."

Barbesitzer

"Sind einige Leute die sag ich mal in der Vergangenheit kriminelle Vergangenheit haben. Berlin ist wie ein Dorf, man kennt sich halt, ne?"

Bei der Razzia gehen den Beamten zwei Koksdealer ins Netz. Wie sich herausstellt: zwei Flüchtlinge.

Polizist

"Die kleine Tüte hat er runtergeschmissen, der Rest war am Mann."

Noch während die Razzia läuft, versuchen zwei junge Männer die Kleindealer zu erreichen. Kurz darauf steigen sie in ihr Luxusauto und brausen davon.

Flüchtlinge werden immer häufiger als Handlanger der Clans eingesetzt, berichtet Tarek, der selbst als Drogendealer unterwegs ist.

Tarek

"Na komm mal, ich erzähle es dir einmal so: Ein Flüchtling, ja, von seinem Land zu einem anderen Land zu kommen und einfach an einem Platz zu dealen - kann er nicht. Da gibt es Großfamilien die einfach … die … einfach packen und sagen soundso und machst du für mich und dann bekommen … einigen die sich und bekommen die eine Menge und verkaufen es für den. Und die bekommen ihr Taschengeld."

Die Hintermänner zu belangen ist oft schwer.

Susann Wettley ist eine der wenigen Staatsanwälte, denen das gelungen ist: Täter aus dem Clanmillieu zur Verantwortung zu ziehen. Sie führte die Anklage bei einem der spektakulärsten Verbrechen Berlins: Den Raubüberfall auf das KaDeWe. Die Täter gingen für mehrere Jahre ins Gefängnis.

Wie in anderen Prozessen auch, haben die beteiligten Großfamilien immer wieder versucht, Zeugen zum Schweigen zu bringen.

Susann Wettley, Staatsanwaltschaft Berlin

"Die müssen gar nichts mehr konkret tun, die bauen einfach durch das was sie im Vorfeld getan haben, durch verbale Äußerungen, hier und da gab’s dann eben mal Körperverletzungshandlungen, so eine gewisse Drohkulisse auf, die von sich aus wirkt. Das wir dann wissen, ich sag hier was aus, gegen jemanden der schon mal jemanden schwer verletzt hat oder der einen Bruder, einen Cousin, einen Onkel hat, der bereit ist sowas zu tun. Das ist menschlich wahnsinnig nachvollziehbar, dass man dann Angst hat auszusagen."

Der Ruf der Clans trägt zu dem Gefühl bei, unangreifbar zu sein.

Khaled Miri

"Wir können nichts dafür dass wenn Menschen Taten gesehen haben die, unsere Fehler gesehen haben und dann vor Gericht nicht widergeben. Wir können nichts dafür. Die sehen dann halt vielleicht von der Zeitung überspitzt, dann sagen die Zeitungen ja der ist von diesem Clan, und der ist von dieser Familie, und dieses Mitglied. Dann kann ich nichts dafür wenn ein Zeuge die Zeitung liest und sich denkt dann da sag ich lieber nichts oder sich plötzlich nicht mehr erinnert. Kann ja passieren, ist ja zufällig."

So müssen Staatsanwälte oft damit leben, dass Verbrechen der Großfamilien nicht gesühnt werden können.

Aber selbst wenn Zeugen auf den Rechtsstaat vertrauen und aussagen, sendet die Justiz mitunter das falsche Signal

Susann Wettley, Staatsanwaltschaft Berlin

"Wir merken schon dass wir vielfach nicht ernst genommen werden, was auch einfach daran liegt, da haben wir schon Probleme im System dass wir sie erstens natürlich sehr schwer ermitteln, wenn wir sie ermitteln bekommen sie, gerade wenn sie unter 21 sind, relativ milde Strafen noch und dann landen sie häufig im offenen Vollzug so dass sie für eine schwere Straftat gar nicht so richtig spüren was passiert. Da muss man vielleicht ansetzen."

In den Augen der Clans ist die fehlende Härte ein Zeichen von Schwäche.

Khaled Miri

"Wenn der Richter der Meinung ist in diesem Moment seine Dummheit, wenn er, für seine Dummheit müssen wir nicht leiden, weißt du was ich meine? Wenn er, wenn er sagt, Hassan P. oder Hassan M. wird jetzt  für Drogenhandel zu einem Jahr Bewährung verurteilt, habe ich dem Richter gesagt dass er ein Jahr Bewährung geben soll? Dann habe ich einen guten Anwalt gehabt."

In Berlin streut die Clankriminalität inzwischen: aus den klassischen Brennpunkt-Stadtteilen in Viertel mit bürgerlichem Milieu, wie den Kudamm.

Newsflash

"Wer hier der Platzhirsch ist darum könnte es bei der Auseinandersetzung gegangen sein. Auch drängen anscheinend immer mehr Familien der Clans aus Kreuzberg und Neukölln in die Innenstadt."

Und in dieses Landhaus im idyllischen Buckow zog - mit seinen 13 Kindern – der Clan-Boss der Familie R.

Die wird neben dem Mord in Britz auch mit einem spektakulären Banküberfall und dem inzwischen schon legendären Diebstahl der 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Bodemuseum in Verbindung gebracht.

Die Beute ist verschwunden. Doch den Behörden fiel irgendwann auf, dass ein Sozialhilfeempfänger erstaunlich viele Eigentumswohnungen kaufte.

"Die Staatsanwaltschaft teilt auf einer Pressekonferenz mit dass 77 Häuser die seinem Clan gehören sollen beschlagnahmt wurden."

Es ist der bislang größte Schlag gegen die Clankriminalität. Ein neues Gesetz ermöglicht es, Vermögen zu beschlagnahmen – wenn der Verdacht besteht, dass es illegal erworben wurde. Die Clans kämpfen dagegen mit ihren Anwälten – Ende offen.

Essen hat sich über Jahre zur Clan-Hochburg in Nordrhein-Westfahlen entwickelt.

Die neue Landesregierung setzt dem jetzt eine Null-Toleranz-Strategie entgegen. Polizisten aus der ganzen Region werden zusammengezogen - der Druck auf die Großfamilien ist enorm

Kleinste Delikte werden konsequent verfolgt. Diesen Lambhorginifahrer zieht die Polizei aus dem Verkehr. Der Mann stammt aus Berlin. Wegen eines versteckten Messers wird er sofort in Gewahrsam genommen, der Wagen beschlagnahmt. Wie lange der Staat diese personalintensive Strategie durchhält – Antwort offen.

Vier Wochen nach dem Anschlag sind bei dem Friseur auf der Sonnenallee die Scheiben erneuert. Der Mann hatte den Mut, die Polizei zu rufen und die Täter anzuzeigen. Doch er fühlt sich vom deutschen Rechtsstaat mit den Clans allein gelassen.

Friseur

"Ich warte, dass die Polizei etwas macht. Aber die Polizei muss ein bisschen schnell arbeiten, das ist zu langsam. Warum nicht ich weiß nicht. Ich sehe diese Leute."

Kontraste

"Sie sehen diese Leute?"

Friseur

"Ich sehe diese Leute jeden Tag, ja."

Abmoderation: Zur Wahrheit gehört auch: Natürlich sind nicht alle Mitglieder dieser arabischen Großfamilien kriminell. Und: Die Parallelwelt, die da entstanden ist, ist auch ein Ergebnis verpasster Integrationspolitik sowie mangelnder Auf- und Ausstiegschancen. Darüber können Sie nach unserer Sendung auch live auf Facebook mit unserem Filmautor Olaf Sundermeyer diskutieren, wir freuen uns auf Ihre Fragen und Meinungen.

Beitrag von Olaf Sundermeyer

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