Symbolbild Kokain. Bild: David Ebener/dpa
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Drogenkonsum - Deutschland und die Kokainschwemme

Seit einigen Jahren ist Deutschland mit einer Kokainschwemme konfrontiert – der Stoff ist auch Dank Kokstaxis ständig verfügbar– Kokainkonsum findet sich in allen gesellschaftlichen Gruppen. Auch wenn der Zoll in jüngster Zeit Rekordfunde sichergestellt hat, der Nachschub ist immer gesichert. Und selbst in der Pandemie reißt der Konsum nicht ab, obwohl Clubs dicht und Partys kaum möglich sind. Für viele Menschen ist Kokain eine Alltagsdroge, die ihnen vermeintlich hilft, leistungsfähiger zu sein oder einfach nur den Tag zu überstehen – so wie die alleinerziehende Mutter mehrerer kleiner Kinder, die in der Pandemie rückfällig geworden ist. Kontraste über den Zoll auf der Suche nach Koks, Süchtige und ihren Kampf gegen die Abhängigkeit und eine Drogenpolitik, die gescheitert ist.

Anmoderation: Die Pandemie nähert sich ihrem Ende - und jeden hat was anderes durch diese Zeit gerettet: Das Glas Rotwein abends, Spaziergänge, die Lieblingsserie. Oder auch die Line Koks. Früher nahmen viele Drogen, um die Nacht durchzumachen. Jetzt eher, um den Tag durchzustehen oder als kleine Flucht vor dem täglichen Programm mit den Kindern und der Arbeit von zuhause. Die Folge: In der Pandemie wurden nicht weniger Drogen genommen, sondern mehr. Auch weil sie sich mittlerweile fast so einfach bestellen lassen wie eine Pizza. Sascha Adamek, Simone Brannahl und Pune Jalilevand.

Kokain-Handel in Deutschland – die einen kämpfen gegen ihre Sucht:

Hannah

„Gerade weil ich Mutter bin, muss ich mir helfen lassen.“

Die anderen gegen die organisierte Kriminalität:

Anonym

„Kokain definitiv geht deutlich nach oben.“

Auch in der Pandemie floriert der Kokain-Handel. Wie ist das möglich? Und wie reagiert die Politik?

Wir treffen Hannah – sie ist alleinerziehende Mutter mehrerer kleiner Kinder und hat einen anstrengenden Job. Sie möchte unerkannt bleiben. Denn lange war sie Kokainabhängig, dann clean. Der Corona-Dauerstress löste bei ihr einen Rückfall aus.

Hannah (Name geändert), Kokainabhängige

„Es war eine riesige, riesige Belastung, die da auf einem liegt. Dieses ‚Du musst liefern, liefern, liefern, liefern, liefern.‘ Und so ging es vielen. Dieses Zuhause sein. Im Homeoffice. Ja.“

Für Hannah wurde der Stoff zu einer Alltagsdroge. Nach Ihrem Rückfall konsumierte sie sogar erstmals zu Hause:

Hannah (Name geändert), Kokainabhängige

„Diese Grenze hab‘ ich letztes Jahr überschritten, dass ich das nach Hause verlagert habe. Aufgrund der Pandemie war das nicht anders möglich, konnte ich nicht sagen, ich will da mal Kinderfrei haben. Ich möchte mal in eine Bar gehen.“

Kokain, eine Partydroge für die einen, für andere eine Leistungsstimulanz. Eine Droge, die schnell abhängig macht. Vor allem Menschen in Krisenzeiten, sagt die Sucht-Expertin Ute Keller:

Dr. Ute Keller, Leitende Oberärztin Suchtklinik Alexianer-Suchtklinik Berlin

„Wenn man mal schaut, dass in der Pandemie jetzt Drogen teilweise so sehr in den Alltag auch geraten oder kommen und wir auch noch mal sehen, dass plötzlich auch Frauen mehr oder überhaupt erstmalig Drogen nehmen und da sind wir wieder bei so einem typischen Phänomen. Die Frau, die jetzt in der Pandemie oftmals zusätzlich belastet ist, Kinderbetreuung selber der Arbeit nachkommen und funktionieren will und muss.“

Hannah ließ sich helfen, als sie merkte, dass es so nicht weiter geht: Hier im Berliner Therapiezentrum Kokon erzählt sie, dass sie gerade an unserem Drehtag Panik vor einem Rückfall überkam. Sie bat sofort Angehörige, Ihre Geldausgaben zu kontrollieren, damit sie bloß keine Drogen kauft:

Hannah

Ich habe meinen Kontoauszug abfotografiert, das nach Hause geschickt und gesagt: „Wenn ich nach Hause komme, bitte den Kontostand kontrollieren und auch, dass ich keine Einkäufe tätigen kann wie z.B. Rewe. Weil bei Rewe kann man Geld abheben, während man einkaufen geht.“

Die Berliner Medizinerin und Drogenforscherin Andrea Jungaberle erklärt das Suchtpotential von Kokain:

Dr. Andrea Jungaberle, Medizinerin und Drogenexpertin

„Kokain macht schnell und stark psychisch abhängig. Es macht aber anders als Heroin oder Alkohol nicht körperlich abhängig. Diese psychische Abhängigkeit ist dadurch gekennzeichnet, dass Menschen nach diesem intensivierten Konsum von Kokain in emotionale und stimmungsbezogene Löcher fallen, die rauschen so ab in den Keller, in eine Entzugsdepression letztendlich, die wird als so quälend empfunden, dass man sofort wieder konsumieren will und dieses Gegenteil davon, dieses High, dieses Wohlgefühl wieder zu erleben.“

Drogenkonsum hinterlässt auch Spuren in den Abwässern großer Städte. Wir wollen in Berlin herausfinden, ob die Pandemie etwas am Drogenkonsum verändert hat. Schließlich bleiben die Koks- und Ecstasy-Touristen aus den Billigfliegern fern. Für Kontraste entnehmen die Wasserwerke eine Woche lang Proben aus dem Zulauf des innerstädtischen Berliner Klärwerks Ruhleben. Untersucht werden sie von der Technischen Universität Dresden. Der Siedlungshydrologe Björn Helm bestätigt: der Kokaingehalt im Berliner Abwasser ist klar gestiegen:

Björn Helm, Siedlungshydrologe Technische Universität Dresden

„Seit 2017 hat sich der Konsum von Kokain ungefähr verdoppelt. Dabei sehen wir einen konstanten Anstieg über die Jahre und für 2021 sehen wir diesen Anstieg fortgesetzt. Trotz der Corona bedingten Maßnahmen, die das Sozialleben einschränken.“

Die Ergebnisse auch in anderen Städten sprechen dafür, dass Kokain in Pandemiezeiten noch mehr zur Alltagsdroge wurde.

Vom diesem Trend Kokainkonsum profitiert ausschließlich die organisierte Kriminalität. Drogenrazzien von vor wenigen Wochen in Berlin. 100 Kilogramm Kokain Rauschgift und eine gute halbe Million Euro in bar werden gefunden.

Es ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einem weltweiten Milliardengeschäft, das auch in Corona-Zeiten nicht ruht.

Der Hamburger Hafen. Wichtiges Einfallstor für Kokain in Deutschland. Diese Woche: wir sind mit dem Zoll unterwegs. Routinekontrolle eines Containers aus Südamerika. Wir erfahren: Durch Corona ging zwar der Umschlag an Seegütern zurück – die Drogenkartelle hielt das aber nicht auf:

Stephan Meyns, Zollfahndungsamt Hamburg

Was man feststellen muss ist, dass einfach mehr Kokain im Markt ist und dass wir was die Sicherstellungen angeht auch größere Mengen an Kokain auf einen Schlag sicherstellen.

Dieser Container heute war zwar unproblematisch. Aber immer wieder werden die Zollfahnder in deutschen Häfen fündig. Selbst im transportärmeren Pandemiejahr 2020 ließ die Drogenschwemme kaum nach.

Diesen Februar der größte Kokainfund Europas im Hamburger Hafen – 16 Tonnen im Wert von geschätzten 3,5 Milliarden Euro. Die Zahl der Ermittlungsverfahren steige, sagt uns auch der Leiter des Drogendezernats im Berliner Landeskriminalamt:

Olaf Schremm, Leiter Drogendezernat LKA Berlin

„Der Trend des zunehmenden Kokainkonsums in Deutschland hat schon vor der Pandemie einiges eingesetzt und wir sehen es jetzt natürlich besonders deutlich, weil die Zahlen, insbesondere der Strafermittlungs-Verfahren gegen Händler weiterhin stetig zunimmt. Und da haben wir deutschlandweit wie auch in Berlin die größten Zuwachsraten im teilweise zweistelligen Prozentbereich.“

Wir testen, wie einfach es im Internet ist, an harte Drogen zu kommen. Und zwar mit dem Messeangerdienst Telegram. Wir melden uns bei einer der vielen Chatgruppen an, in der Drogen verkauft werden. Das Angebot reichhaltig. Es dauert nicht mal drei Minuten, bis wir bestellen könnten. Nun käme eine von Hunderten sogenannter Koks-Taxen - Drogenkuriere, die den Stoff mit ihrem Pkw oder Leihwagen durch die Stadt zum Kunden bringen.

Olaf Schremm, Leiter Drogendezernat LKA Berlin

„Dieser exorbitante Anstieg und der, der der Weg in die Öffentlichkeit, in diese offenen Gruppen gehen, haben wir ja jetzt erst mit der Pandemie festgestellt.“

Durch reine Polizeiarbeit konnte die Drogensucht bislang nicht erfolgreich bekämpft werden.

Statt polizeilicher Strafverfolgung soll daher der Besitz von Drogen zum Eigenbedarf entkriminalisiert werden, fordert der Berliner Grünen-Co-Vorsitzende Werner Graf

Werner Graf, Co-Vorsitzender Bündnis 90 / Die Grünen Berlin

„Es gibt wenig Bereiche, wo die Politik so gescheitert ist wie in der Drogenpolitik. Wir haben im Augenblick eine Zunahme der Drogentoten. Wir haben immer mehr Konsumentinnen in diesen Bereichen und die Konsummuster und auch die Verunreinigungen nehmen zu. Also wir haben in vielen Bereichen richtig schlechte Sachen. Andere Länder. Wenn man nach Portugal guckt, auch nach Holland guckt, machen einen ganz anderen Weg vor, zeigen auch, dass das viel erfolgreicher ist. Und das liegt bei uns daran, dass die Politik in der Drogenpolitik wahnsinnig ideologiebelastet ist.“

Portugal geht seit 2001 einen anderen Weg. Drogenkonsum wird als Gesundheitsproblem, nicht vor allem als Polizeiaufgabe, gesehen. Der Besitz von harten Drogen in kleinen Mengen wurde entkriminalisiert. Statt zu bestrafen, wenden sich Streetworker den Süchtigen zu. Und das geht weit über das Verteilen von Spritzbesteck hinaus. Beim Kokain ist man besonders erfolgreich: trotz Entkriminalisierung konsumieren in Portugal die besonders gefährdeten jungen Erwachsenen bis 34 immer weniger Kokain.

Auch der Vergleich mit dem EU-Durchschnitt zeigt, dass die Zahl der Drogentoten sich in Portugal deutlich unter dem Schnitt bewegt.

Was aber halten die deutschen Parteien im Bundestag von diesem Beispiel? Kontraste hat alle angefragt.

Für die vollständige Entkriminalisierung aller Drogen ist nur die Linke. Die Grünen sind für kontrollierte Cannabis-Abgabe und bessere Angebote für Süchtige, legal auch härtere Drogen zu erhalten. SPD und FDP sind für einen kontrollierten Verkauf von Cannabis, aber gegen eine generelle Entkriminalisierung härter Drogen. Union und AfD lehnen jegliche Entkriminalisierung – auch von Cannabis ab. Denn damit würden gefährliche Drogen verharmlost – so ihr Hauptargument.

Hannah hat es derweil geschafft, von der Droge wegzukommen.

Hannah

„Das war, glaube ich, der größte Schritt, als Mutter zu sagen: ‚Ich lasse mir helfen.‘ Im Umkehrschluss aber auch gerade, weil ich Mutter bin, muss ich mir helfen lassen, weil ich all dies Schlechte zwangsläufig meinen Kindern mitgebe.“

Es sind ihr eigener Wille und die Zuwendung ihrer Therapeuten, die ihr helfen. Nicht die Strafandrohung durch den Staat.

Beitrag von Sascha Adamek, Simone Brannahl und Pune Jalilevand

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