Intensivpflegerinnen sind auf der Covid-19 Intensivstation in der VAMED Klinik Schloss Pulsnitz mit der Versorgung von Corona-Patienten beschäftigt. Bild: Robert Michael/dpa-Zentralbild
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Gefährliche Mutationen - Deutschland im Blindflug

Wir blicken auf die Corona-Mutationen weltweit und gehen der Frage nach, warum wir nicht wissen, wo sie in Deutschland sind. Sie sind leichter übertragbar, schwerer aufzuspüren, vermindern die Immunität nach durchgestandener Infektion und sorgen dafür, dass Impfungen weniger wirksam sind. Umso wichtiger wäre es zu wissen, wo und wie schnell sich die Varianten im Land verbreiten – doch ausgerechnet hier ist Deutschland nahezu blind. Es gibt keine verlässlichen Zahlen, nur düstere Ahnungen und immer mehr Tote wie diese Woche in Leverkusen. Warum ist es so schwer, die Mutationen aufzuspüren? Welche Corona-Varianten sind bereits hier, was richten sie an und vor allem: was hilft gegen ihre Ausbreitung? Diesen Fragen sind KONTRASTE-Reporter nachgegangen und kamen mit ernüchternden Antworten zurück.

Anmoderation: Bitte alles, nur das nicht: nochmal von vorn anfangen, alles zurück auf Pandemiebeginn drehen, wieder einen Lockdown nach dem anderen durchstehen - der Gedanke ist echt schwer zu ertragen. Aber wir müssen uns an ihn gewöhnen. Das, was die Kanzlerin da heute in ihrer Videoschalte mit Eltern zur Sprache brachte, ist tatsächlich möglich: Dass wir es längst nicht mehr nur mit einer Pandemie zu tun haben. Die Mutationen aus aller Welt sind längst auch bei uns angekommen. Und wir wissen gefährlich wenig über sie. Georg Heil, Markus Pohl und Marcus Weller.

 

Petra Wetzig kann es noch gar nicht begreifen: Ihre Mutter Elisabeth ist tot. Mit 84 Jahren gestorben an der britischen Corona-Mutante. 

Petra Metzig

„Ich habe meine Mutter am 5. Januar das letzte Mal fröhlich und gesund gesehen. Sie war sogar noch so gut gelaunt, wollte mit mir einen Sekt trinken. Da hab‘ ich gesagt: Es geht nicht, Mama, da muss ich die Maske abziehen.“

Kurz darauf wird das Pflegeheim ihrer Mutter in Leverkusen-Rheinfeld abgeriegelt. Die Corona-Variante breitet sich hier rasend schnell aus, infiziert mehr als 70 Menschen.

Petra Wetzig darf ihre Mutter bis zu ihrem Tod nicht mehr sehen.

Petra Metzig

„Ist eigentlich für mich das Schlimmste, Menschen in so einer Situation allein zu lassen. Mir hätte es gereicht, wenn man eine Scheibe gehabt hätte, wenn man sich hätte zeigen können, sagen können: Mama, ich bin hier, guck mal oder so. Das hätte mir dann in dem Moment vielleicht noch gereicht, ich hätte ja nicht reingehen müssen. Aber es ging ja gar nichts. Nichts.“

16 Bewohner des Heims verlieren ihr Leben. Der Geschäftsführer sagt, sie hätten alles versucht, den Ausbruch des mutierten Virus einzufangen. Vergebens.

Axel Zens, Geschäftsführer AWO-Seniorenzentrum Rheindorf

„Wenn sie von der Ursprungs-Variante ausgehen und davon ausgehen konnten, man konnte einzelne Fälle isolieren, man kann dafür sorgen, dass eine Verbreitung relativ gut eingedämmt werden kann: Das war hier nicht der Fall. Es war nicht mehr möglich, das einzudämmen. Und das war das Schlimmste daran, das Sterben zu erleben und zu wissen, dass man es nicht aufhalten kann.“

Weltweit sorgen neue Varianten von Sars-Cov-2 für Schrecken und Verunsicherung: B.1.1.7. aus dem Vereinigten Königreich, die südafrikanische Mutante B.1.351 - und schließlich die Variante P.1 aus Brasilien.

Allen ist gemeinsam: Sie mutierten in Regionen, in denen sich das Corona-Virus massiv vermehren konnte. Weil sie wohl deutlich aggressiver sind, warnen manche Forscher schon vor einer „Pandemie in der Pandemie“. Der Virologe Friedemann Weber erklärt, was das heißt.

Prof. Friedemann Weber, Virologe, Justus-Liebig-Universität Gießen

„Pandemie in der Pandemie bedeutet eben, dass die neuen Varianten, dass man befürchtet, dass die neuen Varianten draufsatteln auf das Infektionsgeschehen mit den alten Varianten, die natürlich mit der Zeit verdrängen werden, aber da sie ansteckender sind, werden die Kurven wieder nach oben schnellen. Und wir werden im Prinzip an einem Punkt, an dem wir schon einmal waren und wo wir nicht mehr hinwollen.“

Großbritannien hat genau das schon erlebt. Als sich die Mutante hier Ende vergangenen Jahres durchsetzte, schossen die Infektionszahlen plötzlich exponentiell nach oben. Mittlerweile gehen Forscher davon aus, dass B.1.1.7 etwa 30 bis 50 Prozent ansteckender ist als der Ursprungs-Virus.

In Deutschland sind bislang einige Ausbrüche bekannt: Neben Leverkusen etwa in dieser Kita in Freiburg, wo es 18 Fälle gab – oder am Humboldt-Klinikum in Berlin, das wegen gut zwei Dutzend Nachweisen komplett unter Quarantäne gestellt wurde.

Wie verbreitet aber die drei Mutanten bei uns schon sind, weiß selbst das RKI nicht. Offiziell sind dort nur 191 Fälle registriert. Es dürften aber wesentlich mehr sein.

Grund für die Unwissenheit: Bislang wurde in deutschen Laboren kaum nach Virus-Mutationen gesucht. Für die aufwändige Sequenzierung des Virus-Genoms stand schlicht kein Geld zur Verfügung.

Ein Missstand, der sich nun rächt, sagt die Virologin Melanie Brinkmann auf Kontraste-Nachfrage:

Prof. Melanie Brinkmann, Virologin, Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung

„Wird genug getan, um solche Varianten, Mutanten zu entdecken in Deutschland? Kurze Antwort: Nein. Wir sind hier tatsächlich absolut im Blindflug. Wir sehen jetzt diese Varianten, weil sie in anderen Ländern detektiert wurden. Wir sehen aber gar nicht, was hier im eigenen Lande eigentlich passiert.“

Virologische Fachgesellschaften hatten den Gesundheitsminister schon vor über einem Jahr auf diesen Mangel hingewiesen und auf Abhilfe gedrängt. Auf Kontraste-Nachfrage redet Jens Spahn das klein.

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

„Dass man jetzt sagt, man hat irgendwie schon vor der Pandemie Hinweise gegeben: Ja. Das gilt für viele Bereiche. Wir hatten 2012 einen ganzen dicken Bericht im Deutschen Bundestag über das, was eigentlich besser alles schon dagewesen wäre, als die Pandemie begonnen hat. Das ist ohne Zweifel so.“

Nun hat Spahn eilig nachgesteuert. Zumindest jeden zwanzigsten positiven Test will er künftig auf Mutationen untersuchen lassen. Als Anreiz erhalten die Labore seit kurzem 220 Euro für jede übermittelte Sequenzierung. Wann die angestrebte Quote erreicht wird, ist aber völlig offen.

Den Verantwortlichen in Solingen dauert das alles viel zu lange. Auf Kosten der Stadt lässt Oberbürgermeister Tim Kurzbach schon seit Jahresanfang alle positiven Coronatests auf Mutanten untersuchen. Es scheint, als wäre deren Ausbreitung bereits weit forgeschritten.

Tim Kurzbach, SPD, Oberbürgermeister Solingen

„Ich sehe auf jeden Fall, dass es ansteigt. Und wenn wir bei den letzten Testergebnissen im Durchschnitt etwa feststellen, dass 10 Prozent aller positiven Infektionen auf den neuen Mutationen beruht, dann macht mich das schon unruhig. Denn eins wissen wir ja über diese Mutation. Sie ist wesentlich aggressiver und ansteckender.“

Wie schnell die Lage kippen kann, zeigt das Beispiel Portugal. Seit Weihnachten hat sich hier die britische Virus-Variante sprunghaft vermehrt, im Großraum Lissabon soll sie schon für mehr als die Hälfte aller Fälle verantwortlich sein. 

Das Land hat derzeit eine der höchsten Corona-Inzidenzen weltweit, das Gesundheitssystem ist völlig überlastet.

Deutschland reagiert auf die Bedrohung mit Abschottung. Seit Samstag gelten weitgehende Einreisesperren für Portugal, England und andere Mutationsgebiete.

Kurz zuvor aber kommen am Berliner Flughafen noch einmal Flüge an – ausgerechnet aus Lissabon und London. Voraussetzung für die Reise: ein negatives Testergebnis, das aber zwei Tage alt sein darf. Erleichterung bei vielen, kurz vor Torschluss noch gelandet zu sein.

Flugreisende

„Also sie können gar nicht glauben, wie glücklich ich bin, dass ich das jetzt noch geschafft hab!“

Kontraste

„Und schwingt aber auch ein bisschen Sorge mit, weil man weiß, der eigene Sohn kommt jetzt aus einem Hochrisikogebiet?“ 

Flugreisende

„Naja, eigentlich weniger, weil er ja einen Test gemacht hat und jetzt negativ ist.“

„Aber klar. Das Flugzeug ist rappeldickevoll. Und gerade wenn ich jetzt Familie sehe. Aber muss man halt die Maßnahmen ergreifen, Quarantäne oder Tests und dann alles gut.“

Masken - und Quarantäne-Pflicht haben sich aber längst nicht bei allen herumgesprochen.

Flugreisende

„You have to isolate yourself for a couple of days.“ 

„No, because I have a test, and it was negative, so I don´t have to.“ 

„No, you have, because you´re coming from a high risk country.“ 

„Are you sure? 

„Yes.“

„Und jetzt Quarantäne?  

„Keine Ahnung. Erstmal nach Hause.“ 

„Wie kommen Sie denn nach Hause?“

„Mit der Bahn.“ 

„Okay.“

Aus dem Mutationsgebiet direkt in den Berliner Nahverkehr. 

Alarmierend sind derweil die Nachrichten zu den Impfstoffen. Erste Studien zeigen: Sie sind gegen die brasilianische und südafrikanische Virus-Variante deutlich weniger wirksam, schützen also schlechter vor einer Infektion.

Der Immunologe Carsten Watzl warnt dennoch vor Panik:

Prof. Carsten Watzl, Immunologe, TU Dortmund

„Wo ich da immer noch sehr zuversichtlich bin, ist, dass man trotzdem natürlich nicht schutzlos diesen Mutanten trotz Impfung ausgeliefert ist. Das heißt, ich bin zwar geimpft, ich kann mich vielleicht noch anstecken, aber die Impfung wird trotzdem einen gewissen Immunschutz geben und deshalb auch wahrscheinlich vor der schweren Erkrankung schützen.“

Vieles spricht dafür: Die Hersteller werden die Impfstoffe künftig an immer neue Varianten anpassen müssen. In England ist bereits eine Mischform aus britischer und südafrikanischer Corona-Mutante neu aufgetaucht.

Weiterhin gilt aber: Was gegen die Verbreitung des Ursprungs-Virus hilft – Abstand halten, Kontakte einschränken – schützt auch vor den neuen Varianten.

Prof. Carsten Watzl, Immunologe, TU Dortmund

„Die gute Nachricht ist: Ja, man kann auch das mutierte Virus in den Griff bekommen. Und ich glaube, die schlechte Nachricht ist, man muss da wirklich auch ganz konsequent diese Maßnahmen anwenden.“

Das haben die Briten unter Beweis gestellt. Mithilfe eines sehr strengen Lockdowns gelang es ihnen, die Infektionskurve seit Mitte Januar wieder steil nach unten zu drücken.

Auch bei uns sinken die Zahlen. Die Hoffnung auf schnelle Lockerungen aber wäre verfrüht: Es scheint, als hielte das Virus noch einige böse Überraschungen bereit.

 

Beitrag von Cosima Gill, Georg Heil, Markus Pohl und Marcus Weller

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