Kreuz ragt aus dem Schnee. Bild: rbb
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Das stille Sterben - Warum so wenig über die Toten gesprochen wird

Geschockt schauten die Deutschen im Frühjahr auf die Bilder von Corona-Toten in Italien und Spanien. Doch seit November sind auch hierzulande Zehntausende Menschen an Corona verstorben. Trotz der hohen Zahlen ist der Corona-Tod in Deutschland bislang kaum Thema. Kontraste sprach mit Angehörigen, die einsam um die Verstobenen Trauern müssen. Die Reporter trafen auf Bestatter, die in den vergangenen Wochen an ihre Belastungsgrenzen gestoßen sind und der Politik Versäumnisse vorwerfen. Eine Theologin erklärt, womit die Verdrängung der Corona-Toten in Deutschland zu tun haben könnte.

Anmoderation: Und auch das begleitet uns gerade: Der tägliche Blick auf die Zahlen, R-Werte, die Intensivbettenauslastung und auch: Die Zahl der Toten. Sie ist zum Richtwert geworden, wie es momentan läuft – dabei sind die 784 Toten die etwa heute vermeldet wurden, eben nicht nur einfach vergleichsweise viel oder wenig. Es sind auch 784 Familien, die jetzt trauern - ohne den Trost einer gemeinsamen Trauerfeier und oft auch ohne ein letztes Wort. Denn gerade die Distanz, die in dieser Krise unsere Rettung war, macht das Abschiednehmen gerade fast unmöglich. Und Daniel Donath zeigt: Vielleicht gehen wir dem, was hinter den Zahlen steckt auch nur zu gern aus dem Weg.

Auf dem Friedhof in Marienberg stehen dutzende neue Kreuze – die Kreuze, ein Symbol für die verheerende Wucht, die das Coronavirus hier entfalten konnte. Wir sind im Erzgebirge. Eine Region mit vielen Toten, aber auch zahlreichen Menschen, die das Virus leugnen.

Tobias Wenzel ist seit mehr als 30 Jahren Bestatter. Doch so viele Sterbefälle wie diesen Winter hat auch er noch nie erlebt. 

Tobias Wenzel, Bestatter

„Gerade die Kollegen vom Rettungsdienst, die hier bei uns neben der Firma sind. Wir haben uns dann abgewechselt. Also wir sind rund um die Uhr gefahren. Das war schon wirklich eine ganz extreme Zeit.“

In einer Leichenhalle auf dem Friedhofsgelände lagern die Corona Toten. Tobias Wenzel schätzt, dass gut die Hälfte der Toten in den vergangenen Wochen Corona Erkrankte waren.

Tobias Wenzel, Bestatter

„Wir mussten teilweise auch früh, mittags und abends in die Pflegeheime fahren, um Verstorbene zu holen. Ich habe selber eine Abholung in dem Pflegeheim mitgefahren, wo wir einen an Corona verstorbenen Heimbewohner geholt haben und die Pflege Schwester sagte zu mir hier im Nachbarbett: da seid ihr heute Abend wieder da. Den Menschen einfach zu sehen, wie er nach Luft ringt, wie er teilweise auch keine Luft trotz Beatmung bekommt. Das war für mich ein Punkt, wo ich sage Hier bist du jetzt wirklich an die Grenzen gekommen, wo ich einfach auch ein Stück weit an Verarbeitung noch brauche.“

Es sind Tote über die in Deutschland wenig gesprochen wird. Und das obwohl seit November im ganzen Land die Todeszahlen steigen. In den vergangenen sechs Wochen war die Anzahl der Toten in Deutschland pro eine Millionen Einwohner zum Teil sogar höher als in Italien, Spanien und – zeitweise sogar höher als in den USA. Von den knapp 60.000 Corona-Toten in Deutschland sind allein circa 50.000 in den letzten drei Monaten gestorben.

Tote, deren Anzahl meist nur als Wasserstandsmeldung in den Nachrichten vermeldet wird. In den Debatten tauchen sie kaum auf. Das hat auch die Bischöfin Petra Bahr bemerkt. Sie ist Mitglied im Deutschen Ethikrat.

Petra Bahr: ev. Regionalbischöfin Hannover

„Normalerweise sprechen wir entweder über hohe Todeszahlen nach einem Terrorangriff oder nach einer Naturkatastrophe. Wenn man so will. Die Toten, die Notärzte, die Traumatisierten sieht, also wenn sie das dann ins Bild setzen können.“ 

Ins Bild gesetzt wurden in Deutschland lange vor allem die Toten im Ausland. Szenen wie diese aus Bergamo im März 2020, Militärfahrzeuge transportieren Särge von hunderten Corona Toten:

Anne Will, 20.04.20

Es sind Bilder, die Politiker hierzulande talkshowtauglich zur Überheblichkeit verleiten. 

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident Sachsen

„Es ist uns gelungen durch ein kluges Handeln und man sieht da wieder es ist typisch deutsch – es gibt ein Problem – da machen die Deutschen einen Plan, da machen sie eine Strategie, da fangen sie an den abzuarbeiten, zu optimieren und am Ende läuft es wie ein Schnürchen.

Petra Bahr, ev. Regionalbischöfin Hannover

„Wir hatten dann lange die Story. Wir sind doch supergut durch diese Krise gekommen. Und das gibt einem ja auch eine gewisse Selbstsicherheit. Und jetzt stellen wir in Deutschland doch fest, dass wir so gut durch diese Krise gar nicht kommen. Und das ist ja vielleicht auch ein Eingeständnis eines Versagens an ganz vielen Orten, eines Kontrollverlustes, vielleicht auch einer Selbstüberschätzung. Jedenfalls macht es etwas mit dem Selbstbild, was Deutsche von sich haben.“ 

Kollektive Trauer für die Deutschen - offenbar ein Problem. Der Einzelne kann der Trauer aber nicht ausweichen. Rüdiger Böhme hat seine Mutter verloren. Er gehört zu den hunderttausenden Hinterbliebenen in Deutschland, deren Angehörige mit oder an Corona gestorben sind. Heute muss er seine Mutter allein beerdigen.

Rüdiger Böhme

„Sie war meine einzige Konstante in meinem Leben. Ich bin ihr einziges Kind gewesen. Egal was ist. Sie sollte die Beerdigung bekommen, die sie verdient hat.“ 

Ein großer Teil seiner Verwandten wohnt in Sachsen. Wegen Corona können sie nicht zur Beerdigung nach Brandenburg kommen

Rüdiger Böhme

„Das ist eigentlich das Schlimme, dass man nichts dagen tun kann, dass man jetzt hier alleine hier steht und dass alle anderen nicht einfach so mit einem trauern können, dass man völlig erschlagen ist.“

Gemeinsam trauern – weil das für viele nicht möglich ist, plant der Bundespräsident eine Gedenkfeier für alle Corona-Toten.

Beitrag von Daniel Donath

 

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