Homeschooling während des Lockdowns im Januar 2021. Bild: Jochen Tack
Jochen Tack
Bild: Jochen Tack

Corona-Schul-Chaos - Eltern und Kinder am Limit

Seit Wochen sind Schulen und Kitas geschlossen. Für die Eltern ein Kraftakt, für manche Kinder eine Qual. Besonders hart trifft es all jene, die es schon vorher schwerer hatten: Kinder, die beengt wohnen, die ohne Schule nicht lernen können, die sozial benachteiligt sind. Auch wenn Schulschließungen im Dezember wohl unvermeidbar waren. Die Frage stellt sich: Hat die Politik über den Sommer alles unternommen, um genau das zu vermeiden? Und wie hilft sie diesen Kindern aktuell? Kontraste hat in ganz Deutschland nachgefragt. Und eine exklusive Umfrage in NRW zeigt: die Bildungs-Schere durch Corona wird größer.

Anmoderation: Ende des Sommers, kurz vor der Bundestagswahl, soll das ja eigentlich alles vorbei und genug Menschen geimpft sein. Auch wenn viele sich das bei unseren eher schleichenden Fortschritten auf dem Gebiet gar nicht so richtig vorstellen können. Für Millionen Familien bedeutet das: Sie müssen weiter die Kinder unterrichten, ihren Job erledigen und drei Mahlzeiten am Tag auf den Tisch bringen. Seit vielen Wochen - wieder einmal. Dementsprechend groß war auch der Ärger, der beim Video-Bürgertalk der kanzlerin heute entgegenschlug. Die erneuerte zwar ihr Versprechen, als erstes und noch vor allem anderen die Schulen und Kitas aufmachen zu wollen. Für einige Kinder ist jeder Tag im Krisenmodus am Küchentisch einer zu viel. Susett Kleine, Jo Goll von rbb24-Recherche und Lisa Wandt

Jens Spahn, Corona-Kita-Studie

„Es geht um ein Recht auf Bildung, natürlich für die Kinder, es geht um ihre faire Chance im Leben.“

Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin

„Bevor wir Kitas und Schulen schließen sind alle anderen Dinge dran. Ich bin wirklich der Auffassung, das muss das letzte Mittel sein.“

Das letzte Mittel kam schneller als gedacht:

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

„Werden im Zeitraum ab 16. Dezember, also ab Mittwoch die Schulen grundsätzlich geschlossen.“

Mitte Dezember war das aufgrund der hohen Infektionszahlen wohl unabdingbar. Doch wie wird Kindern, die jetzt Zuhause lernen müssen, geholfen? Und was haben Bund und Länder vorher getan, um Schulschließungen zu vermeiden? 

Berlin Neukölln vor wenigen Tagen. Die Mitarbeiterinnen vom Projekt „Stadtteilmütter“ kümmern sich um Familien, die massiv unter den Schulschließungen leiden. Oft wohnen sie mit vielen Kindern auf beengtem Raum. Wie Familie El Dahoud.

„Wohin…Emelie, hi, sie schläft noch…“

Silvana El Dahoud, Mutter von vier Kindern

„Wir machen ja in der Ess-Ecke Hausaufgaben und Homeschooling und dann kommen die dazwischen, wollen anfangen auf deren Hausaufgaben mit drauf zu malen.“

Die Familie wohnt zu sechst auf 68 Quadratmetern. Ein Schlafzimmer für alle.

Silvana El Dahoud, Mutter von vier Kindern

„Ich hab‘ den zwei Jungs oben ein Bett gebaut, da drunter schlafen meine zwei Babys. Und daneben ist mein Ehebett mit meinem Mann.“

Silvana El Daoud ist viel allein mit den vier Kindern. Ihr Mann arbeitet oft in der Nacht als Chauffeur für den Bundestag – das erschwert die Lage zusätzlich.

Silvana El Dahoud, Mutter von vier Kindern

„Mein Sohn hatte gestern zum Beispiel Online-Unterricht um 9. Der Papa kam aber um 2 Uhr morgens von der Arbeit. Wir haben uns alle eingeschlossen im Schlafzimmer, damit er in Ruhe in der Ess-Ecke Online am Unterricht teilnehmen kann.“

Elias, acht Jahre alt

„Die Wohnung ist sehr eng, ich habe wenig Platz zum Spielen und deswegen fühle ich mich gestresst.“

Die Mutter bemüht sich – aber bei vielen Schulaufgaben kann sie ihren Söhnen einfach nicht helfen.  

Hassan, zehn Jahre alt

„Ich mache auf einem Laptop Homeschooling und mein Lehrer kann ja nicht meine Blätter sehen, wie ich das mache – und es ist sehr schwierig.“

Silvana El Dahoud, Mutter von vier Kindern

„Ich hoffe, es wirkt sich nicht so negativ auf ihre Zukunft aus.“

Dass Kinder aus sozialen Gründen auf der Strecke bleiben, sollte eigentlich vermieden werden, als Lehre aus dem ersten Lockdown:

Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin

„Deshalb ist es ja so wichtig, dass gerade in den Fällen, wo Kinder in sozial schwierigen Verhältnissen leben, auch Betreuung ermöglicht wird. Und dass darauf sich die Länder auch entsprechend einstellen und das geschieht ja.“

Die Kinder der Familie El Dahoud allerdings haben keinen Anspruch auf Notbetreuung. Denn die Mutter ist nicht erwerbstätig.

Um die Zukunft vieler Kinder in Berlin Neukölln sorgt sich Jugendstadtrat Falko Liecke.

Falko Liecke (CDU), Stadtrat für Jugend und Gesundheit, Berlin Neukölln

„Eine soziale Komponente in dieser Form gibt es nicht, weil es einfach auch zu viele Kinder sind, auch gerade in Neukölln. Es gibt eine Kinderschutzkomponente, das heißt wenn ein Kinderschutzfall vorliegt, dann ist das möglich.“

Eine Kontraste-Umfrage zeigt: In sechs Bundesländern wird eine Notbetreuung für Grundschüler aus sozialen Gründen nur angeboten, wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, etwa in Berlin, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In Bayern und Baden-Württemberg wird zudem auch notbetreut, wenn beide Eltern berufstätig sind. In allen übrigen Ländern ist eine Notbetreuung für alle Kinder – trotz Schulschließung – möglich.

Jens Otte ist Leiter der Bruno H. Bürgel Grundschule in Berlin Tempelhof. Die wochenlange Schulschließung treibt ihn um. Rund 20 seiner Schüler sind - trotz aller Bemühungen der Lehrer - einfach abgetaucht. 

Jens Otte, Schulleiter, Bruno H. Bürgel Grundschule 

„Das ist eine sehr bittere Erfahrung. Es gibt Familien, die waren vorher schon schwer zu erreichen. Und die sind zum Teil ganz weggerutscht. Wir haben Personen, die nur damit beschäftigt sind einzelne Familien zu kontaktieren, zu den Kindern Kontakt herzustellen.“

Soweit hätte es nicht kommen müssen, sagt Schulleiter Otte. Er wollte Präsenzunterricht anbieten: Mit freiwilligen Tests von Lehrern und Schülern – mit Wechselunterricht – und auch engagierte Eltern wollten helfen:

Jens Otte, Schulleiter, Bruno H. Bürgel Grundschule

„Unter anderem mit dem Spenden oder Leihgaben von Luftfiltern. Das wurde vom Stadtrat untersagt, dass die Geräte genutzt werden dürfen, weil unklar ist, ob die Stromleitungen das aushalten.“

Doch auf eine Prüfung der Stromleitungen wartet er seit Monaten. Otte fühlt sich von der Politik ausgebremst.

Eine weitere Groß-Baustelle: Die Digitalisierung:

Anja Karliczek (CDU), Bundesbildungsministerin

„Besonders jetzt auch das digitale Lernen voranzutreiben ist aus meiner Sicht das Gebot der Stunde.“

Beim achtjährigen Jakob aus Berlin funktioniert das digitale Lernen bislang kaum. Der Vater mit Fulltimejob im Homeoffice ist überfordert.

Mark Reuter, Projektmanager

„Da steht dann SaLZ in Berlin drüber – Schulisch angeleitetes Lernen Zuhause. Aber da sind Sachen drin, da steigen wir nicht durch.“

Jakob, Grundschüler, acht Jahre alt

„Ich habe mir jetzt überlegt, vielleicht dass ich meinen Papa frage, ob ich einen Hilfsassistenten bekomme, der mir bei Mathematik hilft.“

Jakob hat nur einmal die Woche Online-Unterricht für 30 Minuten.

Eine aktuelle Erhebung der Landeselternkonferenz aus NRW zeigt nun, wie verbreitet dieses Problem ist. Jeder vierte Schüler hat nur einmal die Woche Kontakt zum Lehrer.

Jakobs Mutter kann erst abends mithelfen, ihr Arbeitgeber schreibt Büropräsenz vor. 

Ulrike Reuter, Finanzfachwirtin

„Acht Stunden Arbeit und acht Stunden Kinderbetreuung. Das sind zwei Jobs auf einmal. Das wären insgesamt 16 Stunden. Also wie soll ich mich zerteilen?“

Tagsüber kommt es zwischen Vater und Sohn immer wieder zu Streit. Und Jakob zieht sich zu seinem 18-jährigen Bruder vor den Bildschirm zurück.

Vor der Pandemie durfte Jakob nur sehr ausgewählte Sachen fernsehen. Das ändert sich zunehmend.

Mark Reuter, Projektmanager

„Da läuft jeder Trickfilmscheiß ohne irgendwie einen Hintergrund zu haben und das kriegen sie ein Kind nicht mehr von Weg aus meiner Sicht, das ist sehr schwer.“

Kontraste

„Haben Sie da ein schlechtes Gewissen?“

Mark Reuter, Projektmanager

„Ja. Ja klar.“

Im ersten Lockdown hat die Computer-Spiel-Zeit bei Kindern und Jugendlichen einer Studie zufolge um 75 Prozent zugenommen. Das kann schwere Folgen haben, weiß Bildungsforscher Klaus Hurrelmann.

Prof. Klaus Hurrelmann, Bildungsforscher, Hertie School of Governance

„Wir wissen aus allen Untersuchungen, dass irgendwann die Grenze überschritten ist auf der Zeitachse. Wenn das also eine mehrstündige Beschäftigung nur mit dem Bildschirm am Tag ist, dann leide ich nicht nur körperlich darunter, sondern dann fange ich auch an, psychische Verspannungen zu erleiden. Kann nicht mehr richtig wahrnehmen, kann nicht mehr richtig einschätzen.“

Auch wegen dieser Folgen steht die Bundeskanzlerin zunehmend unter Druck. Heute Vormittag sprach sie daher im Bürgerdialog mit Eltern auch über mögliche Rückkehrmodelle. 

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

„Wechselunterricht ist gar nicht so schlecht. Also die Klassen teilen, ist immer noch nicht perfekt, aber ist vielleicht besser als gar kein Unterricht.“ 

„Guten Morgen, Frau Hamann!“

Wechselunterricht. An der Rostocker Werner-Lindemann Grundschule war das nach dem ersten Lockdown – von Mai bis Dezember - Alltag. Mit geteilten Klassen und strengem Hygienekonzept.

Mit diesem Modell konnte die Schule die Infektionszahlen niedrig halten. Einen zweiten Lockdown gab es hier nicht.

Jedes Kind, dass in die Schule kommen will, darf seit Jahresbeginn wieder kommen. Etwa 50 Prozent der Schüler nutzen dieses Angebot. 

Kind

„Zuhause kann ich mich nicht so konzentrieren und hier kann ich mich halt mehr konzentrieren.“

Kind

„Ich habe meine Freunde sehr vermisst und auch die Schule, weil du siehst da halt auch alle und kommst halt auch mehr voran und das ist dann halt besser.“

Bis zu einer 7-Tages-Inzidenz von 150 dürfen die Schulen in Mecklenburg-Vorpommern wieder öffnen. Unter Pandemie-Gesichtspunkten ist das nicht unumstritten.

In Rostock aber scheint das Modell aufzugehen: Hier liegt die Inzidenz seit Wochen unter 60. Und alle Kinder, die es dringend brauchen, können zur Schule gehen. 

Die 15-jährige Livia aus Weimar wünscht sich nichts sehnlicher. Sie ist autistisch, eingestuft in Pflegegrad 2, förderbedürftig. Für ihre Entwicklung ist sie auf Hilfe angewiesen. In der Schule ist deswegen eine Schulbegleiterin ständig an ihrer Seite, erarbeitet mit ihr Aufgaben, motiviert sie. 

Im Homeschooling hat Livia nur ihre Mutter und das reicht nicht.

Livia Klamt

„Ich bräuchte eher die Helferin, die ich in der Schule habe, denn Mami weiß ja nicht so richtig … mein Schulstoff weiß sie nicht so richtig und deshalb brauche ich schon Hilfe von ihr, weil sie schon weiß, was gerade läuft.“

In der Schule war ihr IQ gering genug, um eine Betreuung zu bekommen. Für die Hilfe zuhause gilt das laut Sozialamt Weimar nicht.

Doreen Klamt, Verwaltungsangestellte und Mutter

„Das letzte Entwicklungsdiagnostische Gutachten hat ergeben, dass sie einen Intelligenzquotienten von 73 hat und um diese Assistenz zu bekommen, müsste ihr IQ unter 70 liegen. Also wir reden hier von drei Prozentpunkten, die ihr quasi die Assistenz verwehren und damit ist sie zu schlau für die Unterstützung, die sie dringend bräuchte. Und das macht mich wütend und sprachlos.“

Livias Mutter Doreen Klamt hat noch ein weiteres Schulkind und ein Kita-Kind Zuhause. Außerdem arbeitet sie 35 Stunden im Homeoffice. Ihr Mann hilft immer wieder mit – aber es reicht nicht.

Sie befürchtet, ihre Tochter wird durch die fehlende Hilfe Rückschritte in ihrer Entwicklung machen. Immer wieder schreibt sie deshalb den Behörden, ohne Erfolg.

Doreen Klamt, Verwaltungsangestellte und Mutter

„Kinder mit besonderem Förderbedarf werden in diesen Zeiten im Stich gelassen. Also man hat das Gefühl, man rennt gegen Wände und man beißt sich die Zähne aus und am Ende des Tages weiß man nicht, was man noch machen soll.“

Seit Montag dürfte Livia wieder zur Schule - für insgesamt zwei Stunden in der Woche. Viel zu wenig. 

Trotz einfacher Lösungsmöglichkeiten wie Luftfilter oder Wechselunterricht bleiben viele Kinder auf der Strecke.

Beitrag von Jo Goll, Susett Kleine und Lisa Wandt

 

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