Auch diese Frau ist von Kurzarbeit betroffen. Foto: Kontraste
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Kurzarbeit - Belastung für Arbeitnehmer, Gewinn für Unternehmen

Mehr als 10 Millionen Menschen wurden für Kurzarbeit angemeldet – doch nicht alle arbeiten deshalb auch tatsächlich weniger. Kontraste-Reporter zeigen, wie Unternehmen ihren Mitarbeitern das gleiche Arbeitspensum bei viel weniger Stunden aufdrücken und die Arbeit von Betriebsräten erschweren.

Anmoderation: Was ist aber mit den Millionen Frauen, die auch weiterhin arbeiten? Seit Beginn der Corona-Krise wurde für insgesamt 11,7 Millionen Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet, das gab die Bundesagentur für Arbeit gestern bekannt. Nicht nur Frauen, natürlich, aber in einigen Branchen eben überwiegend schon. Verkäuferinnen zum Beispiel, die jetzt wieder in vollen Kaufhäusern stehen und sehen müssen, wie sie zurecht kommen, mit uns Kunden, mit Hygienekonzepten und zu viel Arbeit in Kurzarbeit. Sascha Adamek und Pune Djalilehvand.

H&M – nicht gerade bekannt für gute Löhne – mitten in der Corona-Krise lobt ausgerechnet die Gewerkschaft Ver.di das Unternehmen. Denn H&M stockt das Kurzarbeitergeld freiwillig für seine Mitarbeiter auf. Alles gut also?

Wir treffen Saskia Schmakies vergangene Woche nach ihrer acht Stunden Schicht. Mit Mundschutz. Oft verzichtet sie auf ihre Verschnaufpausen. 

Saskia Schmakies, Verkäuferin und Betriebsrätin

„Das ist gut. Die Maske ist nass, man hat das Gefühl, als ob man wirklich einen Betonstein auf der Lunge hat. Das ist das Highlight nach dem Feierabend. Man kommt raus. Die Maske geht runter. Man atmet tief durch. Tief einatmen. Und es ist so ein befreiendes Gefühl im Moment.“

Seit 20 Jahren arbeitet sie bei H&M. Die Betriebsrätin aus Dortmund kann offen mit uns  sprechen: Im wochenlangen Lockdown war sie auf Null-Kurzarbeit, also Zuhause, später auf 20 Prozent, am Ende waren es 80 Prozent. Dafür hat sie kein Verständnis. Es sei einfach zu viel los gewesen.

„Es ist voll. Die Menschen wollen natürlich einkaufen. Wir bekommen Ware, die eingeräumt werden muss. Man hat im Endeffekt die volle Arbeit – aber auf weniger Stunden, auf weniger Zeit. Es ist einfach nicht mit Kurzarbeit zu bewerkstelligen.“

Dabei ist die Kurzarbeit eigentlich ein einmaliges Überlebensmodell. Wenn es in Krisenzeiten wie jetzt weniger Arbeit gibt, hilft der Staat Firmen und Beschäftigten den Arbeits- und Lohnausfall auszugleichen. Die Arbeitsagentur ersetzt 60 Prozent des entgangenen Lohns, bei Eltern 67 Prozent. Für Unternehmen wie H&M bedeutet das eine Übernahme von Lohnkosten durch den Staat. Aber wie viel Arbeitsausfall gab es seit Öffnung der Läden überhaupt noch? 

Rechtsanwalt Manfred Wulff vertritt den H&M Gesamtbetriebsrat und spricht von einem legalen Mitnahmeffekt. Dies sei kein Einzelfall. 

Manfred Wulff, Fachanwalt für Arbeitsrecht

 „Es gibt sicherlich einige Beispiele, nicht nur bei H&M, aber auch bei H&M, dass bestimmte Filialen von eher schon eine schlechte Kostenstruktur haben und jetzt im Rahmen der Kurzarbeiterzeiten man noch diese Lohnersatzleistungen benutzt, um diese ungünstige Kostenstruktur etwas zu verschönern.“ 

Bei Öffnung der Läden Mitte April bleiben viele Mitarbeiter trotzdem in Kurzarbeit. H&M teilt dazu mit, Arbeitsverdichtung gebe es nicht und Kurzarbeit werde nur dort genutzt, wo ein erheblicher Arbeitsausfall vorliege.  

Kontraste aber erreichen interne Mails aus anderen Filialen mit schweren Vorwürfen: Mit Kurzarbeit sei die Arbeit schon lange nicht mehr zu schaffen. 

„Von einem Arbeitsausfall kann bei uns überhaupt nicht die Rede sein“.

„Es ist echt kaum möglich mit den wenigen Menschen eine Filiale zu besetzen, geschweige denn, die Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen durchzuführen.”

Harte Vorwürfe: Mehr Arbeit in weniger Zeit. Auch die Betriebsrätin erzählt, dass man das Gesundheitsschutzskonzept so nicht immer einhalten könne: 

„Wir hatten zum Beispiel am Samstag das Problem, dass wir sehr viele Kunden im Laden hatten und ich dann für mich die Problematik gehabt habe, dass ich gesagt habe: Oh, das ist jetzt zu viel. Ich geh an den Eingang, stelle mich da eben hin und kontrolliere das einfach, wer reinkommt und wer nicht reinkommt. Wenn der Laden voll ist, dann ist da wirklich so ein bisschen Panik, Angst.“

H&M sagt dazu, der Vorfall sei ihnen nicht bekannt. Das Gesundheitsschutzkonzept sei mit den Betriebsräten besprochen und werde ständig geprüft und eingehalten.

Arbeitsverdichtung, Stress – für Saskia Schmakies kam dazu noch die Arbeit als Betriebsrätin hinzu. Über Monate verhandelt sie den Arbeits- und Gesundheitsschutz mit. Von Zuhause. In stundenlangen Verhandlungen zur Hoch-Zeit der Krise.  

„Das ist harte Verhandlungsarbeit. Das ist viel Information, viel Lesen. Themen, die man nicht kennt, sich aneignen. Da geht es auch darum, dass man auch mal Gesetzestexte nachlesen muss, wo man einfach nicht fit drin ist. Wir haben vier Tage lang Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz verhandelt, mit dem Gesamtbetriebsrat und dem Arbeitgeber. Das ist sehr, sehr viel Arbeit.  

Arbeit, die Saskia Schmakies gemacht hat, obwohl ihre Arbeitszeit teils bis auf null gesetzt war. H&M hat zwar allen das Kurzarbeitsgeld freiwillig aufgestockt, Betriebsratsarbeit aber will H&M zunächst nicht eigens kompensieren. 

„Warum ist es dann ein Problem, Betriebsratsarbeit zu bezahlen? Und das ist ja auch Arbeit, die wir für den Arbeitgeber gemacht haben.“ 

Der Arbeitsrechtsexperte Peter Schüren meint, Betriebsräte sollten eigentlich nie auf Null gesetzt werden, weil dann die Betriebsratsarbeit unmöglich gemacht würde. 

Peter Schüren, Arbeitsrechtsexperte Universität Münster 

„Wenn Betriebsräte in der Kurzarbeitszeit arbeiten, also ihre Betriebsratsarbeit machen, dann muss ihnen diese Betriebsratsarbeit später durch Freistellung ausgeglichen werden. Freistellung von der Arbeitszeit. Wenn das nicht geht, dann müssen diese Stunden bezahlt werden.

H&M teilt Kontraste dagegen mit, zusätzliche Betriebsratsarbeit in der Kurzarbeit werde in Höhe des aufgestockten Kurzarbeitergeldes bezahlt. Also kein zusätzlicher Ausgleich für die Betriebsräte. 

Immerhin: In ihrer Filiale in der Dortmunder Thier-Galerie wurde die Kurzarbeit diese Woche beendet.  

Kaum eine Mitarbeiterin aber hatte sich gegen diesen Druck gewehrt. Aus purer Angst. 

„Werde ich vielleicht am Ende des Jahres keinen Arbeitsplatz mehr haben? Das macht ganz viel mit einem. Man hat auf einmal schlaflose Nächte. Man weiß gar nicht, wie gehe ich damit um.“

In einem Punkt war die Kurzarbeit bei H&M trotzdem erfolgreich. Niemand wurde bislang entlassen. 

Beitrag von Sascha Adamek und Pune Djalilehvand

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