Verkehrsminister Andreas Scheuer. Foto: picture alliance / Sven Simon
SVEN SIMON
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Elektromobilität - Warum die Politik beim Ausbau der Ladestationen versagt

Eine Million Ladepunkte in zehn Jahren! Das ist das Ziel der Bundesregierung, wenn es um die Ladeinfrastruktur für Elektroautos geht. Kontraste prüfte, wie es voran geht. Das Ergebnis ist ernüchternd. Das Bundesverkehrsministerium mit ihrer für den Ausbau zuständigen Agentur scheint mehr zu bremsen als zu fördern. Die Hintergründe des Versagens.

Anmoderation: Unser Bundesverkehrsminister - Mister Maut Andreas Scheuer - gestern hat er die nächste politische Niederlage einstecken müssen. Die von ihm geforderte Kaufprämie für Diesel- und Benzinfahrzeuge jedenfalls - die ist vom Tisch. Im Konjunkturpaket gefördert werden statt dessen Elektrofahrzeuge. In zehn Jahren sollen für die eine Million Ladepunkte stehen, hat die Bundesregierung bereits im letzten Jahr beschlossen. Zuständig hierfür: Genau! Andreas Scheuer. Der müsste also längst richtig losgelegt haben, oder? Dachten wir auch. Chris Humbs. 

Ein Minister für eine Million Ladepunkte.

Auf Scheuers Erfolg hofft auch Aaron Woelfer. Er hat für den Kundenservice seiner IT-Firma acht Elektroautos geleast. 

Aaron Woelffer, Geschäftsführer CeCon

„Diese drei Braune und die beiden Weißen stehen hier, weil wir sie gerne laden wollen. Die zwei wenigen Ladesäulen, die wir unmittelbar in der Nähe haben, sind gerade alle belegt, und wir warten, dass wir laden können.“

Stillstand. Totes Kapital. An den wenigen Säulen in Berlin Mitte hängen meistens Carsharing-Autos. Die Infrastruktur kommt nicht hinterher. Kurzum:

Aaron Woelffer, Geschäftsführung CeCon

„Man braucht mehr Ladesäulen, damit mehr Leute elektrisch fahren können.“

Was ist los, warum klemmt es? Im Zentrum dieser Frage steht diese Firma. Die NOW GmbH. Die hundertprozentige Tochter des Bundesverkehrsministeriums zeigt sich in diesem Imagefilm als Motor für die E-Mobilität. Im Auftrag des Ministeriums soll sie schnellstmöglich den Ausbau vorantreiben und die Fördergelder ausschütten. 

Wer eine Säule vom Bund gefördert haben will, muss sich an die NOW wenden. Mehrere Tage lang versuchen wir dort jemanden zu erreichen. 

Aber zu normalen Bürozeiten geht niemand ans Telefon. Trotz der vielen Mitarbeiter. 

Und vor Ort? Keiner da! Statt Aufbruchstimmung, gähnende Leere. Erst nachdem wir mehrere Mails abschicken, reagiert jemand. Wir sollen unsere Fragen schriftlich stellen. Für ein Interview habe niemand Zeit. 

Die Zahlen, die wir erhalten, sind ernüchternd. Eigentlich müsste die NOW halbjährlich 50.000 Ladepunkte auf den Weg bringen, um das Ziel „1 Million in 10 Jahren“ zu erreichen. Seit dem Regierungsbeschluss vor einem halben Jahr sind es aber gerade mal 3.563 Ladepunkte. 

Der Bundesverband für Elektromobilität sieht in der NOW eher einen Verhinderer der neuen Technik als einen Förderer: 

Frank Müller, Sprecher Bundesverband eMobilität (BEM)

„Die Now ist ursprünglich gegründet worden, um Wasserstoff-Technologien nach vorne zu bringen. Leider Gottes ist natürlich die Wasserstoff-Technologie im Grunde in sich eine Art Konkurrenzgeschichte. Und: Wir sehen viel zu wenig Umsätze für den Bereich Elektromobilität. Sie ist sehr stark auf Wasserstoff fokussiert.“ 

Die NOW trägt den Wasserstoff sogar im Namen: Nationale Organisation Wasserstoff. 

Dass von der NOW tatsächlich wenig Unterstützung beim Aufstellen neuer Säulen kommt, zeigt das Beispiel Parkplätze auf den innerstädtischen Gewerbeflächen. 

Tagsüber könnten hier Arbeitnehmer oder Kunden ihre Privatautos laden, nachts hängen dann die Dienstwagen an der Säule. Obwohl hier wegen des hohen Bedarfs ein umfangreicher Ausbau am meisten Sinn macht, gibt es dafür keine Förderung aus Bundesmitteln – Frust bei den Betreibern: 

Stefan Pagenkopf-Martin, Parkstrom Ladesysteme

„Die Frage ist ja wirklich die: Möchte das Verkehrsministerium wirklich diese Wende überhaupt haben? Oder sitzen da noch Leute drin, die irgendwie was anderes unterstützen? Und ich glaube, dass Zweiteres der Fall. Man merkt ganz klar, dass es gar nicht das wirkliche Interesse daran gibt.“ 

Der langjährige Chef der NOW war Klaus Bonhoff. Wasserstoffexperte und Ex-Manager von Daimler. Echte Erfolge konnte er nicht nachweisen. 

Bis heute gibt es keine serienreifen deutschen Wasserstoffautos. Zuletzt stieg Daimler aus der Wasserstofftechnik aus. Deutschlandweit sind nur 507 dieser Autos auf der Straße. Sie sind schlicht zu teuer, nicht konkurrenzfähig. 

Trotz all der verbrannten Fördergelder: Scheuer holte den NOW-Chef kürzlich als Chefstrategen direkt ins Ministerium. 

Und plant mit ihm - laut diesem Positionspapier – nun die Förderung von 1.000 neuen und sehr teuren Wasserstofftankstellen.  

Wasserstoffantrieb für PKW: Obwohl es alles andere als erfolgversprechend ist, bleibt Scheuer hartnäckig auf seinem Kurs! Und gestern - im Rahmen des Konkjunkturpakets - konnte er sogar weitere Steuermillionen für Wasserstoffautos durchsetzen.

Beitrag von Chris Humbs

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