Frau mit Kindern im Homeoffice, Foto: Kontraste
Kontraste
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Heim an den Herd - Wie die Corona-Krise uns bei der Gleichberechtigung zurückwirft

Homeoffice, Haushalt und Kinder hüten – Frauen tragen die ungleich größere Last in der Corona-Krise. Manche von ihnen reduzieren ihre Jobs oder steigen ganz aus dem Erwerbsleben aus – mit langfristigen Folgen für die Karriere und die Altersversorgung. Kontraste-Reporterinnen haben ganz unterschiedliche Frauen getroffen, die von der Krise hart getroffen wurden und teilweise aus guten Jobs zurück an den Herd mussten. Die Soziologin Jutta Allmendinger befürchtet, dass wir bei der Gleichberechtigung um bis zu drei Jahrzehnte zurückgeworfen werden.

O-Ton Gloria von Thurn und Taxis

 

Anmoderation: Sie meint das ernst. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis findet, Frauen sollten die Corona-Krise nutzen, das Positive sehen: Wenn die Kinder nicht in der Kita, die Firma dicht oder der Job weg ist, kann man neben dem bisschen Haus- und Erziehungsarbeit endlich mal das eigene zu Hause umdekorieren. Guten Abend zu Kontraste! Die Frauen, die unsere Reporterinnen in den letzten Wochen getroffen haben, sehen das anders: Susett Kleine, Wiebke Nieland und Lisa Wandt zeigen, warum Frauen die wahren Verliererinnen der Corona-Krise sind und sich auch genauso fühlen. 

Silke Krämer, Kinder-, Jugend- und Familien-Coach

„Das es heißt, naja, die Mütter, die können das ja machen, die machen jetzt halt ein bisschen Homeoffice und betreuen noch nebenbei ihre Kinder. Und wie soll das gehen?“

Claudia Klemt, gelernte Redakteurin

„Ich liebe meine Kinder und mir macht das auch Spaß. Aber der andere Part, der mich halt vollständig machen würde, der fehlt.“

Meike Runschke, Kommunikations-Trainerin

„Das ist nicht das Leben, das ich mal für mich gewählt habe. Das ist eigentlich das Schlimme, dass ich ein Leben lebe, das ich a nicht gewählt habe und ich habe mich immer darum bemüht, nie dahinzukommen.“

Egal wie emanzipiert sie vorher waren – seit Corona fühlen sie sich alle auf die Rolle als Hausfrau und Mutter reduziert. Und sie haben Angst, in dieser Rolle steckenzubleiben.

Meike Runschke aus Hamburg hat immer viel gearbeitet, an ihrer Karriere gefeilt. Von der Hotelfachfrau hat sie sich bis zur Personal-Chefin einer großen Werbeagentur hochgekämpft. Seit Corona aber ist sie arbeitslos, es ging runter von 100 Prozent auf:

Meike Runschke, Kommunikations-Trainerin

„Null Aufträge, null Einkommen, für eine sehr lange Zeit.“

Dass sie jetzt nur noch Hausfrau ist, Kinderzimmer aufräumt und putzt oder sich um ihren 11-jährigen Sohn Fred kümmert, schmerzt die 44-jährige ganz besonders.

Meike Runschke, Kommunikations-Trainerin

„Ich habe mich sehr viel darum bemüht, bis ins hohe Alter, mich zu jedem Zeitpunkt selbst ernähren zu können. Und schaue jetzt aktuell in Corona um mich herum, also erstmal jetzt bei mir, und denke: ich bin zu Hause.“

Vor Corona hat sich Meike Runschke die Hausarbeit mit ihrem Mann genau fifty-fifty aufgeteilt. Beide haben Vollzeit gearbeitet. Völlig gleichberechtigt. 

Doch das ändert sich nun: Der gemeinsame Sohn ist fast immer Zuhause. Sein Hort hat zu und Schule gibt es für ihn nur zweimal die Woche für wenige Stunden.

In Familien, wo bislang die Hausarbeit gleichberechtigt zwischen Mann und Frau aufgeteilt war, entsteht durch Corona ein Ungleichgewicht – zu Lasten der Frauen: Den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen nun bei 30 Prozent der Familien die Frauen. Nur zu 10 Prozent die Männer.

Meike Runschke muss sich erstmal keine existentiellen Sorgen machen, ihr Mann arbeitet weiter. Doch sie will partout nicht finanziell von ihm abhängig sein.  

Meike Runschke, Kommunikations-Trainerin

„Wenn ich jetzt dauerhaft aus dem Berufsleben rausgedrängt bin durch diese Krise, boah, dann ist das richtig scheiße.“

Als einstige Personalchefin weiß sie, wie sich das auf die Karriere auswirkt, wenn Frauen wegen Kindern pausieren. Nach der Baby-Falle kommt nun die Corona-Falle.

Meike Runschke, Kommunikations-Trainerin

„Wer ist da und leistet jetzt, der wird, natürlich weil er sich jetzt auch in der Krise beweisen konnte, wer hat das Team durchgeführt, die Zahlen wieder nach oben gebracht. All diese ganzen Erfolgsstorys werden dann jetzt in der Krise geschrieben. Und der der nicht da ist, kann diese Erfolgsstorys nicht schreiben. Wenn jetzt einfach mehr Männer wieder unterwegs sind, dann fehlt das den Frauen einfach die Strecke.“

Die Professorin Jutta Allmendinger forscht seit vielen Jahren über die Gleichstellung von Mann und Frau. Sie glaubt: Corona wird die Frauen um drei Jahrzehnte zurückwerfen.

Prof. Jutta Allmendinger, Soziologin, Präsidentin Wissenschaftszentrum für Sozialforschung

„Heute geht es Frauen ja nicht nur um Geld, es geht ihnen auch um Zeit, es geht ihnen darum kreativ zu sein, es geht darum, ein Stück eigenes Leben zu haben. Und das ist das, was uns zurückgeworfen hat. Jenseits von Karriereeinbrüchen, die wir definitiv sehen werden, auch noch in zehn Jahren.“

Zurzeit werden 85 Prozent der Kinder überwiegend Zuhause betreut. In fast der Hälfte dieser Fälle übernehmen die Mütter allein die Betreuung.

Auch wenn Kitas und Schulen zurzeit mancherorts wieder stunden- oder tageweise geöffnet sind - ein Ende der Doppelbelastung, vor allem für die Frauen, ist nicht in Sicht.

Eileen Oberthür, Pflegekraft

„Soll ich? Teilweise viel überfordert, gerade was das Homeschooling angeht, mit den Hausaufgaben. Mein Mann arbeitet Vollzeit, weil er mehr verdient wie ich und deshalb mache ich Teilzeit.“

Cecilia Eggert, Zimmerservice im Hotel

„Ich denke immer, dass ich mehr mache. Also Zuhause meine ich.“

Carolin Conrad, Dokumentaristin im Krankenhaus

„Für mich ist es hart als alleinerziehende Mutter, das alles unter einen Hut zu bekommen. Ich setze mich dann halt nachmittags an den PC, arbeite halt bis nachts und kümmere mich dann morgens wieder ums Kind."

Aneta Majchrzak, Pflegerin

„Immer Handy dabei, jede halbe Stunde rufe ich an, frage, ob alles okay ist. Ich weiß, acht Stunden, neun Stunden allein Zuhause ist für das Kind nicht einfach. Und hoffe, dass das irgendwo endet, für uns, für Frauen."

Claudia Klemt, Redakteurin

„Gesellschaftlich wird das einfach als selbstverständlich hingenommen, dass die Frauen, die Mütter hier, das jetzt alles noch mit links nebenbei zusätzlich on top leisten können. Und das läuft ja.“

Claudia Klemt aus der Eifel wollte gerade beruflich wieder loslegen. Nach drei Jahren Babypause. Doch Corona hat sie völlig ausgebremst: Fast drei Monate war die Kita zu. Also musste Claudia Klemt ihre Töchter Jule und Louisa Zuhause betreuen.

Das hier sollte ihr Büro sein. Der Karriereplan steht: die Selbstständigkeit in der Unternehmenskommunikation. Umsetzen kann sie diesen Plan jetzt nicht.

Claudia Klemt, Redakteurin

„Ich bin froh, wenn die Tür zu ist und ich einfach nur vorbeigehen kann, und möchte mich damit gar nicht konfrontieren, weil es genau die Situation wiedergibt, wie es gerade ist, dass meine Bedürfnisse und meine Pläne einfach gerade weggebrochen sind, im Chaos versinken.“

Claudia Klemt wollte nie nur Hausfrau sein, sie hat Politik studiert und eine Ausbildung als Redakteurin gemacht. Doch während sie nun bis auf weiteres Vollzeit zuhause ist, geht ihr Mann Vollzeit arbeiten.

Claudia Klemt, Redakteurin

„Das hatte ich mir für meine Töchter anders gewünscht, anders vorgestellt. Dass die auch sehen, dass die Mama arbeiten geht und dass das normal ist.“

Dass jetzt das meiste an den Frauen hängen bleibt, war abzusehen. Nur ca. 29 Prozent der Männer haben bereits vor Corona täglich gekocht oder geputzt. Bei den Frauen hingegen lag der Anteil bei rund 72 Prozent.

Wäsche waschen, einkaufen, Kinder betreuen – die ganze Hausarbeit bleibt auch an ihr hängen. Eine Verantwortung, die Claudia Klemt lieber mit ihrem Mann teilen würde.

Claudia Klemt, Redakteurin

„Ich habe mich eben entschieden, als die Kinder auf die Welt kamen, dass ich erstmal zuhause bleibe. Und da sitze ich halt nach wie vor immer noch.“

Dass viele Mütter nun wieder mehr Zuhause sind, findet Fürstin Gloria von Thurn und Taxis gerade gut. Die mehrfache Mutter sieht in der aktuellen Entwicklung eine Chance für die Frauen.

Gloria von Thurn und Taxis, Fürstin

„Die Familie ist etwas Tolles und Familie ist auch ein Beruf, die Frau Zuhause ist nicht, sitzt nicht rum und macht langweilige Dinge, es ist ja nicht nur Essen kochen und Wäsche waschen, sondern man könnte eine Bibliothek aufbauen, man könnte musikalische Erziehung, man könnte Fremdsprachen und und und, also man kann da schon Großes leisten, Zuhause.“

Hauptsächlich Mutter sein – dafür hat sich Silke Krämer im Baden-Württembergischen Heidelberg entschieden: Ihr Mann Steffen schafft als Pilot das Geld ran – sie arbeitet selbständig als Familien-Coach in Teilzeit.

Doch selbst bei ihr gerät nun das traditionelle Weltbild ins Wanken.

Silke Krämer, Kinder-, Jugend- und Familien-Coach

„Ich war nie eine Feministin, aber ich habe auch mein Studium, ich habe auch meinen Beruf und ich hab auch noch andere Ziele und andere Perspektiven in meinem Leben, außer die Kinder. Die gehen in ein paar Jahren aus dem Haus und dann?““

Wie Silke Krämer geht es den meisten Müttern. Während 66 Prozent von ihnen in Teilzeit arbeiten, tun das nur sechs Prozent der Väter.

Dank staatlicher Kinderbetreuung konnte sie bislang arbeiten. Sie fordert, dass die Schulen und Kitas endlich wieder geöffnet werden.

Silke Krämer, Kinder- und Jugend- und Familien-Coach

„Ich habe das Gefühl, es wird so auf die lange Bank geschoben. Da kommen keine kreativen Konzepte. Es ist alles nur so, wir müssen… Das ärgert mich.“

Silke Krämer und die anderen Mütter fühlen sich von der Politik allein gelassen. Auch von Familienministerin Franziska Giffey, die sich für ihre Belange nicht genug stark gemacht habe.

Im Interview mit Kontraste vertröstet Giffey die Mütter wieder einmal auf später.

Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin

„Mehr Zeit für Vereinbarkeit, für Kinderbetreuung heißt Ausbau der Kinderbetreuungsangeboteangebote, Rückkehr in den Regelbetrieb. Ich würde es begrüßen, wenn das Infektionsgeschehen so bleibt, dass Kitas und Schulen nach den Sommerferien auch wieder komplett öffnen.“

Im Konjunkturpaket hat die Ministerin gerade eine Milliarde Euro für den Kita-Ausbau rausgeholt. Den Müttern hilft auch das erstmal nicht weiter. 

 

Beitrag von Susett Kleine, Wiebke Nieland und Lisa Wandt

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