Schild auf einer Demo. Foto: Sachelle Babbar/imago images
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Spaltthema Hygiene-Demos - Wie Corona-Verschwörungstheorien langjährige Freundeskreise entzweien

Es ist eine Protestbewegung, die unter dem Schlagwort „Hygiene-Demos“ bekannt geworden ist und ganz unterschiedliche Gruppen anzieht, darunter verunsicherte Bürger, aber auch Esoteriker, Verschwörungstheoretiker und Rechtsradikale. Sie alle eint ihre tiefe Skepsis gegenüber den politischen Institutionen, den öffentlich-rechtlichen Medien und den führenden Virologen. Kontraste-Reporter gehen den Fragen nach: Was steckt hinter der „Corona-Wut?“ Wer sind die Initiatoren der Proteste? Sind diese Menschen noch für einen Dialog erreichbar? 

Anmoderation: Unser Arbeitsleben, die Situation in Schulen, Kitas, bei uns zuhause: All das zeigt doch, wie weit wir - trotz Lockerungen - noch entfernt sind von Normalität. Einige haben diese Einschränkungen so schockiert, dass sie seit März auf die Straße gehen. Gemeinsam mit Verschwörungstheoretikern, Impfgegnern und Rechtsextremen, die die Protestimmung für sich nutzen wollen. Wie hälst Du es mit Corona? Diese Frage polarisiert so, dass daran sogar langjährige Freundschaften zerbrechen.

Ende März gehen in Berlin erstmals Menschen wegen der Corona-Verordnungen auf die Straße und filmen sich dabei selbst. Ihr Thema: Grundgesetz und Freiheitsrechte in Zeiten der Pandemie.

Auch Tine Neumann hadert mit den Einschränkungen - eingesperrt, nur raus zum Einkaufen und zum Arzt ohne zu wissen wie groß und real die Gefahr wirklich ist. Täglich neue Informationen, täglich neue Fragen - schon bei der ersten Demonstration in Berlin ist sie dabei.

Tine Neumann

„Als dieser Lockdown kam und eigentlich immer weiter Einschränkungen für die Grundrechte hier passiert sind war ich total innerlich: das kann doch nicht sein, dass dazu niemand den Mund aufmacht und dass es alle hinnehmen und dass auch niemand sich dagegen wehrt. Die Frage der Notwendigkeit mal beiseitegelassen, dachte ich mir, eine Debatte müsste es wenigstens geben.“

Zu Beginn sind die Proteste eher spielerisch-aufmüpfig. Menschenansammlungen sind verboten, also zieht man durch Berlin, mit dem Grundgesetz unterm Arm. Doch nach und nach verändern die Demonstrationen ihren Charakter. Es stoßen Menschen mit ganz anderen Motivationen hinzu.

Demonstrant

„Wo ist die Seuche, sagen Sie es mir!“

Pandemie-Leugner, Impfgegner, rechte Youtuber und echte Nazis. Tine Neumann macht dennoch weiter und stößt in Ihrem Bekanntenkreis langsam auf Unverständnis - vor allem bei denen, die von der Pandemie geschockt, zuhause bleiben. Ihre Freunde stellen Fragen.

Tine Neumann

„Die haben auf einmal mich gefragt, sag mal, Tina, du bist doch auf der, du gehst doch immer auf diese Demos von denen… du gehst doch auf diese Nazidemos. Dass sie mich nicht gefragt haben, sag mal, bist jetzt Reichsbürgerin. Das ist wahrscheinlich der nächste Schritt. Es ist ja vielleicht eine ganz gute Chance zu erklären. Nein, ich bin nicht Reichsbürger. Ich bin immer noch die Tine, die ich immer war.“

Immer drängender wird die Frage: wie umgehen mit den Protesten, den Menschen dort und wie mit den Zweifeln, den Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen? 

Tine Neumann

„Von Demo zu Demo habe ich mir jedes Mal die Gewissensfrage gestellt, will ich hier nochmal hin, darf ich hier überhaupt noch mal hin, bereichere ich dann nicht eine Bewegung, die jetzt hier als „rechts“ deklariert wurde. ich fand aber, nein, da kann ich nicht einfach sagen, da bleibe ich weg, weil da die falschen Leute stehen. das ist eben eine sehr heikle Geschichte.“

Es ist eine Gratwanderung, die auch im Privaten immer tiefere Spuren und schließlich auch Verletzungen hinterlässt. 

Tine Neumann

„Ich bin persönlich irgendwie davon mitgenommen, dass ich unter einer Art von Misstrauensvotum falle, wenn ich nur wage irgendjemandem gegenüber zu sagen, dass ich das, was hier passiert ist, das Ausmaß der Maßnahmen, die Einschränkung der Grundrechte, die Debattenlosigkeit, die Beratungsmonopole. Dass ich das nicht in Ordnung finde.“

Demonstranten

„Freiheit! Freiheit!“

Als die Demonstrationen eskalieren, wird es ihr zu laut. Sie sucht sie sich für ihren Protest einen ruhigen Platz am Reichstag. 

In Nürnberg erlebt auch Rüdiger Löster, wie Freundschaften in der Corona-Krise auf die Probe gestellt werden. Freunde von ihm beginnen plötzlich, an Corona-Verschwörungen zu glauben. Mit missionarischem Eifer versuchten sie, ihn ebenfalls zu überzeugen.

Rüdiger Löster

„Ich habe dann auf einmal Videos zugeschickt bekommen, von irgendwelchen Pseudo-Virologen. Ich bin gefragt worden, ob ich mich denn gut informiert fühle. Ich Ja, ich fühle mich sehr gut informiert. Ja, aber ob ich auch Bescheid weiß, was da Bill Gates macht und was er schon alles verbrochen hat und was er jetzt vorhat mit ihm, mit Corona. So in dem Stil ging das immer ab.“ 

Untersuchungen zeigen: in Deutschland hat mittlerweile jeder Fünfte ein verschwörungsideologisches Weltbild – und ist mit Fakten und rationalen Argumenten kaum noch zu erreichen.

Rüdiger Löster spürt die Folgen ganz persönlich. Bereits vier Freundschaften sind dem Corona-Verschwörungsglauben zum Opfer gefallen. Eine davon bestand seit dreißig Jahren. Dass sie so endet, ist für den Rentner, der lange Jahre für die SPD gearbeitet hat, eine bittere Erfahrung.

Rüdiger Löster

„Früher, wenn man mal sowas, was durchaus mal vorkam, was ja Freundschaft aus politischen Gründen endet. Da war aber immer noch bis zuletzt ein vernünftiges Gespräch möglich. Man geht verschiedene Wege. Kein Problem, aber man konnte vernünftig reden bis zum Schluss. Das ist jetzt überhaupt nimmer möglich. Da wird versucht, einen zu überzeugen von diesen ganzen Verschwörungssachen. Und wenn man dann nicht darauf anspringt und bejubelt und sagt Ja, ist klasse, und genau das ist es, dann wird richtig knallhart abgebrochen der Kontakt.“ 

Dabei hatten er und sein ehemaliger Freund gemeinsame Ideale. Zusammen stellten sie sich Naziaufmärschen in den Weg. Doch jetzt, sagt Rüdiger Löster, tauchen die Rechten auch auf Protestdemonstrationen gegen Coronamaßnahmen auf, Seite an Seite mit Impfgegnern, die die Maskenpflicht kritisieren.

Die Freunde von einst – sie stehen jetzt auf unterschiedlichen Seiten.

Rednerin

„Derzeit sind ja unsere Grundrechte entzogen, und ich erkenne auch nicht, dass sie uns in absehbarer Zeit wiedergegeben werden.“

Rüdiger Löster

„Am Anfang war ich wütend. Das ist eine absolute Hilflosigkeit gewichen. Ich habe mich dann wirklich in der ganzen Argumentation und wie man mit den Leuten redet und so, ich habe mich hilflos gefühlt, weil mir einfach gar nichts mehr einfiel. Ich kann nichts anders bringen als die Argumente, wo es widerlegt wird, die Verschwörungstheorien. Und wenn das nicht mehr hilft? Was soll man da noch machen?“

Machen kann Rüdiger Löster wenig. Er hat gelernt: für Verschwörungs-Gläubige ist jedes Gegenargument nur Teil der Verschwörung.

 

Beitrag von Daniel Donath, Silvio Duwe, Bettina Malter und Marcus Weller

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