Waldstrich in Brandenburg (Quelle: rbb)
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Deutschland – der Puff Europas - Brauchen wir ein Prostitutionsverbot?

War die Legalisierung der Prostitution ein Fehler? Deutschland ist das Bordell Europas. Aus der SPD melden sich Frauen mit der Forderung nach einem Prostitutionsverbot zu Wort. Schweden und Frankreich haben dies bereits eingeführt. Dort werden Freier für den Sexkauf bestraft, nicht jedoch die Prostituierten - die Erfahrungen sind überwiegend positiv. Kontraste-Reporterinnen haben im Rotlicht-Milieu in Deutschland recherchiert. Sie trafen  Armutsprostituierte, die unter unwürdigen Bedingungen  in den Brandenburger Wäldern anschaffen, Zwangsprostituierte, die ihren Zuhältern entfliehen konnten und auch eine Frau, die freiwillig anschafft und nicht in die Illegalität gedrängt werden möchte. Doch ist saubere Prostitution überhaupt möglich?

Anmoderation: Eine Frau kaufen, für ne halbe Stunde, mit Haut und Haar und Anfassen – darf man das? Es ist auf jeden Fall legal in Deutschland. Wir haben eins der liberalsten Prostitutionsgesetze Europas. Das sollte Frauen aus ihrer Notlage holen, ihnen Sicherheit geben – hat es aber nicht. Tausende arbeiten nach wie vor nicht freiwillig, viele begeben sich weiter in Gefahr, wenn sie zu Freiern ins Auto steigen. Das Problem: Es geht, wenn es um Prostitution geht, um zwei völlig verschiedene Welten: Die selbstbewusste Sex-Arbeiterin mit der Steuerkarte und das Mädchen an der Ausfahrtstraße, das nichtmal auf Deutsch um Hilfe rufen kann. Bettina Malter und Caroline Walter über Sex-Arbeit und Sex-Ausbeutung. Direkt nebenan.

Sie tauchen plötzlich einfach auf. Am Rand der Bundesstraße 1, im Osten Brandenburgs. Nur wenige Kilometer vor der polnischen Grenze. Mitten im Wald. Die Frauen, die hier Sex anbieten, kommen meist aus Bulgarien, erfahren wir. Wir lernen Alexandra kennen. Sie geht mit uns dorthin, wo sie sonst Freier bedient. Sie erzählt uns, dass sie anschafft, weil ihre Mutter herzkrank ist und die Operationen sehr viel Geld kostet. Einen anderen Job hat die heute 31-Jährige nicht gefunden.

Alexandra

"Ich bin alleine nach Deutschland gekommen. Ohne Sprache, ohne Wohnung. Das alles war nicht gut gewesen. Ich hatte Angst, weil ich bin 25 Jahre alt gewesen. Das war sehr schwer."

Seit sechs Jahren prostituiert sie sich jetzt. Inzwischen fast täglich an der B1. Immer mit der Angst, dass der Freier zu dem sie einsteigt, schlecht zu ihr ist. Streit gibt es oft.

Alexandra

"Wenn Du nicht möchtest, dass der Kunde Dich anfasst, und er trotzdem weitermacht oder er nicht das tut, was Du sagst, dann nervt das. Und macht viel Stress."

Oft weigern sich die Freier, ein Kondom zu benutzen.

Alexandra

"Wenn ich sage: Ich will das nicht, und Freier sagen: Ich hab Dich aber bezahlt. Mache ich es trotzdem. Und kann nichts dagegen sagen."

Caro

"Und wie geht es dir damit?"

Alexandra

"Herz kaputt."

All das hier ekelt Alexandra an.

Uns fällt auf, dass an der Straße auch extrem junge Frauen stehen. Viele sprechen gar kein Deutsch. Als wir mit unserer Übersetzerin versuchen mit einer von ihnen ins Gespräch zu kommen, gibt es Ärger. Die Frau gegenüber versucht die Unterhaltung zu verhindern. Telefoniert. Passt sie hier auf? Ist das junge Mädchen freiwillig hier? Nur zehn Minuten später sind beide weg. Jemand hat sie abgeholt.

Wir erfahren: Das Ordnungsamt kontrolliert an der B1 nicht mehr. Wie kann das sein? Die Amtsdirektorin meint, ja der Straßenstrich sei gefährlich, aber sie hätte auch gar nicht das Personal, um das zu kontrollieren.

Roswitha Thiede, Amtsdirektorin Seelow-Land

"Man ist schon frustriert. Es gibt ja immerhin noch Bürger die sagen, könnt ihr nicht dafür sorgen, dass dieses Bild von der Straße verschwindet. Aber da müssen wir leider kapitulieren, wir müssen sagen dass uns die Hände gebunden sind, weil der Straßenstrich ist nun mal in Deutschland erlaubt."

Und zwar so liberal wie sonst kaum in Europa. Wir lesen im Netz von Männern, die nur deswegen herkommen. Deutschland Topreiseziel für Sextourismus. Wir finden Reiseseiten auf denen damit geworben wird: Tagsüber Sehenswürdigkeiten, nachts mit Guide ins Bordell. Sechs Tage für circa 3.000 Dollar.

Leni Breymaier (SPD), Bundestagsabgeordnete

"Wir sind das Bordell Europas. Aber nicht nur in Europa. Wir haben auf der Welt inzwischen einen Ruf wie Thailand. Man kommt nach Deutschland um mit dem Porsche 260 fahren zu können und anschließend kann man noch billig eine Frau ficken. Das ist Deutschland fürs Ausland und dafür schäme ich mich."

Eine rasante Entwicklung, so Breymaier, seit der Legalisierung der Prostitution Ende 2001. Unter dem legalen Deckmantel gebe es weiterhin Zwangsprostitution.

Eine Wohnung in Stuttgart. Hier sprechen wir mit zwei Frauen, die genau das erlebt haben. Sie sind aus Rumänien und erzählen uns: Die meisten Frauen werden in die Prostitution gezwungen. Bei Catalina war es ein Loverboy. Ein Partner, der anfangs Liebe vorgaukelt und sich dann als Zuhälter entpuppt.

Catalina

"Ich habe ein paar Tage nicht genug Geld gemacht. Da hat mein Zuhälter mich die ganze Nacht verprügelt. Ich war grün und blau von oben bis unten. Ich will mich nicht erinnern. Wenn sie mich gesehen hätten: Sie hätten gedacht, ich hatte einen Unfall. Das war die schlimmste Nacht meines Lebens."

Catalina schafft erst in Spanien an, landet in Italien, irgendwann in Deutschland: In Köln. Dortmund, Nürnberg, Stuttgart, von vielen Städten fehlt ihr der Name. Zwölf Jahre verfliegen wie im freien Fall. Sie hat mal zehn Männer am Tag, mal 15, 20, erzählt sie. Erst als ein Freier sie schwängert, schafft sie über eine Hilfsorganisation den Ausstieg.

Catalina

"Ich will nie wieder zurück. Ich ertrage es nicht, dass mich noch mal irgendwer anfasst."

Zwangsprostitution ist in Deutschland verboten, doch die Gesetze schützen die Frauen nicht, findet SPD-Politikerin Leni Breymaier. Es sei deshalb an der Zeit für eine radikale Lösung nach schwedischem Vorbild.

Leni Breymaier (SPD), Bundestagsabgeordnete

"Wir brauchen ein Prostitutionsverbot nach Nordischem Modell erstens um die Frauen zu schützen die bei uns sind und die die theoretisch zu uns kommen. Es geht mir am Ende des Tages auch um unsere Gesellschaft. Ich will in keiner Gesellschaft leben, in der ein Geschlecht das andere kaufen kann."

In Schweden hat das Nordische Modell seinen Ursprung. Vom ehemaligen Straßenstrich in Malmö ist heute nichts mehr zu spüren. Denn die Schweden haben für sich definiert: Prostitution ist Gewalt. Und deshalb wird jeder bestraft, der Sex kauft. Mit einem Bußgeld oder gar Haft. Bereits seit 20 Jahren gilt das. Kommissarin Karin Holmqvist findet: So kann sie besser gegen Zwangsprostitution ermitteln.

Karin Holmqvist, Leiterin der Polizeigruppe für Menschenhandel

"Wir verfolgen die Freier, aber wir arbeiten auch daran die Frauen zu identifizieren, die von Zwangsprostitution betroffen sind. Und weil das Gesetz erlaubt die Freier zu verfolgen, hilft uns das die Frauen zu finden."

Was sie außerdem erreicht haben: Einen landesweiten Kulturwandel. Die Schweden blicken jetzt anders auf Prostitution. Zur Wahrheit gehört aber auch: Es gibt sie immer noch.

Andere Länder wie Irland sind dem Beispiel von Schweden gefolgt.

Auch Nordirland, Frankreich, Norwegen und Island haben inzwischen ein Sexkaufverbot ohne die Frauen zu bestrafen.

Die Außenminister von Schweden und Frankreich riefen kürzlich alle EU-Länder auf, sie sollten Sexkauf verbieten. Um gemeinschaftlich den Menschenhandel zurückzudrängen.

Auch das EU-Parlament hat bereits 2014 für ein Verbot gestimmt. Und die Mitgliedstaaten aufgefordert, es einzuführen.

Aber hilft das Verbot wirklich?

Das Ausmaß des Menschenhandels lässt sich nur schwer in Zahlen fassen. Generell zeigen Studien: Dort, wo Prostitution legal ist, gibt es mehr Menschenhandel. Doch sobald es um konkrete Länder geht, fehlen unabhängige Daten. Vieles scheint daher Interpretation.

Die Bundesregierung lehnt ein Verbot deshalb auch ab.

Zitat

"Es konnte bisher insbesondere nicht belegt werden, dass die Einführung des Sexkaufverbots in Schweden einen Rückgang der Fälle von Menschenhandel zur Folge hat. (…) Ziel der Politik in Deutschland ist es, Frauen vor Gewalt zu schützen und sie dazu gerade nicht in die Illegalität zu drängen."

Keine Partei hat bisher Breymaiers Forderung nach einem Verbot übernommen. Auch Ulle Schauws von den Grünen findet: Ein Sexkaufverbot würde nur eine andere Gruppe benachteiligen.

Ulle Schauws (Bündnis 90/Die Grünen), Frauenpolitische Sprecherin

"Es gibt Menschen die sagen: Ich möchte in diesem Bereich arbeiten. Das als selbstbestimmte Entscheidung zu akzeptieren, finde ich richtig."

Damit meint sie Frauen wie Josefa Nereus in Hamburg. Sie nennt sich Sexarbeiterin. Die 33-Jährige ist seit zwei Jahren selbstständig. Und geht damit offen um, privat und im Netz. Auf Youtube hat die gelernte Mediengestalterin ihren eigenen Kanal, auf dem sie ihre Arbeit erklärt.

Josefa Nereus, Sexarbeiterin, Hamburg

"Es ist schon sehr belastend, immer wieder gefragt zu werden, ob ich das tatsächlich freiwillig mache, denn die Frage setzt ja voraus, dass ich es eventuell nicht freiwillig mache. Und das ist im Vergleich zu anderen Berufen auch eine extreme Ungleichbehandlung. Niemand fragt die Frau im Altenheim, ob sie das tatsächlich gerne macht, die alten Menschen zu pflegen. Da wird das einfach so vorausgesetzt, dass es in Ordnung ist. Für mich ist es ein Traumjob, was nicht bedeutet, dass ich auch mal ab und zu Tage habe, an denen ich denke, eeeeeh, aber alles in allem, bin ich sehr zufrieden mit dem Job."

Ihre Kunden, empfängt sie in einer Einzimmerwohnung und bietet Sexerlebnisse nach Maß. Die Mehrheit lehnt Josefa Nereus bereits am Telefon ab. Sie bedient nur die, denen sie nach einem Gespräch Vertrauen schenkt. Ein Sexkaufverbot nennt sie: ein Desaster.

Josefa Nereus, Sexarbeiterin, Hamburg

"In meinem Fall ist die größte Angst, die ich beim Sexkaufverbot hätte, ich bin ja geoutete Sexworkerin, dass ich meine Wohnung verliere und keine neue Wohnung bekomme. Und ich habe nicht die Ressourcen mir eine Eigentumswohnung in Hamburg zu leisten oder irgendwo anders. Ich hätte wirklich Angst, wo komme ich unter, wo kann ich überhaupt wohnen, wo kann ich weiter arbeiten, wenn ich nicht im Puff arbeiten. Ist ja auch die Frage. Wie wird das ausgelegt was für Arbeitsplätze sind dann tatsächlich noch möglich."

Für die einen mag es ein Beruf sein. Doch Deutschland versagt bisher dabei,  Zwangsprostituierte vor Gewalt und Ausbeutung zu schützen. Die Forderung nach einem Verbot ist ein wichtiger Schritt, die Debatte neu zu führen.

Beitrag von Bettina Malter und Caroline Walter

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