Themenbild Kontraste: Pegida und der Mord an Walter Lübcke - Hass und Häme, Foto: dpa/Swen Pförtner
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Hass und Häme - Pegida und der Mord an Walter Lübcke

Wie reagieren Pegida-Anhänger auf den Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke? Jede Einzeltat, jeden Mord, begangen von einem Flüchtling, prangert Pegida an und macht aus Einzeltaten einen Generalverdacht. Aber über rechtsextreme Täter - Schweigen, Ausblenden, Verharmlosen. Einblick in eine Welt, in der es keine Opfer von rechter Gewalt gibt.

Anmoderation: Aber zuerst blicken wir auf einen anderen Brandherd, der seit Jahren vor sich hinlodert – noch immer versammeln sich jeden Montag in Dresden Rassisten, Rechtspopulisten, Verschwörungstheoretiker, Frustrierte. Es ist still um sie geworden - SIE aber sind kein bisschen leise. Auch jetzt nicht, nach dem Mord an Walter Lübcke. Der Hass gegen ihn wurde auch bei Pegida in Dresden immer wieder geschürt. Meine Kollegin Caroline Walter ist nach der Tat nach Dresden gefahren. Sie wollte wissen, ob der Mord die Menschen nachdenklich gemacht hat.

Montag in Dresden: Pegida-Anhänger sammeln sich für ihren Dauerprotest. Wir wollen herausfinden, ob hier ein Nachdenken einsetzt nach dem kaltblütigen Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke. Der mutmaßliche Täter kommt aus der rechtsextremen Szene.

Kontraste

"Bedauern Sie denn den Tod von Lübcke?"

Pegida Demonstrant

"Bedauern? Ich meine, jeder ist, jeder hat Verantwortung, jeder muss mit der Verantwortung umgehen, die er macht. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich hab auch ein Geschäft, mich tut auch niemand bedauern, wenn es schlecht läuft."

Kontraste

"Wir reden hier von einem Mord!"

Pegida Demonstrant

"Ja…"

Pegida Demonstrant

"Da müssen Sie sich bei Frau Merkel bedanken wegen Lübcke hier."

Kontraste

"Aber was hat Frau Merkel damit zu tun?"

Pegida Demonstrant

"Die hat doch den Hass auf die Politiker geschürt, die hat das zu verantworten."

Pegida Demonstrant

"Dann ist ja bald eine menschliche Reaktion."

Kontraste

"Der Mord ist eine menschliche Reaktion?"

Pegida Demonstrant

"Wie es in Wald reingerufen wird, so schallt’s wieder raus. Jeder ist anders, ich würde es nicht machen, aber welche gibt’s eben."

Pegida Demonstrant

"Ich sehe den Herrn Lübcke als Volksverräter. Wer seinem eigenen Volk empfiehlt, auszureisen, wenn ihm die Flüchtlingspolitik nicht passt, das ist für mich ein Volksverräter."

Kontraste

"Bedauern Sie den Tod des Politikers?"

Pegida Demonstrant

"Nö, bedauern tue ich den nicht, aber find’s nicht in Ordnung."

Während Pegida jede Einzeltat von Flüchtlingen anprangert und rasend schnell verbreitet, beim Fall Lübcke aber: ausweichen und verharmlosen.

Kontraste

"Entsetzt Sie das?"

Pegida Demonstrant

"Entsetzt mich nicht. Das ist alles Schwindel von den sozialen Medien."

Pegida Demonstrant

"Im Vergleich zur linksextremen Gefahr ist ein Mord, was weiß ich, alle zwei, drei Jahre aus irgendwelchen Hassgründen relativ normal."

Pegida Demonstrant

"Kein Kommentar."

Pegida Demonstrant

"Warum ich muss ich mich über eine Einzeltat da äußern?"

Kontraste

"Sie äußern sich ja auch über jede Einzeltat eines Flüchtlings?"

Pegida Demonstrant

"Ja, das sind ja keine Einzeltaten, das ist jeden Tag."

Kontraste

"Was sagen Sie denn zu dem Mord an Lübcke?"

Schweigen

Auf der Pegida-Seite schreibt jemand zu Lübcke – "Bei dem wär mir noch ein Müllsack zu schade".

Wir wollen eine Antwort von Pegida-Gründer Lutz Bachmann. Er hat ein langes Vorstrafenregister, unter anderem wegen Drogenhandel und Volksverhetzung.

Kontraste

"Verurteilen Sie den Mord durch einen Rechtsextremen?"

Lutz Bachmann

"Haben Sie eine Schere?"

Kontraste

"Ne, ich frag Sie, ob Sie den Mord an Lübcke verurteilen?"

Lutz Bachmann

"Das ist ja schlecht. Keine Schere?"

Kontraste

"Nein."

Lutz Bachmann

"Oder ein kleines Messer oder so?"

Kontraste

"Was sagen Sie denn dazu, dass auf der Pegida-Seite Leute schreiben - Ihre Anhänger - ein Müllsack sei für Lübcke noch zu schade?"

Lutz Bachmann

"Sie haben wirklich keine Schere dabei?"

Kontraste

"Wollen Sie mich jetzt verarschen oder was? Ich rede grade über einen Mordfall mit Ihnen."

Lutz Bachmann

"Na, Sie haben doch angefangen damit mich zu verarschen."

Kontraste

"Es geht um einen Mord an einem Politiker."

Lutz Bachmann

"Haben Sie eine Schere oder nicht?"

Dabei hat Pegida schon 2015 bei der Stimmungsmache gegen Lübcke mitgemacht. Der damalige Gastredner bezeichnete Politiker als "Gauleiter gegen das eigene Volk".

Rede Akif Pirinçci, Pegida 19.10.2015

"Offenkundig scheint man bei der Macht, die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so abgelegt zu haben, dass man im Schulterstücken die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert."

In Deutschland gibt es immer mehr Morddrohungen gegen Politiker. Doch Bachmann und seine Mitstreiter hetzen einfach weiter -  aktuelles Hassobjekt die Grünen:

Rede Lutz Bachmann, Pegida 03.06.2019

"Man ist einfach nur noch angewidert, also ich bin es, von solchen Subjekten. So setzt sich die grünfaschistische Brut für absurde Klimaziele ein und hält an der Mär des menschgemachten Klimawandels fest."

Ein weiteres Feindbild - Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Rede Lutz Bachmann, Pegida 03.06.2019

"der kruden Theorien einer geistesbehinderten Kröte…"

Auch wir bekommen die Hetze zu spüren:

Wolfgang Taufkirch, Pegida

"Die Gruppe hier, von ARD KONTRASTE, die heute mit der Kamera rumlungern. Bin gespannt, ob die diesen…"

Sprechchöre: "Lügenpresse, Lügenpresse, Lügenpresse"

Wolfgang Taufkirch, Pegida

"Und das wäre dann gleich der nächste Beweis, wie die Presse, die wahren Verräter schützt."

Sprechchöre "Haut ab, Haut ab, Haut ab!"

Pegida weiß, wie man Hass schürt.

Kontraste

"Trägt so eine Hetze nicht zu solchen Taten bei?"

Pegida Demonstrant

"Unter Umständen möglich. Ja."

Kontraste

Warum macht man das dann?

"Nö, muss ja jeder seine Meinung sagen, gibt ja unterschiedliche Meinungen. Es werden ja nicht alle Meinungen akzeptiert."

Pegida Demonstrant

"Der Westen hetzt gegen den Osten."

Kontraste

"Das ist das Problem?"

Pegida Demonstrant

"Ja, das schon länger."

Nach neuesten Zahlen gibt es in Deutschland etwa 12.000 gewaltbereite Rechtsextreme, die eine Gefahr für die Demokratie darstellen – aber davon will man hier nichts hören.

Kontraste

"Es gibt 12.000 gewaltbereite Rechtsextremisten in Deutschland"

Pegida Demonstrant

"Ist ja lächerlich. Die Gefahr geht von links aus. Zu 99 Prozent."

Kontraste

"Warum wird die rechte Gefahr einfach ausgeblendet?"

Pegida Demonstrant

"Die wird nicht ausgeblendet, aber die ist mariginal."

Pegida Demonstrantin

"Bringt von den Linken mal im Fernsehen. Das sind die Verbrecher. Aber das macht Ihr ja nicht."

Opfer rechter Gewalt gibt es in diesem Weltbild nicht. Dass Hass den Boden bereitet, dafür übernimmt hier keiner Verantwortung.

Abmoderation: Weiterhetzen, statt innehalten nach dem Mord an Walter Lübcke. So muss man das, was wir da in Dresden beobachet haben, beschreiben. Dabei tragen auch die Hetzer für diesen Mord Verantwortung. Der Bundestagstags- präsident hat hierfür die richtigen Worte gefunden ...

Wolfgang Schäuble (CDU), Bundestagspräsident

"Neben dem rechts- extremistischen Gewaltpotenzial gehören zu den beklemmenden Erfahrungen der letzten Tage die Abgründe an Häme und Hass inmitten unserer Gesellschaft gegenüber denen, die in unserem Land Verantwortung übernehmen, vielfach ehrenamtlich in den Städten und Gemeinden. Das mag in einigen Fällen womöglich nur Gedankenlosigkeit oder schlicht Dummheit geschuldet sein. Aber menschenfeindliche Hetze war in der Vergangenheit und sie ist auch heute der Nährboden für Gewalt, bis hin zum Mord – und wer ihn düngt, macht sich mitschuldig."

Beitrag von Caroline Walter

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