Diesel-Umweltprämie - Die neuen Täuschungsmanöver der Autoindustrie

Auf Druck der Bundesregierung erfanden die Autohersteller im vergangenen Jahr die Umweltprämie für Alt-Diesel. Wer seinen Diesel verschrotten lässt, bekommt beim Kauf eines großen Neuwagens bis zu 10.000 Euro Rabatt. Bis jetzt wurden bundesweit mehr als zweihunderttausend Autos verschrottet, obwohl sie noch Jahre fahren könnten. Mit Umweltschutz habe das wenig zu tun, kritisieren Experten, die Ökobilanz der Abwrackaktion sei verheerend.

Anmoderation: Die Umweltprämie, haben Sie auch schon damit geliebäugelt? Wer seinen alten Diesel verschrotten lässt, bekommt beim Kauf eines Neuwagens einen Rabatt - bis zu 10.000 Euro. Überall wird seit Monaten dafür geworben, um die Stickoxid-Belastung in den Städten zu senken. Klingt zunächst mal gut - doch trägt die Umweltprämie tatsächlich zum Umweltschutz bei? Chris Humbs zerlegt einen Mythos.

Nicole Schindelar ist Chefin eines großen Schrottplatzes in München. Das Geschäft boomt. Vorm Pressen werden die Autos zerlegt. Viele davon sind im besten Gebrauchtwagenalter.

Nicole Schindelar, Autoverwertung Schindelar

"Das schöne Auto hier wird jetzt in einem Tag von einem Mann zerlegt und dann kommt es auch gleich ab in die Presse."

Dieser Audi A4 Turbodiesel ist acht Jahre alt. Er hat das Ausschlachten schon hinter sich.

Nicole Schindelar, Autoverwertung Schindelar

"Die Schrottpresse läuft jetzt auf Hochtouren. Also die ist wirklich jeden Tag in Betrieb. Früher ist die Presse nur ein-, zweimal die Woche gelaufen."

Fahrer Daniel Piccolotti holt schon die nächsten Diesel für die Verschrottung.

Daniel Piccolotti, Autoverwertung Schindelar

"Jetzt ist momentan 20 bis 30 Autos am Tag. Das ist alles wegen dieser Umweltprämie."

Die Umweltprämie: Ein Sonderrabatt, den Autohersteller beim Kauf eines Neuwagens anbieten – bis zu 10.000 Euro gibt es. Der Kunde muss dafür seinen alten Diesel, egal von welcher Marke, verschrotten.

So wie diesen Audi Q7. Er ist zehn Jahre alt und in einem guten Zustand. Dennoch, das Auto soll in die Presse. Einige wertvolle Teile hat das Autohaus bereits abmontiert.

Im Büro werden die Verschrottungszertifikate gegen die Schlüssel ausgetauscht.

VW-Händler: "Diese Autos hätten wir nicht verschrottet, wenn es keine Prämie geben würde."

Kontraste

"Das ist jetzt der Audi. Was hätte der noch gebracht?"

"Irgendetwas zwischen 6.000 – 7.000 Euro. Dadurch, dass sich der Kunde ein großes Auto gekauft hat, bekommt er eine Prämie von 10.000 Euro und das hätte das Auto natürlich nicht mehr gebracht."

Die so genannte Umweltprämie gibt es seit letztem August. Alleine der Volkswagen-Konzern hat inzwischen 170.000 Mal einen solchen Rabatt gewährt.

Und ebenso viele Diesel im Alter ab sieben Jahren, also ab Abgasnorm 4, verschrotten lassen.

Mit einem VW Touran und dem Q7 geht’s zurück zum Autofriedhof.

Nicole Schindelar, Autoverwertung Schindelar

"Ich sage mal 50 Prozent dieser Autos sind Euro 4 also richtig neue Fahrzeug die bis teilweise Baujahr 2012 gehen. Wenn man sich mit dem Thema mal befasst, dann bleibt eigentlich nur noch Kopfschütteln."

Auch in Berlin das gleiche Bild. Überall Diesel in bestem Zustand.

Andreas Schmidtke, Autopresse Berlin-Tempelhof

"Der Mercedes ist mit unser jüngster, ist  Baujahr Ende 2010. Mit 50.000 Kilometer runter."

Insgesamt wurden schätzungsweise schon über 200.000 gebrauchte Diesel vernichtet - mit Einführung der Umweltprämie.

Die Bundesregierung selbst drängte damals die Autokonzerne zu dieser Aktion. Und verzichtete dafür auf eine teure Nachrüstung. Beim Diesel-Gipfel verkaufte der damalige Verkehrsminister es als großen Erfolg, dass sich die Hersteller zu dieser Umweltprämie bereit erklärten.

Alexander Dobrindt (CSU), ehem. Bundesverkehrsminister

"Die Automobilkonzerne haben zugesagt, dass sie eigenfinanzierte Anreize kurzfristig schaffen werden."

Ob und wie sich der Austausch der oft nicht einmal zehn Jahre alten Autos auf die Umwelt auswirkt, das wollte die Bundesregierung eigentlich evaluieren.

Alexander Dobrindt (CSU), ehem. Bundesverkehrsminister

"Um die Wirksamkeit dieser Maßnahmen zu überprüfen, werden wir Analysen anstellen."

Auf unsere Frage, was die Maßnahme nun bringt, heißt es aus dem Verkehrsministerium unter dem neuen Minister Andreas Scheuer: Man habe keine Ahnung…

Zitat: "Wir bitten Sie daher, Ihre Frage direkt an die Hersteller … zu richten."

Das Versprechen, die Aktion zu überprüfen, wurde nicht eingehalten. Und die Hersteller? Volkswagen, BMW oder Daimler schweigen zu den Details der Umsetzung.

Wie viele Autos waren bei der Verschrottung jünger als zehn Jahre?

Welche Modelle wurden im Austausch verkauft?

Alles Geheimsache Autoindustrie!

Klar ist nur: Seit Einführung der Umweltprämie gingen die Neuzulassungen um 15 Prozent nach oben. Verkauft werden hauptsächlich Diesel und Benziner – und immer mehr schwere Autos.

Auffällig ist zudem: Wirklich saubere Diesel der neusten Abgasnorm Euro 6 d, bieten die Autohäuser zurzeit kaum an:

Kontraste

"Euro 6 d – haben sie die auch schon im Angebot?"

VW-Händler München

"Hätten wir hier leider im Showroom noch nicht stehen. Ab September gibt es dann wirklich jedes Fahrzeug mit 6 D-Norm, das man dann erwerben kann."

Kontraste

"Eigentlich müsste die Umweltprämie bis September – Oktober laufen, damit man ein wirklich sauberes Auto dann bekommt."

VW-Händler München

"Ja, so ist es."

Die Umweltprämie läuft bei VW aber im Juni aus, also bevor die sauberen Autos auf dem Markt sind.

Übrigens gibt es die Umweltprämie bei VW seit 1. April nur noch, wenn man sich einen neuen Diesel holt.

Welchen Stickoxid - also NOx-Ausstoß - die aktuell angebotenen Diesel-Neuwagen tatsächlich haben, das hat man hier berechnet.

Udo Lambrecht, Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg

"Die Umweltprämie hat aus meiner Sicht wenig Sinn gemacht, weil die neuen Fahrzeuge nach unseren Berechnungen im Schnitt gleich hohe Emissionen haben wie die Euro 4 oder Euro 3 Fahrzeuge."

Für die deutsche Umwelthilfe ist die Umweltprämie eine dreiste Veräppelung der Öffentlichkeit:

Jürgen Resch, Deutsche Umwelthilfe

"Bis jetzt wurden praktisch ausnahmslos die Ladenhüter abverkauft. Also die Autoindustrie hat ihre schmutzigen Diesel mit staatlicher Unterstützung nämlich mit der Nutzung des Begriffs Umweltprämie verkaufen können. Einmal mehr wurden die Verbraucher getäuscht."

VW sieht die Aktion dagegen als großen Erfolg und verspricht im Rahmen der Umweltprämie:

Zitat: "Volkswagen bekennt sich zu seiner Mitverantwortung für eine Klima- und gesundheitsschonende Mobilität…"

Nicht nur bei Stickoxid - auch beim klimaschädlichen Kohlendioxid ist der Nutzen dieser Umweltprämie äußert fraglich.

Denn: VW fördert den Trend zu immer schwereren und somit umweltbelastenden Autos.

Wer seinen alten VW Polo, also einen Kleinwagen gegen einen neuen Polo austauscht, bekommt 3.000 Euro von Volkswagen … Für einen durstigen SUV Touareg gibt es 10.000 Euro.

VW Polo – Realverbrauch: fünf Liter; Touareg: zehn Liter.

Zudem: Bei der Herstellung von Bauteilen für Autos wird viel CO2 freigesetzt.

Die Fertigung und das spätere Recycling machen bezüglich der CO2-Belastung im Leben eines Autos bereits einiges aus.  Hier blau.

Hinzu kommt die CO2-Belastung durch den Betrieb, das Tanken. Hier orange. Die Grundlast wegen der Herstellung beträgt bei Benzin oder Diesel-Autos also ein Drittel des Gesamtverbrauchs.

Bedeutet: Je früher ein Auto verschrottet wird, desto schlechter ist es für die Umwelt.

Nicole Schindelar, Autoverwertung Schindelar

"Die Umweltprämie trägt in meinen Augen den falschen Namen. Die sollte irgendwie Mehr-Absatz-für-Autohersteller-Prämie heißen, weil sie genau das Gegenteil bewirkt als die Umwelt zu schützen."

Beitrag von Chris Humbs, Ursel Sieber und Carsten Walter

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