Giftanschlag in Salisbury - Wie alternativlos ist das Russland-Szenario wirklich?

Mit dem Giftanschlag in Salisbury haben die westeuropäisch-russischen Beziehungen einen neuen Tiefpunkt erreicht. Auch Politiker, die nicht als Russland-Versteher gelten, warnen vor einem "neuen kalten Krieg". Bundeskanzlerin Merkel hat sich auf die Seite von Theresa May geschlagen und unterstützt die These vom "russischen Anschlag". Doch gibt es wirklich keine andere plausible Erklärung? Kontraste hat nachgefragt.

Heute morgen in Moskau. Dutzende US-Diplomaten und ihre Familien auf dem Weg zurück in die Heimat. Rauswurf aus Russland, nachdem russische Diplomaten zuvor aus den USA und westeuropäischen Ländern ausgewiesen worden waren. Die Eskalationspirale im Fall des Giftangriffs auf den Ex-Doppelagenten Skripal scheint kein Ende zu nehmen.

Anmoderation: Und damit herzlich willkommen, liebe Zuschauer.
Die britische Regierung und mit ihr Kanzlerin Merkel, beharren weiter darauf, dass Russland höchstwahrscheinlich hinter dem Giftanschlag steckt. Heute Nachmittag hieß es auf einmal in einigen Medien, das russische Labor sei identifiziert, in dem das Gift hergestellt wurde. Doch handfeste Beweise hat bisher niemand vorgelegt. Was also stimmt, was stimmt nicht, fragt man sich. Susanne Katharina Opalka und Ursel Sieber haben nachgeforscht und einen ehemaligen deutschen BND-Chef getroffen, der Merkel und May offen widerspricht.

Das geheime Militärlabor des britischen Verteidigungsministeriums in Porton Down, unweit von Salisbury. Hier wurde  die Tatwaffe für den Anschlag  identifiziert:  eine Chemiewaffe aus der Gruppe der Nowitschoks. Vorgestern platzte dann die Bombe: Ob das Nervengift tatsächlich aus Russland stammt, sei nicht nachweisbar.

Gary Aitkenhead, Britisches Militärlabor DSTL

"Wir haben nachweisen können dass es sich um ein als Novichok handelt, um ein Nervengas aus einem Militärlabor. Wir haben die genaue Herkunft nicht identifiziert."

(We are able to identify it as a Novichok, to identify that ist was a military grade nerve agent. We have not identified the precise source)

Dabei erklärt doch Premierministerin Theresa May seit Wochen

Theresa May, Premierministerin Großbritannien

"Die Regierung kam zum Schluss, dass sehr wahrscheinlich Russland verantwortlich war". Denn: es gäbe keine andere plausible Erklärung.

Angeblich bekam Angela Merkel von den Briten geheime Informationen. Sie übernimmt den Vorwurf fast wörtlich.

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

"Aller Wahrscheinlichkeit darauf hinweist, dass Russland in Verbindung mit diesem Nervengasanschlag steht und dass es gar keine anderen Erklärungen gibt."

Doch, es gibt andere Erklärungen. Das meint jedenfalls der ehemalige BND-Präsident Gerhard Schindler und stellt sich damit offen gegen die Kanzlerin.

Gerhard Schindler,  ehem. Präsident Bundesnachrichtendienst

"Ich glaube, die Sachlage ist sehr komplex und lässt viele Fragen offen und die Beweislage ist nach meiner Auffassung derzeit nicht so robust, wie die getroffenen Maßnahmen vermuten lassen."

Bekannt ist bis dato nur  der Ursprung der Nowitschok:  der Wissenschaftler Mirsanjov machte das geheime Programm der Sowjets in den 90er Jahren öffentlich.

Russland hat  aber bis 2017 alle Chemiewaffen vernichtet. Offiziell gibt es also keine Nowitschoks mehr.

Aber: auch westliche Staaten haben offenbar zu Schutzzwecken an Nowitschoks geforscht, etwa die USA – und Großbritannien in diesem Militärlabor, erklärt der weltweit anerkannte Chemiewaffenexperte Ralf Trapp.

Ralf Trapp, Chemiewaffenexperte

 "In Fachkreisen wurde immer davon ausgegangen als die Strukturen der Nowitschoks Anfang der 90er Jahre in die Öffentlichkeit kamen, dass einige der Labors im Westen und auch anderswo sicher, an diesen Stoffen zu Schutzzwecken gearbeitet haben".

Trotzdem verbreitet der britische Außenminister weiterhin nur eine Botschaft: Wenn es ein Nowitschok war, stammt es aus Russland. Mit solchen vertraulichen Briefings bringt er die Europäer auf Linie. Das Papier ist echt. Unfassbar: sechs Seiten, viele bunte Bilder über Putins Politik, aber kein einziger Beweis. Nur die Behauptung:

"Wir haben keine Zweifel, dass Russland verantwortlich ist."

An gleichem Tag stellt ein unabhängiges Gericht, der High Court in London im Fall Skripal fest: es sei eine Substanz eines "Nervengifts der Nowitschok-Gruppe oder eines eng verwandten Nervengifts".

Also ist doch nichts eindeutig? Wir fragen die Bundesregierung

Rainer Breul, Sprecher Auswärtiges Amt

"Was der high court da gesagt hat, das ist mir im einzeln nicht bekannt",

Und es folgt der bekannte Satz:

"Es gibt dazu keine plausible andere plausible Erklärung."

Plausibilität ist zu wenig in einer derart zugespitzten Lage, so der ehemalige BND-Präsident.

Gerhard Schindler, ehem. Präsident Bundesnachrichtendienst

"Er gibt andere Erklärungen, beispielweise dass das Gift abhandengekommen ist, beispielsweise dass es sich um eine Racheaktion ehemaliger Mitarbeiter der russischen Dienste handelt oder dass auch die russische organisierte Kriminalität mit beteiligt ist, um Putin zu schaden, also es gibt eine Reihe von anderen Varianten, die es aber abzuklären gilt."

Dass Nowitschoks auch illegal in Umlauf gekommen sind, belegt dieser Mafiamord aus den 90igern: Dieser Bankier wurde in Moskau mit einem Nowitschok ermordet. Ein Wissenschaftler des Chemiewaffenprogramms hatte das Gift an die Organisierte Kriminalität verkauft.

Fazit: Hinter dem Giftanschlag könnte Russland stecken – aber auch viele andere Täter. Bewiesen ist bislang nichts.

Trotzdem erklärt der Außenminister erklärt heute auf Nachfrage abermals.

Heiko Maas (SPD), Bundesaußenminister

"Was die Frage der Beweislage angeht, sind die Informationen, die wir von unseren Freunden aus Großbritannien haben, so eindeutig, dass wir einfach keine andere plausible Erklärung dafür finden".

Beitrag von Susanne Opalka und Ursel Sieber

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