Immer mehr Messerattacken - Gefühlte Wahrnehmung oder verdrängtes Problem?

Kandel, Lünen, Flensburg – kaum ein Tag vergeht ohne eine neue Meldung über brutale Messerattacken. Doch offizielle Statistiken zu den Übergriffen mit Stichwaffen gibt es bislang kaum. Auf Anfrage von Kontraste haben nun viele Bundesländer erstmals Zahlen ermittelt. Das Ergebnis: Seit 2015 werden bei tätlichen Auseinandersetzungen immer häufiger Messer benutzt. Die Täter sind meist junge Männer, mancherorts sind Ausländer bzw. Flüchtlinge klar überrepräsentiert.

Anmoderation: Kandel, Lünen, Flensburg - kaum ein Tag vergeht ohne neue Meldungen über Messerattacken. Die Polizeigewerkschaft warnt, Zeitungen berichten von Messer-Angst in Deutschland. Nur Hysterie - oder ist wirklich was dran an dem Thema? Nicht leicht zu sagen, denn es gibt keine offizielle Polizeistatistik, die Messerattacken dokumentiert! Also haben wir uns an die Arbeit gemacht: Diana Kulozik, Markus Pohl und Lisa Wandt liefern Ihnen Zahlen - und haben sich auf der Straße umgehört.

Berlin Neukölln. Wir sind unterwegs mit dem Anti-Gewalt-Trainer Carsten Stahl. Er ist hier aufgewachsen, war selbst kriminell. Heute will er Jugendliche vor seinen Fehlern bewahren.

Carsten Stahl, Anti-Gewalt-Trainer

"Ich hatte auch mal ein Messer dabei, mal ganz ehrlich von euch, wer hat auch schon mal, um damals cooler gewesen zu sein, ein Messer dabei gehabt. Mal ganz ehrlich…"

Jugendlicher

"Haben wir schon. Ja."

Carsten Stahl, Anti-Gewalt-Trainer

"Habt ihr auch gehabt. Ja."

Wir fragen nach, warum?

Jugendlicher

"Wenn jeder ein Messer trägt, dann will der andere auch ein Messer tragen und so geht es immer weiter."

Kontraste

"Aber hast du es auch schon mal rausgezogen das Messer, schon mal benutzt?"

Jugendlicher

"Benutzt noch nicht, aber rausgeholt ja."

"Anderen Leuten Angst machen."

Seit vier Jahren macht Carsten Stahl mit Schülern bundesweit Präventionsarbeit. Ihn besorgt, wie viele junge Menschen inzwischen Messer bei sich tragen.

Carsten Stahl, Anti-Gewalt-Trainer

"Das gab‘s zu meiner Zeit schon, auch ich hab diese Phase durchgemacht, aber sie war nicht so prägnant, wir waren nicht so brutal und wir haben nicht so schnell das eingesetzt und so gezielt eingesetzt das hat sich schon immens verstärkt."

Seine Erfahrung spiegelt sich in den vielen Schlagzeilen über Messerattacken, teilweise tödliche Angriffe wie in Lünen, Dortmund oder Flensburg.

Ist das alles nur eine gefühlte Wahrheit oder nehmen solche Attacken tatsächlich zu?

Auf der Suche nach Antworten fahren wir nach Leipzig. Denn bei der Polizei hier gehören gefährliche Situationen mit Messern immer mehr zum Alltag. Deshalb wurden die schusssicheren Westen um einen Schutz gegen Stichwaffen erweitert.

Andreas Loepki, Polizei Leipzig

"Die Notwendigkeit ergab sich aufgrund der gefühlten und statistisch belegten Kriminalitätslage in Leipzig, aber auch in ganz Sachsen. Dass eben die Kollegen schon einem erhöhten Gefahrenmoment ausgesetzt sind, attackiert zu werden, durch Messer attackiert zu werden."

Pressesprecher Andreas Loepki hat Fälle gefährlicher Körperverletzung ausgewertet, in denen Messer eine Rolle spielten.

Andreas Loepki, Polizei Leipzig

"Fakt ist, dass wir einen Anstieg innerhalb der gefährlichen Körperverletzung haben. Fakt ist, dass es dabei verstärkt zum Einsatz von Messern kommt."

Konkret heißt das für Leipzig: Die Zahl der Fälle, in denen Messer eine Rolle spielten, ist von 62 im Jahr 2014 auf 138 in 2017 gestiegen. Also um 123 Prozent.

Was man bei diesen Zahlen beachten muss: Es könnten auch Fälle dabei sein, bei denen ein Messer nur mitgeführt wurde, aber nicht Tatwerkzeug war oder bei denen es zur Verteidigung eingesetzt wurde.

Eine bundesweite Auswertung des Tatmittels Messer gibt es bislang nicht. In der Polizeilichen Kriminalstatistik werden nur Taten mit Schusswaffen extra genannt.

Auf Anfrage von Kontraste haben zehn Bundesländer Zahlen zu Straftaten mit einem Messer recherchiert. Das Ergebnis zeigt überall eine Steigerung seit 2014: in Hessen etwa um 29 Prozent, in Brandenburg um 55 Prozent, und in Baden-Württemberg um 13 Prozent.

Ein Anstieg von Messer-Delikten also ab 2015. Hängt das mit dem Zuzug vieler Flüchtlinge zusammen? Eine politisch brisante Frage, die in der aktuellen Debatte immer mitschwingt.

Unsere Frage nach der Herkunft der Tatverdächtigen haben nur fünf Bundesländer beantwortet. Das Ergebnis: Mancherorts sind Nichtdeutsche bei Messer-Delikten überrepräsentiert. In Baden-Württemberg etwa gehen verhältnismäßig viele Fälle auf Flüchtlinge zurück.

Genauso wie in Leipzig: Hier standen laut Polizei im vergangenen Jahr fast die Hälfte der Messer-Delikte in Verbindung mit Flüchtlingen.

Andreas Loepki, Polizei Leipzig

"Das soll aber nicht bedeuten, dass quasi Leipzig – im gesamten Stadtgebiet – Zuwanderer mit Messern umherlaufen und darauf warten Passanten ja damit zu bedrohen oder sie zu verletzten. Weil eine Vielzahl dieser Delikte spielt sich wiederum in Gemeinschaftsunterkünften, im häuslichen Umfeld von Asylbewerbern und unter Asylbewerbern ab."

Viele traumatisierte Menschen, kaum Perspektiven – das führt zu Konflikten, die in der Vergangenheit mehrfach eskaliert sind.

Jamal

"Wir wohnen alle mit 500 Leuten in einer Notunterkunft, da wohnen wir mit verschiedenen Kulturen und wenn wir nicht mit den Kulturen klarkommen, dann passiert das manchmal so."

Der Afghane Jamal lebt seit drei Jahren in einer Flüchtlingsunterkunft. Während einige seiner Mitbewohner ein Messer tragen, hat er seins mit der Flucht nach Deutschland abgelegt, erzählt er uns.

Kontraste

"Und warum machen Sie das hier nicht? Weil es verboten ist?"

Jamal

"Nein, nein. Weil wir hier in Sicherheit wohnen."

Einige Flüchtlinge scheinen das anders als Jamal zu sehen. Auch wenn genaue Zahlen dazu bislang fehlen.

Das Messertragen unter Flüchtlingen ist laut Prof. Dirk Baier noch nicht erforscht. Der Soziologe hat aber kürzlich eine Studie veröffentlicht - zu Gewalt bei Flüchtlingen in Niedersachsen.

Prof. Dirk Baier, Gewaltforscher, Institut für Delinquenz und Gewaltprävention, Zürich

"Wir können einen zehnprozentigen Anstieg der Gewaltkriminalität feststellen, wir können auch feststellen, dass das zum Großteil mit dem Flüchtlingszuzug zusammenhängt. Das heißt, da hat Flüchtlingszuzug zu mehr Gewaltkriminalität geführt, das ist Fakt. Der zweite Fakt ist aber auch, dass wir das gut erklären können, woran das liegt. Es sind sehr viele junge Männer nach Deutschland gekommen, junge Männer sind gewalttätiger als andere Bevölkerungsgruppen."

Es sei also kein reines Flüchtlingsproblem, sagt Baier. Schon seine Untersuchung unter Jugendlichen für die Jahre 2013 bis 2015 hat ergeben: Fast jeder dritte 15-Jährige hatte gelegentlich ein Messer dabei. Entscheidend sei nicht die Herkunft, sondern auch das Aufwachsen in einem männlich dominierten Umfeld.

Prof. Dirk Baier, Gewaltforscher, Institut für Delinquenz und Gewaltprävention, Zürich

"Wenn Eltern und Väter mit Gewalt agieren, dann orientieren sich die Kinder vielleicht auch eher an diesen Eltern, an diesen Vätern. Also eine unheilvolle Allianz zwischen diesen Männlichkeitsorientierungen und diesem Messer mit sich führen."

Zurück in Berlin. Im Brennpunkt Wedding erzählen uns die Jugendlichen von ihren Erlebnissen mit Messern.

Jugendlicher

"Jeder zweite hier hat was dabei."

Kontraste

"Und warum?"

Jugendlicher

"Die wollen halt auf krass tun. Zum Beispiel jetzt wenn Massenschlägerei ist, dann wollen die abstechen und so."

Angeblich tragen diese Jungs selbst alle kein Messer.

Kontraste

"Warum hat man ein Messer?"

Jugendlicher

"Es kostet einfach weniger. Es kostet weniger, jeder kann es besitzen und richtet halt Schaden an."

Fakt ist also: Messerdelikte haben bundesweit zugenommen. Und: Die Zunahme von Messerdelikten hängt nach unserer Recherche auch mit dem Zuzug von Flüchtlingen zusammen.

Prävention hält Carsten Stahl hier deshalb für besonders wichtig.

Carsten Stahl, Anti-Gewalt-Trainer

"Wir müssen aber bei der Integration auch bedenken, was diese Menschen erlebt haben. Die haben es ganz anders gelernt mit Gewalt umzugehen und dazu zustehen und auch vielleicht mit Waffen umzugehen und wenn die natürlich jetzt hier herkommen und integriert werden sollen, da geht’s jetzt nicht nur um deutsch, sondern es geht darum, dass man denen auch klarmacht, dass hier Waffen verboten sind, dass es hier verboten ist Gewalt einzusetzen. Wichtig ist, dass ihr das heute nicht mehr macht. Hoffentlich. Jungs ich danke euch."

Beitrag von Diana Kulozik, Markus Pohl und Lisa Wandt

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