22.05.2021, Berlin, Impression von der Anti-Corona Demo, die erneut von der Bewegung Querdenken initiiert wurde. Bild: Vladimir Menck/SULUPRESS.DE
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Wie sich Teile der Bewegung weiter radikalisieren - Querdenker im Kampfmodus

Die Querdenker haben sich in ihrem Kampf gegen eine angebliche Corona-Diktatur radikalisiert. Sie träumen vom Umsturz, später wollen sie die Bundeskanzlerin vor ein Kriegsverbrechertribunal bringen. Das soll eine Gruppe von ehemaligen Bundeswehrsoldaten und Ex-Polizisten erledigen, die sich als Freiheitskämpfer sehen: Sie werden angeführt von einem ehemaligen Oberst des Kommando Spezialkräfte (KSK). Ihre Einsatzfähigkeit hat die Gruppe nach der Flut in Ahrweiler erprobt.

Anmoderation: Gerade bildet sich da sowas wie ein harter Kern der Querdenker-Bewegung: Übrig bleiben die, deren Überzeugung besonders fest ist, die gleich für die Freiheit kämpfen - und nicht nur gegen die Maskenpflicht. Und dass sich da auch Ex-Soldaten und  Polizisten tummeln, die mit Waffen und Gewalt umgehen können, macht die Sache brandgegfährlich. Silvio Duwe, Markus Pohl und unser Kollege Olaf Sundermeyer von rbb24 Recherche. 

Querdenken vergangenes Wochenende: Nicht nur Polizisten werden angegangen, die Aggressionen treffen auch unsere Reporter.

„Wenn du hier filmst, nimmst du die Maske ab und gibst erstmal deine Daten her, mach mal dein Ding weg hier, hallo, hallo“ – „Hau ab, hau ab! Lügenpresse, Lügenpresse!“

Unter den Anheizern in Berlin auch Männer, die aus dem Sicherheitsapparat kommen. So wie Karl Hilz, ehemaliger Polizeihauptkommissar

Karl Hilz, ehem. Polizist

„Die Regierungen treten unsere Grundrechte mit Füßen, und das hat kein Beamter, keine Polizei zuzulassen, denn das ist Hochverrat!“

Gezielt will Hilz Polizeibeamte für die Querdenken-Bewegung gewinnen. Er hat dafür die Vereinigung „Polizisten für Aufklärung“ gegründet. Hilz behauptet, viele Beamte würden seine Ansichten teilen.

Karl Hilz, „Polizisten für Aufklärung“

„Es sind sehr viele, die sich berufen fühlen. Nur zeigen sie nicht, dass sie zu unserer Friedens- und Freiheitsbewegung gehören, weil sie sonst von den Mainstream-Medien regelmäßig diffamiert und angegriffen werden.“

Immer wieder fallen uns während der Proteste auch Demonstranten auf, die Militärkleidung tragen und offenbar einen entsprechenden Hintergrund haben – so wie dieser Hauptfeldwebel.

„Finden Sie die Frage ist berechtigt, dass man sich die Frage stellt, warum jemand in Uniform…“ – „Die Frage ist berechtigt, aber mit ihnen möchte ich mich darüber nicht unterhalten.“

„Ich habe damals einen Eid geleistet, der hieß irgendwie mein Volk zu schützen gegen innere und äußere Feinde.“

„Als die Polizei auf die Bürger losging, da haben sich die Reservisten und Veteranen dazwischen gestellt, und dafür bin ich jetzt da.

Die bewusste Konfrontation mit der Polizei haben sie sich aus den Niederlanden abgeschaut. Mehrfach schon formierten sich dort Veteranen bei Corona-Protesten in der ersten Reihe, um sich der Polizei entgegenzustellen.

Zu den Initiatoren in Deutschland gehört Frank Horn. Der Lübecker Ex-Soldat hat den Telegram-Kanal „Soldaten und Reservisten“ mit fast 7.000 Abonnenten mitgegründet. Dort finden sich wüste Verschwörungs-Fantasien, aktuell etwa die Behauptung, mit den Corona-Impfungen solle die Weltbevölkerung bis auf 500 Millionen Menschen drastisch dezimiert werden.

Horn sagt, er wolle die Militärs für den Tag X vernetzen: Dann solle die Regierung an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag überstellt werden.

Frank Horn, ehem. Soldat

„Da werden demnächst viele bestimmt nicht selber hinfahren, sondern auch hingefahren werden.“

Kontraste

„Frau Merkel beispielsweise?“

Frank Horn, ehem. Soldat

„Unter anderem, ja. Ich würde ihr die acht umlegen und würde sie dahin bringen persönlich. Und ich glaube, da gehören noch ein paar andere dazu. Der Bus wird voll!“

Vor kurzem hat Horn über seine Gruppe Krisen-Helfer für das von der Flut zerstörte Ahrweiler mobilisiert. Dutzende Veteranen sammelten sich dort.

„Ich möchte nicht gefilmt werden“

In einem PR-Coup hatten sie gemeinsam mit einigen Querdenkern eine Grundschule in Ahrweiler als Hauptquartier in Beschlag genommen. Zeitweise angeführt von diesem Mann: Maximilian Eder, ein ehemaliger Bundeswehr-Oberst.

Als Kommandeur befehligte er ein Bataillon im Kosovo-Einsatz der Bundeswehr. Er gehörte auch dem Kommando Spezialkräfte an, dem KSK.

Inzwischen tritt Eder als Redner bei Querdenken-Demos auf.

Maximilian Eder, ehem. Bundeswehr-Oberst (27.05.2021)

„Man sollte das KSK mal nach Berlin schicken und hier ordentlich aufräumen, dann könnt ihr mal sehen, was die können.“

Ins Flutgebiet hat den Oberst a.D. nach eigener Aussage einer der führenden Querdenker persönlich geschickt: Bodo Schiffmann. Mit seinem Bus tourt Schiffmann durchs Land, wir treffen ihn in Koblenz.

Bodo Schiffmann, Verschwörungsideologe

„Herr Eder ist Teil unserer Freiheitsbewegung. Er hat Freunde um sich, die er noch aus seiner Militärzeit kennt, denen erteilt er Befehle, und wir sind Unterstützer, die sagen: Ja, das ist eine gute Idee, weil wir brauchen jemanden, habe ich auch mehrfach in meinem Videos gesagt, der einfach Erfahrungen hat, auch im militärischen Bereich.“

Videos der Querdenken-Szene belegen: In Ahrweiler trat Eder verbotenerweise auch in Uniform auf.

Der Reservistenverband der Bundeswehr hat deshalb Strafanzeige gegen ihn wegen Amtsanmaßung erstattet. Man vermutet hinter dem Vorgehen System.

Patrick Sensburg, Präsident Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr

„Große Teile der Querdenker-Szene akzeptieren ja auch die legitime staatliche Autorität nicht, Polizei nicht, Politik nicht, Gerichte nicht. Und man versucht sich da als Alternative zu suggerieren, einen militärischen Touch oder einen polizeilichen Touch zu geben.“

In Ahrweiler vernetzten sich verschiedene Gruppen aus dem Querdenken-Kosmos unter Eders Ägide: Seinen pseudo-offiziellen „Befehl Nummer 1“ zur Hochwasserhilfe unterzeichneten neben ihm selbst auch Bodo Schiffmann, Querdenken-Gründer Michael Ballweg, Karl Hilz von den „Polizisten für Aufklärung“, Frank Horn von den „Soldaten und Reservisten“ und weitere Veteranengruppen.

Wir treffen Eder am Vorabend der Querdenken-Proteste in Berlin. Auch er setzt auf die große Abrechnung mit der Regierung wegen der Corona-Maßnahmen.

Maximilian Eder, ehem. Bundeswehr-Oberst

„Das ist alles dokumentiert, was mittlerweile läuft. Es wird auch dokumentiert, was an Impfschäden in diesem Land entstanden ist und was auch, sagen wir, auf Regierungsseite geleugnet wird. Aber das wird alles gesammelt, über die Monate hinweg, über die Jahre, und das wird kommen. Den Haag hat einen sehr langen Atem. Das habe ich immer wieder gesagt, und das ist so.“

So fern der Realität all das ist – Verfassungsschützer wie Stephan Kramer sehen das Netzwerk von Ex-Militärs und Polizisten rund um Querdenken mit Sorge. Wir erreichen Kramer in seinem Urlaub:

Stephan J. Kramer, Präsident Amt für Verfassungsschutz Thüringen

„Wir brauchen sicherlich jetzt auch nicht vor Angst gleich in den Keller zu gehen, aber wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass wir hier ein Gefährdungspotenzial haben, was man eben nicht verniedlichen und kleinreden soll, indem man diese Leute einfach nur als Spinner abtut. Wir haben erlebt, dass aus solchen Spinnereien ganz schnell Gewalttaten werden können, bei denen dann eben Menschen nicht nur zu Schaden kommen, sondern auch ihr Leben verlieren.

Als Spinner wurden auch die Reichsbürger lange Zeit abgetan. Bei den Demonstrationen der Querdenker sorgen sie immer wieder für Aufruhr. Wie bei der Besetzung der Reichstagsstufen vor einem Jahr. Über die Corona-Proteste sei ihre Zahl angestiegen, so der Verfassungsschutz. Auf 20.000 Personen.

Dazu gehören auch sie: Angehörige des Phantasiestaats „Königreich Deutschland“. Wir treffen auch sie während der Proteste in Berlin.

Demonstranten

„Dadurch dass bei der Querdenken Bewegung schon überproportional viele Menschen gesehen haben, dass dieses System nicht ihrem Wohl dient, dass es prinzipiell korrupt ist, das allein schafft schon die Verbindung, weil wir wollen ja ein alternatives System machen.“

Im eigenen Reichsbürgerstaat, in dem die Gesetze der Bundesrepublik keine Gültigkeit haben.

Dafür herrscht ein Imperator. Der heißt Peter Fitzek , genannt Peter der I. seit dieser Inszenierung.

„Reichsapfel und Zepter.“

Die Reichsbürger um Fitzek trafen sich im November heimlich in dieser Gaststätte in Saalfeld mit der Spitze der Querdenker. Eingeladen hatte Querdenken-Gründer Michael Ballweg.

Laut interner Dokumente, die Kontraste vorliegen, wurde Ballweg sogar selbst Staatszugehöriger von Fitzeks „Königreich Deutschland“.

Auf unsere Anfrage schreibt Ballweg, er habe lediglich ein Konto bei einer von Fitzek gegründeten „Gemeinwohlkasse“ eröffnet. Und weiter:

„Das Konto bei der Gemeinwohlkasse werden wir heute kündigen“.

Auch Karl Hilz und andere Ex-Polizisten aus dem Querdenken-Umfeld waren bei dem Strategietreffen mit den Reichsbürgern dabei.

Und so finden rund um Querdenken derzeit viele zusammen: Männer aus dem Sicherheitsapparat, Verschwörungsgläubige, Umstürzler. Eine brisante Mischung, die gefährlich werden könnte, sagt der Demokratieforscher Matthias Quent.

Prof. Matthias Quent, Soziologe, Hochschule Magdeburg-Stendal

„Man untergräbt das Vertrauen in die Behörden, in den Staat, in einer Art und Weise, die sagt: Wir bauen jetzt hier einfach unseren eigenen Staat auf, wir bewaffnen uns selber und irgendwann stellen wir auch die Regierung an die Wand.“

Die Querdenker und ihr Umfeld sind zwar weniger geworden, aber wie es scheint auch radikaler.

Beitrag von Silvio Duwe, Markus Pohl und Olaf Sundermeyer

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