Wenig Wasser im Seddiner See. Bild: rbb/Kontraste
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Verteilungskampf in Deutschland - Die Konkurrenz ums Wasser wächst

Deutschland ist eigentlich ein wasserreiches Land und doch wird auch hier die Konkurrenz um die begehrte Ressource immer größer. Durch den Klimawandel wird sich die Zahl der Felder, die bewässert werden müssen in den kommenden 20 Jahren vervielfachen. Und auch schon heute gibt es Konflikte: Die Kontraste-Reporter besuchen einen See in Brandenburg, der rasant an Wasser verliert, auch weil nebenan auf grünen Wiesen Golf gespielt wird und die Bewässerung im Blaubeeranbau den Grundwasserspiegel senkt. Im niedersächsischen Verden sackt das Grundwasser immer weiter ab, weil das benachbarte Bremen Wasser braucht – eine Lösung gilt als zu teuer. Die Autofabrik von Tesla soll so viel Wasser wie 40.000 Menschen verbrauchen – das örtliche Wasserwerk schlägt deshalb Alarm. Und die Politik? Eine nationale Wasserstrategie soll in Zukunft die Verteilung von Wasser regeln. Doch wie genau das aussehen soll, lässt das Papier bislang offen.

Anmoderation: Es ist ein echter Katastrophenfilm - aufgenommen von einem der Boote mit dem die Bewohner von der griechischen Insel Evia gerettet wurden. Einer von über hundert Waldbränden im Land derzeit, ständig flammen neue auf. "Wir kämpfen gegen Giganten" hieß es aus dem Katastrophenschutzministerium des Landes. Bei Temperaturen über 40 Grad genügt ein Funke. Die Böden sind ausgelaugt. Und auch bei uns - man mags kaum glauben nach all den Starkregen-Unwettern und Überschwemmungen der jüngsten Zeit - ist es zu trocken: Drei Dürre-Jahre in Folge liegen hinter uns. In einigen Regionen verdursten die Bäume förmlich, das Grundwasser sinkt ab - ein Desaster mit Ansage. Da müsste es doch eigentlich eine politische Strategie geben, Vorsorgemaßnahmen, einen Plan – aber wie Simone Brannahl, Pune Djalilevand, Daniel Donath und Kaveh Kooroshy herausgefunden haben, gibt's stattdessen nur dürre Floskeln. 

Der Seddiner See bei Potsdam – hier hat man schon jetzt mit den Folgen der extremen Dürren zu kämpfen. Allein in den vergangenen acht Jahren hat der See ungefähr ein Fünftel seines Volumens verloren.

Jürgen Wagler ist schon als Kind hier geschwommen. Er macht sich große Sorgen um das Gewässer und hat deshalb einen Förderverein für den Erhalt des Sees gegründet. Der Steg, auf dem er steht, erfüllt schon lange nicht mehr seinen Zweck. 

Jürgen Wagler, Gemeindevertreter

„Vor vier Jahren konnte man hier noch wunderbar ins Wasser springen. Mit einem Boot losfahren. Also der Steg stand komplett im Wasser.“

Der See hat keinen Zufluss und leidet unter dem dauerhaften Sinken des Grundwassers, aus dem er sich speist. Das Problem verschärft sich durch wenige Niederschläge in der Region.  Doch es sind nicht nur die Dürren - auch seine Nachbarn setzen dem See zu. Nicht weit entfernt liegt dieser Golfplatz. 

Das Wasser wird hier direkt aus dem See abgepumpt – mit Genehmigung. Im Gegenzug muss der Golfplatz das Wasser reinigen und einen Teil wieder in den See zurückführen. Zusätzlich darf der Golfplatz auch noch Grundwasser entnehmen. Eine kostbare Ressource, die hier dafür genutzt wird, um die Rasenflächen grün zu halten. So erwarten es die Mitglieder.

Horst Schubert, Geschäftsführer Golf - & Country-Club Seddiner See

„Rein spieltechnisch gesehen ist es ist kein Problem, auch auf braunen Flächen zu spielen. Ein bekannter Golfplatz Architekt aus Deutschland hat mal gesagt Golf wird auf Rasen gespielt und nicht auf Farbe. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und hat sich daran gewöhnt, Rasen hat grün zu sein. Und da muss dann in gewisser Weise auch ein Umdenken stattfinden. Aber es ist schwierig zu vermitteln.“  

Und dann ist da noch die Landwirtschaft – auch sie bezieht das Grundwasser, aus dem sich der See speist, um ihre Flächen zu bewässern.  

Eine Konkurrenz ums Wasser, die auch in anderen Regionen in Zukunft zunehmen wird. Bislang werden nur 1,3 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen bewässert. Doch durch den Klimawandel könnte sich der Bedarf in Zukunft vervielfachen. 

Wie kann Wasser gerecht verteilt werden, wenn in Zukunft mehr verbraucht wird?  Deutschland muss sich jetzt auf trockenere Zeiten einstellen, fordert der Hydrologe.

Dietrich Borchardt, Hydrobiologe, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

„Und wenn wir nicht handeln und nicht jetzt wirklich Maßnahmen ergreifen, die uns helfen, mit diesen Veränderungen wirklich umzugehen, an uns anzupassen, sie abzumildern, uns Abgründe bevorstehen.“ 

Um Verteilungskämpfe zu vermeiden, hat das Bundesumweltministerium einen 70-Seitigen Entwurf einer nationalen Wasserstrategie vorgestellt.  

Zwei Jahre wurde die Strategieentwurf von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ausgehandelt: Das Ergebnis: die Probleme werden zwar erkannt, doch wie sie vor Ort zeitnah behoben werden sollen, bleibt unklar – und konkrete Lösungen soll es erst später geben. 

Zitat

„Es werden Hilfestellungen für Regeln und Kriterien für die Wasserverteilung im Fall regionaler Wasserknappheit und Bodentrockenheit erarbeitet.“ 

Die Grüne-Opposition sieht in dem Entwurf keine Antworten auf bestehende und künftige Nutzungskonflikte ums Wasser. 

Bettina Hoffmann (Bündnis 90/Die Grünen), Bundestagsabgeordnete

„Es gibt keinen einzigen konkreten Vorschlag, wie man diesen Fragen begegnen möchte und die Vorschläge sind so vage und nicht Ressort abgestimmt, dass wir von einer Umsetzung noch sehr, sehr weit entfernt sind.“

Doch im zuständigen Bundesumweltministerium ist man stolz auf den Entwurf. 

Jochen Flasbarth, Staatssekretär BMU

„Ehrlich gesagt fühlen wir uns da überhaupt gar nicht als Nachzügler, sondern als Pionier. Ich würde mir wünschen, dass wir in anderen Bereichen auch immer so vorsorgen, in der Politik denken. Ich glaube, wir haben das ganz gut gemacht.“

Dabei drängt die Zeit, denn der ökologische Zustand der Gewässer ist prekär. Deutschland hat bereits 2015 die Vorgaben der EU-Wasserrahmenrichtlinie nicht eingehalten und um Aufschub bis 2027 gebeten. Mittlerweile gesteht die Bundesregierung ein, dieses Ziel erst 2050 zu erreichen.

Nur etwa sieben Prozent der Gewässer sind derzeit in gutem ökologischem Zustand. Mancherorts verschlechterte sich sogar der Gewässerzustand, etwa durch Nitrate.  

Dietrich Borchardt, Hydrobiologe, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

„Das Ziel haben wir leider, in großem Stile verfehlt, insbesondere auch deswegen, weil es uns nicht gelungen ist in Schlüsselbereichen. Dazu gehört die Gewässer Renaturierung. Dazu gehört die Verminderung der Nährstoffeinträge in die Gewässer. Dazu gehört ein besserer Umgang mit den Wassermengen, die wir haben, zu wenig getan haben, auch zu langsam sind.“

Damit gehört Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa. Sollte die Bundesrepublik die Ziele der EU-Wasserrahmenrichtlinie auch bis 2027 nicht erreichen, droht ihr gar ein Vertragsverletzungsverfahren.

Wir sind im niedersächsischen Verden. Hier geschieht der Verstoß gegen die EU-Wasserrahmenrichtlinie sogar mit behördlicher Ansage. So schreibt die zuständige Behörde: 

Zitat

„Das gute ökologische Potenzial bis 2027 nicht erreicht werden kann.“  

Und weiter 

„Das liegt hauptsächlich an der Grundwasserentnahme des Wasserwerks Panzenberg,  

Seit den 80ern Jahren versorgt das Verdener Wasserwerk auch das etwa 30 Kilometer entfernte Bremen mit Trinkwasser – ein bedeutender Abnehmer ist die Becks Brauerei. 

Doch die hohen Fördermengen haben ihren Preis. Die Umwelt leidet. Und trotzdem wird in Verden seit über zehn Jahren mit einer vorläufigen Erlaubnis Wasser gewonnen, um bloß nicht die Versorgung Bremens zu gefährden. Eine Konkurrenz ums Wasser zum Nachteil der Kleinstadt. 

Der Landwirt Hans-Joachim Burdorf hat sein ganzes Leben an der Halse verbracht und diese Gegend noch ganz anders erlebt. 

Hans-Joachim Burdorf

„Dies war alles Wasser hier. Hier so ein bisschen weniger. Aber das war alles Wasser.“ 

Kontraste

„Also würden wir hier im Wasser stehen“ 

Hans-Joachim Burdorf

„Ja, wir würden hier im Wasser stehen. Wir könnten hier so nicht stehen.“ 

Auf den Fotos aus seiner Kindheit in den 50er Jahren sieht man Burdorf noch in der Halse baden. Noch bis Anfang der 90er konnten seine Pferde diesen Bach auch als Tränke nutzen. 

Hans-Joachim Burdorf, Landwirt

„Das ist schon traurig. Sehr traurig. Man hat ja alte Erinnerungen daran verknüpft das.“ 

Auch die Infrastruktur wurde stark beschädigt, erzählt Udo Paepke. Vor seinem Haus ziehen sich Risse durch die Straße. Durch den sinkenden Grundwasserspiegel sei auch seine Einfahrt zum zweiten Mal innerhalb von acht Jahren um 30 Zentimeter abgesackt, sagt er.

Udo Paepke

„Vorsitzender BUND Verden: Das ist die ursprüngliche Höhe der Auffahrt. Hier haben die Steine früher mal gesessen. Das ist die Folge der Grundwasserförderung am Panzenberg.“

Paepke ist Mitglied im Bund für Umwelt und Naturschutz, der Verein fordert, dass Bremen Trinkwasser aus anderen Wasserwerken bezieht, etwa aus Bremerhaven. Doch dafür müssten neue Leitungen verlegt werden und das kostet Geld, sagt der Bremer Wasserversorger. 

Alexander Jewtuschenko, Sprecher swb AG

„Es müsste eine Leitung gebaut werden, über 70 Kilometer nach Bremen. Das wäre ein massiver Eingriff in die Natur. Es würde 125 Millionen Euro kosten, und um diese ganze Investition zu refinanzieren, müssten wir das auf den Wasserpreis umlegen.“

Wegen des Grundwassermangels sterben hier bereits Bäume. Der ökologische Preis des Nichthandelns ist hoch und wird mit den drohenden Verteilungskämpfen ums Wasser noch weiter steigen.

Beitrag von Simone Brannahl, Pune Djalilevand, Daniel Donath und Kaveh Kooroshy

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