Wahlsieger AfD - Wie tief steckte Andreas Kalbitz im braunen Sumpf?

In Brandenburg hat die AfD fast 24 Prozent geholt - und das mit einem Mann, der immer wieder im rechtsextremen Milieu auftauchte: Andreas Kalbitz. Er war auf Camps von Neonazis und mit NPD-Größen bei einem Aufmarsch in Griechenland. All das weiß die Öffentlichkeit nur dank immer neuer Recherchen von Journalisten. Doch Kalbitz streitet bis heute eine rechtsextreme Vergangenheit ab, er nennt es "rechtsextreme Bezüge". Und betont lieber fast gebetsmühlenartig seine Zeit als Soldat bei der Bundeswehr. Doch widersprüchliche Angaben in seinem Lebenslauf werfen neue Fragen auf. Wie genau nimmt es Kalbitz mit der Wahrheit?

Anmoderation: Es ist schon erstaunlich, was ER so alles geschafft hat. Als Bayer in Brandenburg hat Andreas Kalbitz bei der Wahl am Sonntag 23,5 Prozent geholt und die AfD so zur zweitstärksten Partei dort gemacht. Und das, obwohl mittlerweile klar ist, wie eng er mit Rechtsextremen verbandelt war. War den Wählern entweder egal, oder aber sie glaubten ihm die Geschichte, dass das alles "verdammt lang her" und ansonsten nur eine "Medienkampagne" sei. Der Wahlkampf ist inzwischen vorbei, aber wie genau es um Kalbitz´ Gesinnung steht, interessiert uns nach wie vor.

Andreas Kalbitz scheint am Ziel angekommen zu sein. Der AfD-Wahlsieger darf am Morgen nach der Landtagswahl in der Bundespressekonferenz auflaufen. Zusammen mit Gauland und Co. 23,5 Prozent hat Kalbitz in Brandenburg geholt. Die Stimmung ist gut - bis die für ihn so lästigen Fragen nach seiner Vergangenheit kommen.

Kontraste

"Matthias Deiss vom ARD-Magazin Kontraste, Herr Kalbitz, mindestens 15 Jahre rechtsextreme Gesinnung sind mittlerweile bei Ihnen ja belegt. Können Sie bitte mal darstellen, wann denn der Zeitpunkt und vor allem was denn der Grund gewesen sein soll für ihre angebliche Abkehr vom Rechtsextremismus?"

Andreas Kalbitz (AfD), Landesvorsitzender Brandenburg

"Also was Sie sagen ist schonmal in der Einleitung der Sache falsch, weil ich hab keine rechtsextreme Biographie, ich hab zwölf Jahre, ich war lange Jahre in der Union, also in der Jungen Union, in der CSU, ich habe zwölf Jahre Dienst als Soldat geleistet für dieses Land, habe einen Eid geleistet und mehr Einsatz für die Demokratie gebracht praktisch als viele andere."

Kalbitz ein aufrechter Demokrat? Immer neue Details aus seiner Biographie, lassen daran Zweifel aufkommen. Erst kürzlich enthüllte der SPIEGEL, dass er 2007 bei einem rechtsextremen Aufmarsch in Athen war.

Hier ein Video des Fackelzuges: Hunderte Faschisten trommeln und skandieren. Ein Bündnis rund um die griechische Neonazi-Partei "Goldene Morgenröte" hatte eingeladen.

Andreas Kalbitz war wohl mit dieser Gruppe angereist, darunter rechtsextreme Söldner und NPD-Funktionäre, auch der damalige NPD-Chef Udo Voigt.

NPD, NPD, NPD

Udo Voigt

"Wir sind stolz auf unsere Herkunft."

Prof. Gideon Botsch, Moses Mendelssohn Zentrum, Universität Potsdam

"Das sind zum großen Teil Personen aus dem harten Kern der deutschen Neonazi-Szene, inklusive der Gewaltbereiten bis hin zum Prototerroristischen Bereich. Also das ist, das ist nicht sehr weit entfernt vom NSU."

Organisator der Reise war nach Kontraste-Recherchen der damalige NPD-Bundesvorstand Jens P.. Hier ist er zu sehen mit dem späteren NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben auf einem Hess Gedenk-Marsch 1996 in Worms. Auch Zschäpe und Mundlos waren in Worms dabei. Zwei Jahre später tauchen sie ab, wenig später beginnt die Mordserie des NSU.

Dem SPIEGEL bestätigte Kalbitz, in Athen gewesen zu sein. Im Nachhinein will ihm die Reise und die Zusammensetzung der Teilnehmer aber nicht gefallen haben.

Andreas Kalbitz (AfD), Landesvorsitzender Brandenburg

"In der Sache war ich, ich kann das gerne nochmal deutlich sagen, weder an der Hissung von irgendwelchen Fahnen beteiligt noch gehöre ich zu irgendwelchen NPD-Zirkeln, das ist Fakt. Der Rest ist Fake."

Es ist nicht das erste Mal, dass Kalbitz Details aus seiner Vergangenheit zugeben muss. Letztes Jahr hatte KONTRASTE aufgedeckt, dass er 2007 an einem Pfingstlager der Heimattreuen Deutschen Jugend teilgenommen hatte. Eine Organisation in der Tradition der Hitler-Jugend. Die HDJ wurde später verboten, wegen ihrer Wesensverwandtschaft zum Nationalsozialismus.

Mit den Bildern konfrontiert, räumte Kalbitz damals seine Teilnahme ein.

Andreas Kalbitz (AfD), 6.03.2018

"Der Kontext war, dass man weiß, dass man erfahren hat, es gibt da eine Organisation, die sich für Jugendarbeit interessiert, oder da was macht in der Richtung, das hat mich mal generell interessiert, wie ich mich bei vielen anderen Informationen, bei vielen anderen Gelegenheiten auch informiert habe."

Auf weiteren HDJ-Lagern will er nicht gewesen sein, erklärte er kürzlich dem Tagesspiegel.

Doch das stimmt so nicht ganz. Bereits 93 war Kalbitz offenbar bei einem Camp der Vereinigung "Die Heimattreue Jugend", die sich später in "Heimattreue Deutsche Jugend" umbenannte.

Das zeigt diese Kontraste vorliegende Verfassungsschutz-Akte, in der ein Andreas Kalbfitz – offenbar ein Schreibfehler – als Lagerteilnehmer genannt wird.

Wir können einen Besucher des Camps ausfindig machen: Dietwald Claus. Er ist zwischenzeitlich aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen und lebt in Nordamerika.

Dietwald Claus

"Andreas Kalbitz ist mir ein Begriff geblieben, weil er sehr mir, er war sehr bemerkbar während des Sommerlagers damals 93, weil er ein Scharfmacher war, er war ein bisschen härter drauf."

Im Gespräch mit KONTRASTE stellt Claus zudem eine schwerwiegende Behauptung auf.

Dietwald Claus

"Er hat Dinge gemacht und Lieder gesungen, die eigentlich nicht hätten gesungen werden müssen und dann auch den kleinen Jungs – ich mein so klein war ich damals nicht, ich war glaub ich 18 – hat er ihnen auch seinen Kofferraum geöffnet und gezeigt, was er so alles tolles drin hat. Erstmal Reichskriegsflagge hinten im Kofferraum drin und dann so Literatur, antisemitische Literatur, die üblichen Holocaust-Leugnungs-Literatur, also Leuchter-Bericht und solche Sachen dabei. Und eben die harten Lieder."

Diese Behauptung von Dietwald Claus weist Kalbitz auf eine schriftliche Anfrage von Kontraste als komplett falsch zurück.

Als wir ihm die Verfassungsschutz-Akte zeigen, bestreitet er seine Teilnahme an dem Lager aber nicht.

Kontraste

"Erinnern Sie sich mittlerweile, weil Sie sagten letzte Woche, Sie erinnern sich nicht?"

Andreas Kalbitz (AfD), Landesvorsitzender Brandenburg

"Ich schließ das nicht aus, aber das ist 26 Jahre her, das ist ein alter Hut."

Kontraste

"Und Sie sagen aber es gibt gleichzeitig keine Beweise für eine rechtsextreme Vergangenheit, das ist doch einer…"

Andreas Kalbitz (AfD), Landesvorsitzender Brandenburg

"Na, das ist ein Bezug, das liegt im Auge des Betrachters, Sie können das so interpretieren, ich halte das für unsachlich oder falsch. Und da sind wir dann unterschiedlicher Meinung."

Alles Ansichtssache also? Das sieht Gideon Botsch völlig anders.

Prof. Gideon Botsch, Moses Mendelssohn Zentrum, Uni Potsdam

"Alles was wir wissen über politisches Engagement von Andreas Kalbitz ist im rechtsextremen Bereich. Und es ist an Herrn Kalbitz deutlich zu machen, was seine stetigen und über Jahrzehnte gelebten Kontakte oder Bewegungen im rechtsextremen Milieu inklusive harter neonazistischer Organisationen eigentlich für eine Bedeutung haben und er tut das nicht und das ist der eigentliche Skandal."

Beitrag von Lisa Wandt, Marcus Weller und Kaveh Kooroshy

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