Hohenzollern - Streit um Entschädigung

Kunstschätze, Wohnrechte und Millionensummen – die Hohenzollern fordern Entschädigungen für Enteignungen vom deutschen Staat. Viel steht auf dem Spiel und dabei stellt sich die Frage nach der Rechtsgrundlage und auch die nach der historischen Wahrheit: wie stand die ehemals kaiserliche Familie zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus?  

Anmoderation: Ein Unding, dieser Hohenzollern-Koller – maßlos, das waren noch die mildesten Kommentare zu dem, was die Familie des letzten deutschen Kaisers da fordert. Mehr als hundert Jahre nachdem Wilhelm II. abdankte, wollen die Hohenzollern plötzlich entschädigt werden. Geht’s eigentlich noch bei ihro Gnaden? Ja, es geht sogar noch um einiges mehr als Geld, Bibliotheken oder lebenslange Wohnrechte. Mit diesem Handel würde ihr Name sauber und das historische Hohenzollern gewissen gleich mit. Und sie haben in diesem Streit ein besonders wertvolles Druckmittel in der Hand, wie Sascha Adamek und Bettina Malter zeigen.

Das Haus der Hohenzollern, das jahrhundertelang preußische Könige und deutsche Kaiser stellte sorgt dieser Tage für Empörung. Genauer gesagt der Chef des Hauses, Georg Friedrich Prinz von Preußen - hier bei seiner Hochzeit. Der fordert ausgerechnet im geschichtsträchtigen Schloss Cecilienhof in Potsdam kostenlos wohnen zu dürfen. Ein Schloss, das derzeit staatliches Museum ist.

Der Sozialdemokratische Ministerpräsident Brandenburgs  ist dem Plan nicht geneigt:

Dietmar Woidke (SPD), Ministerpräsident Brandenburg

"Wir wollen, dass die Schlösser, beispielsweise Cecilienhof, Schlösser des Volkes bleiben."

Es ist ein Duell zwischen prominentem Hochadel und einer rot-roten Landesregierung, und es geht um Millionenwerte: Kunstschätze und Immobilien.

Jürgen Aretz, ein ehemaliger Staatssekretär, vertritt die Hohenzollern in den Verhandlungen mit dem Land: Er will die Ansprüche durchsetzen, die erstmals nach der Wiedervereinigung erhoben wurden.

Die Idee mit dem Wohnrecht im Schloss stamme aber gar nicht von den Hohenzollern, sagt er.

Jürgen Aretz, Verhandlungsführer Hohenzollern

"Das geht zurück auf ein Angebot der brandenburgischen Landesregierung aus den 90er Jahren.  Plötzlich sind diese Forderungen obszön. Ich kann das nicht verstehen. Im Übrigen hat Prinz Georg Friedrich sehr deutlich gemacht: An dieser Sache wird eine umfassende gütliche Einigung gewiss nicht scheitern."

Auf Kontraste-Anfrage weist die Staatskanzlei Brandenburg das brüsk zurück.

Akten liegen dazu offenbar nicht mehr vor.

Hinter dem Streit um das Wohnrecht steckt in Wahrheit ein viel brisanterer Zwist: Es geht auch um die Bewertung der Geschichte und den Ruf der Hohenzollern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Immobilien der Hohenzollern im Osten wie die von anderen Großgrundbesitzern von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet: insgesamt 64 Liegenschaften, darunter das Schloss Rheinsberg.

Für diese Enteignungen wurde 1994 ein Entschädigungsgesetz verabschiedet:

Es gibt allerdings eine Gruppe von Alteigentümern, die kein Anrecht auf Entschädigung genießt:

Eckart Conze, Historiker Universität Marburg

"Entschädigung ist dann nicht zu leisten wenn ein Antragsteller oder dessen Vorfahren dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet haben."

Haben das die Hohenzollern?  Diese Frage führt uns wiederum zum Schloss Cecilienhof:

Eckart Conze, Historiker Universität Marburg

"Schon 1926 trifft sich Kronprinz Wilhelm hier im Cecilienhof Hof erstmals mit Hitler. Macht ihn dadurch und die nationalsozialistische Bewegung salonfähig in den monarchistischen konservativen Kreisen."

1932 schreibt Kronprinz Wilhelm von Hohenzollern, in einem Brief an Hitler sogar:

"Lieber Herr Hitler, ... Sie wissen, wie persönlich ich Sie verehre. Das habe ich auch bei der Reichspräsidentenwahl öffentlich durch meine Kundgebung bezeugt."

Er nennt die NSDAP  eine "wundervolle Bewegung".

"In alter Gesinnung, Ihr ergebener Wilhelm"

Eckart Conze, Historiker Universität Marburg

"1932 engagiert sich Prinz Wilhelm im Reichspräsidenten-Wahlkampf massiv für Hitler, nicht für den amtierenden Reichspräsidenten Hindenburg sondern für Hitler. Später brüstet er sich sozusagen mit dieser Unterstützung, behauptet er habe Millionen von Deutschen der nationalsozialistischen Bewegung als Wähler zugeführt."

Aus Sicht der Hohenzollern gibt es aber keine ausreichenden Belege für eine erhebliche Unterstützung des NS-Regimes im Sinne des Gesetzes.

Jürgen Aretz, Verhandlungsführer Hohenzollern

"Ich habe noch keine Quelle gefunden, aus der man ablesen kann, dass der Kronprinz sich vorgestellt hat, dass Hitler die Lösung für die Probleme Deutschlands gewesen sei, und dass er deswegen zum Reichskanzler machen müsse. Davon kann überhaupt keine Rede sein."

Ob Kronprinz Wilhelm hier rechts im Bild, und seine Familie den Nazis "erheblich" halfen, wird juristisch noch geklärt.

Aber um welche Summen geht es eigentlich? Für die 64 enteigneten Liegenschaften, würden die Hohenzollern gerade einmal 1,2 Millionen Euro Entschädigung erhalten. Verhältnismäßig wenig – denn allein das hier zu sehende Schloss Rheinsberg hat heute einen Wert im zweistelligen Millionenbereich.

Das heißt, die Landesregierung in Brandenburg kämpft also um 1,2 Millionen Euro. Geld, das im Falle des Falles gar nicht Brandenburg, sondern der Bund zahlen müsste.

Obendrein halten die Hohenzollern in dem Duell ein Faustpfand in Händen, das um ein Vielfaches schwerer wiegt: denn ihnen gehören die meisten Gemälde und Kunstgegenstände, die aus Hohenzollernschlössern in deutschen Museen ausgestellt sind.

Die Hohenzollern haben sich zwar verpflichtet, diese Kulturgüter stets kostenlos der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, allerdings nicht an bestimmten Orten.

Jürgen Aretz, Verhandlungsführer Hohenzollern

"Rechtlich ist die Möglichkeit gegeben dann würde manches was den Einrichtungen in Brandenburg beziehungsweise in Potsdam und Berlin lieb und teuer ist möglicherweise dann auf der Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg sich wiederfinden."

Eine mehr oder weniger subtile Drohung in einem offenen Duell.

Beitrag von Bettina Malter und Sascha Adamek

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