Charité in Berlin. Quelle: imago images / Arnulf Hettrich
Bild: imago images / Arnulf Hettrich

Kindermedizin - Kein Platz für kranke Kinder

Der Pflegemangel besonders in Kinderkliniken spitzt sich zu. Wie Kontraste am Beispiel der Berliner Charité zeigt, können immer wieder selbst schwerkranke Kinder nicht stationär aufgenommen werden. Europas größtes Universitätsklinikum musste kurz vor Weihnachten einen vorübergehenden Aufnahmestopp für die Kinderkrebsstation verhängen. Eine angemessene Versorgung der kleinen Patienten ist dadurch gefährdet. Insider berichten in Kontraste über eine Kinderintensivmedizin am Limit.

Anmoderation: Die Charité, eine Klinik mit einem so großen Namen, dass sie es gleich zur eigenen Fernsehserie brachte. Europas größtes Universitätsklinikum. Noch dazu in dem Land, das sich eines der teuersten Gesundheitssysteme weltweit leistet – wo, wenn nicht in diesem hohen Haus bekommt man die bestmögliche Betreuung. Könnte man meinen. Leider aber kann man das bezweifeln. Vor allem bei ihnen: Schwerkranke Kinder, die an Krebs leiden werden dort wegen des Pflegenotstands immer wieder abgewiesen. Und selbst wenn sie behandelt werden, berichten Eltern und Pfleger von erschreckenden Misständen. Markus Pohl und Lisa Wandt.

Kurz vor Weihnachten erfährt Barbara M., dass die Kinderkrebsstation der Charité keine neuen Kinder mehr aufnimmt. Dass Chemotherapien ausgesetzt werden. Und bei ihr kommt alles wieder hoch.
Barbara M., Mutter
"Meine Tochter Olivia war halt 2016/2017 in Behandlung wegen einem Hirntumor. Es wird halt einfach wahnsinnig konkret, dass es darum geht, entweder mein Kind überlebt oder es überlebt nicht."
Olivia wird auf der Kinderkrebsstation der Charité behandelt. Sie habe eine 20-prozentige Überlebenschance, sagen die Ärzte der Mutter. Daran klammert sie sich. Und an den detaillierten Plan für die Chemotherapie.
Barbara M., Mutter
"Und wo es dann plötzlich hieß, okay, ja, das steht zwar auf diesem Dokument, aber wir müssen das jetzt leider schieben, weil wir können Sie nicht aufnehmen und das ist so ein Moment, wo okay, aber Moment, das ist dieses einzige Dokument irgendwie so, was uns retten kann und ihr wollt euch jetzt nicht daran halten? Ihr habt es mir gegeben. Und da fällt man echt in ein wahnsinniges Loch."
Barbara M. erlebt völlig überlastete Krankenschwestern und deshalb überwacht sie jeden Behandlungsschritt bei ihrer Tochter selbst.
Nach der Krebstherapie lebt Olivia noch fast zwei Jahre weiter. Doch der Tumor kommt wieder. Und im Alter von vier Jahren stirbt sie.
Am Tod ihrer Tochter gibt Barbara M. der Charité keine Schuld. Aber dass sich bis heute offenbar nichts geändert hat, ist für sie unbegreiflich.
Die Charité weist gern auf ihre herausragende Bedeutung hin. Die Klinik ist auch sehr wichtig, weil hier die Spezialisten arbeiten. Und das über Deutschland hinaus.
"Die Charité Universitätsmedizin Berlin ist Europas größtes Universitätsklinikum."
Doch welche Zustände auf der Kinderkrebsstation herrschen und was das für Auswirkungen haben kann, erfahren wir von Pflegefachkräften, die anonym bleiben wollen. Jahrelang haben sie dort gearbeitet und die Station im vergangenen Jahr wegen der Bedingungen verlassen.
Kinder-Intensivschwester
"Wir hatten ja permanent Dienste, die von vorneherein zu niedrig geplant waren und wir haben eigentlich niemals geschafft im Dienst auf Toilette zu gehen. Und ich habe auch schon zu Dienstbeginn, obwohl ich wirklich schon viele Jahre da arbeite, geweint vor Verzweiflung, weil ich Angst vor diesem Tag hatte, was passieren wird."
Nach Aussage der Pflegerinnen sind immer wieder Fehler passiert, vor allem bei unerfahreneren Kolleginnen.
Kinder-Intensivschwester
"Wir als etwas ältere, erfahrene Mitarbeiter, wir haben nicht nur einmal, sondern wirklich mehrfach im Nachhinein miterlebt, als wir dann den Dienst übernommen haben, dass es der jungen Kollegin halt nicht aufgefallen ist und die dann die viel zu hohe Dosis eines Medikaments verabreicht hat."
Die Charité weist den Vorwurf einer möglichen Patientengefährdung zurück. Auch die vorgegebenen Personalschlüssel würden eingehalten.
Es wenden sich mehrere Eltern an uns, deren Kinder gerade an der Charité behandelt werden. Sie wollen nicht offen mit uns sprechen. Denn wie diese Mutter haben sie Angst, es könnte der weiteren Behandlung ihrer Kinder schaden.
Verdeckte Mutter
"Dann haben wir auch gemerkt, dass man die nicht alleine lassen kann, weil das Personal gar keine Zeit hat zu gucken. Und solange die sozusagen jetzt nicht Dauererbrechen, Durchfall haben, vor Schmerzen schreien unentwegt, sondern da lieb und artig vor sich hin leiden, dann kriegt es auch keiner mit."
In einem Imagefilm für die Kinder-Intensivpflege zeichnet die Charité das Bild eines fürsorglichen Arbeitgebers:
"Ich glaube es ist ganz wichtig, dass Mitarbeiter immer sehr herzlich willkommen sind."
"Niemals hat mich irgendjemand ins kalte Wasser geschmissen, sondern ich hatte immer jemand an meiner Seite."
Diesem Bild widersprechen die altgedienten Pflegefachkräfte.
Kinder-Intensivschwester
"Viele neue Mitarbeiter kommen mit Angst zur Arbeit, weil sie wussten, wie wenig Leute auf Station sind, wie viele Patienten aber da sind und wie viele schwerkranke Patienten. Die wurden halt, weil einfach Personal knapp war wurden die nach vier Wochen ich nenne es mal reingeworfen und mussten zusehen, dass sie alles irgendwie gut über die Bühne kriegen."
Immer wieder schreiben sie so genannte Gefährdungsanzeigen. Führen auch Gespräche mit ihren Vorgesetzten. Ohne Erfolg, sagen sie.
Im Interview mit Kontraste räumt Ulrich Frei, der Vorstand Krankenversorgung der Charité, nun ein, dass in der Personalführung Fehler gemacht wurden.
Prof. Ulrich Frei, Vorstand Krankenversorgung Charité
"Gerade in der Kinder-Onkologie gerät man sehr leicht in die Zwickmühle, dass man auch dem Personal gegenüber sozusagen mit der Krankheit der Kinder argumentiert. Wenn man sozusagen den Pflegekräften, die an der Kante sind, sagt: Aber dieses Kind ist so krank, dem passiert was, wenn ihr dem nicht helft, dann haben wir ein großes Problem. Und ich glaube, dieser Druck, der ist möglicherweise auch zu stark ausgeübt worden gelegentlich."
Kurz vor Weihnachten verhängte die Charité für die Kinderkrebsstation einen Aufnahmestopp - um die Pflegekräfte zu schützen und die Qualität der Versorgung zu sichern. Für neu erkrankte Kinder aber kann das fatale Folgen haben.
Das weiß auch Alex Rosen. Er ist seit 15 Jahren als Kinderarzt in Krankenhäusern tätig, aktuell in einer Kindernotaufnahme in Berlin. Mit uns spricht er als Vorstand der Organisation "Ärzte in sozialer Verantwortung".
Alex Rosen, Vorstand IPPNW, Ärzte in sozialer Verantwortung
"Die schlimmste Auswirkung und direkteste Auswirkung, die wir von diesem Missstand sehen, ist, dass Kinder, die eigentlich auf eine Intensivstation gehören, dort keine Kapazität finden und deswegen auch versterben."
Bei mehreren Gesprächen mit Pflegekräften und Ärzten stoßen wir auf einen Todesfall, der Fragen aufwirft:
Im letzten Jahr nimmt eine Berliner Klinik ein Kleinkind auf. Die Diagnose: Leukämie. Weil die Klinik keine Kinderkrebsstation hat, bitten die Ärzte die Charité um sofortige Übernahme des Kindes.
Ein Kinderarzt der Charité, der nur anonym mit uns sprechen möchte, erinnert sich an die Situation:
Verdeckter Arzt Charité
"Vor kurzem fragte eine andere Berliner Kinderklinik bei uns an, weil sie uns ein frisch an Leukämie erkranktes Kind verlegen wollten. Bei uns auf Station hatten wir leider keine freien Betten und auch sonst im Haus war trotz intensiver Bemühungen kein Bett zu finden – der Mangel an Pflegepersonal macht sich halt überall bemerkbar. Wir mussten die Verlegung des Kindes daher zunächst ablehnen."
In der Nacht geht es dem Kind noch schlechter. Es wird es am nächsten Tag schließlich doch noch an die Kinderkrebsstation der Charité verlegt.
Verdeckter Arzt Charité
"Am nächsten Tag konnte das Kind dann zu uns verlegt werden, aber es verstarb leider rasch. Das hat uns alle sehr mitgenommen. Man kann es nie wissen, aber vielleicht wäre das Kind jetzt noch am Leben, wenn wir es rechtzeitig hätten übernehmen können."
Vielleicht auch nicht. Das kann keiner wissen.
Fest steht aber: ein so schwer erkranktes Kind gehört sofort in die Hände von Spezialisten.
Weder die Charité noch die andere Klinik haben sich auf Anfrage von Kontraste zu dem Fall geäußert. Sie verweisen auf die ärztliche Schweigepflicht.
Die Charité sucht weiter händeringend Pflegefachkräfte. Doch das würde auch deshalb länger dauern, weil die Medien immer wieder über das Problem berichten, sagt Ulrich Frei.
Prof. Ulrich Frei, Vorstand Krankenversorgung Charité
"Wir hoffen, dass wir innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate dort wieder einen Aufbau zustande kriegen. Muss aber dazu sagen - und vielleicht hört das jetzt auch auf, ich glaub' der Drops ist gelutscht - die Frage der Kinderonkologie, wenn die so weit öffentlich diskutiert wird, dann kann man auch keine Leute gewinnen."
 

Abmoderation: Interessante Sichtweise: Wenn was schiefläuft, sollten Journalisten also NICHT berichten, weil sie damit alles nur noch schlimmer machen. Den Gefallen werden wir ihm und anderen sicher nicht tun.

Beitrag von Lisa Wandt und Markus Pohl

weitere Themen der Sendung

Björn Höcke gratuliert Thomas Kemmerich. Quelle: imago images / Karina Hessland
imago images / Karina Hessland

Kemmerich-Wahl: Wirklich alles nur Zufall?

Es war ein politischer Dammbruch: im dritten Wahlgang zur Ministerpräsidentenwahl im Thüringer Landtag tritt der FDP-Politiker Thomas Kemmerich an - und erreicht dank der Stimmen der CDU und der AfD die Mehrheit. Er nimmt die Wahl an und behauptet nicht geahnt zu haben, dass die AfD für ihn stimmen würde. Doch ein Brief von Björn Höcke an Thomas Kemmerich zeigt: er konnte mit der Unterstützung durch die AFD-Fraktion rechnen.

Traktoren-Demo in Berlin. Quelle: Andersen/AFP
Andersen/AFP

Bauernproteste - Die schwindende Macht der Agrarlobby

Traktorendemos in den Städten, Grüne Kreuze auf den Feldern: seit Monaten protestieren Landwirte in Deutschland. Immer schärfere Auflagen sorgen für Existenzängste unter den Bauern. Bislang konnten sie mit Unterstützung von Union und Bauernverband größere Veränderungen abwehren. Doch die langjährige Allianz zwischen CDU/CSU und konventioneller Landwirtschaft bröckelt. Kontraste über die Umbrüche im Agrarsektor.

Collage - Instagram / friedel_opitz
Collage - Instagram / friedel_opitz

Falscher Diplomat mit besten AfD-Kontakten

Friedel Opitz ist laut seiner Webseite Berater von AfD-Bundestagsabgeordneten, berät bei Krisenkommunikation und ist im diplomatischen Dienst. Derzeit muss er auch in eigener Sache Krisenkommunikation betreiben, denn Opitz ist angeklagt: zu Unrecht soll er sich als Diplomat für SãoTomé ausgegeben haben, auch Unterschlagung eines Luxusautos wird ihm vorgeworfen. In den Fall verwickelt ist auch ein verurteilter Betrüger, der schon Boris Becker einen Diplomatenpass besorgt haben soll. Opitz, der auf seiner Webseite einmal behauptete, er sei auch "Berater der Fraktionsvorsitzenden" betont nun, zu AfD-Frontfrau Alice Weidel lediglich freundschaftliche Beziehungen zu pflegen. Kontraste und Der Spiegel haben monatelang in einer Szene von vermeintlichen Diplomaten und fragwürdigen Geschäften recherchiert.