Traktoren-Demo in Berlin. Quelle: Andersen/AFP
Bild: Andersen/AFP

Bauernproteste - Die schwindende Macht der Agrarlobby

Traktorendemos in den Städten, Grüne Kreuze auf den Feldern: seit Monaten protestieren Landwirte in Deutschland. Immer schärfere Auflagen sorgen für Existenzängste unter den Bauern. Bislang konnten sie mit Unterstützung von Union und Bauernverband größere Veränderungen abwehren. Doch die langjährige Allianz zwischen CDU/CSU und konventioneller Landwirtschaft bröckelt. Kontraste über die Umbrüche im Agrarsektor.

Anmoderation: Und jetzt zu dem, über das sich VOR Thüringen viele Köpfe heiß diskutiert haben: Unser täglich Brot und Bratwurst: Zwischen den Billig-Kampagnen der Supermärkte, der Wut der Bauern und Politikern die wenig Lust haben, sich mit Tiefpreisverboten unbeliebt zu machen...stehen wir mit unserem Einkaufswagen. Auf unsere Entscheidung kommt es an, heißt es ja gerne. Und wir entscheiden uns vorallem für den günstigsten Preis. Wenn wir ehrlich sind.


"Wenn die zu billig sind, finde ich es nicht in Ordnung."

"Bei Gemüse achte ich darauf, dass die Alternative aus der Bio-Abteilung ist."

"Viel aus der Umgebung!"

"Hier steht die Stallhaltung: 1 ist die schlechteste."

"Vorhin haben sie gesagt, dass gute Qualität und Nachhaltigkeit Ihnen wichtig ist."

"Aber nicht Nr. 1. Ich hänge das nicht an die Glocke."

"Und wissen Sie, woher sie kommen?"

"Nein, habe ich nicht geguckt. Ich kaufe die schon immer."

"Da haben Sie mich erwischt." 

"Worauf haben Sie hier geachtet?"

"Die waren am günstigsten."

"Es stimmt schon. Ich halte mich gerade nicht daran. Ich sehe die Ironie darin."

Anmoderation: Ganz unironisch werden gerade mal 5 Prozent der Umsätze im Handel mit Bio-Lebensmitteln gemacht. Die Politik zielt aber gerade nicht auf diese Wirklichkeit, sondern auf unsere Wunschvorstellung: Die Bullerbü-Bienengesumm-Landwirtschaft solls sein. Nur echt mit Blühstreifen an jedem Feld. Wer anders, wer konventionell produziert, Gülle im Grundwasser und Insektensterben verantworten muss, ist halt selbst schuld. Dagegen fahren die Bauern mit ihren Traktoren Sturm. Fühlen sich im Stich gelassen. Von einem guten, alten Partner der sich langsam abwendet. Silvio Duwe, Chris Humbs und Bettina Malter.

Die Bauern sind sauer, fühlen sich ausgebeutet und missverstanden – von den Konsumenten und der Politik.

Eine Ausdrucksform des Protests: das Grüne Kreuz. Bauer Willi, so nennt er sich selbst, aus Rommerskirchen hat es erfunden. In den sozialen Medien postet er Fotos davon. Tausende Landwirte machen es ihm nach. Sie fühlen sich von den zusätzlichen Anforderungen überfordert.

Ein Beispiel: Der Randstreifen. Bis zu 10 Prozent seines Ackers muss Bauer Willi in Zukunft der Natur überlassen – so die politischen Überlegungen. Land, das dann zum Anbau von Feldfrüchten fehlt.

Wilhelm Kremer-Schillings, Landwirt

"Es geht darum, dass gewisse Flächen aus der Produktion genommen werden müssen, entschädigungslos, und das ist im Prinzip Enteignung durch die Hintertür."

Bauer Willi arbeitete auch eine Zeit lang für die Chemieindustrie – war Produktmanager für einen Unkrautvernichter. Er setzt auf konventionelle Landwirtschaft: Hoher Ertrag, gute Qualität. Er setzte das um, was die Politik immer wollte: günstige Produkte, weltmarktfähig. So hat er investiert, so ist sein kleiner Hof aufgestellt.

Viele Landwirte, der Bauernverband und CDU/CSU haben dieses Konzept viele Jahrzehnte gemeinsam fortentwickelt. Nun gilt es als nicht mehr zeitgemäß.

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Landwirtschaft

"Wir werden nur dann eine Akzeptanz in der Gesellschaft haben, wenn die Bauern auch deutlich machen, uns liegt die Bewahrung der Schöpfung am Herzen."

Und damit fühlen sich viele Landwirte allein gelassen. Wir treffen einen der Demonstranten in Emlichheim, ganz im Westen, an der niederländischen Grenze. Henning Stegeman hat Milchkühe. Sowie Ackerland. Sein Problem: Die anfallende Gülle.

Henning Stegeman, Landwirt

"Es gibt ja diese 170 N-Grenze, 170 Kilogramm Stickstoff je Hektar darf ich ausbringen als Wirtschaftsdünger, sprich Gülle und Mist. Und wir produzieren aber mehr, diesen Überschuss müssen wir abgeben."

Das heißt, Landwirt Stegeman zahlt zurzeit benachbarte Ackerbauern dafür, dass sie ihm die Gülle abnehmen. Fünf Euro pro Kubikmeter. Der Preis ist noch überschaubar, weil er frei Haus liefert.  In naher Zukunft soll in der Region das Düngen per neuer Verordnung stark eingeschränkt werden. Das Grundwasser ist mit dem krebserregenden Nitrat belastet. Dann bleibt der Landwirt erstmal auf seiner Gülle sitzen und er muss spezielle Firmen beauftragen, ihm den überschüssigen Anteil abzunehmen. Die verlangen dann statt der fünf schnell mal 23 Euro pro Kubikmeter. Vielleicht mehr, je nach Marktlage.

Henning Stegeman, Landwirt

"Wenn man dann 1.500 oder vielleicht sogar 2.000 Kubik abgeben muss, kann sich jeder ausrechnen, was das für eine Belastung des Betriebes ist."

Rund 50.000 Euro im Jahr - zusätzliche Ausgaben. Für den Landwirt ist das kaum stemmbar, sagt er. Es ginge um die Existenz.

Existenzangst und Wut - Die Bauern sehen sich jetzt schon mit dem Rücken an der Wand. All die zusätzlichen Auflagen wären deshalb aus ihrer Sicht eine Katastrophe.

Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner aber macht klar: Die Zeiten, in denen sich die Union schützend und gönnerhaft vor die Landwirte stellte, sind vorbei.

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Landwirtschaft

"Wir werden eine neue, eine andere europäische Agrarpolitik bekommen. Der Steuerzahler, der Bürger wird nicht mehr bereit sein mehr Geld in die Hand zunehmen für eine Politik, die der Vergangenheit angehört. Wenn es mehr Geld geben soll, dann nur für Politik mit neuen Ansätzen."

Damit bricht die Union ein Stück weit mit den Landwirten, die ihre Höfe oft konventionell, nach industriellen Standards betrieben haben. Es ist eine Zeitenwende.

Wir sind in Bergkamen-Weddinghofen, auf dem Hof des Bundestagsabgeordneten Friedrich Ostendorff. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Landwirtschaftspolitik, ist agrarpolitischer Sprecher der Grünen – vor 37 Jahren hat er seinen Hof auf Ökolandwirtschaft umgestellt

Friedrich Ostendorff, Landwirt

"Das Motto war, hast du Kuh, wählst du CDU. Vor 50 Jahren, als ich mit der Landwirtschaf anfing, waren es 1,2 Millionen Betriebe und heute sind es noch 250.000. Damals waren es durchaus 4 Prozent, fünf Prozent der Wählerstimmen, die vom Bauernverband beeinflusst überwiegend CDU/CSU wählten. Heute sind es vielleicht noch 1 Prozent der Wählerstimmen. Das Interesse der CDU daran lässt nach."

Wichtiger für die Union wird zunehmend die Meinung der Konsumenten: Das Gros der potenziellen Wähler. Und die fordern laut Umfragen mehr Bio, mehr Klima-, Umwelt- und Tierschutz.

Frau 1, ohne Namen

"Ich greif lieber zu Bio als zu herkömmlichen Sachen, weil da ist die Haltung meistens nicht so gut.”

Frau 2, ohne Namen

"Bio ist schon – hoffe ich - ganz in Ordnung, da guck ich schon, in die Richtung."

Schaut man genauer hin, wird aber klar, viele Konsumenten wollen oder können für das Mehr nicht mehr bezahlen.

Mann Ohne Namen

"Wir müssen auch genauso darauf achten, dass wir uns alle noch Lebensmittel leisten können. Und wir kommen langsam an einem Punkt, wo wir uns die Lebensmittel nicht mehr leisten können."

Mann Ohne Namen

"Man ist sich ja selbst der Nächste im Portemonnaie. Oder? Nur ein Narr gibt mehr als er hat."

Entsprechend kaufen die Discounter und Supermärkte ihre Lebensmittel ein – möglichst billig! Der Kostendruck auf die Bauern ist enorm.

Und das weiß auch die Bundesregierung. Sie setzte sich am Anfang der Woche mit den großen Ketten zusammen, um auszuloten, wie mehr Geld bei den Landwirten ankommen kann. Das Ergebnis: äußerst dürftig. Der Markt bleibt frei, auf Regulierung wird weiterhin verzichtet.

So befürchten die Landwirte, weiter ausgepresst zu werden, und ein weiteres Höfesterben. Alles ginge auf ihre Kosten – und das sei schlicht unfair.

Als Reaktion auf die Proteste verkünden die Regierungsparteien dann letzte Woche plötzlich:

Markus Söder, CSU-Vorsitzender

"Es wird eine Bauernmilliarde geben, eine Milliarde für die Landwirtschaft, in der Umstellung in den ganzen Prozessen, die da sind. In den nächsten vier Jahren"

Dieses Trostplaster können Sie sich an die Backe kleben, posten Bauern. Befriedet ist der Konflikt mit der Union also noch lange nicht.

Denn rechnerisch wären das lediglich ein paar Almosen. Umgerechnet bedeutet diese Förderungen pro Landwirt ca. 950 Euro im Jahr – für vier Jahre.

Ihnen reicht das nicht. Noch erkennen sie kein tragfähiges, politisches Konzept, das einen fairen Ausgleich vorsieht. Einen Ausgleich für all die zusätzlichen Umweltauflagen, an die sie sich künftig halten müssen.

Beitrag von Silvio Duwe, Chris Humbs und Bettina Malter

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