Themenbild - Impfdosen, Corona, Covid-19, Impfstoffanlieferung in einer Apotheke. Bild: Fleig / Eibner-Pressefoto
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Corona-Pandemie - Wo bleibt der Impfturbo?

Es geht voran bei den Impfungen in Deutschland, es ist ein Licht am Ende des Tunnels erkennbar. Doch die optimistischen Prognosen der Bundesregierung sind nur einzuhalten, wenn auch Vektorimpfstoffe wie die von vielen verschmähte Vakzine von Astra Zeneca verimpft werden. Noch warten hier große Mengen auf Abnehmer. Dabei ist die Gefahr, schwer an Corona zu erkranken, nach Ansicht von Risikoforschern für die meisten Menschen höher, als schwere Impf-Nebenwirkung zu erleiden. Doch bislang hat die Bundesregierung noch keine offizielle Risikobewertung geliefert – viele Hausärzte fühlen sich damit allein gelassen. Hinzu kommt: die Länder bunkern dauerhaft bis zu vier Millionen Impf-Dosen, etwa von BionTech und Moderna, um Termine in der Zukunft abzusichern. Experten kritisieren gegenüber KONTRASTE die deutsche TÜV-Mentalität und fordern: So schnell wie möglich eine Erst-Impfung für jeden, um so viele wie möglich vor schweren Verläufen zu schützen.
 
 

Anmoderation: Mal wieder Urlaub. So richtig. Das wärs nicht nur … das wird wohl auch für viele: Endlich nimmt die Impfkampagne Fahrt auf, endlich ist genug Stoff da. Nur: den einen - AstraZeneca - wollen viele immer noch nicht wirklich haben. Heute wurde er vom Bundesgesundheitsminister für alle freigegeben - das wirkt leicht verzweifelt und ist längst nicht alles was jetzt noch zu tun wäre ... Sascha Adamek, Cosima Gill und Ursel Sieber.

Arzthelferin am Telefon

„Biontech oder Astrazeneca. Ja. Das heißt, Sie möchten kein Astra haben?“

200 Impfungen in der Woche schaffen sie in dieser Wiesbadener Hausarztpraxis – aber es könnten bis zu 400 sein. Ein Grund: viele Patienten lehnen den Impfstoff Astrazeneca ab, warten stattdessen auf Biontech.

Die Praxismitarbeiterinnen telefonieren sich die Finger wund, versuchen Patienten für Astrazeneca zu gewinnen. Vor allem ältere, für die Astrazeneca eher geeignet ist, beharren auf Biontech/Pfizer.

So auch die 73-jährige Ulrike Wilhelm:

Kontraste

„Hätten sie auch erst Astrazeneca genommen?“

Ulrike Wilhelm, Patientin

„Nein.“

Kontraste

„Warum nicht?“

Ulrike Wilhelm, Patientin

„Warum nicht? Weil da so viel Theater ist mit Astrazeneca.“

Die Ärztin Anna-Lena Wiesmann kritisiert wie andere Mediziner die freie Impfstoffwahl durch Patienten. Meist verimpft sie wie hier Biontech. Denn viele fürchteten die sehr seltene Sinus-Venen-Thrombose nach Astrazeneca-Impfung – und das zu Unrecht:

Dr. Anna-Lena Wiesmann, Ärztin

„Es gibt auch viele ältere Patienten, die Astrazeneca ablehnen, wo das Risiko ja nochmal geringer ist, an irgendeine Art von Nebenwirkungen zu erleiden. Und da reden wir uns tatsächlich oft einfach den Mund fusselig. Und so ein bisschen frustrierend ist das schon.“

Wie groß aber ist das Risiko bei einer Astrazeneca-Impfung tatsächlich?

Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer hat für Kontraste einen Vergleich angestellt: um wieviel wahrscheinlicher wäre es bei der heutigen Inzidenzlage, mit Covid auf einer Intensivstation zu landen, als nach einer Astrazeneca-Imfpung eine Hirnvenenthrombose zu erleiden?

Ergebnis: Bereits für 30-Jährige überwiegen die Vorteile der Impfung mit Astrazeneca. Bei den 50-59jährigen ist das Risiko einer Covid-Intensivbehandlung bereits 17-mal höher als das der Hirnvenenthrombosen, bei über 60jährigen sogar 32-fach höher.

Prof. Gerd Gigerenzer, Risikoforscher Universität Potsdam

„Das Risiko, nach einer Impfung mit Astrazeneca an einer schweren Thrombose zu sterben, liegt bei zwei bis drei in je einer Million Geimpften.“

Wir versuchen uns bei großen Impfaktionen in Deutschland ein Bild zu machen. Zum Beispiel hier im Landkreis Mühldorf am Inn. Als die Inzidenz auf über 300 kletterte, entschied der Landrat, so schnell wie möglich 7.000 Dosen Astrazeneca zu verimpfen – für alle ab 18. Nach insgesamt zwei Aktionen sind aber noch immer 700 übrig – nach dem Hin- und Her bei Astrazeneca ist das Misstrauen auch hier präsent.

In Frankfurt am Main scheint die Lage noch drastischer. Zweitweise warteten 11.000 Impfdosen Astrazeneca in den Kühlschränken – mittlerweile sind es noch rund 6.500, wie der leitende Arzt im Impfzentrum uns sagt:

Matthias Bollinger, Leitender Arzt im Impfzentrum Frankfurt am Main

„Die entscheidende Grundlage ist, dass insgesamt der Ruf von Astra einfach beschädigt ist. Im Einzelhandel würde man sagen: ein verbrannter Artikel, den wird man schwierig los.“

Wie in den Impfzentren vermisst man auch in der Wiesbadener Hausarztpraxis eine offizielle Risikoabschätzungen, um den Menschen die Panik zu nehmen. Doch die gibt es nicht. Der Praxis-Chef ist genervt von der Politik:

Dr. Christian Sommerbrodt, Facharzt für Allgemeinmedizin

„Die öffentliche Krisenkommunikation war zusammengefasst ein Desaster.“

Die Informationen waren da. Die waren aber zu ausführlich. Sie waren zum Teil versteckt, man musste lange danach suchen. Das ist eigentlich so das, was man am Wesentlichen vorwerfen kann, dass da so eine professionelle Führung der Kommunikation gefehlt hat, auf allen Ebenen.

Um der Astrazeneca-Vertrauenskrise entgegenzutreten, ließen sich Politiker wie die Kanzlerin öffentlich damit impfen - hier ihr Impfausweis.

Der Bundespräsident tat es, der SPD-Kanzlerkandidat, ebenso der sächsische Ministerpräsident und sein Amtskollege aus Baden-Württemberg.

Er dagegen lehnt Astrazeneca unverblümt ab pocht dabei sogar auf seine Kompetenz als ehemaliger Gesundheitsminister:

Kontraste

„Und was hatten Sie eigentlich gegen das Astrazeneca?“

Horst Seehofer (CSU), Bundesinnenminister (15.04.2021)

„Es kann jeder zu jedem Impfstoff seine persönliche Meinung haben. Ich habe seit meiner Zeit als Gesundheitsminister zu Sicherheit bei Arzneimitteln eine bestimmte Einstellung und die habe ich bis zum heutigen Tage. Und dort, wo ich war, gab es Biontech.“

Dr. Christian Sommerbrodt, Facharzt für Allgemeinmedizin

„Ist wahnsinnig ärgerlich. Also man wünscht sich dann natürlich eine bessere Wahrnehmung der Vorbildfunktion gerade vonseiten der Politik.“

Eine anschauliche Nutzen-Risikoanalyse für Praxen und Patienten müsste die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung liefern. Auf Anfrage teilt sie mit, man prüfe noch, ob das hilfreich sei.

Derweil bremst nicht nur die fehlende Krisenkommunikation den Impffortschritt, sondern auch eine erstaunlich große Lagerhaltung. Laut einer Berechnung, die Kontraste vorliegt, sind seit Wochen im Schnitt gut vier Millionen Impfdosen als Reserve auf Lager.

Absurd, findet der Immunologe Professor Carsten Watzl.

Prof. Carsten Watzl, Immunologe, TU Dortmund

„Es ist natürlich viel geregelter, wenn ich den Leuten gleich zwei Impftermine geben kann. Und das ist natürlich diese TÜV Mentalität, dass alles abgesichert sein müsste. Und da haben wir Deutschen halt leider noch so ein Problem damit.“

Auf Anfrage an viele Bundesländer teilt uns zum Beispiel Baden-Württemberg selbstkritisch mit, es sei wohl „(...) ein Schuss zu viel schwäbische Sparsamkeit“.

Hessen ist stolz darauf, dass „bisher keine Impftermine (...) abgesagt werden mussten“ und aus Brandenburg heißt es, „die Zweitimpfungstermine (seien) durch eine gewisse Reserve sichergestellt (...)“

Weil schon die Erstimpfung vor schweren Erkrankungen schützt, fordern Wissenschaftler aber dringend, nichts mehr für die Zweitimpfung zurückzulegen,

Prof. Carsten Watzl, Deutsche Gesellschaft für Immunologie

„Das ist nicht hinnehmbar. Wir brauchen diese Impfdosen, um sie zu verunglimpfen, nicht um sie zurückzuhalten für irgendwelche Zweitimpfungen oder irgendetwas anderes. Weil nur, wenn wir diese Impfdosen auch impfen und möglichst viele erste Impfungen durchführen, können wir auch möglichst viele Menschenleben retten.

Diese Modulation der Berliner Humboldt-Universität lässt immerhin hoffen: wenn kein Impfstoff mehr zurückgehalten und Astrazeneca voll verimpft wird, sind Mitte Juni rund 50 Prozent der Deutschen mindestens einmal geimpft. Die Inzidenz sänke auf unter 50.

In Deutschland entstünde in immer mehr Landkreisen eine Öffnungsperspektive. Weniger Tote und endlich wieder mehr normales Leben!

Beitrag von Sascha Adamek, Cosima Gill und Ursel Sieber

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