Shelves with cryptocurrency mining farm at the opening of the first line of Russia's largest cryptocurrency mining center. Bild: Alexei Danichev/Sputnik/dpa
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Digitale Währungen - Klimakiller Bitcoin

Um den Bitcoin ist ein digitaler Goldrausch entstanden. Neben Anlegern hoffen auch all jene auf schnellen Reichtum, die Rechenleistung für die Transaktionen mit der Kryptowährung zur Verfügung stellen und damit an einer Art Lottospiel teilnehmen. Wer den Jackpot knackt, den erwarten zurzeit bis zu 300.000 Euro. Der digitale Goldrausch hat eine verheerende Wirkung, denn durch die Rechenleistung steigt der Stromverbrauch – schon bald soll durch Bitcoin-Berechnungen so viel Strom verbraucht werden, wie ganz Italien benötigt. Und: das Bitcoin-Mining findet oftmals in Ländern wie der Mongolei statt, wo der Strom aus besonders dreckigen Kohlekraftwerken stammt.

Anmoderation: Es klingt wie eine Anlageberatung aus dem Spam-Mail-Ordner: Mit hundert Dollar Einsatz mehrfacher Millionär werden. In dem Fall stimmts aber: Hätten sie vor zehn Jahren hundert Dollar in Bitcoins investiert, könnten sie heute fünffacher Millionär sein. Die Cyber-Währung Bitcoins verspricht märchenhafte Renditen und komplette Anonymität: Keine Banken sind im Spiel, keine Staaten - vor dem Programmcode sind alle gleich. Im Grunde bestehen Bitcoins nur aus Strom. Viel Strom. Und nicht nur das macht sie zu einem äußerst schmutzigen Geschäft. Chris Humbs und Susett Kleine. 

Es wird immer ungemütlicher auf der Erde. Die Schäden durch den Klimawandel

sind weltweit sichtbar. Der Ausstoß an CO2 muss massiv reduziert werden, darin sind sich so ziemlich alle einig.

Diese Erfindung macht aber genau das Gegenteil. Die digitale Währung Bitcoin ist ein Klimasünder. Zehntausende Rechner arbeiten Tag und Nacht, um die Überweisungen mit Bitcoins zu kontrollieren und zu bestätigen. Solche Bitcoin-Rechenzentren gibt es inzwischen überall auf der Welt. Und stetig kommen neue hinzu.

Wie groß der Stromverbrauch für das System Bitcoin ist, erforschte der niederländische Data-Analyst Alex de Fries:

Alex de Vries, Datenwissenschaftler

„Aktuell geht man davon aus, dass das Bitcoin-Netzwerk ungefähr genauso viel Energie verbraucht, wie das Land, in dem ich lebe: die Niederlande. Das wären 110 Terawattstunden elektrische Energie pro Jahr.“

Das Konzept des Bitcoins: Statt durch ein zentrales Bankensystem wird die digitale Währung dezentral über Abertausende private Rechner verwaltet, die miteinander vernetzt sind. Versucht jemand dabei zu betrügen, fällt das über das Community-Netzwerk sofort auf. Daher gilt: Je mehr Computer, je mehr Augen im Netzwerk, desto sicherer der Bezahlvorgang.

Und Sicherheit erhöht das Vertrauen in den Bitcoin. Der Kurs stand heute bei sage und schreibe über 48.000 Euro.

Das große Problem mit der Sicherheit: Je mehr Rechner arbeiten, desto größer der Stromverbrauch. Ein Limit gibt es nicht: Das Netz ist offen, jeder kann mitmachen.

Und das Ganze wird auch noch angeheizt. Denn das System Bitcoin sieht eine Entlohnung für die Rechenleistung vor – über das Bitcoinschürfen, oder englisch: Minen:

Das geht so: Wer als erstes ein Paket an Arbeit erledigt, also aufgelaufene Überweisungsdaten geprüft und abgesichert ins System einstellt, bekommt dafür Bitcoins im Wert von zurzeit 300.000 Euro. Hinzu kommen noch Aufschläge. Die Rechenzeit pro Paket beträgt immer etwa 10 min. Theoretisch bedeutet das bis zu 50 Millionen Euro am Tag, die ein Rechner schürfen kann. All die anderen fleißigen Rechner im Netzwerk bekommen keine Entlohnung!

Der Jackpot ist so hoch und so verlockend, dass immer mehr in Hochleistungsrechner investieren.

Schon in zwei bis drei Jahren könnte der Stromhunger des Bitcoins Platz 12 einnehmen - im Vergleich zu Staaten und deren Stromverbrauch inklusive der Industrien.

Der Bitcoin - ein wahrer Stromfresser. Bitcoin-Befürworter verweisen aber auf eine britische Studie, die besagt:

Prof. Markus Büch, Vorstandsmitglied Blockchain Bundesverband

„Dass der Bitcoin keinen relevanten Einfluss auf den aktuellen Klimawandel hat.“

Dieser Argumentation folgend, könnte man sagen, dass auch Italien oder die Niederlande ihren Klimaausstoß nicht senken müssten. Fakt ist, der Bitcoin macht einen Unterschied. Das sieht man vor allem in China.

Alex de Vries, Datenwissenschaftler

„Ein wesentlicher Teil dieses Netzwerks befindet sich in China und speziell im Norden Chinas, wo es reichlich Kohle gibt. Dort produzieren sie Kohlestrom. Am Wochenende, 17. und 18. April, gab es in einen Stromausfall. Infolge fiel ein Drittel des Bitcoin-Netzwerks aus.“

Billiger Kohlestrom lockt Miner aus der ganzen Welt vor allem nach China. China soll kurz davor gewesen sein, trotz Corona die internationalen Klimaabkommen wegen des Bitcoins zu verfehlen.

Das berechneten Forscher der Universität Peking:

Yuze Li, Ökonom

„Ich denke, wenn das Minen so bislang weitergelaufen wäre, hätten wir möglicherweise die vereinbarten Klimaziele laut Kyotoprotokoll und Paris-Abkommen nicht einhalten hätten können.

Behörden gingen gegen das Mining vor, schlossen etliche Bitcoin-Rechenzentren. Miner versuchen seither vermehrt ihr Glück im Iran. Dort sind die schnellen Rechner herzlich willkommen. Hier wird der Strom oft aus Erdöl gewonnen. Strompreis: 1 Cent pro Kilowattstunde.

In Europa wird dagegen wenig geschürft. Die Strompreise sind zu hoch – in Deutschland sind es 12 Cent pro Kilowattstunde: Unprofitabel.

So wird bei uns zwar wenig geschürft, aber dafür hat der Bitcoin frei Bahn. Jeder kann mit ihm handeln oder auf ihn spekulieren. Selbst damit zahlen, geht immer öfter. Obwohl er so klimaschädlich ist, wird er nicht reguliert.

Warum ist das so? Unsere Fragen hierzu ans Finanz- und Wirtschaftsministerium blieben unbeantwortet. Der Sprecher des Umweltministeriums dagegen geht vor unsere Kamera:

Stephan Haufe, Sprecher Bundesumweltministerium

“Die Regulierung ist da nicht so ganz einfach, weil es sich letztlich um ein dezentrales System handelt. Weltweit umspannend. Es ist ja nicht so, dass es in einem Staat liegt und er kann das regulieren.“

Bitcoin tanzt den Staaten auf der Nase herum. Was bleibt, ist ein Appell an die Macher, sich dem Thema Klima endlich anzunehmen:

Stephan Haufe, Sprecher Bundesumweltministerium

„Da muss man sich natürlich fragen, wie kann das sein, dass eine recht moderne, recht neue Technologie, sich darum gar nicht kümmert. Weil, es ist ja möglich, eine Kryptowährung heute so aufzusetzen, dass sie im Grunde genommen gar nicht so einen hohen Energie- und Stromverbrauch hat. Dafür gibt es Beispiele.“

Tatsächlich könnte der Algorithmus des Bitcoins umgeschrieben werden. Das zeigt auch die zweitwichtigste Kryptowährung auf dem Markt: Ethereum. Dieses Geld funktioniert auf dem gleichen Prinzip wie der Bitcoin. Die Köpfe hinter Ethereum ändern gerade den Algorithmus. Ab kommendem Jahr soll der Stromverbrauch um 99 Prozent reduziert werden.

Die Chefprogrammierer des Bitcoins – darunter auch ein Deutscher - halten davon offenbar nichts. Sie bleiben erstmal der Stromverschwendung treu, die Sicherheit generiert und damit hohe Börsenkurse. Die Sechs haben auf unsere Anfragen nicht geantwortet.

Beitrag von Chris Humbs und Susett Kleine

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