Russlands Präsident Putin mit Jewgeni Prigoschin (links). Bild: Kontraste
Kontraste/rbb
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Russischer Oligarch - „Putins Koch“ und sein Einfluss in Deutschland

Der Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA) setzt sich für ein Ende der Russland-Sanktionen und eine Neuorientierung Deutschlands nach Osten ein. Recherchen von KONTRASTE und der ZEIT zeigen jetzt: Der BWA arbeitet offenbar mit Personen zusammen, die zum Netzwerk des berüchtigten russischen Oligarchen Jewgeni Prigoschin gehören. Prigoschin soll für zahlreiche russische Desinformationskampagnen verantwortlich sein, so soll er zugunsten von Donald Trump in die US-Wahl eingegriffen haben. Er wurde von der EU und den USA mit Sanktionen belegt. Vieles spricht dafür: Prigoschin versucht ein russlandfreundliches Netzwerk in Deutschland aufzubauen. Gleich mehrere europäische Nachrichtendienste sind nach KONTRASTE-Informationen alarmiert.

Anmoderation: Darf ich vorstellen: Jewgenij Prigoschin, russischer Oligarch, mit dem Spitznamen „Putins Koch“. Er ist tatsächlich Gastronom - seine Firma hat für den Kreml gekocht - inzwischen rührt er aber weit mehr für Putin ein: er soll in den amerikanischen Wahlkampf eingegriffen haben, es geht um Internet-Trollarmeen, das FBI fahndet nach ihm, die EU verhängte Sanktionen – doch er ist davon offenbar unbeeindruckt und versucht nun auch in Deutschland sein trübes Süppchen zu kochen, wie unsere gemeinsame Recherche mit den Kollegen und Kolleginnen der Zeit aufdeckt.

Diese Geschichte führt nach Moskau, zu einem berüchtigten Oligarchen, bekannt als „Putins Koch“.

Sie führt nach Afrika, wo ominöse „Wahlbeobachter“ diesem Oligarchen zu Diensten sein sollen.

Und – sie führt ins Zentrum der deutschen Hauptstadt, an den Berliner Gendarmenmarkt.

Im Luxushotel Hilton findet hier Mitte Januar eine internationale Konferenz statt. Thema: die wirtschaftliche Zusammenarbeit im Ostseeraum.

Wie dieses Video zeigt, werben die Veranstalter aufwändig im Netz: eine britische PR-Agentur und der „Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft“, kurz BWA.

Wegen Corona findet die Konferenz weitgehend virtuell statt. Ein Redner, dessen Vortrag live aus dem Hilton gestreamt wird, ist der AfD-Bundestagsabgeordnete Stefan Keuter.

Stefan Keuter (AfD), Bundestagsabgeordneter

„Es ging um Außenpolitik. Es ging um Wirtschaftspolitik. Und da passte mein Thema Nord Stream 2 hervorragend rein.“

Kontraste

„Veranstalter war ja der Bundesverband für Wirtschaftsförderung und…“

Stefan Keuter (AfD), Bundestagsabgeordneter

„Der BWA, richtig. Der ist mir als sehr seriös bekannt, sonst hätte ich da auch nicht zugesagt.“

KONTRASTE und der ZEIT aber liegen interne Dokumente und Emails zur Konferenz vor. Immer wieder taucht darin ein Name auf: Julia Afanasjewa.

Eine junge Russin, die offenbar maßgeblich in die Vorbereitung eingebunden war. Und die im Fokus internationaler Nachrichtendienste steht.

Zum Beispiel in den USA: Dort erließ US-Präsident Joe Biden Mitte April neue Maßnahmen gegen Russland.

Joe Biden, US-Präsident

„Ich habe Sanktionen unterzeichnet, um schädlichen Handlungen zu begegnen, die Russland unternommen hat.“

Als Einzelperson direkt von diesen Sanktionen betroffen: Eben jene Julia Afanasjewa. Der Grund: Laut US-Regierung arbeitet sie für den milliardenschweren Oligarchen Jewgeni Prigoschin, bekannt als „Putins Koch“. Ein Catering-Unternehmer und Vertrauter des russischen Präsidenten.

Prigoschin soll die berüchtigte Internet-Trollfabrik gegründet haben, die mit systematischer Desinformation den US-Wahlkampf beeinflusst hat. Wegen finanzieller Verbindungen zur Gruppe Wagner, einer russischen Söldnerarmee, der schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, steht Prigoschin auch auf einer Sanktionsliste der EU.

Russische Investigativ-Journalisten versuchen seit langem, Prigoschins Netzwerke aufzudecken.

Ilja Roschdestwenskij, Investigativ-Journalist

„Jewgeni Prigoschin ist ein Mensch, der Russlands außenpolitische Interessen mit inoffiziellen, hybriden Mitteln durchsetzt und der seine Anweisungen, so sagen es viele Quellen, direkt aus dem Kreml bekommt.

Julia Afanasjewa arbeitet für die Organisation von Prigoschin. Das haben mir ehemalige Mitarbeiter bestätigt und das ergibt sich auch aus internem Schriftverkehr.“

Warum aber arbeitet eine mutmaßlich mit Prigoschin verbundene Russin an einer Ostsee-Konferenz in Berlin mit? Und welche Rolle spielt dabei der BWA?

Bei unseren Recherchen stoßen wir auf Überraschendes: Julia Afanasjewa gehört seit Oktober selbst zum BWA, darf sich dort sogar Senatorin nennen.

Vorsitzender des Verbands ist der PR-Berater Michael Schumann. Seit langem setzt er sich für ein Ende der Sanktionen gegen Russland ein. Etwa im Dezember 2020, zugeschaltet beim Eurasischen Wirtschaftskongress in Moskau.

Michael Schumann, Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft

“Eine grundlegende Neuorientierung Deutschlands nach Russland liegt in unserem nationalen Interesse. Wir alle wissen, wie sehr Russland von westlichen Kräften gedemütigt wurde, aber es ist wiederauferstanden als eine Weltmacht im 21. Jahrhundert.“

Mehrfach fragen wir bei der BWA-Geschäftsstelle um ein Interview mit Schumann an – vergebens. Der Verband antwortet schriftlich, schreibt unter anderem:

„Dass Frau Afanasjewa auf einer Sanktionsliste der US-Regierung steht, war uns bis zu Ihrer Anfrage nicht bekannt. (…) Im Übrigen obliegt es uns nicht (…), die Verbindungen unserer Mitglieder nach und in Russland in jedem Einzelfall auf transatlantische Akzeptanz zu prüfen“.

Tatsächlich ist der BWA verstrickt mit einer Organisation, die ebenfalls Afanasjewa und Prigoschin zugerechnet wird: Es geht um AFRIC.

Der Verein hat mehrere inoffizielle Wahlbeobachtungen in Afrika durchgeführt. In Simbabwe bescheinigte AFRIC dem pro-russischen Präsidenten schon Tage vor der Wahl einen reibungslosen Ablauf. Die offizielle Mission der EU dagegen sprach im Nachhinein von Einschüchterung und Machtmissbrauch.

Der Russland-Experte Jörg Forbrig sieht AFRIC als ein Mittel verdeckter russischer Außenpolitik.

Jörg Forbrig

„Ich denke, was Russland versucht im Augenblick auch über Organisationen wie Afric ist, sich mehr Einfluss in Afrika zu verschaffen, auch zu verhindern, dass in Afrika demokratische Prozesse sich konsolidieren.“

Mindestens zwei BWA-Repräsentanten waren als „Wahlbeobachter“ für AFRIC im Einsatz: Volker Tschapke, außenwirtschaftlicher Berater des BWA. Und Urs Unkauf, der als diplomatischer Berater des BWA firmiert.

An Konferenzen von AFRIC hat auch AfD-Mann Keuter teilgenommen. Sie fanden in Berlin statt, organisiert von: Julia Afanasjewa, hier rechts im Bild. Die Russin, die mittlerweile Julia Berg heißt, sei eine gute Freundin, sagt Keuter. Eingefädelt habe die Verbindung der Kreml selbst:

Stefan Keuter (AfD), Bundestagsabgeordneter

„Ich hatte einen Bekannten aus der russischen Präsidial-Administration, der persönlich mit der Frau Berg befreundet ist. Darüber hatten wir uns kennengelernt.“

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„Ist ihnen mal der Gedanke gekommen, dass sie möglicherweise für eine russische Einfluss-Operation auch benutzt werden?“

Stefan Keuter (AfD), Bundestagsabgeordneter

„Es ist die Frage, ob man sich benutzt fühlt, oder ob diese Interessen, die dort verfolgt werden, gegebenenfalls eigene Interessen sind.“

Manch einer lässt sich vielleicht auch gerne benutzen.

Versucht Prigoschin also nun in Deutschland Netzwerke aufzubauen, mit Hilfe willfähriger Lobbyisten und Politiker? An der Ostsee-Konferenz nahmen neben Keuter noch drei weitere Bundestagsabgeordnete teil:

Stephan Albani von der CDU, selbst Vizepräsident des BWA.

Der Sozialdemokrat Marcus Held.

Und Alexander Kulitz von der FDP.

Trotz mehrfacher Anfragen: Keiner der drei Abgeordneten gibt uns ein Interview. Dabei gäbe es viel zu bereden: Mehrere europäische Nachrichtendienste stufen die Konferenz im Hilton mittlerweile intern als Anbahnung einer russischen Einflussoperation ein.

Es sind Warnungen, die Russland-Experte Forbrig teilt:

Jörg Forbrig

„Es ist eine vorbereitende Maßnahme dahingehend, dass man zuerst ja diese Netzwerke, diese Kontakte, auch die Glaubwürdigkeit herstellen muss. Insofern sollten wir uns da, glaube ich, immer wieder klarmachen, dass Russland offenbar ganz aktiv hier in Deutschland versucht, Einfluss zu nehmen.“

 

Beitrag von Andrea Becker, Georg Heil und Markus Pohl

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