In Berlin demonstrieren Tausende Corona-Leugner gegen die Beschraenkungen in der Pandemie. Foto: Jochen Ecke/imago images
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Drohungen und Beleidigungen - Wie die Corona-Leugner-Szene sich radikalisiert

Zehntausende Menschen demonstrieren dieser Tage in deutschen Großstädten gegen die Corona-Beschränkungen. Die Demo unter dem Motto "Tag der Freiheit" ist von Rechtsradikalen organisiert. Ihre Parolen schüren Hass und sogar Gewalt. Kontraste fragt exklusiv alle Bundestagsabgeordneten nach ihren Erfahrungen mit Bedrohungen und Beleidigungen während Corona. Rund 150 Abgeordnete antworten, ein Viertel von ihnen leidet unter Beleidigungen oder Bedrohungen. Wer öffentlich besonders im Fokus steht, erhält sogar Hunderte Hassbotschaften – Tendenz in jüngster Zeit steigend. Politiker und eine Wissenschaftlerin erzählen Kontraste, wie sie mit diesem Druck umgehen.
 

Anmoderation: So...einmal durchatmen. Das, was Kindern zu Corona durch den Kopf geht gleich bei uns. Und dann gibt es ja auch noch die, die Corona überhaupt nicht bedrohlich finden. Sondern das Ganze eher für vollkommen übertrieben halten oder sogar frei erfunden. Am Samstag demonstrierten sie in Berlin natürlich ohne Masken und Abstand gegen die Corona-Regeln. Und wer das als Jahrestreffen der Wirrköpfe abtut, der macht es sich zu leicht. Denn viele, die da protestieren sehen sich als Widerstandsbewegung. Politiker und Wissenschaftler sind bei ihnen verhasst und bekommen das längst auch zu spüren. Silvio Duwe, Cosima Gill und Susett Kleine.

 

 

Demonstranten

„Rauf auf die Fresse, ich bin kein gewalttätiger Mensch.“ 

„Wir haben nämlich die Schnauze voll.“ 

„Lug und Betrug“ 

Kontraste

„Was haben Sie gerade gesagt“ 

Demonstrant

„Ihr werdet noch abgeurteilt.“

Kontraste

„Von wem?“

Demonstrant

„Warte ab.“ 

Demonstranten

„Lügenpresse“ 

„Hörst du schlecht?“

Kontraste

„Hehe, nicht anfassen.“

In Sekundenschnelle schlagen hier Wut und Hass bei einigen Corona-Leugnern in Gewalt um. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Sebastian Brehm hat das in seiner Heimatstadt Nürnberg hautnah zu spüren bekommen. 

Als er am 11. Juli gemeinsam mit seinem Sohn an einem Spendenlauf teilnimmt, trifft er zufällig auf Teilnehmer einer Hygienedemonstration. Ein Protestler wird handgreiflich:

Sebastian Brehm (CSU), Bundestagsabgeordneter 

„Ich habe deeskaliert und habe gedacht, dass ist schon alles im Griff und dann kam einer und hat mich von hinten nochmal richtig umgeschubst.“ 

Sebastian Brehm (CSU), Bundestagsabgeordneter 

„Mein Sohn hat dann hinterher sich schon Sorgen gemacht ...“

Carl-Philipp Brehm

„Ich habe ihn gefragt, ob es überhaupt Sinn macht, Politik weiterzumachen?“

Politiker unter Druck und die Parolen sind oft dieselben: 

Kurz vor dem Angriff beleidigen die Demonstranten Sebastian Brehm als „Faschist“ und „Kindermörder“. 

Kontraste

„Kindermörder können Sie sich erklären, woher das kommt?“ 

Sebastian Brehm (CSU), Bundestagsabgeordneter

„Kindermörder kommt wahrscheinlich aus der Gegend impfen gegen Corona. Wobei das ist ja völlig aus der Luft gegriffen.“

Aber was steckt hinter der Wutspirale? Wir versuchen mit Teilnehmern der Demonstration in Berlin ins Gespräch zu kommen. 

Teilnehmer Hygienedemo

„Wenn Politiker als Kindermörder beschimpft werden, wenn sie die Kinder impfen wollen.“ 

Kontraste

„Genau, was sagen Sie dazu?“ 

Teilnehmer Hygienedemo

„Dann sage ich das ist richtig.“  

Die Demonstranten glauben sich im Kampf gegen die Pandemie-Beschränkungen im Recht – und das mit allen Mitteln:

Teilnehmer Hygienedemo

„Ich bin gegen Gewalt grundsätzlich, aber wenn man sich wehren muss, dann ist Gewalt legitim.“ 

Kontraste

„Wogegen müssen Sie sich denn wehren?“ 

Teilnehmer Hygienedemo

„Vor irgendwelchen diktatorischen Corona-Gesetzen.“ 

Die ständige Propaganda über eine angebliche Diktatur zeigt Wirkung:

Sebastian Brehm (CSU), Bundestagsabgeordneter 

„Das ist auch das, was mich an der ganzen Sache erschreckt, dass gerade auch jetzt bei diesen Demonstrationen, die gemacht werden, dass der Grat zwischen Gewalt und friedlicher Auseinandersetzung ganz klein ist und beim geringsten Argument oder Gegenargument sofort losgehen kann.“

KONTRASTE hat alle Bundestags-Abgeordneten gefragt, wie oft Sie unter Bezug auf Corona beleidigt und bedroht wurden. 155 Abgeordnete haben geantwortet. Jeder vierte von Ihnen hat Beleidigungen erhalten. Jeder zehnte wurde sogar bedroht. Aber wer genau befeuert diese Wut?

Organisiert wird diese Kundgebung  von der Stuttgarter Initiative Querdenken 711. Nach außen hin soll das ganze friedlich wirken, Der Pressesprecher der Initiative singt auf der Bühne:

Lied: Die Liebe öffnet mein Herz

Wem diese Zuneigung gilt, wird schnell deutlich: hier umarmt der Pressesprecher den bekannten Holocaustleugner Nikolai Nerling. Redner ist unter anderem der Rechtsesoteriker und Antisemit Heiko Schrang.

Friedenstauben und Regenbogenfahnen Symbole der Friedensbewegung neben Reichsflaggen. Rechte, Impfgegner, Corona-Leugner und Verschwörungsgläubige marschieren und skandieren zusammen bekannte Pegida-Parolen.

"Lügenpresse, Lügenpresse, Lügenpresse" 

Dabei ist die Bewegung bestens organisiert. Eine Woche zuvor in Köln. Bereits hier wird für die nächste Demo eingeheizt:

"Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin." 

In Köln treffen wir an seinem freien Sonntag den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Der Demonstration möchte er sich ungern nähern. Schon wird er angepöbelt.

Passanten

„Du Durchgeknallter. Du bist es!“ 

„Eh der Lauterbach, ach du meine Güte!“

Karl Lauterbach (SPD), Bundestagsabgeordneter

„Die Leute die jetzt hier unterwegs sind, die gehen zur Demo und bei denen habe ich nichts zu bestellen.“

Seit März erhält er fast täglich Beleidigungen und Drohungen, erzählt er uns:

Karl Lauterbach (SPD), Bundestagsabgeordneter

„Ich bekomme viel ab, was mir das übelste wünschen, die Menschen drücken aus, dass sie sich wünschen, dass ich die Pandemie nicht überleben soll und dass ich besonders qualvoll sterben möge und so weiter …“ 

Kaum ein Abgeordneter im Deutschen Bundestag ist in Corona-Zeiten so gefragt, wie Lauterbach. Der SPDler ist auch Mediziner und Epidemiologe. Immer wieder warnt er eindringlich vor den Folgen des Virus und gerät so ins Visier der Corona-Leugner: 

Karl Lauterbach (SPD), Bundestagsabgeordneter

„Hier werde ich als Drecksau und einiges mehr bezeichnet, hier wird mir sehr konkret gedroht, hier sehe ich mein eigenes Kreuz ... Hier wird insbesondere darauf hingewiesen, dass ich an meine Familie denken soll - also auch eine Bedrohung meiner Familie.“

Kontraste

„Wie finden Sie es denn, wenn ein Politiker eine eigene Traueranzeige als Kritik zugeschickt bekommt?“

Demonstrant

„Dann hat er wahrscheinlich vorher mal was gemacht. Müssen man mal vorher fragen, was der Politiker gemacht hat, dass er sowas verdient hat.“

Karl Lauterbach erhält sogar Drohungen mit NS-Fantasien.

„Wenn Sie so weitermachen, sind die Gaskammern bald schneller wieder da, als sie denken und sie werden der erste sein, der sie testen darf … Hat er von seinem iPhone geschickt. 

Unsere Recherchen zeigen: immer wieder werden Politiker mit NS-Kriegsverbrechern gleichgesetzt. Die Hetzer fordern die „Nürnberger Prozesse 2.0“

Kontraste

„Es wird oft Nürnberger Prozesse 2.0 geschrieben an Politiker. Finden Sie das in Ordnung?“ 

Demonstranten

„Das finde ich sehr gut! Es hätte noch schlimmer sein sollen alle nach Guantanamo und Tschüss.“ 

„Meine Haltung ist, dass die Politiker sämtlich für das was sie unserem Volk und zum Beispiel mir persönlich angetan haben ins Gefängnis kommen und zum Beispiel vor einen Untersuchungsausschuss.“

Karl Lauterbach (SPD), Bundestagsabgeordneter

„Ich weiß, dass Wissenschaftler sich zurückgenommen haben und die sich weniger in die öffentliche Diskussion einbringen, weil sie Angst bekommen haben mit dieser Auseinandersetzung.“ 

Auch die Sozialpsychologin Pia Lamberty ist privat vorsichtiger geworden. Für ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen erhält sie massive Bedrohungen. Denn sie forscht auch zum Weltbild von Corona-Leugnern. Um mögliche Gefährdungen mitzubekommen, kontrolliert sie täglich ihre Internetprofile. Selbst am Tag ihrer Hochzeit letzte Woche.

Pia Lamberty, Sozialpsychologin

„Es ist halt nicht so schön, wenn man heiratet und dann sein Postfach aufmacht und dann an dem Tag Beleidigungen und Bedrohungen bekommt. Andere bekommen Glückwünsche, ich kriege Hass.“

Deshalb gibt sie uns ein Interview an einem neutralen Ort. Liest vor, wie sie beleidigt wird:

Pia Lamberty, Sozialpsychologin

„Fakt ist du hast zu viele Menschen diffamiert und dafür wirst du getötet.“ 

„Kleiner Tipp, sieh zu, dass du verschwindest.“

Pia Lamberty, Sozialpsychologin

„Als Frau ist es immer so eine Mischung zum einen wird einem Expertise abgesprochen, zum anderen gibt es viele sexistische Beleidigungen, Beleidigungen, die sich auf das Äußere beziehen, Vergewaltigungsandrohungen spielen da auch immer wieder eine Rolle.“ 

Manche Männer schreiben ihr täglich, werden immer aggressiver im Ton. Je länger die Pandemie anhält, desto radikaler werden die Leugner. Attila Hildmann, Vegankoch und Verschwörungsideologe ruft sogar zur Tötung eines Politikers auf. Öffentlich und vor den Augen der Polizei. Mitten in Berlin:

Attila Hildmann

„Also wenn ich Reichskanzler wäre, dann würde ich die Todesstrafe für Volker Beck einführen indem man ihm die Eier zertretet auf einem öffentlichen Platz.“

Wegen dieser Drohung wird nun ermittelt.

Wir treffen Volker Beck am Ort des Geschehens. Die massiven Anfeindungen  

gehen nicht spurlos an ihm vorbei: 

Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen), Politiker 

„Eine Seele hat keine Hornhaut und manchmal schleicht das in den Stillen Stunden ein.“

Beck wird besonders perfide bedroht: 

Volker Beck, Grünen Politiker 

„Wie lange hast du Personenschutz? Halbes Jahr?“

„Hast du eigentlich keine Angst, dass wer auch immer dich aufgreift, in den Kofferraum wirft, schön die Abgase in dich hineinleitet?“ 

Das hat Folgen für sein Privatleben: 

Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen), Politiker

„Man guckt schon auf der Straße ein bisschen um sich, wer ist in der Nähe und ist da irgendwas Suspektes.“

Die Corona-Leugner-Szene radikalisiert sich und sie sieht sich völlig im Recht gegen eine angebliche Diktatur anzukämpfen:

“Widerstand, Widerstand!”

Widerstand, der auch Gewalt legitimiert: 

„Film mich nicht Alter, sonst haue ich dir eine rein.“

„Raus ab ihr Schweine, haut ab!  Lügenpresse! Lügenpresse! Lügenpresse!“

Das klare Feindbild vieler hier verfestigt sich. Und das kann gefährlich werden:  

Pia Lamberty, Sozialpsychologin

„Im schlimmsten Fall kann es durch den Verschwörungsglaube auch terroristische Anschläge legitimiert werden. Das haben wir in Halle gesehen, das haben wir in Hanau gesehen. Wenn sich da eine Gruppe immer weiter radikalisiert, sich gegenseitig bekräftigt kann es passieren, dass eine Person denkt, das wäre jetzt die letzte Konsequenz.“

Beitrag von Silvio Duwe, Cosima Gill und Susett Kleine

weitere Themen der Sendung

Ein Junge mit einer Mund-Nasen-Behelfs-Maske sitzt auf dem Schulhof und liest etwas. Foto: Mueller/imago images
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Psychisch belastet - So leiden Kinder unter den Corona-Beschränkungen

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ZB

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Die Rigaer Straße mitten in der deutschen Hauptstadt gilt seit vielen Jahren als Hotspot linksextremer Gewalt. 346 Straftaten allein in den vergangenen eineinhalb Jahren. Nachbarn der zwei besetzten Häuser klagen offen darüber, drangsaliert zu werden. Interne Unterlagen belegen, dass die Linksradikalen längst eine rechtsfreie Zone geschaffen haben, das Gewaltmonopol des Staates außer Kraft setzen. Aus falscher politischer Rücksicht geht der rot-rot-grüne Senat dem Problem aus dem Weg, lässt Hauseigentümer und Polizei im Regen stehen.