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- Deutschland im Lockerungs-Modus

Corona-Kontaktverbot und Maskenpflicht haben die Republik verändert. Während die einen bemüht sind, den Abstand zu ihren Mitmenschen einzuhalten, drängen sich andere dicht beim Feiern in Kreuzberg oder in wiedereröffneten Möbelhäusern. Während Virologen nach wie vor warnen, bemühen sich Politiker, möglichst schnell Schulen und Geschäfte zu eröffnen. Diese widersprüchliche Lage sorgt für Verunsicherung und ist ein fruchtbarer Boden auch für Verschwörungserzählungen. Kontraste-Reporter haben Deutschland in Zeiten der Lockerung bereist.
 

Anmoderation: Na, genießen Sie auch die neue Freiheit? Sind Ihre Haare schon wieder in Form? Haben Sie für nächste Woche schon einen Tisch im Restaurant reserviert? So ganz traut man der Sache ja noch nicht und trotzdem passiert es: Deutschland macht sich wieder locker - guten Abend zu Kontraste. Damit das nicht voll nach hinten losgeht mit den Lockerungen kommt es jetzt drauf an, dass die Konzepte zum Infektionsschutz funktionieren. Sascha Adamek, Silvio Duwe, Bettina Malter und Marcus Weller zeigen, wie schnell überall im Land vergessen wird, dass Abstandsregeln und Kontakt- beschränkungen, trotz der Lockerung, weiterhin gelten.  

Was jetzt kommt, macht der fünfjährige Theo für uns alle.  

Schwester

„Guck mal an die Decke. Geschafft. Ganz tapfer. Massier dir mal die Nase.“

Mehr über Kinder und Covid-19 erfahren, das will der Mediziner Philipp Hennecke

Henneke

„Bravo das war der erste Schritt.“

Der erste Schritt - ein Abstrich

Professor Dr. Philipp Henneke, Uniklinik Freiburg

„Was wir im Augenblick gar nicht wissen: inwieweit die Übertragung von Kindern und unter Kindern zur Ausbreitung im Generellen einen Beitrag leistet.“

Unsichere Datenlage hin oder her, seit Montag ist für viele wieder Schule. Für die 12-jährige Hannah ist der erste Schultag vorbei. 

Hannah Höppner, Schülerin 

„Um 7:30 bin ich hier angekommen und es war auf jeden Fall ein komisches Gefühl, wieder in der Schule zu sein oder an der Schule. Ja, und dann habe ich mich an einen gelben Streifen auf dem Boden gestellt. Und dann habe ich gewartet, bis wir rein gerufen worden sind.“ 

Und das wurde jeder einzeln. Hannah gehört zu jenem Teil der Klasse, der vormittags für drei Stunden Unterricht hat. Durch die Abstandsregeln passt in den Raum keine ganze Klasse mehr rein. Also: Lernen im Schichtbetrieb. Ungewohnt für Hannah. Vor allem die Pausen. 

Hannah Höppner, Schülerin 

„Es gibt ganz oft, das sage ich ganz ehrlich, ganz oft stille Pausen, wo wir uns alle denken, wir könnten jetzt ein bisschen reden. Das ist alles komplett komisch, weil wir so weit auseinander sitzen.“

Jens Otte ist hier Direktor und blickt kritisch auf die Lockerungen für Schulen. Ein Drittel seines Lehrkörpers ist im Homeoffice - viele davon gehören selbst zur Risikogruppe. Der Hygieneplan, den er umsetzen soll, ist eigentlich nicht einzuhalten.

Jens Otte, Schulleiter der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule

„Garantieren kann ich die Abstandsregeln nicht, wir können sie einfordern, versuchen alle mitzunehmen, sie wird nicht durchgehalten werden, das zeigt die Notbetreuung jetzt.“  

Der erste Schultag endet für die Sechstklässler diszipliniert mit Sicherheitsabstand. Nächste Woche schon sollen die nächsten Klassen kommen. Wenn so viele Lehrer zuhause bleiben ist das nicht zu stemmen.

Jens Otte, Schulleiter der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule

„Wenn ich die fünften Klassen jetzt in die Schule lasse, was vielleicht passiert, dann können die sechs nicht mehr kommen.“

Der 1. Mai: Feiertag und schönes Wetter - in Berlin Kreuzberg nehmen sich Tausende die Freiheit zu feiern zu demonstrieren - obwohl es verboten ist und die Polizei angekündigt hat die Abstandsregeln streng durchzusetzen. Doch Respekt vor den Beamten hat hier kaum einer und Infektionsschutz halten viele für lächerlich.

Mann mit Lederjacke

„Man sieht ja auch, dass ganz viele Menschen in Berlin das einfach nicht wollen und keine Angst haben vor diesem Virus. Sonst würden ja alle Menschen mit Masken rumrennen und den Abstand einhalten. Aber ganz viele Menschen sehen das als Schwachsinn an. Ich auch. Ich glaube nicht daran.“ 

Und so kommt es mitunter zu infektionsschutztechnisch absurden Szenen. Beamte ohne Mundschutz, aber mit Ausnahmegenehmigung weisen Aktivistinnen mit Mundschutz aber ohne Versammlungsgenehmigung darauf hin, ihre Plakate umzudrehen:

Demonstrantin

„Weil mich sonst weiter Leute ansprechen und sich mich annähern.“

Kontraste

„Wie finden sie das?“

Demonstrantin

„Ich habe gesagt, dass ich das nicht tun werde.“ 

Kreuzberg zeigt sich in üblicher Feierlaune, hier und da werden Steine geworfen, es gibt ein paar Festnahmen. In den Abend hinein feiert das Volk als gäbe es kein Morgen … und kein Corona. 

In Köln ist das die Freiheit, die sich Bürger nehmen. Früh morgens lange Schlangen vor dem IKEA und das ganz legal. Familie Reichau hat es beinahe geschafft.

Simon Reichau

Wir versuchen seit drei Tagen eigentlich was zu bekommen hier. Waren schon zwei Tage lang hier abends, dann haben wir die Schlange gesehen und gesagt, ne, dann lieber heute morgen um sechs Uhr campen…

Ansage

„Hey, willkommen zurück bei IKEA. Die Gesundheit und Sicherheit unserer Kunden und Mitarbeiter hat für IKEA stets höchste Priorität.“

Bald werden auch im Rest der Republik die ganz großen Läden wieder geöffnet, bei IKEA in Köln kann man jetzt schon sehen wie das werden wird

Ansage

„Achte bitte darauf Mund und Nase zu bedecken. Bitte beachte weiterhin die Einhaltung des Sicherheitsabstandes.“ 

Auch wenn nur 630 Kunden gleichzeitig in die riesige Filiale dürfen, in der Ausstellung und auf dem Weg in die Markthalle wird’s dann doch eng. Für Kinder ist das Maskentragen schwierig und nach einiger Zeit geht wirklich jeder IKEA-Einkauf auf die Nerven - daran hat sich auch mit Corona nichts geändert. 

Sohn

„Mama, Mama, Mama.“

Daniela Reichau

„Mäuschen, wenn ich mich mit Papa unterhalte, könntest Du Dich bitte kurz gedulden?“

Nach gut eineinhalb Stunden ist der Stresstest vorüber und der kleine Liam kann die Maske wieder abnehmen:

Simon Reichau

„Ich meine, mit einem Kind vergisst man das schnell mal wieder, irgendwie immer so einen kleinen Momenten. Da müssen Menschen auch manchmal Menschen bleiben, schwierige Phase gerade.“

Den Rosa-Luxemburgplatz in Berlin haben sich Gegner der Corona-Beschränkungen als Aufmarschgebiet ausgesucht. Hygienedemos nennen sie das und demonstrieren für die sofortige Aufhebung aller Einschränkungen. Corona-Diktatur ist ein Wort, das man hier oft hört. Doch Versammlungen sind verboten, der Platz ist gesperrt. Hier setzt die Polizei die Verbote und die Abstandsregeln strikt durch. 

Demonstrant

„Ich meine, die machen alle ihren Job, dass sind alles Leute, die ihren Job machen. So, wo man also gucken muss, wer gibt den Auftrag. Der Staat. Und von wem kriegt der Staat die Aufträge? Von seiner Bank. Wo hat der Staat nen Haufen Schulden? Bei seiner Bank.“

Demonstrant

„Sie sind die Polizei, sie sind dafür da das Volk zu schützen, sie haben einen Eid geschworen, dann halten verdammt nochmal auch ein.“

Demonstrant

„Ich bin Demokrat …. „

Polizist

„Sie dürfen hier auch nicht filmen, machen Sie die Kamera aus.“

Am nächsten Tag kommen sie wieder, die Hygiene-Demonstranten. Neben „besorgten Bürgern“ jetzt auch Leute wie der verurteilte Holocaustleugner Nikolai Nerling. Verschwörungsideologen wie Heiko Schrang nutzen die Hygienedemo als Kulisse und erreichen so auch Menschen, die vielleicht nur verunsichert sind von der neuen Corona-Realität.

Frau 

„Dass wir so belogen werden, dass es ein gemeinsames Komplott gibt zwischen allen. Keiner glaubt heutzutage, dass es weltweit möglich ist, dass dieses inszeniert ist.“

Der Mann, der hier die „Fernsehtyrannei“ ausruft ist übrigens Gerd Walther, ein Antisemit und der nächste verurteilte Holocaustleugner auf dem Platz. 

Lautsprecher

„Halten Sie dabei den erforderlichen Mindestabstand von Einmeterfünfzig ein …“

In Kreuzberg versucht die Polizei Abstandsregeln nun doch durchzusetzen - mit eher mäßigem Erfolg - Am Ende ist es fast wie immer am 1. Mai.

Polizist

„Arme auf den Rücken du Dumme Sau, die Arme auf den Rücken.“

Im Späti nebenan herrscht seit Stunden Hochbetrieb - Hunderte Kunden - im Minutentakt - die meisten ohne Maske.

Kontraste

„Haben sie selbst Angst? Alle zwei Minuten kommen Leute rein?“

Spätibesitzerin

„Nein, ich habe keine Angst.“

Kontraste

„Weil Sie glauben Sie kriegen es nicht?“

Spätibesitzerin

„Also ich bin selbst chronisch lungenkrank. Deswegen müsste ich eigentlich Angst haben, aber ich glaube nicht, dass ich es bekommen werde vielleicht. Ich wasch meine Hände ich fass mir nicht ins Gesicht.“ 

Und so geht Kreuzberg trotz Corona ziemlich locker und vor allem angstfrei in die Nacht. 

Beitrag von Silvio Duwe, Bettina Malter und Marcus Weller

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