Achim Laschet und Dr. Markus Soeder im Dialog. Foto: Jens Krick/flashpic
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Wer kann besser Kanzler - Mr. Exit-Laschet oder Lockdown-Söder?

Der Bayerische Ministerpräsident hat seit Beginn der Corona-Krise den Verfechter eines strengen Lockdowns gegeben. Damit konnte Söder nicht nur in Bayern, sondern bundesweit Beliebtheitspunkte sammeln. Dagegen eckte NRW-Landesvater Armin Laschet mit seinem frühen Lockerungskurs erstmal an – vor allem bei den anderen Länder-Chefs. Kräftig befeuert wurde das Ganze von Söders zahlreichen Giftspritzen Richtung Laschet: Lieber „Bayerische Vorsicht“ als „überstolpertes Vorgehen“ und „keine Experimente mit unserer Gesundheit“. Doch der Wind dreht sich langsam. Denn: Auch in Laschets Land nehmen die Zahlen der Neu-Infizierten ab. Und auch Söders Ruf nach Lockerungen wird lauter. Die Corona-Krise als Stresstest für die Kanzlerschaft?
 

Anmoderation: Der Streit um die Lockerungen: Er wird immer mehr auch zu einem Machtkampf unserer beiden Alpha-Corona- Krisenmanager: "Mr Lockdown" Markus Söder und "Mr. Lockerung", Armin Laschet. Fast jeden Tag wird da aufs Neue öffentlich gestichelt, gepieckst und gestänkert, hinter verschlossenen Türen soll es richtig laut geworden sein. Und klar - es geht ja auch um viel: Um unser aller Gesundheit - natürlich - aber für Armin Laschet eben auch um den CDU-Vorsitz und für beide um die Kanzlerkandidatur. Sascha Adamek und Lisa Wandt über zwei, die Corona entzweit.

Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident, bekannt als Scharfmacher. Seit Corona wirkt er ungewohnt diplomatisch und staatsmännisch.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Vorsicht. Besonnenheit. Miteinander Ringen über den richtigen Weg.“ 

Armin Laschet, NRW-Ministerpräsident, bekannt als Brückenbauer. Seit Corona will er dagegen den Ton angeben.

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen

„Die sozialen Schäden. Einkommensverluste. Kindeswohl. Normalität.“

Corona hat den Kampf der Egos entfacht. Zwischen Mr. Lockdown-Söder und Mr. Lockerung-Laschet.

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen

„Vorbereitung auf die Zeit nach der Krise.“

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Wer zu früh lockert, riskiert einen Rückfall.“

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen

„Zurück zu einer verantwortlichen Öffnung.“

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Es geht um Leben und Tod.“

Dies ist die Geschichte einer doppelten Verwandlung. Sie beginnt Mitte März, als Söder vorprescht und für Bayern Schulschließungen verkündet und den Katastrophenfall ausruft. Vor einer bundesweit einheitlichen Lösung. Es folgen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Wir tun das auch ein Stückweit für Deutschland.“

Bayern führt, der Rest muss folgen. Ganz nach Söders Geschmack. Der das prompt medial auskostet.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Wir waren die ersten, die gesagt haben, man muss Schulen schließen. Alle haben gefolgt, obwohl sie einen Tag zuvor eine andere Meinung haben. Und der heutige Tag zeigt doch, dass vieles von dem, was wir ein Stückweit auch mit ausgearbeitet haben, jetzt von allen anderen übernommen werden.“

Das sitzt. Vor allem Laschet trifft es an einem wunden Punkt: Er hatte den Karneval nicht absagen lassen. Und gilt plötzlich als Zögerer. Denn bei ihm im Land liegt dummerweise das deutsche Epizentrum der Pandemie, Gangelt im Kreis Heinsberg.

Christoph Hickmann, Spiegel-Reporter

„Armin Laschet hatte sich ja unmittelbar vor Ausbruch der Pandemie positioniert, hatte gesagt, ich will CDU-Vorsitzender werden und damit, das war allen klar, wäre dann auch die Kanzlerkandidatur verbunden. Dann kam Corona und damit die ultimative Prüfung. Und plötzlich stand Armin Laschet als jemand da, der im Kontrast zu Markus Söder, der ja in Bayern sehr schnell und entschlossen vorangegangen ist, die Dinge nicht so richtig in die Hand nimmt, nicht anpackt und eben auch nicht in den Griff bekommt.“

Nach Söders Profilierung als Macher soll es auch deshalb heftig zwischen ihm und Laschet gekracht haben. 

Kontraste

„Ist die Lage in Bayern so viel gefährlicher als anderswo oder geht es ihnen darum, als der härteste Corona-Bekämpfer wahrgenommen zu werden?“

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Nun, das wäre eine sehr unangemessene Einschätzung, auch die Frage ist doch schon sehr kritisch. Finden Sie diesen Maßstab, den wir jetzt da anlegen, wirklich der Sache, wenn es um Leben und Tod geht, angemessen?“

Söder gibt sich staatsmännisch. Will von Streit nichts wissen. Geht es ihm um das Kanzleramt?

Roman Deininger, Reporter, Süddeutsche Zeitung

„Ihm hing immer der Verdacht, er würde Dinge nur inszenieren und nirgendwo authentisch sein, nach. Manche nehmen an, es ging ihm nur um die Kanzlerkandidatur. Da habe ich wirklich klar den Eindruck, ihm geht es jetzt tatsächlich um die Sache. Ich glaube, das kann man ihm auch abnehmen, dass er jetzt einfach in Bayern ein großes Sterben verhindern will.“

Christoph Hickmann, Spiegel-Reporter

„Markus Söder ist ein politisches Tier. Markus Söder wittert Chancen. Und wenn so jemand die Chance sieht, Kanzlerkandidat, Kanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden, dann wird er diese Chance zumindest sehr ernsthaft in seinem Kopf abwägen.“

Auch Söder sitzt ein „Heinsberg“ im Nacken: ein Bayerisches. Er hat die Starkbierfeste nicht verbieten lassen. Ein Fehler, der ihm Kritik einbringt und ihn offenbar an einem persönlich wunden Punkt trifft.

Roman Deininger, Buchautor, Süddeutsche Zeitung

„Söder ist tatsächlich jemand, der sehr auf seine Gesundheit achtet. Ich glaube, man kann ihn sogar einen Hypochonder nennen. Das ist jemand, dem sofort der Leberfleck auf dem Arm des Gesprächspartners auffällt und der die Vorsorgeuntersuchung empfiehlt. Also für Gesundheitskrisen ist Söder schon im Besonderen gemacht.“

Die Rolle des Lockdown-Managers hat sich Söder geschnappt. Und damit steht es 1:0 für ihn. Laschet, der schon früh die sozialen und wirtschaftlichen Folgen anmahnte, schlüpft also in die Rolle des Mr. Lockerung. Vor allen anderen spricht er lautstark von Öffnung.

Christoph Hickmann, Spiegel-Reporter

„Bislang war das möglicherweise etwas die Achillesferse von Armin Laschet, die Wirtschaftskompetenz. Sicherlich spielt es eine Rolle, dass er hier aufholen muss, aufholen will. Dass er sich jetzt so intensiv für die Belange der Wirtschaft einsetzt und plötzlich auch Applaus aus diesem Lager und auch vom Wirtschaftsflügel der eigenen Partei bekommt.“

Seine Landesregierung investiert in die so genannte Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck. Dessen Untersuchung wird von einer PR-Agentur begleitet, die das „Heinsberg-Protokoll“ auch im Netz präsentiert. Dort kann man lesen, wo die Reise hingeht:

„Je schneller wir erste Erkenntnisse teilen können, desto eher kehren wir in unseren gewohnten Alltag zurück.“

Die Professorin für Wissenschaftskommunikation, Annette Leßmöllmann, sieht diese Vorab-Botschaften äußerst kritisch.

Prof. Annette Leßmöllmann, Sprachwissenschaftlerin, Karlsruher Institut für Technologie

„Es ist der Eindruck zurückgeblieben in diesem Protokoll, dass schon vorher die Ergebnisse bekannt waren und schon vorher auf diese Ergebnisse hin agiert wurde, um die Botschaft in die Öffentlichkeit zu bringen: Die Lockerung des Lockdowns ist eine gute Sache und wir werden euch Fakten liefern.“

Fakten, die Armin Laschet helfen sollen, seinen Kurs zu begründen. Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Virologen Streeck präsentiert er Zwischenergebnisse der Studie.

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen

„Man braucht eine Begründung, eine fundierte Begründung und deshalb haben wir diese wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben.“

Nun prescht Laschet vor, mit einem Exit-Plan. Und kann sich so als Lockerungs-Manager profilieren, auch in seiner Osterbotschaft:

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen

„Wir benötigen einen Fahrplan, der uns den Weg in eine verantwortungsvolle Normalität zeigt.“

Söders Osterbotschaft, eine klare Antwort auf Laschet.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Wir lassen keine Experimente mit unserer Gesundheit zu.“

Jetzt steht es 1:1. Zumindest in der medialen Aufmerksamkeit. Seit an Seit mit der Kanzlerin stellt Söder klar.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Langsamer bringt mehr Erfolg als hektisch und überstürzt, auch für die Wirtschaft.“

Laschet öffnet dann in seinem „Land der Küchenbauer“ Nordrhein-Westfalen quasi im Alleingang die Möbelhäuser. Der Graben zu Söder wird tiefer.

Roman Deininger, Reporter, Süddeutsche Zeitung

„Die Ironie der Situation ist, dass Söder vor Corona so etwas wie ein heimlicher Laschet Unterstützer war. Zwischen Söder und Laschet gab es nie große Liebe, aber die hatten sich zweckmäßig arrangiert.“

Eine Zweckfreundschaft, die nun brüchig ist. So sucht sich der Bayerische Landesvater anderswo Unterstützung, auch beim Grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Heute geht es einfach darum: Schulterschluss. Süd-Schiene steht.“

Aus dem Süden sendet er erneut eine Botschaft gen Westen.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Ich glaube man kann das sagen: Winfried, du, die Bundeskanzlerin und ich, wir sind so mit einigen anderen eine Gemeinschaft der Umsichtigen.“

So viel Gegenwind ist Laschet, der sonst so auf Harmonie bedacht ist, nicht gewohnt.

Christoph Hickmann, Spiegel-Reporter

„Er war zu Beginn seiner Karriere jemand, der mit den meisten gut klarkam, der als der sympathische, etwas joviale Rheinländer, ganz gut durchgesegelt ist. Plötzlich stand der allein, fast allein und musste sich mit ziemlich harter Gegenwehr auseinandersetzen. Diese Rolle scheint er nicht so gewohnt zu sein, die scheint ihm auch nicht besonders gut zu liegen. An die wird er sich aber gewöhnen müssen, wenn er tatsächlich einen Bundestagswahlkampf als Kanzlerkandidat durchstehen will.“

Markus Söder kann oder will es sich nicht verkneifen, immer wieder gegen Laschet zu sticheln. Auf Nachfrage wird er allerdings äußerst schmallippig.

Kontraste

„Herr Ministerpräsident, eine Frage von Kontraste, beschädigen Sie nicht Armin Laschet mit solchen spitzen Bemerkungen im Rennen um den CDU-Vorsitz.“

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Nö.“

Kontraste

„Geht Ihnen diese Rivalität zunehmend auf den Nerv oder finden Sie zunehmend Gefallen daran?“

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Nö.“

Inzwischen hat sogar Söder den Lockdown für Bayern gelockert. Und auch die anderen Länder öffnen nun die Schleusen.

Christoph Hickmann, Spiegel-Reporter

„Auf einmal sind ganz viele kleine Armin Laschets draußen im Land unterwegs. Und wenn jetzt die Debatte beendet wäre, wenn übermorgen Parteitag wäre, wäre das sicherlich ein Punkt, den er für sich verbuchen und mitnehmen könnte.“

Abmoderation: Ende also offen. Aber ein Zwischenergebnis - das lässt sich heute ziehen, ganz frische Zahlen des ARD-Deutschlandtrends zeigen: 27 Prozent halten Armin Laschet für einen guten Kanzlerkandidaten, 3 Prozent weniger als vor der Corona-Krise. Satte 53 Prozent - Markus Söder, fast doppelt so viel und deutlich mehr als vor Corona. Natürlich nur eine Momentaufnahme, aber doch bemerkenswert.

Beitrag von Sascha Adamek und Lisa Wandt

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