Fahrzeuge des Volkswagen Konzerns stehen im Hafen von Emden zur Verschiffung bereit. Foto: Jörg Sarbach/dpa
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Corona und die Umwelt - Mythen, Halbwahrheiten und mittendrin Verkehrsminister Scheuer

Mythen, Irrtümer und Falschnachrichten sind in der Corona-Krise Alltag - und manchmal werden sie sogar direkt aus der Bundesregierung gestreut. Obwohl viel weniger Diesel unterwegs seien, sei die Stickstoffdioxidbelastung in deutschen Städten gleichgeblieben oder sogar gestiegen, behauptet Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Wahr daran ist nur: Die Belastung mit Luftschadstoffen kann wetterbedingt an einzelnen Orten erheblich schwanken. Eine exklusive Kontraste-Umfrage unter allen Bundesländern aber ergibt ein eindeutiges Bild: Die Stickstoffdioxidwerte sind auf breiter Front im Sinkflug. Und auch um das Klima rankt sich in diesen Tagen ein großer Mythos: Es ist der Glaube, die Corona-Krise helfe uns beim Klimaschutz.
 

Anmoderation: Wo wir schon mal beim Lockern sind: Jetzt, wo viele Betriebe und Flugzeuge am Boden liegen, ist es an der Zeit, auch lästige Klimavorgaben und Dieselfahrverbote zu lockern, fordert  der wirtschaftspolitische Sprecher der Union im Bundestag. Und nicht nur er. Können wir beim Thema Klima- und Umweltschutz einen Gang runterschalten? Auf der Suche nach belastbaren Zahlen stießen Chris Humbs und Markus Pohl auch auf einen Bundesverkehrs- minister, dessen Äußerungen mit der Realität wenig zu tun haben.

Das menschliche Leben steht still - und die Natur erholt sich. Im sonst so trüben Wasser Venedigs sieht man in diesen Tagen Quallen.

In Argentinien machen sich Seelöwen im verwaisten Hafen von Mar de Plata breit.

Und in Istanbul gehört der Bosporus seit Corona nicht mehr den Schiffen, sondern den Delfinen.

Statt Smog könne er den Himalaya sehen, freut sich dieser Mann aus Nordindien.

Satellitenaufnahmen belegen auch für Europa einen massiven Rückgang der Stickoxidwerte in der Atmosphäre.

Weniger Verkehr, weniger schmutzige Diesel in den Städten – und damit weniger Schadstoffe in der Luft. Ganz klar!

Doch genau dieser Zusammenhang wird jetzt in Frage gestellt. Meldungen sprechen sogar von Stickoxid-Spitzenwerten trotz Verkehrseinbruch - und der Focus zitiert dazu den CDU-Staatsekretär im Bundesverkehrsministerium:

„Das Thema Diesel-Fahrverbote ist aus meiner Sicht damit endgültig vom Tisch.“

Im Brennpunkt der Berichte: Deutschlands wohl berühmteste Messstelle am Stuttgarter Neckartor. Wegen der vielen Diesel hat die Station jahrelang die Grenzwerte überschritten. 

Mit Einführung der Corona-Verordnung am 17. März hat sich der Verkehr im Mittel verringert. Die Stickoxidwerte aber nicht. Ein Abfall ist seltsamerweise nicht zu erkennen.

Ein Afd-Abgeordneter befragt hierzu den Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer im Bundestag. Der gibt zu Protokoll:

Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr

„Wenn wir jetzt in der Situation einfach nur noch 15 bis 20 Prozent Verkehre haben an den verschiedenen Messstellen, aber die Messergebnisse gleichbleiben oder sogar schlechter sind, dann ist das in einem Missverhältnis.“

Eine Aussage, der man in der zentralen Umweltbehörde der Bundesregierung offen widerspricht.

Ute Dauert, Fachgebiet Luftqualität, Umweltbundesamt

„Dieses Missverhältnis ist schlichtweg nicht da. Wir finden einhergehend mit der Reduzierung des Straßenverkehrs in den Städten durch die Coronamaßn einen Rückgang der NO2-Konzentration. Von daher kann man diese Feststellung einfach so nicht stehen lassen, sie ist schlichtweg falsch.“

Falsch ist offenbar so einiges an den Aussagen. Aber der Reihe nach: 

Erst einmal wird der Behauptung, das Verkehrsaufkommen an den besagten Messtellen mache nur noch 15 bis 20 Prozent gegenüber der Zeit vor Corona aus, klar widersprochen - vom Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg. Er hat bei sich zählen lassen: 

Winfried Hermann (Bündnis '90/Die Grünen), Verkehrsminister Baden-Württemberg

„An den Hauptachsen hatten wir nicht fünfzehn Prozent des Verkehrs, sondern wir hatten noch 60 Prozent des Verkehrs. Auf den Hauptachsen hat mir sehr viel mehr Verkehr als in Wohngebieten."

Hermann wunderte sich auch über die Interpretation seiner Messwerte durch das Berliner Ministerium. Die Skalen hat er von Fachleuten analysieren lassen. 

Für Rainer Kapp vom Umweltressort der Stadt Stuttgart war schnell klar, warum die Werte trotz weniger Autos nicht deutlich nach unten gingen – es liegt am Wetter: 

Rainer Kapp, Amt für Umweltschutz Stuttgart

„Im Moment vergleichen wir eine Hochdruck-Situation, eine Schönwetter-Periode mit geringen Verkehrsmengen, mit einer vorher Situation, mit viel Wind, durchaus auch mit Regen, mit relativ hohen Verkehrsmengen, aber relativ gute Ausbreitungsbedingungen sodass wir da, man könnte sagen, die Äpfel mit Birnen vergleichen.“

Je nach Wetterlage können also auch bei wenig Verkehr die Messwerte hoch sein. Ohne den Corona-bedingten Verkehrseinbruch wären sie also noch deutlich höher. Merkwürdig ist auch Scheuers Generalisierung auf Basis von ein paar Werten.

In Deutschland gibt es rund 260 verkehrsnahe Messstationen. Kontraste hat die Daten bei allen Bundesländern abgefragt, 15 antworteten. Ergebnis: Überall sinken die Stickoxidwerte seit Corona.

In Berlin etwa liegt die Belastung an den verkehrsnahen Stationen um 28 Prozent unter den Vormonaten. In Hessen schätzt man den wetterbereinigten Rückgang der Stickoxid-Werte auf 30 Prozent.

Für Experten ist unstrittig – weniger schmutzige Diesel auf den Straßen, weniger gefährliche Stickoxide in der Luft. 

Wie also rechtfertigt Minister Scheuer sein Verhalten im Bundestag und wie der Staatssekretär seine Aussage im Focus. 

Einem Interview wollen sich beide lieber nicht stellen und erst nach mehrmaliger Nachfrage erhalten wir schriftlich Antwort aus dem Ministerium:

„Einschätzungen … hinsichtlich des Einflusses der Maßnahmen zur Eindämmung … des Corona-Virus auf die Luftqualität sind verfrüht.“

Der Minister muss zurückrudern. 

Und auch in Sachen Klimaschutz passiert Erstaunliches in der Coronazeit. 

Eine aktuelle Berechnung der US-Universität Stanford besagt: Im Zuge der Corona-Maßnahmen wird der Kohlendioxidausstoß weltweit in diesem Jahr um etwa 5 Prozent zurückgehen. Das ist wenig.

Es hat damit zu tun, dass vieles weiterläuft wie bisher. Hochöfen produzieren Stahl. Die Chemieindustrie zum Beispiel Kunstdünger. Weltweit gibt es wohl keine einzige Kuh weniger wegen Corona.

Kohlekraftwerke erzeugen fleißig Strom, auch für viele Homeoffices. In China sind die größten Kohlekraftwerke in Sachen Verbrauch längst wieder auf dem Vorjahresniveau! 

Verkehr spielt beim CO2 nur eine kleinere Rolle. Obwohl vieles still steht, ist die positive Klima-Wirkung sehr überschaubar. Der Klimaforscher Prof. Edenhofer sieht deshalb keinen Anlass für Entwarnung. Es brauche weiterhin einen grundsätzlichen Wandel. 

Prof. Ottmar Edenhofer, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

 „Die Menge an Emissionen, die wir bisher an der Atmosphäre abgelagert haben, lagern wir im Grunde genommen seit Beginn der Industrialisierung ab. Und diese Menge […] an CO2 die steigt und steigt und steigt und ein ganz kurzer Einmaleffekt, dass der Zufluss ein bisschen geringer wird, wird weder auf die globale Mitteltemperatur noch auf die langfristigen Klimaschäden irgendeine nennenswerte Auswirkung haben.“

Experten fürchten sogar, dass nach der Krise die aktuellen Einsparungen schnell durch zusätzliche Emissionen mehr als zunichte gemacht werden könnten.

Prof. Claudia Kemfert, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

„Es kann ja sogar auch sein, dass die Wirtschaft relativ schnell wieder anläuft. Und sogar wenn jetzt Wirtschaftshilfen gegeben werden, die klimaschädlich sind. Stichwort Abwrackprämien oder andere Hilfen, dass die Emissionen sogar ansteigen werden.“

Die Autoindustrie ist zurzeit besonders aktiv hinter den Kulissen, wenn es um die Abwehr von Klimaschutzmaßnahmen geht. Die Hersteller verdienten zuletzt viel Geld mit großen Spritfressern. Damit haben sie sehenden Auges gegen die EU-Klimaauflagen verstoßen. Nun drohen hohe Geldbußen: 

Auf Volkswagen kommen Strafen von 4,5 Milliarden Euro zu. So Schätzungen. Bei Daimler ist es etwa 1 Milliarde und bei BMW etwa 750 Millionen Euro.

In einem Brief fordert der Europäische Autoverband nun die EU-Kommission auf, solche Maßnahmen doch bitte auszusetzen. 

Rückenwind gibt es hierfür aus der CDU – es dürfe jetzt in dieser Krise keine Tabus mehr geben: 

Joachim Pfeiffer (CDU), wirtschaftspolitischer Sprecher Bundestagsfraktion 

„Wenn dieses Jahr weniger oder kaum Autos verkauft werden, dann kann man sich schon fragen, ob es klug ist, dann die Liquidität aus den Unternehmen abzuziehen. Da kann man auch mal darüber nachdenken, solche Sachen beispielsweise zeitlich zu schieben.“ 

Eine solche Strafbefreiung auf Zeit wird in der Bundesregierung noch nicht gefordert. Auch nicht vom Verkehrsminister. Dafür wird aber ernsthaft eine neue Abwrackprämie diskutiert. 3.000 Euro soll es geben für den Kauf eines Neuwagens mit Verbrennungsmotor. 

Beitrag von Chris Humbs und Markus Pohl

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