Cottbus in Aufruhr - Der inszenierte Skandal

Deutschland schaut auf Cottbus. Einige Flüchtlinge sind gewalttätig. Die Bewohner einer der größten Städte Brandenburgs fühlen sich bedroht. Der Innenminister reist an, stellt sich vor die Bürger. Doch um was geht es? Einzelfälle werden von allen Seiten instrumentalisiert - der Bürgermeister will mehr Geld, die Landesregierung keine Wähler verlieren und die Rechten rücken ins Rampenlicht. Statt mit Sozialarbeitern und Polizei den Prozess zu begleiten, schaute auch die Landesregierung viel zu lange zu – auch wie Fremdenfeinde Gewalttaten nun für ihre Zwecke nutzen und Cottbus als "NoGoArea" für unbescholtene Bürger inszenieren.

Anmoderation: Cottbus kommt nicht aus den Schlagzeilen. Die Stadt in Brandenburg gilt laut Verfassungsschutz ja schon seit langem als rechtsextreme Hochburg. In den vergangenen Tagen aber hat sich das fremdenfeindliche Klima in der Stadt weiter aufgeheizt. Was ist passiert? Torsten Mandalka, Olaf Sundermeyer und Caroline Walter sind in eine Statdt gefahren, die von Rechtspopulisten  und einem lokalen Bürgerbündnis als Bühne für ihre Propaganda zunehmend vereinnahmt wird.

Cottbus in Brandenburg – 100.000 Einwohner, rund acht Prozent Migranten, etwa die Hälfte davon Flüchtlinge. Und seit kurzem: Eine Stadt in Aufruhr!

Passanten

"Wir sind diejenigen, denen das Land gehört…"

"Deutschland den Deutschen…."

"Verpiss Dich!"

"Wir haben in DDR-Zeiten mit so viel Ausländern gearbeitet – da gab es diese Scheiße hier nicht."

"Durch unsere Stadt geht ein tiefer Riss."

Was ist passiert? Wie schlimm sind die Zustände wirklich?

Ein Einkaufszentrum - bei einem Streit mit einem Ehepaar soll hier ein 14-Jähriger ein Messer gezogen haben.

Wenige Tage später, gleicher Ort: deutsche und arabische Jugendliche geraten aneinander. Einer der Deutschen wird mit einem Messer im Gesicht verletzt.

Eine Zeugenaussage verbreitet sich rasant – über soziale Netzwerke.

Audio

"Hab gerade gesehen wie wieder ein Kanake 'nen Deutschen niedergestochen hat. Der hat dem erst mal das Messer quer übers Gesicht gezogen."

Die Polizei sagt: solche Gewalttaten haben zugenommen. Konkrete Zahlen nennt sie Kontraste auf Nachfrage nicht.

Auch die Bürgerinitiative "Zukunft Heimat" hat keine Zahlen – aber sie erweckt den Anschein, dass Cottbus in Gewalt versinkt. Und ruft zu Demonstrationen auf. Tausende kommen. Sie hören, wie der Vereinsvorsitzende Stimmung macht.

Hans-Christoph Berndt, "Zukunft Heimat"

"So lange wir untereinander waren hatten wir keine Angst, mit der Straßenbahn zu fahren, kein deutscher Mitschüler hat dem anderen das Gesicht zerschnitten."

Rufe: "Wir sind das Volk"

Wiederholt redet Berndt auf den Demonstrationen von der Abschaffung des deutschen Volkes.

Geht es ihm wirklich um Cottbus? Oder sucht er eine Bühne für pauschale Hetze?

Kontraste

"Sie reden immer davon, dass man uns abschaffen will. Was heißt das?"

Hans-Christoph Berndt, "Zukunft Heimat"

"Wir laufen Gefahr, bei einer… bei einem fortgesetzten offenhalten der Grenzen zur Minderheit, als Deutsche zur Minderheit im eigenen Land zu werden."

Abgeschafft wird die deutsche Tradition, die deutsche Kultur, abgeschafft würde dann, wenn die Deutschen in der Minderheit sind, das deutsche Volk.

In Cottbus verbreitet Berndt diese Thesen schon seit dem vergangenen Sommer. Es ist ein Angst-Szenario, das "Zukunft Heimat" auf allen Kanälen aufbaut. Der Rechtsextremismus-Forscher Gideon Botsch beobachtet das seit langem.

Gideon Botsch, Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam

Cottbus wird zum Fokus gemacht, zu einem Brennpunkt erklärt, an dem man demonstrieren kann, wie man in einer Stadt die Hoheit gewinnt. Das Bild, das hier erzeugt wird, ist, dass es hier ein Bürgerkriegsszenario gibt und dass Gewalttaten, wenn sie sich Flüchtlingen zuordnen lassen, Ausdruck eines solchen Bürgerkriegs sind.

Und die Strategie scheint aufzugehen.

Passanten

"Ich habe auch einen Sohn mit 20 Jahren. Ich lass den hier nicht mehr in die Stadt"

"Ein Messer ist eine tödliche Waffe, und das sind eben die Flüchtlinge"

"Ich würde mit meiner Tochter hier abends nicht mehr rausgehen. Weil – der Treffpunkt ist ja hier, und mich anpöbeln zu lassen, darauf habe ich echt keinen Bock."

Eine Begegnung auf dem Stadthallen-Vorplatz. Das Feindbild ist eindeutig.

Passant

"Ich verteidige mein Land. Wenn's sein muss auch mit Faust."

Kontraste

"Was verteidigen Sie denn genau?"

Passant

"Auf alle Fälle erst mal Cottbus."

"Defend Cottbus" - verteidigt Cottbus  – wird zum Schlagwort und zur Kampagne im Netz und auf der Straße. Verteilaktion am Vorabend der großen "Zukunft Heimat"-Demo.

Kontraste

"Cottbus bleibt Deutsch – was heißt das?"

Flyerverteiler

"Na das was drauf steht. Cottbus bleibt Deutsch."

Kontraste

"Und wie will man das erreichen?"

Flyerverteiler

"Darüber müssen wir uns mit Euch nicht unterhalten. Die Aussage sagt alles."

Fremdenfeinde und Rechtsextremisten – nirgendwo in Brandenburg ist die Szene aktiver als in Cottbus.

Vor wenigen Tagen: Pressekonferenz des Oberbürgemeisters - er will das alles nicht wahrhaben.

Holger Kelch, CDU, Oberbürgermeister Cottbus

"Und eins möchte ich an dieser Stelle auch vor den Medien hier ganz deutlich sagen, was mich stark betroffen gemacht hat und sehr sehr viele Cottbuser, ist dass diese Stadt wieder in eine rechtsextreme Ecke gedrängt worden ist."

Politisches Einknicken, gezielte Stimmungsmache und die Tatsache, dass die Polizei nicht konsequent eingeschritten ist, als tatsächlich Flüchtlinge auffällig wurden - eine gefährliche Mischung.

Besuch des Innenministers unmittelbar nach den Messerattacken. Seine Reaktion: Keine weiteren Zuweisungen von Flüchtlingen nach Cottbus. Mehr Polizei wird auf die Straße geschickt.

Karl-Heinz Schröter, SPD, Innenminister Brandenburg

"Es war die Stimmung, die den Oberbürgermeister zu einem Hilferuf getrieben hat. Und ich bin wegen der Situation und des Hilferufes aus der Stadt in die Stadt gefahren."

Die Cottbuser Jugendhilfe. Jörn Meyer betreut auch die syrischen Jugendlichen, von denen jetzt alle reden. Er kennt die Probleme, warnt aber davor, sie zu instrumentalisieren.

Jörn Meyer, Sozialarbeiter Jugendhilfe

"Ich will nicht sagen, dass es entschuldbar und normal werden soll, das ist es nicht. Aber es ist nicht in dem Maße stattgefunden in Cottbus, dass wir uns tatsächlich ängstigen müssten."

Er verurteilt die Messer-Angriffe. Und kennt einen der Syrer, der daran beteiligt war.

Jörn Meyer, Sozialarbeiter Jugendhilfe

"Ich habe ihn gefragt: Warum hast du ein Messer?  Hast du ein Messer in Syrien gehabt? Er hat nein gesagt. Der weiß, dass es falsch ist, aber trotzdem hat er das gemacht."

Viele Flüchtlinge fühlen sich seit den Messerattacken unter Generalverdacht. Auch der syrische Student Morhaf Alrahhal. Seine Freunde erzählen ihm, dass die Anfeindungen zuletzt zugenommen haben. Aus Angst wollen sie nicht gezeigt werden.

Reifen wurden zerstochen, Fensterscheiben eingeworfen. Alles wurde angezeigt. Bisher: Ohne Folge. Was bleibt, ist die Verunsicherung.

Morhaf Alrahhal, Student

"Ich kann nicht arabisch auf der Straße sprechen. Ich habe Angst. Ich möchte nicht, dass die Leute wissen, dass ich Syrer bin."

Flüchtlinge und Bürger: Angst auf beiden Seiten. Am vergangenen Wochenende haben auch diese Cottbuser demonstriert – für ein Leben ohne Hass. Es waren deutlich weniger als bei "Zukunft Heimat".

Cottbus bleibt eine gespaltene Stadt. Es ist das Resultat gezielter Stimmungsmache.

Im kommenden Jahr sind Wahlen – nicht nur in Brandenburg, auch in Sachsen und Thüringen.

Abmoderation: Unser Interview mit dem Chef der Initiative "Zukunft Heimat", Hans - Christoph Bernd, ist inAuszügen auf unsere Homepage dokumentiert.

Beitrag von Torsten Mandalka, Olaf Sundermeyer und Caroline Walter

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