Umstrittener Deal - Die Olympischen Spiele und Nordkoreas Diktator

Doping war gestern, jetzt gilt das IOC als Friedensengel: Der Deal mit Nord-Korea verstößt zwar gegen alle Regeln, aber er lenkt von Korruption und Vetternwirtschaft ab. Und der Diktator? Er genießt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit - eine preiswerte PR-Kampagne!

Ausgerechnet heute! Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un lässt aufmarschieren. Einen Tag vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele - was für eine Provokation.

Anmoderation: Und damit herzlich willkommen zu Kontraste! Für einige sah es nach Tauwetter aus zwischen Nord- und Südkorea. Dass Sportler beider Länder morgen unter gemeinsamer Flagge ins Stadion laufen, feiert zumindest das Internationale Olympische Komitee als grandiosen Sieg der Sportdiplomatie. Doch unser Autor Markus Pohl sieht diesen Deal mit dem Diktator ganz anders.

Der erste Gewinner der Olympischen Winterspiele steht schon fest: Kim Jong-un. Während der Diktator sein Militär aufmarschieren lässt, feiert die IOC-Spitze die angeblichen Friedensspiele. Die gemeinsame Teilnahme Nord- und Südkoreas sei ein historischer Meilenstein.

Thomas Bach, IOC-Präsident

"Die Olympischen Spiele zeigen uns, wie die Welt aussehen könnte, wenn wir alle vom Olympischen Geist geleitet wären."

Faktisch bringt die Annäherung bei den Spielen in Pyeongchang kaum Neues. Nord und Süd sollen morgen unter einer gemeinsamen Flagge einlaufen, so wie auch schon 2006 in Turin. Und 2004 in Athen. Und 2000 in Sidney.

Die Raketen Nordkoreas flogen danach trotzdem – die Öffnung des Regimes blieb aus.

Der ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt hat eine Erklärung, warum das IOC das Thema trotzdem so hochkocht.

Hajo Seppelt,Doping-Experte der ARD

"Diese sogenannte friedensstiftende Initiative mit Nord- und Südkorea lenkt eigentlich nur von den fatalen Fehlschlägen des IOC in den letzten Jahren ab, und das ist vor allem zu verantworten von Thomas Bach, dem deutschen IOC-Präsidenten, der insbesondere da, wo es um die Integrität des sportlichen Wettbewerbs geht, nämlich Doping, eigentlich komplett versagt hat."

Um den nachsichtigen Umgang mit Putin und dem russischen Staatsdoping zu verdrängen, inszeniert sich das IOC als Friedenstifter: Feierlich weihte Bach in Pyeongchang eine "Wand des Friedens" ein. Für die Geste bricht man sogar die eigenen Regeln:

Obwohl sich aus Nordkorea nur zwei Eiskunstläufer sportlich qualifiziert haben, darf das Regime 22 Athleten zu den Spielen schicken. Die Eiskockey-Frauen bilden sogar ein gemeinsames Team mit dem Süden. Für die Zwangsvereinigung mussten qualifizierte Südkoreanerinnen weichen.

Thomas Kistner, Redakteur Sportpolitk, Süddeutsche Zeitung

"Es gibt Athleten, die aus der Mannschaft rausgeflogen sind, die sich seit Jahren auf diese Spiele vorbereiten. Aber nein, diese politische Geste muss alles überstrahlen. Es gibt also jetzt schon Opfer, sportliche Opfer dieser Veranstaltung."

Kim dagegen rollt man den roten Teppich aus. Wie so mancher Despot vor ihm nutzt er Olympia als Propaganda-Bühne.

So hat er seine sogenannte "Armee der Schönen" in den Süden geschickt – eine Art Cheerleader-Truppe, mehr als 200 Frauen, ausgewählt nach Aussehen und politischer Linientreue. Die schönen Gesichter der blutigen Diktatur.

Die Grenzen der Annäherung hat Kim unmissverständlich klargemacht. Sein Raketenprogramm ist nicht verhandelbar.

Der beschworene Olympische Frieden – er wird wohl nicht lange halten.

Thomas Kistner, Redakteur Sportpolitk, Süddeutsche Zeitung

"Das sei nur beispielhaft erinnert an die letzten Spiele in Sotschi. 10 Minuten nach der Schlussfeier im Grunde genommen hat Putin den Einmarsch in die Ukraine angeordnet. Also das ist die Realität, die sich hinter dem ganzen Friedensbrimborium des Sports verbirgt."

Beitrag von Markus Pohl

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