Berliner warten auf Corona-Test. Foto: rbb
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Virus-Pandemie - Deutschland vor der zweiten Corona-Welle?

In der Hauptstadt schießen die Zahlen der Corona-Infizierten in die Höhe, auch bundesweit zeigt der Trend nach oben. Politiker warnen eindrücklich vor einer zweiten Welle. Aber trotz steigender Infektionszahlen stehen die Intensivbetten leer, gibt es bislang kaum Tote. Ist die Pandemie womöglich gar nicht mehr so bedrohlich? Experten widersprechen: Grund für die milden Verläufe sei, dass sich vorwiegend Jüngere infiziert haben. Doch in den letzten Wochen stecken sich zunehmend auch wieder Ältere an. Und der Blick auf den Hotspot Spanien zeigt: Die Situation kann schnell wieder außer Kontrolle geraten.

Morgens im Berliner Bezirk Neukölln: der Gehweg als Wartezimmer. Die Menschen hier stehen Schlange für einen Corona-Test. Der Andrang auf eine der wenigen spezialisierten Arztpraxen ist riesig.

Praxisbesucher

„Mir geht´s schlecht, also ich hab‘ Symptome eines Atemweginfekts. Und es ist natürlich schwierig, wenn man dann hier akut erkrankt ist und zwei Stunden auf der Straße sitzt, bis man dran ist.“

„Da ich jetzt so viele Leute sehe, die es potenziell haben oder Kontakt mit Leuten hatten, macht mir das eher … Ja, ich hab‘ ein bisschen Angst, dass ich mich hier erst anstecke.“

Neukölln ist Deutschlands Corona-Hotspot. 114 Neu-Infizierte pro 100.000 Einwohner gab es hier in den vergangenen sieben Tagen. 

Im örtlichen Gesundheitsamt trifft sich Stadtrat Falko Liecke mit seinem Amtsarzt zur Lagebesprechung. Vor allem Partys und große Familienfeste machen ihnen derzeit Sorgen.

Gespräch

„Am Wochenende kam rein zwei weitere Hinweise auf Hochzeiten am 25. und am 27. September.“ - „Weitere Veranstaltungen?“ – „Weitere Veranstaltungen mit positiven Fällen, wo die Kooperation wirklich zu wünschen übriglässt.“ – „Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir da auch die Zügel anziehen.“ 

Die Kontaktnachverfolger im Gesundheitsamt hinken den Fällen jetzt schon einen Tag hinterher. Ohne die Unterstützung der Bundeswehr wäre hier längst Land unter. Und dabei hat der Herbst gerade erst begonnen.

Falko Liecke(CDU), Stadtrat für Gesundheit Berlin-Neukölln

„Wir stocken massiv unser Personal auf, auch für die Hotline, für die Kontaktnachverfolgung, für die Abstriche. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt - anhand der Menge - kommen wir nicht mehr hinterher.“

Bundesweit steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen nach dem Tief im Sommer seit Wochen wieder deutlich an. Mehr als 4.000 neue Fälle meldet das RKI heute.

Die Politik ist alarmiert. Schickt Warnrufe an alle, die glauben, die Pandemie wäre schon überstanden.

Angela Merkel (CDU), Bundekanzlerin

„Wir riskieren gerade alles, was wir in den letzten Monaten erreicht haben.“

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Überall in Deutschland wachsen die Zahlen, die Infektionen gehen nach oben.“

Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister Berlin

„Wenn wir jetzt nicht handeln, landen wir wieder im Lockdown!“

Doch in den deutschen Krankenhäusern ist von der Pandemie nicht viel zu merken. 8.500 Intensivbetten stehen Stand heute leer – trotz der Zunahme der Infektionen.

Wir sind an der Uniklinik Essen. Auch hier sei die Lage auf der Intensivstation entspannt, sagt uns Oberarzt Frank Herbstreit.

Frank Herbstreit, Leiter Intensivstation Uniklinik Essen

„Hier sind wir in einem unserer freien Zimmer, die wir ständig für Patienten mit SARS-Cov-2-Infekten bereithalten. Wir haben innerhalb von 24 Stunden immer die Möglichkeit, etwa 40 Zimmer freizumachen, so dass wir weit weg sind von einer Überbelegung und ständig genug Reserve haben für plötzliche Erkrankungswellen, wenn sie denn kommen sollten.“

Herbstreit und seine Kollegen behandeln derzeit 10 Covid-Patienten. Zur Hochphase im Frühling waren es deutlich mehr, bis zu 30. Hat Corona also seinen Schrecken verloren, sich möglicherweise abgeschwächt? Der Arzt bezweifelt das.

Frank Herbstreit, Leiter Intensivstation Uniklinik Essen

„Als Intensivmediziner sehen wir natürlich immer noch Patienten, die sehr schwer erkranken. Wir sehen immer mal wieder Patienten, die daran versterben, so dass mein Eindruck nicht ist, dass wenn man eine schwere Infektion mit Sars-Cov-2 hat, dass das harmloser ist als im Frühjahr.“

Epidemiologen bestätigen: Corona habe laut neuesten Studien nichts von seiner Gefährlichkeit eingebüßt.

Prof. Timo Ulrichs, Infektionsepidemiologe, Akkon Hochschule Berlin

„Es gibt keine Hinweise bisher, dass sich das Virus irgendwie in einer Form abgeschwächt hätte. Eine neuere Studie, die gerade in den USA durchgeführt worden ist, da liegt die Infektionssterblichkeit bei 0,8 Prozent, das heißt, acht von tausend Infizierten sterben. Das ist, wenn man das mit der Influenza, also der Grippe, vergleicht, 16 Mal mehr.“

Warum aber sind bei uns dann zuletzt so wenige Infizierte schwer erkrankt oder gar gestorben? Die Antwort: Weil sich vor allem junge, weniger gefährdete Menschen angesteckt haben.

Das sagt die Pandemieforscherin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut.

Viola Priesemann, Max-Planck-Institut Göttingen

„Die Fallzahlen sind ja vor allen Dingen bei den jüngeren Personen bis 40 oder bis 60 Jahre gestiegen. Wir wissen, dass bei den jüngeren Personen die Sterblichkeit durch Sars-Cov-2 zum Glück sehr, sehr gering ist. Dadurch sind auch die Sterbezahlen nicht besonders hochgegangen.“

Vor allem bei Touristen und bei Feiernden hat sich das Virus ausgebreitet. Genau hier versucht die Politik jetzt gegenzusteuern – mit Sperrstunden, Alkoholverbot und Räumung großer Feiern.

Dass auch die vergleichsweise milden Fälle der Jungen nicht zu unterschätzen sind, hat Laurin Bruns erlebt. Er hat sich auf einer Klassenfahrt angesteckt. Seine Knieverletzung hat mit Corona nichts zu tun. Doch das Virus hat den 17-jährigen auch so ziemlich ausgeknockt. Nach seinem positiven Test Ende August lag er erstmal flach.

Laurin Bruns, Schüler

„Ich habe mich gefühlt wie so eine wandelnde Leiche. Es war alles so unfassbar anstrengend und ein Kraftakt. Bewegungen, die man normalerweise gar nicht drüber nachdenkt, vielleicht ein Glas Wasser greifen, das war da schon echt anstrengend. Ich habe mich teilweise gefühlt, als wäre jeder Knochen in meinem Körper gebrochen."

Bis heute spürt der Schüler noch die Nachwirkungen der Infektion.

Laurin Bruns, Schüler

„Ich hab‘ schon das Gefühl, dass noch was geblieben ist. Meine Lunge ist halt nicht mehr so stark, wie sie früher mal war. Wenn ich die Treppe hochgehe, bin ich außer Atem.“

Laurin ist froh, niemanden in seiner Familie angesteckt zu haben. Aber je mehr Jüngere sich infizieren, desto höher die Gefahr, dass das Virus auch wieder auf Ältere überspringt.

Viola Priesemann sieht genau dafür erste Anzeichen in Deutschland.

Viola Priesemann, Pandemieforscherin, Max-Planck-Institut Göttingen

„Wir sehen ganz klar, dass die Fallzahlen bei den älteren Personen von über 60 oder über 80-Jährigen relativ lange sehr niedrig geblieben sind. Und jetzt in den letzten Wochen sind sie deutlich hochgegangen. Das könnte darauf hinweisen, dass die Ausbreitung an manchen Orten schon außer Kontrolle geraten ist und das Virus zu den vulnerablen Personen getragen worden ist. Und wir erwarten also in den nächsten Wochen, dass die Todesfälle entsprechend hoch gehen.“

Noch scheinen die Fallzahlen beherrschbar. Aber sobald Gesundheitsämter wie in Berlin an ihre Grenzen stoßen und Kontakte Infizierter nicht mehr zeitnah ermittelt werden können, droht die Lage zu kippen. 

Prof. Timo Ulrichs, Infektionsepidemiologe, Akkon Hochschule Berlin

„Dann kann es eben sein, dass die Kontakte das Virus unerkannt weitertragen, weil sie nicht mehr nachverfolgt werden, und dass dann einzelne Ausbrüche ineinander übergehen. Das heißt, dann kann es eben sehr schnell umschlagen in eine exponentielle Virus-Verbreitung.“ 

Kontraste

„Und dann auch in einen Kontrollverlust?“ 

Prof. Timo Ulrichs, Infektionsepidemiologe, Akkon Hochschule Berlin

„Und dann damit auch in einen Kontrollverlust.“

Wie schnell das gehen kann, zeigt sich in Madrid. Spaniens Hauptstadt abgeriegelt, Polizisten kontrollieren Ausfallstraßen. In manchen Vierteln gibt es mehr als 1.000 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner. 

Die Regierung setzt auf Massentests. Doch das Entscheidende funktioniert nicht: Das Aufspüren und Unterbrechen von Infektionsketten nach einem positiven Ergebnis.

Daniel Bernabeu, Vizepräsident des Ärzteverbandes Amyts

„Der rechtzeitige Moment zur Nachverfolgung ist längst überschritten. Jetzt stehen wir nackt da, wir müssen viel drastischere, unpopuläre Maßnahmen ergreifen, so wie die Abriegelungen.“

Auch hier hat sich das Virus zuerst unter Jüngeren verbreitet. Doch nun hat es die Alten erreicht. Allein am Dienstag meldete Spanien 261 Corona-Tote. Die Hälfte der Intensivbetten in Madrid ist schon mit Covid-Patienten belegt.

Daniel Bernabeu, Vizepräsident des Ärzteverbandes

„Wir stehen zwar nicht vor dem Kollaps, aber die Auslastung mit Covid-Patienten überfordert unser Gesundheitssystem schon jetzt: Wir können die Patienten, die kein Covid haben, nicht mehr angemessen versorgen.“

Auch wenn wir in Deutschland von solchen Zuständen weit entfernt sind: Es gibt keinen Anlass zur Sorglosigkeit. 

Nach langer Stagnation steigt die Zahl der Corona-Patienten auf Intensivstationen jetzt wieder deutlich an. 

Die vielen leeren Betten – sie könnten eine trügerische Momentaufnahme sein.

Beitrag von Silvio Duwe, Markus Pohl und Ursel Sieber

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