Eine CDU-Fahne weht vor der Abschluss-Pressekonferenz zur Klausur der CDU-Spitze an der CDU-Bundesgeschäftsstelle. Foto: Christoph Soeder/dpa
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Kampf um den CDU-Vorsitz - Wer folgt auf die „Ära Merkel“?

Das Rennen um den CDU-Vorsitz geht in die entscheidende Phase: Laschet, Merz und Röttgen – sie alle kämpfen seit Monaten um den Chefsessel und damit auch um das Kanzleramt. Weil es Corona-bedingt kein öffentliches Kräftemessen gibt, müssen sie andere Wege wählen: Der eine startet die „Röttgen-Ralley“, der andere telefoniert fleißig Delegierte ab – und der Dritte setzt vor allem ganz auf sich als Corona-Krisenmanager und Staatsmann. Doch selbst wenn man damit CDU-Chef wird – reicht es auch, um einen Kanzler Söder zu verhindern? Kontraste war dabei, beim vielleicht einzigen direkten Aufeinandertreffen der drei Kandidaten bei der Jungen Union in Köln.

Anmoderation: Alles anders in diesen Zeiten. Auch Wahlkämpfe: Trump zeigt sich Corona-trotzig als Donald, der Unzerstörbare. Dagegen läuft unser derzeit größter Wahlkampf, der um die Spitzenposition in der CDU fast heimlich ab: Es geht um die Macht in der mächtigsten Partei des Landes - aber kaum einer bekommt was davon mit. Wir können Ihnen hier noch nicht mal ein gemeinsames Foto von Laschet, Merz und Röttgen zeigen. Und das hat nicht nur mit Corona zu tun. Fast wirkt es so, als wäre die Nummer den Dreien irgendwie unangenehm. Und genau an dem Punkt wird es für uns ja meistens interessant. Chris Humbs und Lisa Wandt.

Vergangene Woche in Rom: Armin Laschet mag solche Termine: Eine Audienz beim Papst, ein Treffen mit dem italienischen Regierungschef. Er kreiert staatstragende Bilder, die Botschaft: Ich kann große Politik. Ich kann Kanzler. 

Vergangenen Samstag dann zurück in Köln: Der Alltag holt Laschet wieder ein. Bei einer Veranstaltung der Jungen Union trifft er auf seine Konkurrenten Norbert Röttgen und Friedrich Merz. Ein Kräftemessen um den CDU-Vorsitz. Und das scheint derzeit nicht so sein Ding zu sein.

Kontraste

„Ist das jetzt ein Schaulaufen oder nicht?“

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen

„Nein.“

Kontraste

„Warum nicht?“

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen

„Ich bin der Landesvorsitzende, ich komme jedes Jahr, die Junge Union ist eine wichtige Truppe für uns und ich werde auch nächstes Jahr noch kommen, egal in welcher Funktion.“

Kontraste

„Und jetzt geht’s auch los.“

So sehr Laschet die Bedeutung abtut – das Ganze ist wichtig. Wegen Corona ist es wohl das einzige Aufeinandertreffen der drei Kandidaten.

Rummelplatz-Techno für Friedrich Merz. 2018 verlor er in der Stichwahl knapp gegen AKK. Jetzt greift er nochmal an und gibt sich siegessicher.

Norbert Röttgen probiert es zum ersten Mal, ein Team aus Jungen Parteifreunden hat dafür extra Wahlkampf-Schilder gedruckt. 

Nicht gut genug seien die, befindet Merz. Gönnerhaft gibt er den Röttgen-Fans PR-Tipps.

Friedrich Merz (CDU), Bundestagsabgeordneter

„Man sieht auf den Fernseh-Bildern nicht den Namen Röttgen. Macht das schwarz, dann ist der Kontrast besser. Man kann von vorne nicht sehen, was draufsteht. So eine Erfahrung ...“

Röttgen setzt sich in die letzte Reihe. Merz setzt sich bei Laschets Rede demonstrativ in die erste Reihe, Röttgen verkrümelt sich weit nach hinten in den Saal. Ein Dreier-Foto soll offenbar partout vermieden werden.

Der Umgang untereinander wirkt verklemmt. Die Kandidaten drücken sich um eine öffentliche Konfrontation.

Der vermeintlichen Parteiharmonie zuliebe, sagt die Journalistin und CDU-Expertin Tina Hildebrandt.

Tina Hildebrandt, Chefkorrespondentin Die Zeit

„Die Partei ist gespalten und deswegen haben die drei zum Beispiel am Anfang sich versprochen, dass sie keine Streitgespräche machen. Das ist genau deren Dilemma. Die müssen sich einerseits unterscheiden. Man muss ja klarmachen: Warum soll man mich wählen und nicht den anderen? Und andererseits soll auf keinen Fall der Eindruck von Streit entstehen.“

Was konkret würde man als Parteichef und Kanzler jeweils anders machen? Friedrich Merz und Norbert Röttgen beantworten gern die Fragen von Kontraste, man ist schließlich im Wahlkampf.

Merz, der Bierdeckel-Mann, gilt als wertkonservativ und wirtschaftsfreundlich. „Mehr Kapitalismus wagen“ forderte er 2008. Nun gibt es von Merz auch ein bisschen Klimaschutz. Weil er als Kanzler wohl mit den Grünen koalieren müsste? Zu einem Zeitungs-Shooting kam er kürzlich demonstrativ in grünem Anzug samt grüner Krawatte.

Friedrich Merz (CDU), Kandidat für den Parteivorsitz

„Wir müssen vor allem, nicht nur, aber vor allem dafür sorgen, dass wir Wirtschaftspolitik und Umweltpolitik miteinander verbinden, dass wir Ökonomie und Ökologie so miteinander verbinden, dass wir ein wohlhabendes Land mit Arbeitsplätzen bleiben und gleichzeitig dafür sorgen, dass wir nicht im Übermaß die Ressourcen dieses Planeten verbrauchen.“

Norbert Röttgen hingegen war schon immer ein bisschen grün – der EX-Umweltminister war noch vor Merkel für den Atomausstieg.

Norbert Röttgen (CDU), Bundestagsabgeordneter, Kandidat für den Parteivorsitz

„Ich bin tief davon durchdrungen und habe das auch in meiner Zeit als Umweltminister gezeigt, dass die Klimafrage eine weitere Zukunfts- und Überlebensfrage für uns ist. Und ich bin davon überzeugt, dass die CDU als christliche und auch als konservative Partei und als Partei der Sozialen Marktwirtschaft hier beste Voraussetzungen hat.“

Wem trauen die Wähler am ehesten zu, die CDU zu führen? Und wie hat sich das in den letzten Monaten verändert?

Laschet wünschten sich Ende Februar noch 21,8 Prozent, inzwischen ist die Zahl auf 9,7 Prozent geschrumpft. Merz führt zwar, doch er verlor auch, von gut 37 ging es runter auf 25,5. Röttgen war von Anfang an Außenseiter, schiebt sich nun aber mit 11,4 Prozent sogar vor Laschet.

Laschet bei den Wählern an letzter Stelle? Partei-Intern gilt der Merkel-Freund als Favorit. In der Flüchtlingskrise hielt er treu zur Kanzlerin, stieg auch so zum Landesvater auf. Seit Corona gehen sie immer wieder mal getrennte Wege.

Gleiche Chancen für alle. Auch mit Laschet wollten wir ein Interview führen. Wofür steht er? Doch er wollte nicht mit Kontraste reden, hat abgesagt. Wir haben trotzdem nachgefragt:

Kontraste

„Herr Laschet, Wandt von ARD-Kontraste, eine Frage: Was unterscheidet Sie von Ihren Konkurrenten um den CDU-Vorsitz, was mach DEN Laschet so aus?“

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen

„Das überlasse ich der klugen Beobachtung von Kontraste und anderen Medien. Ich stehe für meine Ideen, für einen Kurs der Mitte und für den werbe ich.“

Laschet wirkt angespannt. Die letzten Monate liefen nicht ideal für ihn. In der Corona-Zeit wirkte es so, als würde er wirtschaftliche Belange in den Vordergrund rücken. So wurde er als Mr. Lockerung verspottet. Dann galt er als unentschlossen und zögerlich, sagte immer wieder Unbedachtes.

Tina Hildebrandt, Chefkorrespondentin Die Zeit

„Die größte Bürde, die Laschet hat, ist im Grunde sein Image. Dieses Image, der ist ein unkonzentrierter Typ, der ist sehr nett, aber dem fehlt so ein bisschen an Profil, an Sichtbarkeit, an klaren Linien.“

Dass Laschet nicht nur nett ist, sondern auch hart austeilen kann, zeigte sich am Samstag. In seiner Rede rief er den Jungen Parteifreunden das NRW-Wahldebakel von Röttgen ins Gedächtnis.

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident NRW

„Und wir erinnern uns: 2012 lag die CDU in Nordrhein-Westfalen am Boden.“

Der Wahlkämpfer Röttgen scheiterte damals krachend: Er holte das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Partei. Ein Makel, der ihn bis heute begleitet.

Norbert Röttgen (CDU), Bundestagsabgeordneter, Kandidat für den Parteivorsitz

„Das war bitter und herb. Inzwischen würde ich so sagen, das Wichtigste aus Fehlern und Niederlagen ist, dass man daraus lernt. Das gehört aus meiner Sicht, würde ich sagen zu einem verantwortlichen Politiker in Spitzenpositionen dazu.“

Zwar konnte Röttgen in letzter Zeit als Außenpolitiker auf sich aufmerksam machen, doch in der Partei hat es der Mann, der einst den Spitznamen „Muttis Klügster“ trug, weiterhin schwer.

Das liegt vielleicht auch an seiner etwas verkopften Art. Die am Samstag wieder deutlich wird, als er seinen jungen Unterstützern danken wollte:

Szene Norbert Röttgen (CDU), Bundestagsabgeordneter, Kandidat für den Parteivorsitz

„Und es hat ja auch Bekennermut, Bekennerinnenmut und Bekennermut gefordert und Courage, ist nicht selbstverständlich und ihr habt wirklich Courage und Einsatz gezeigt. Und das finde ich sind wirklich große Tugenden.“

Auch Merz wird einen Makel aus alten Zeiten nicht so richtig los. Gerade in gesellschaftspolitischen Fragen wirkt er manchmal wie aus der Zeit gefallen. So als er sich kürzlich über Homosexuelle äußerte.

Kontraste

„In letzter Zeit sind Sie vor allem in Live-Situationen immer wieder in Fettnäpfchen getreten. Ärgert Sie das …“

Friedrich Merz (CDU), Kandidat für den Parteivorsitz

„Nein.“

Kontraste

„Und darf das für einen Kanzlerkandidaten sein?“

Friedrich Merz (CDU), Kandidat für den Parteivorsitz

„Nein, das ist ihre Bewertung und nicht meine. Ich sage meine Meinung, und zu diesem Thema ist alles gesagt worden. Und diejenigen, die es jetzt noch wiederholen, die können es nur bösartig meinen.“

Merz ist angetreten mit dem Versprechen, Wähler von der AfD zurückzuholen. Inzwischen wirbt er offensiv um Frauen und junge, moderne Wähler. Ein unglaubwürdiger Spagat.

Der ihm nicht helfen wird, meint der Politologe und CDU-Intimus Andreas Püttmann.

Andreas Püttmann, Politologe

„Das, was er in die Waagschale werfen könnte, nämlich rechts der Union Wähler aufzusaugen, wird vermutlich auch überschätzt, weil AfD-Wähler, die werden sich natürlich überlegen, ob sie ihn dann wirklich wählen, wenn er am Ende doch mit den Grünen koalieren muss.“

Denn am Ende geht es um die Frage, wer das Zeug zum Kanzler hat. Doch auch da liegt Laschet mit 24 Prozent Zustimmung aktuell hinter Merz mit 33 Prozent.

Kontraste

„Jetzt sieht es ja gerade in den Umfragen nicht so gut aus für Sie. Wie wollen sie das wieder aufholen?“

Armin Laschet (CDU), Kandidat für den Parteivorsitz

„Ich liege gut in den Umfragen, ich bin zufrieden. Und es geht da drum die Delegierten zu gewinnen im Dezember, dafür kämpfen wir und ich bin sehr zuversichtlich, dass das im Dezember auch gutgeht.“

Der CDU-Vorsitz wird nicht vom Volk gewählt, sondern von den 1001 Delegierten, vor allem CDU-Funktionäre. Doch auch wenn Laschet mit seiner Erfahrung als Ministerpräsident bei diesen gegenüber Merz im Vorteil sein mag bleibt es ein offenes Rennen: Denn wirklich begeistert ist die Partei von keinem Kandidaten, so CDU-Kennerin Hildebrandt.

Tina Hildebrandt, Chefkorrespondentin Die Zeit

„Ich glaube die Stimmung, die ist so ein bisschen gedämpft, es ist keiner dabei, der wirklich alle elektrisiert, also auch die, die sich für irgendeinen entscheiden. Aus verschiedenen Gründen ist das nicht so, dass sie sagen: Das ist mein Held. Das ist toll, mit dem gewinnen wir die Wahl. Es ist so ein bisschen, es fehlt so ein bisschen der zündende Funke.“

Ganz anders der vierte Mann. Markus Söder. 56 Prozent der Deutschen wollen ihn als Kanzler. 

Mitten in der Hauptstadt stellte er letzte Woche recht süffisant eine neue Laschet-Biographie vor. Dass er nicht als Kanzler zur Verfügung steht, wollte er nicht bestätigen. Schauen wir mal, war die Devise.

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Ich habe mit Annegret sehr gut zusammengearbeitet. Ich werde es auch sicherlich mit dem Nachfolger tun.“

Mal schauen, in welcher Funktion.

 

Beitrag von Chris Humbs und Lisa Wandt

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