Europa in der Krise - Der Kontinent ist stark, wo es arm und schmutzig ist

Trotz der Angriffe von Populisten in ganz Europa ist sich die Mehrheit der Völker einig: Europa ist eine Friedensversicherung. Auch in Deutschland hat die EU hohe Zustimmungswerte. KONTRASTE wirft einen besonderen Blick auf die Lebenswirklichkeit junger Europäer im Alter von 18 bis 30 Jahren. Ein Ausschnitt aus dem Filmprojekt 24 h Europe. Er zeigt: die Werte Europas bewährend sich gerade an den Rändern, dort, wo es gefährlich, schmutzig oder arm zugeht.

Anmoderation: Soviel Europa wie gerade war lange nicht: Es wird in Leitartikeln gelobt und auf Plakaten beworben, die europäische Idee in Talkshows hochgehalten oder attackiert. Und heute ist dann auch noch Europatag…na herzlichen Glückwunsch! Denn: Trotz all dem Wind, der jetzt zur Wahl um Europa gemacht wird: Gut möglich, dass diesmal sogar noch weniger wählen gehen als die mickrigen 48 Prozent beim letzten Mal. Weil die EU für viele mehr Probleme als Lösungen hat zurzeit. Oder: Weil wir, hier in der warmen Mitte der EU, gar nicht mehr wissen, was wir an Europa haben. Markus Weller nimmt uns mit zu denen, für die Europa alles ist – nur nicht selbstverständlich.

Die serbische Hauptstadt Belgrad: Hier bereitet sich am 15. Juni 2018 die 26 jährige Verica darauf vor, ihr Land zu verlassen. Vor kurzem hat sie ihre Ausbildung als Chirurgin abgeschlossen und dennoch keine Chance einen Job zu bekommen. Zurück lässt sie ihre Eltern, die Schwester und alle ihre Freunde.

In jedem freien Moment übt Verica die chirurgischen Knoten, die sie bei den Operationen braucht.

Verica

"Mir wurde  einfach gesagt, dass ich keinen Job in der Chirurgie bekommen würde. Ich könne zwar weiter hospitieren, aber darüber hinaus soll ich mir keine Hoffnungen machen. Das war schrecklich, mein Leben brach zusammen. Es hat mir die Augen geöffnet über Serbien und was es heißt wenn man als Frau einen Männerjob haben will."

Vericas Chance heißt Europa, genauer gesagt Regensburg. Eine Klinik hat ihr dort eine feste Stelle als Assistenzärztin in der Chirurgie angeboten. Die junge Frau wird in der EU arbeiten und leben können, denn Mediziner werden dringend gebraucht. An diesem Tag  wird sie das erste Mal fliegen. Ihr Ziel: München.

Im Osten der Ukraine fährt zur gleichen Zeit der 24jährige Alexandr dem Feind entgegen. Er ist stellvertretender Kommandeur einer Infanteriedivision. Knapp fünfhundert ukrainische Soldaten stehen unter seinem Kommando. Er soll den Gegner, von Russland unterstützte Separatisten, in Schach halten.

Seit drei Jahren führt Alexandr bereits Krieg um seine Heimat.

Alexandr

"Wir Ukrainer waren historisch gesehen immer das Tor zu Europa. Das Tor zu Europa, das Europas Ostgrenze schützt. Und jetzt gerade schützen wir das Tor zu Europa vor den Russen. Daher sind wir Ukrainer und Europäer. Das waren wir immer und wollen daher auch ein Teil von Europa sein. Ich finde das hätte die Welt schon lange merken sollen."

Alexandr weiß, dass die Ukraine auf absehbare Zeit kein Teil der EU werden wird. Die Hoffnung aufgeben will er aber nicht.

In Moskau, knapp 800 Kilometer von Alexandr entfernt geht an diesem Tag der 24jährige Nikolai zur Arbeit. Er behandelt in einer stiftungsfinanzierten Klinik AIDS-Patienten. Ein schwieriger Job, denn in Russland wird das HIV-Problem ignoriert. Und die Ärzte werden unter Druck gesetzt.

Nikolai

"Es gibt diesen Duma-Abgeordneten, Vitali Mironow, er hasst Schwule und überhaupt alle Menschen. Er ist einer der Initiatoren des Gesetzes gegen homosexuelle Propaganda. Vor einem Monat hat er uns angezeigt und verlangt unsere Stiftung zu schließen und uns alle zu verhaften. Aber bei jetzt ist Gott sei Dank nichts passiert."

Im Hessischen Rodgau ist die 23jährige Mary die Nachwuchshoffnung der AfD. Ihre Partei ist gegen die Homoehe und vor allem gegen Flüchtlinge. Am diesem Abend soll Mary vor AfD Anhängern sprechen. Sicherheitshalber übt sie vor dem Spiegel.

Mary

"Seit dem Dezember letzten Jahres bin ich Beisitzerin in unserem hessischen Landesvorstand der AfD und dazu noch die stellvertretende Landesvorsitzende der jungen Alternative Hessen."

Vor der Küste  Libyens kreuzt zur gleichen Zeit die Seawatch 3. Die Besatzung hat heute bereits mehr als einhundert Flüchtlinge aus Seenot gerettet. Cloe ist 25 Jahre alt und Freiwillige an Bord. Sie ist für die Versorgung der Geretteten verantwortlich und macht sich - im Gegensatz zu den meisten Geflüchteten -   kaum Illusionen.

Cloe

"Die Migranten haben eine Vorstellung von Europa das in der Realität so gar nicht existiert. Einige von ihnen werden Glück haben, die meisten aber nicht. Viele von ihnen wird man abschieben, viele von ihnen wird man hassen. Wahrscheinlich werden sie von Europa nicht das bekommen was sie sich versprochen haben."

Norbert Haberhauer, AfD

"Ich freue mich ganz besonders, dass wir heute Abend hier die Mary Kahn als Gastrednerin haben. Und sie hat uns ein interessantes Thema mitgebracht und zwar lautet das Integration und Identität. Und das ist aus ihrem Munde ganz besonders Interessant, weil sie selbst über einen Migrationshintergrund verfügt."

Mary

"Gerade unsere Deutsche Leitkultur muss als Fundament einer jeglichen Integration dienen. Denn sie umfasst neben der deutschen Sprache auch unsere Bräuche und Traditionen sowie Geistes- und Kulturgeschichte."

Zurück in Moskau: Der junge Arzt Nikolai besucht seine Kollegin Olga und ihren Mann. Die Familie hat beschlossen nach Deutschland auszuwandern. Inzwischen denkt auch Nikolai darüber nach. Er ist schwul und kann seine Beziehung in Russland nicht offen leben.

Nicolai

"Laut russischem Gesetz ist man als Homosexueller ein Bürger zweiter Klasse. man existiert nicht."

Olga

"Wir beschäftigen uns alle mit dem gleichen Thema. Mit AIDS. Mein Mann ist HIV positiv und ich habe gerade die Erfahrung gemacht, dass die Leute nicht damit umgehen können."

Nikolai

"Worauf stoßen wir an?" "Auf Auswege, auf die Zukunft, ja, auf die Zukunft"

Am Abend kommt  die angehende Chirurgin Verica in Regensburg an. Hier kann sie übergangsweise in der Wohnung eines serbischen Bekannten übernachten.  Eine eigene Wohnung hat sie noch nicht.

Kontraste

"Weißt Du schon wie lange Du in dieser Wohnung bleibst?"

Verica

"Bis ich die Prüfung mache, Ich hoffe das wird im August sein. Prüfungsthema ist die deutsche medizinische Fachsprache."

Für die Vokabelprüfung hat Verica viel gelernt. Wenn sie nicht besteht, verliert sie ihre Arbeit – und muss die EU wieder verlassen.

Abmoderation: Das waren 6 von 1.440 Minuten. So lang, einen ganzen Tag lang nämlich, läuft "24Hours Europe" – die Riesenreportage von der ARD und ARTE aus der diese Geschichten stammen. Ein Filmprojekt, das man sich richtig vornehmen muss – aber: es lohnt sich.

Beitrag von Marcus Weller

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Bild: rbb
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