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Exklusivrecherche - Neue Baumängel am Flughafen BER

Sieben Jahre nach der geplatzten Eröffnung des Berliner Flughafens BER bedrohen schwere Sicherheitsmängel die für 2020 geplante Inbetriebnahme. Im gesamten Gebäude des Fluggastterminals wurden demnach auch Kabeltrassen mit Dübeln verbaut, die keine erforderliche Brandschutzzulassung haben und demnach ausgetauscht werden müssen.

Anmoderation: Und damit: Gut, dass sie dabei sind, bei Kontraste. BER diese drei Buchstaben stehen für ein Flughafengewordenes Riesendesaster. Seit genau sieben Jahren sollte er bereits fertig sein. Aber jetzt haben wir mit Kollegen von rbb24 Recherche herausgefunden: Das könnte noch jahrelang so weitergehen. Tina Friedrich, Boris Hermel, Chris Humbs und Susanne Opalka.

Er ist einer der teuersten  Flughäfen weltweit: der Berliner Airport Berlin Brandenburg - kurz BER – bezahlt vom Steuerzahler in ganz Deutschland.

Obwohl der Baubeginn inzwischen über zwölf Jahre zurückliegt, ist er bis heute nicht in Betrieb.

2011 sollte er eigentlich eröffnen. Gut zwei Milliarden – so kalkulierte die Politik damals. Mit jedem geplatzten Eröffnungstermin erhöhten sich die Ausgaben. Inzwischen sind es geschätzte 7,3 Milliarden.

Nun soll der Flughafen nächstes Jahr eröffnen:

Engelbert Lütke Daldrup, Geschäftsführung, Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB)

"Wir werden den Oktober 2020 einhalten. Und äh der Progress in den letzten vier Wochen war gut. Und insofern habe ich sehr viel Zuversicht."

Laut den Terminplänen der Flughafengesellschaft stehen jetzt nur noch Überprüfungen und Tests an.

Doch nach Kontraste-Recherchen droht das Großprojekt wieder zu einer Baustelle zu werden. Massive Baumängel könnten eine planmäßige Inbetriebnahme verhindern. So verläuft Im ersten Untergeschoss des Terminals ein Tunnel mit gigantischen Kabelsträngen – der sogenannte  Medienkanal – von ihm zweigen Trassen in andere Gebäudeteile ab.

Es gibt nur wenige, ältere Bilder von dieser Hauptschlagader des Flughafens. Uns wird der Zutritt in den Kanal untersagt.

Ein Insider will nicht erkannt werden. Was er über den Zustand der Baustelle berichtet, ist besorgniserregend:

Insider 1

"Es gibt ernsthafte Probleme mit dem Medienkanal. Der wurde schlicht falsch geplant. Der kann so nicht bleiben, wie es jetzt gebaut ist. Das Problem ist das Gewicht der ganzen Leitungen, der ganzen Trassen. Die Dübel können das nicht halten. Das ist alles im Brandschutzbereich. Brandschutz deswegen, weil da auch die ganzen Steuerleitungen sind - für die Sicherheitstechnik. Da darf natürlich nichts kaputt gehen."

Kilometerlang wurden in den Untergeschossen des Terminals diese Kabeltrassen verlegt.

Montiert an Wänden und Decken.

Wir haben das einmal heimwerkermäßig und modellhaft nachgebaut. Dübel unterschiedlichster Art wurden verwendet.

Die orangefarbenen Signalleitungen sind feuerfest. Die Verlegung ist genau vorgeschrieben. Und die Dübel müssen auch im Brandfall funktionieren.

Für viele der verwendeten Dübel  - auch für Metalldübel - gibt es aber keine bautechnische Zulassung für den Brandschutzbereich.

Die Festigkeit gerade im Brandfall ist nicht gewährleistet. Und schon jetzt machen die Dübel Probleme. Sie sind ein Sicherheitsrisiko.

Das erklärt uns ein anderer Informant, der auch nicht erkannt werden will:

Insider 2

"Auf der Baustelle ist es schon vorgekommen, dass diese falschen Dübel der Belastung durch leider fehlerhafte und auch überbelegte Kabeltrassen nicht standhalten und so hat sich die Befestigung gelockert."

Kontraste liegen exklusiv Fotos aus Berichten des TÜV-Rheinland vor. Risse in Steinen und Tausende anderer Bausünden – wie der Einbau von  Kunststoffdübeln im Brandschutzbereich - werden auf über 500 Seiten dokumentiert. Ein Thema: Dübel aus Kunststoff - brennbar.

Kürzlich erklärte ein TÜV-Experte im Untersuchungsausschuss zu Dübeln, diese seien "ein wesentlicher Mangel. Weil die Trassen im Brandfall herunterfallen würden und damit wären Menschen in Gefahr. Und ich glaube nicht, dass wir das wollen."

Werden Leitungen beschädigt, könnten Alarmanalagen, Notstrom oder Sprinkleranlagen ausfallen. Unter Umständen wäre im Notfall eine Evakuierung des Terminals unmöglich.

Obwohl immer wieder versichert wurde, dass der Bau längst fertig sei – deutet sich nun an, dass eine Inbetriebnahme völlig in den Sternen steht.

Wir fragen nach bei der Flughafengesellschaft, wollen mit den Verantwortlichen sprechen. Ein Interview wird uns verweigert.

Schriftlich erklärt uns der FBB: "Es wurden handelsübliche Dübel benutzt…"

Sie gehören zu den

"…Themen, die mit Hochdruck abgearbeitet werden."

Unsere Nachfragen – zum Beispiel zur Menge der Dübel und wo überall sie im Flughafen ohne Genehmigung verbaut wurden, werden nicht beantwortet.

Bei der Einweihung der neuen Rettungsstelle des BER – immerhin diese konnte planmäßig eröffnet werden -, treffen wir zufällig auf einen altgedienten Geschäftsführer des Flughafens, Manfred Bobke-von Camen:

Kontraste

"Es wird von Dübeln gesprochen, die dort eigentlich nichts zu suchen haben. Man hat viele Jahre Zeit gehabt, die auszuwechseln. Ist aber offensichtlich nicht passiert. Da fragt sich die Öffentlichkeit schon, was sagen Sie dazu?

Manfred Bobke-von Camen, Geschäftsführung Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB)  

"Da muss ich leider der Öffentlichkeit sagen, dass wir uns immer dann melden, wenn wir ein  abgerundetes, geschlossenes Bild haben.

Kontraste

"Das heißt, sie haben heute noch kein geschlossenes Bild zu diesen brandschutzrelevanten Fragen?"

Manfred Bobke-von Camen, Geschäftsführung Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB)

"Wir haben ein tagesaktuelles Bild und haben tagesaktuelle Bilder, manchmal auch von einzelnen Mitarbeitern des TÜVs. Alles andere, haben sie bitte Verständnis, ist auch ein Betriebs- oder Geschäftsgeheimnis unseres Unternehmens, das wir nicht unbedingt in der Öffentlichkeit austragen…"

Über das Tagesaktuelle hinaus, protokollierte der TÜV- tausende wesentliche Mängelgruppen. Alleine im Bereich der Trassen sind es in Summe: 9.357. Jeder einzelne Mangel verbietet eine Inbetriebnahme des Flughafens. Das Hauptproblem sind die Dübel.

Wir wollen wissen, warum die Dübel nicht einfach ausgetauscht wurden. Offizielle Auskünfte werden uns weiterhin verweigert. In Hintergrundgesprächen erfahren wir aber, dass ein Austausch kaum möglich sei. Der Aufwand wäre zu groß – alles müsse erstmal entfernt werden, sogar von großen Baumaßnahmen ist die Rede.

Davon spricht auch der TÜV-Bericht. Die Mängelbeseitigung sei mit

Zitat: "…möglicherweise  hohen personellen Aufwand, aber auch mit einer Vielzahl von Rückbauten verbunden."

Der Grund hierfür:  Es gibt überhaupt keine zugelassenen Dübel für Kalk-Sandstein - in solchen Brandschutzbereichen. Entsprechend kann es auch für Austauschdübel keine Nachweise über die Zulässigkeit geben.

Zuständig für die Zulassungsverfahren von Dübeln ist das Deutsche Institut für Bautechnik. Es bestätigt:

Zitat: "Aktuell enthalten die erteilten Verwendbarkeitnachweise (Zulassungen)  … für Dübel in Mauerwerk keine Tragfähigkeiten unter Brandbeanspruchung."

Das ist in der Baubranche eigentlich bekannt. Kalk-Sandstein hätte im BER so nie verbaut werden dürfen.

Er wurde aber verbaut. Und langsam wird die Dimension des Problems deutlich. In fast allen Bereichen des Flughafens ist der Stein zu finden.

Und  überall wurden Kabel an die problematischen Wände gedübelt.

Das ganze Ausmaß schildert unser Informant.

Insider 2

"Im gesamten Gebäude des Fluggastterminals … sind beispielsweise Trägersysteme von Kabelanlagen oft mit Dübeln befestigt worden, die nicht die erforderliche Zulassung haben. Konkret fehlt ihnen die Brandschutzzulassung. Beispielsweise sind in Kalksandsteinwänden Dübel für Betonwände verwendet worden. Die Problematik … zieht sich durch das gesamte Fluggastgebäude."

Die Aufregung ist groß bei den Verantwortlichen der Flughafengesellschaft. Sie bedrängen den Zuständigen vom TÜV-Rheinland – hier links.

Denn er sollte als sachverständiger Gutachter hier in der Sonderausschusssitzung des brandenburgischen Landtages öffentlich zu den neuen Problemen Auskunft geben.

Den Chefs der Flughafengesellschaft gelingt es aber, die öffentliche Befragung zu verhindern.

Es wird behauptet: Betriebsgeheimnisse seien betroffen und damit die Probleme nichts für die Öffentlichkeit.

Egal was die Abgeordneten zu hören bekommen, sie werden zum Schweigen verpflichtet.

Wir müssen vor der Befragung den Raum verlassen. Abgeordnete verlangen daraufhin erst einmal eine juristische Klärung und lassen die Befragung komplett platzen.

Axel Vogel (Bündnis 90/Die Grünen), Mitglied BER-Sonderausschuss

"Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse bei einer Gesellschaft, die im öffentlichen Besitz steht. Absolut ein Unding. Die öffentliche Hand hat Milliarden in dieses Flughafenprojekt hineingesteckt."

Christoph Schulze (fraktionslos), Mitglied BER-sonderausschuss

"Die Geschichte des BER ist ja nun sozusagen eine von Manipulation, Lug, Betrug und Vertuschung. Leider haben die Verantwortlichen immer noch nichts gelernt. Die Geschichte zeigt ja, alles was man versucht zu vertuschen kommt am ende doch irgendwie raus".

Hinter dem Großprojekt stehen der Staat, die Steuerzahler. Und zwar aus Brandenburg, Berlin und dem Bund – Brandenburg und Berlin halten jeweils 37, der Bund 26 Prozent der Anteile. Letztlich verantwortlich sind Ministerpräsident Dietmar Woidke und Michael Müller, SPD und Andreas Scheuer, CSU.

Der Bundesverkehrsminister mag nicht mit uns über die neuen Probleme am BER sprechen. Und der brandenburgische Ministerpräsident setzt, wie gehabt, auf die Flughafenmanager:

Dietmar Woidke (SPD), Ministerpräsident Brandenburg

"Ich vertraue in die Geschäftsführung. Die Geschäftsführung ist mit diesen Aufgaben beauftragt und ich denke auch dieses Problem ist lösbar."

Der letzte Lösungsansatz könnte hier liegen, meint die Flughafengesellschaft. Im Landesamt für Bauen und Verkehr in Cottbus. Es ist formal zuständig für Sondergenehmigungen in Brandenburger Bauwerken. Landes Beamte sollen nun im Nachhinein die Dübel zulassen – eine Art LEX BER.

Doch nach unseren Recherchen geht das zurzeit gar nicht. Denn dazu müsste der Bauherr für Festigkeitstests wissen, welche Kalk-Sand-Steine konkret im BER verbaut wurden. Und genau das weiß der Bauherr nicht, erfahren wir. Die Unterlagen seien offenbar nicht auffindbar.

Zudem stellt sich heraus: Es gibt kein Verfahren, keine Richtlinien für eine  nachträgliche Zulassung in diesem Fall. So einen Fall hat es noch nie gegeben. Trauen sich die Beamten aus Sicherheitsgründen nicht, die eingebauten Dübel zu genehmigen, dann bliebe wohl nur der Austausch sehr vieler Innenwände des Flughafens.

Auf dem Eröffnungsfest der Rettungswache ist auch der Landrat von Dahme-Spreewald. In seinem Landkreis steht der Pannenflughafen und somit ist seine Untere Bauaufsicht zuständig für die Erteilung der Betriebserlaubnis. Und die Behörde hat schon einmal den Stempel verweigert - ein paar Tage vor Eröffnung - weil der Brandschutz nicht funktionierte.

Nun befürchtet der Landrat erneut Schlimmstes:

Stephan Loge (SPD), Landrat Dahme-Spreewald

"Ich habe Magengrummeln, weil wir haben da so ein bisschen Déjà-vus, das war alles schnonmal. Zwar anders verursacht, aber eben auf dieser Baustelle."

Seit Jahren ist das Problem bekannt. Schon 2012 beklagt der TÜV nicht genehmigte Kunststoffdübel. Die Zulassungsprobleme mit all den unterschiedlichen Dübeln wurden bis heute nicht gelöst.

Kontraste

"Kann ein Flughafen wirklich an Plastikdübeln scheitern?"

Stephan Loge (SPD), Landrat Dahme-Spreewald

"Auch an Plastikdübeln oder mehreren tausend Plastikdübeln wie mutmaßlich in diesem Fall kann die Inbetriebnahme scheitern. Weil wir müssen eine komplexe Sicherheit haben und die ist auch an Plastikdübeln festmachbar."

Kontraste

"Aber könne sie nicht als Landrat nicht mal ein Auge zudrücken?"

Stephan Loge (SPD), Landrat Dahme-Spreewald

"Nein, das mache ich nicht."

Im Abgeordnetenhaus in Berlin befürchtet die Opposition, dass das ganze Flughafenprojekt nun scheitern könnte.

Christian Gräff (CDU), BER-Untersuchungsausschuss Abgeordnetenhaus Berlin

"Wenn das so wäre, dass man den gesamten Terminal entkernen muss, also alles rausnehmen müsste, dann glaube ich muss man sich die Frage stellen, ist das noch der richtige Standort."

Beitrag von Tina Friedrich, Chris Humbs und Susanne Katharina Opalka

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