Miese Jobs statt Lifestyle - Wie H&M Mitarbeiter unter Druck setzt

Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung, für den schwedischen Bekleidungskonzern Hennes&Mauritz, kurz H&M, gehört beides zur Unternehmensphilosophie. Der jährliche Nachhaltigkeitsreport weist aus, dass der Konzern weltweit für umweltgerechte Produktionsmethoden und faire Arbeitsbedingungen eintritt. Faire Arbeitsbedingungen, die fordern auch immer mehr Angestellte in Deutschland. Sie klagen über ultraflexible "Stundenlöhnerei" und Druck auf Betriebsräte und Mütter.

Anmoderation: Es ist schon erstaunlich: Überall auf der Welt kriselt es - doch die Deutsche Wirtschaft wächst und wächst! Erst gestern haben die Wirtschaftsweisen ihre Prognosen weiter nach oben korrigiert: Satte 2 Prozent Wirtschaftswachstum erwarten sie. Das heißt für viele Unternehmen auch höhere Gewinne. Wir haben uns mal gefragt, wie dieser Erfolg eigentlich zustande kommt. Wo oder auf wessen Kosten sparen die Unternehmen möglicherweise? Diana Kulozik, Ursel Sieber und Lisa Wandt sind dem nachgegangen am Beispiel eines Konzerns, bei dem Sie vielleicht auch schon mal eingekauft haben.

H&M, Hennes und Mauritz, der schwedische Bekleidungskonzern. Ein Familienunternehmen, das mit fairen Arbeitsbedingungen für seine Mitarbeiter wirbt. Der Job macht Spaß, ist hip, man duzt sich.

Im letzten Jahr hat der Konzern fast zwei Milliarden Euro Gewinn gemacht. Im deutschen Textileinzelhandel liegt die Umsatzrendite im Schnitt bei etwa drei Prozent. Die H&M-Group kommt auf satte 12,5 Prozent.

Prof. Heinz-Josef Bontrup, Arbeitsökonom Westfälische Hochschule

"Das ist eine unanständige, so möchte ich es einmal als Ökonomieprofessor sagen, eine unanständige Rendite. Das liegt aber mit Sicherheit auch bei H&M daran, dass man die Kosten klein hält, vor allem die Personalkosten."

Traumrenditen auch durch möglichst geringe Personalkosten? In vielen Gesprächen berichten uns Mitarbeiter von unsicheren Arbeitsbedingungen und Druck. Zum Beispiel Mütter:

Seit diese Verkäuferin ein Kind hat, kann sie nicht mehr früh morgens oder spät abends arbeiten. Die alleinerziehende Mutter ist nicht mehr so flexibel wie früher und wird von ihrer Filialleitung unter Druck gesetzt.

H&M-Verkäuferin

"Spätschicht wurde mir angeboten, von 14 bis 20 Uhr. Und gerne könnte ich auch an allen Samstagen arbeiten, wo die Kita geschlossen hat. Ich kriege halt genau das angeboten, was nicht funktioniert."

Kontraste

"Was denken Sie denn, was das Ziel ist?"

H&M-Verkäuferin

"Mich mürbe machen und so lange schikanieren, oder mir nicht die Zeiten geben, die ich brauche, bis ich vielleicht freiwillig kündige."

Die Verkäuferin ist für H&M teuer. Als langjährige Mitarbeiterin verdient sie mehr als viele Kollegen. Wäre sie weg, könnte H&M sie durch billigere Kräfte ersetzen. Sie erinnert sich an ein Gespräch mit der Filialleitung.

H&M-Verkäuferin

"Dann gab es ein Gespräch und dann irgendwann mittendrin kam dann der Satz: "Ja, du hättest das halt früher überlegen müssen, ob du ein Kind in die Welt setzt, wenn du das nicht organisiert bekommst."

Für den Handels-Experten Professor Gerrit Heinemann ist das Vorgehen gegen Mütter typisch wenn es darum geht, Kosten zu reduzieren.

Prof. Gerrit Heinemann, Handelsexperte Hochschule Niederrhein

"Das passt im Grunde zu dem Thema extreme Kostenorientierung, weil im Zweifel Mütter, die auch an Kinder gebunden sind vielleicht etwas mehr kosten, vielleicht auch mal ausfallen, aus Krankheitsgründen und davor sucht man sich dann auf leichten Druck oder vielleicht auch Angst hin von zu trennen und das passt genau in diese Richtung."

Und das sei bei weitem kein Einzelfall, meint Saskia Stock. Sie ist Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats von H&M. Auch in einem Geschäft in Kaiserslautern soll die Filialleitung Mütter zu Spätschichten gedrängt haben.

Saskia Stock, Vorsitzende Gesamtbetriebsrat H&M

"Daraufhin hat sich der Betriebsrat der Filiale an die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt gewandt und die hat sich dann auch eingeschaltet und hat auch einen Brief geschrieben."

Darin rügt die Gleichstellungsbeauftragte den Konzern scharf:

"Kann es sein, dass nach langen Kämpfen für eine kinderfreundliche Gesellschaft sich die Welt wieder rückwärts dreht?"

Und es gibt wohl noch viele weitere Fälle: Die Gesamtbetriebsrätin Saskia Stock hat unter ihren Betriebsrats-Kollegen eine Befragung gestartet. Das Ergebnis: In 68 von 170 Filialen seien Mütter zu Samstags-Arbeit und Spätschichten regelrecht gedrängt worden.

Saskia Stock, Vorsitzende Gesamtbetriebsrat H&M

"Wir haben halt tatsächlich das Gefühl, dass dort ganz stark Druck ausgeübt werden soll, damit Mütter entweder wirklich flexibler werden und sich dann halt dem Diktat von Hennes und Mauritz sozusagen unterwerfen im Bezug auf die Arbeitszeiten. Und dann ist halt der andere Weg, dass diese Mutter dann geht."

H&M erklärt dazu:

"Die Behauptung, Mütter oder Mitarbeiter unter Druck zu setzen, weisen wir in aller Entschiedenheit von uns."

Nachmittags und abends habe man mehr Personalbedarf. Und der sei mit Betriebsräten und Mitarbeitern abgestimmt, so H&M.

Langjährige Verkäuferinnen, noch dazu mit Kind, scheinen ein Auslaufmodell bei H&M zu sein.

Der Konzern setzt immer mehr auf Mitarbeiter mit flexibler Stundenbasis – intern nennt man sie auch Stundenlöhner. In ihrem Vertrag sind oft nur 10 Arbeitsstunden pro Woche garantiert. Je nach Bedarf von H&M können es mehr werden.

Für die Verkäufer ein völlig unsicheres Lebensmodell, es ist wie Arbeit auf Abruf, haben uns Mitarbeiter erzählt. Ein Beispiel:

H&M-Verkäufer

"Das war halt von Monat zu Monat anders. Ich meine Weihnachtsgeschäft hat man viel zu tun gehabt, man hat immer viele Stunden bekommen, aber zum Beispiel im Januar, Februar, da waren 10 Stunden an der Tagesordnung pro Woche und da hat man halt gehofft, dass man noch angerufen wird und dann noch mehr arbeiten kann, um dann später die Miete zu bezahlen."

H&M ist tarifgebunden. Einige Tarifverträge sichern den Verkäufern wöchentlich grundsätzlich mindestens 20 Stunden Arbeit zu. Von dieser Tarifregelung weicht der Konzern ab, und zwar mit diesen Arbeitsverträgen von nur 10 garantierten Stunden pro Woche.

H&M erklärt, die Tarifverträge ließen diese Abweichungen zu. Offenbar eine Ausnahmeregel, die der Konzern nutzt. Diese Abweichungen gebe es aber insbesondere auf Wunsch des Mitarbeiters, behauptet H&M.

Das widerspreche klar den Berichten vieler Verkäufer, sagt Saskia Stock.

Saskia Stock, Vorsitzende Gesamtbetriebsrat H&M

"Es ist in den meisten Fällen nicht der Wunsch des Mitarbeiters. Man hat die Wahl einen Vertrag mit 10 oder 12-Stunden zu unterzeichnen oder man hat die Wahl, aus der Tür zu gehen und sich was komplett anderes zu suchen."

Schon im Jahr 2004 waren rund 30 Prozent der H&M-Mitarbeiter so genannte Stundenlöhner. Das Unternehmen gilt als Vorreiter für dieses Modell. Inzwischen arbeitet laut einer Gewerkschafts-Umfrage unter H&M-Betriebsräten fast jeder zweite auf flexibler Stundenbasis.

Eigene Zahlen dazu gibt H&M nicht heraus und erklärt: "Arbeit auf Abruf gibt es bei H&M nicht." Einsätze würden nur nach Absprache mit den Mitarbeitern erfolgen.

Nach Ansicht des Handelsexperten Professor Gerrit Heinemann sind diese flexiblen Stunden-Verträge ein Grund für den hohen Profit von H&M.

Prof. Gerrit Heinemann, Handels-Experte Hochschule Niederrhein

"Experten schätzen, dass durch die Flexibilisierung auf Mitarbeiterseite, wo Hennes und Mauritz ja in Anführungsstrichen führend ist, also das extrem praktiziert, wahrscheinlich einen Personalkostenvorteil gegenüber anderen Textilhändlern von über 20 Prozent hat."

Ein Vorteil, dem Betriebsräte nach unseren Recherchen womöglich im Weg stehen. Denn sie wehren sich gegen diese Stundenlöhner-Verträge. Gesamtbetriebsrätin Stock ist empört, dass H&M in letzter Zeit gleich drei Betriebsräten kündigen wollte. Sie meint, den Grund dafür zu kennen:

Saskia Stock, Vorsitzende Gesamtbetriebsrat H&M

"Es sind drei Betriebsräte, die in den Fokus von Hennes & Mauritz geraten sind, weil sie sich halt gerade so für die Arbeitnehmer einsetzen und weil sie Dinge umsetzen, die rechtlich möglich sind, die aber eben für Hennes & Mauritz Geld kosten."

Einer dieser Betriebsräte ist Nico Lickel. Er hat deutschlandweit Mitarbeiter dabei unterstützt, einen Betriebsrat zu gründen. In insgesamt acht Filialen. Jetzt will H&M ihn fristlos entlassen.

Nico Lickel

"In meinen Augen sehe ich das schon so, dass H&M mich halt einfach loswerden möchte aufgrund dieser ganzen Betriebsratsgründungen. Und ich glaube schon, dass man dann gesucht hat und wer suchet, der findet."

Reiseabrechnungen, Arbeitszeitnachweise, Urlaubsantrag – alles wurde akribisch durchforstet. Der Vorwurf von H&M: Lickel soll unerlaubt Urlaub genommen und bei seinen Arbeitszeiten betrogen haben. Er weist das vehement zurück. Das Gerichtsverfahren läuft noch.

Das Vorgehen von H&M hat weitreichende Wirkungen, sagt Arbeitsökonom Professor Heinz-Josef Bontrup.

Prof. Heinz-Josef Bontrup, Arbeitsökonom Westfälische Hochschule

"Wenn ich einen Prozess führe gegen einen Betriebsrat, das schreckt natürlich andere ab. Das schürt einfach Angst, da regiert das Management mit Angst."

Unsere Frage an H&M, ob mit diesem Vorgehen ein Klima der Angst erzeugt werde, beantwortet der Konzern nicht und erklärt:

"Die Entscheidung zu einer fristlosen Kündigung machen wir uns nie leicht (...) Den Vorwurf der gezielten Kündigung von Betriebsratsmitgliedern weisen wir entschieden zurück."

Klar ist: Billiganbieter wie die Modekette Primark und Online-Händler wie Amazon oder Zalando setzen H&M unter Druck. Trotzdem versucht das schwedische Familienunternehmen um Stefan und Karl-Johan Persson die hohen Renditen zu halten. Aber um welchen Preis?

Abmoderation: Bei unseren Recherchen erfuhren wir übrigens auch: H&M will offenbar im nächsten Jahr in Deutschland 9 Filialen schließen. Betroffen sind nach Angaben des Betriebsrates rund 260 Mitarbeiter. H&M wollte dies auf Nachfrage nicht bestätigen.

Beitrag von Diana Kulozik, Ursel Sieber und Lisa Wandt

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Kontraste vom 09.11.2017

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