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- Cyberangriff aus dem Kinderzimmer

Emails, private Chatverläufe und intimste Fotos – der Datenangriff eines mutmaßlich 20-Jährigen aus Hessen hat die Republik erschüttert. Kontraste zeigt eine Szene von jungen Männern mit rechter Gesinnung, die den Islam, Flüchtlinge und engagierte Menschen ablehnen. Sie hacken persönliche Daten von Politikern, Prominenten und Journalisten, um sie zu veröffentlichen.

Anmoderation: Guten Abend hier bei Kontraste - ab heute mit mir. Hat der 20jährige Schüler, der Privates von Politikern ins Netz stellte einfach "Mist gebaut" - oder doch einen handfesten "Angriff auf unsere Demokratie" unternommen, wie die Bundesjustiz- ministerin es sieht? Georg Heil, Karolin Schwarz und Lisa Wandt haben mehr als eine Antwort.

Homberg, eine Kleinstadt in Mittelhessen. Hier fanden die Ermittler schließlich den Hacker, der tagelang die Republik in Atem hielt. Der intimste Details aus dem Leben von Politikern und Prominenten im Netz zur Schau stellte: Johannes S. alias "Orbit", ein Schüler, der noch bei seinen Eltern wohnt.

Ein Hackerangriff - gesteuert aus dem Kinderzimmer. Von einem Einzeltäter.

Kein ausländischer Geheimdienst, keine Profis – zumindest gehen die Ermittler derzeit davon aus.

Doch wie kommt ein Schüler dazu, massenhaft Daten von Politikern zu hacken und anonym auf Twitter zu veröffentlichen?

Wir treffen Jan Schürlein. Er ist seit Jahren mit dem Hacker "Orbit" in Kontakt und brachte die Behörden mit seiner Zeugenaussage auf die Spur von Johannes S.. Bei KONTRASTE geht er nun zum ersten Mal vor die Kamera und spricht über dessen skrupelloses Spiel.

Jan Schürlein

"Es geht einfach nur darum, so viele Daten wie möglich zu veröffentlichen, um die Person zur Schau zu stellen, bzw. der Person halt eins auszuwischen, ne, ich habe hier die ganzen Sachen, ich veröffentliche das, was die Leute damit machen, ist mir egal."

Aus den vielen Chats und Sprachnachrichten mit dem Hacker weiß Jan Schürlein: Johannes S. spionierte seine Opfer sogar auch in der realen Welt aus.

Jan Schürlein

"Er ist teilweise zu den Häusern und Privatadressen hingefahren um sich vor Ort ein Bild zu machen. Ich weiß, dass er in Köln bei Böhmermann vor Ort war und auch bei anderen Youtubern damals in der Vergangenheit vor dem Haus gestanden ist, da habe ich Bilder von gesehen vom Briefkasten und von der Haustür."

Jan Böhmermann – von ihm fühlte sich "Orbit" persönlich provoziert. Der Satiriker setzt sich öffentlich immer wieder gegen Nazis ein.

Dass er Details aus Böhmermanns Privatleben verbreiten wollte, will Schürlein schon vor der "großen" Veröffentlichung gewusst haben.

Jan Schürlein

"Ich habe ihn aufgefordert, die Bilder von den Kindern von Jan Böhmermann zu entfernen bzw. nicht zu veröffentlichen. Das hat er am Anfang sogar auch gemacht, aber später war das dann eben auch egal."

Kontraste

"In gewisser Hinsicht waren Sie ja sowas wie ein Berater in dem ganzen Ding. Ist das nicht eine Beteiligung an der Tat?"

Jan Schürlein

"Würde ich auf keinen Fall so sagen, man kann natürlich sagen positive Beratung, wenn ich ihm davon abrate eine Straftat zu begehen bzw. Sachen zu veröffentlichen, dann ist das natürlich ein positiver Rat."

Seine Opfer suchte sich "Orbit" also gezielt aus. Auffällig: Die AfD blieb dabei verschont.

Jan Schürlein

"Er ist auf jeden Fall ein bisschen rechtsorientiert, muss man auf jeden Fall sagen, rechtsextrem auf keinen Fall würde ich jetzt mal direkt sagen. Es wurde sich abgrundtief negativ über Flüchtlinge geäußert, sowas gehört nicht nach Deutschland, genauso natürlich auch negativ zum Islam, eine negative Einstellung, dass das ja alles Terroristen seien."

Weil sich der SPD-Politiker Helge Lindh für Flüchtlinge einsetzt, stand auch er im Fokus von "Orbit". Seine privaten Kontakte - plötzlich für jeden sichtbar. Für Lindh kein Schülerstreich, sondern eine Tat mit bösen Folgen.

Helge Lindh (SPD), Bundestagsabgeordneter

"Das ist für mich das Unerträglichste: Es werden auch Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, die ich kenne, behelligt, angerufen und Leute geben sich mit falscher Identität beispielsweise als Journalisten aus, die die Meinung haben, der Lindh, diesem zu Flüchtlingsfreundlichen, wollen wir es jetzt zeigen."

Auch Schürlein stammt aus der Hacker-Szene, ist bei den Behörden ein alter Bekannter, unter anderem weil er die Seite eines rechtsradikalen, islamfeindlichen Youtubers verwaltet hat. Auf mehrfache Nachfrage bezeichnet er sich aber als "unpolitisch".

Am Sonntagmorgen stehen BKA-Beamte vor seiner Tür: Hausdurchsuchung. Eigentlich wollte er Orbit nicht verraten – doch im Verhör knickt er ein.

Jan Schürlein

"Da das BKA dann so einen Druck aufgebaut hat, es kam ja auch von oben Richtung Seehofer über die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt, wurde so ein Druck dann auch aufgebaut im Interview, dass ich dann eben kooperiert habe und die gesamten Infos, die ich dazu habe rausgegeben habe beziehungsweise dieses eine brisante Detail."

Und zwar, dass auch Johannes S. den Behörden bereits bekannt war: von einem Polizeieinsatz bei ihm zu Hause im Oktober 2016. Auch damals ging es um veröffentlichte Hacks. "Die Bullen stehen gerade vor der Tür" hatte "Orbit" ihm im Chat geschrieben. Schürlein nannte dem BKA Tag und Uhrzeit. So konnte die Polizei Johannes S. identifizieren und vorläufig festnehmen. Bis ihm der Prozess gemacht wird, darf er weiter die Schulbank drücken.

Abmoderation: Also: Das was den Hacker antrieb, war wohl eine Mischung aus Spieltrieb und Hass auf alle, die anders dachten als er. Das wäre dann tatsächlich sowas wie ein Angriff auf die Demokratie.

Beitrag von Georg Heil, Karolin Schwarz und Lisa Wandt

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