Weltgrößter Fall von Geldwäsche - Millionen flossen auch nach Deutschland

Steuerhinterziehung, Korruption, Waffenhandel und Schmuggel – aus diesen Quellen sollen die rund 200 Milliarden Euro stammen, die über die estnische Filiale der Danske Bank gewaschen worden sein sollen. Ein Großteil des Geldes stammt ursprünglich aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Mehr als 30 Millionen Euro sind dabei auch via Estland nach Deutschland geflossen – über deutsche Banken auf deutsche Firmenkonten. Bei den Unternehmen wurden zuvor Waren bestellt, die dann wieder gen Osten geliefert wurden. Firmen und Banken in Deutschland hätten oftmals Verdacht schöpfen können – doch offenbar war das Geschäft wichtiger. In monatelangen Recherchen mit internationalen Kooperationspartnern und der Wochenzeitung DIE ZEIT hat Kontraste ein weltweites Firmennetzwerk recherchiert und tausende Seiten Bankbelege gesichtet, um die Spur des Geldes nachzuvollziehen.

Anmoderation: Und jetzt geht’s um Geld bei uns…viel Geld: 200 Milliarden Euro aus dunklen Geschäften. Eine Bank in Estland half jahrelang dabei, diese Geldberge reinzuwaschen und ihre Herkunft zu verschleiern. Meine Kollegen René Althammer, André Kartschall und Ingo Malcher von der Wochenzeitung Die Zeit haben sich monatelang durch ein Gestrüpp von Briefkastenfirmen gekämpft: Und fanden heraus: Das Geld ist auch in Deutschland gelandet.
 

Die Danske Bank in Tallin: Hier spielt der derzeit weltweit größte Geldwäscheskandal: es geht um 200 Milliarden Euro.

KONTRASTE und der Wochenzeitung DIE ZEIT liegen jetzt exklusiv hunderte Kontoauszüge der Danske Bank vor, die belegen: Millionen Euro sind auch an deutsche Unternehmen geflossen. Darunter der Armaturenhersteller Hansgrohe, Bosch Siemens Hausgeräte, der Sanitärausrüster DURAVIT.

London: Hier treffen wir den ehemaligen Fondsmanager William Browder. Er hat einen Teil des Geldwäschesystems aufgedeckt – und die Spur bis nach Deutschland verfolgt.

William Browder, Fondsmanager

"Dieses Schema zeigt das Geldwäschesystem."

Dutzende Briefkastenfirmen, die sich Geld hin und her überweisen: bis es auch auf deutschen Firmenkonten landet.

William Browder, Fondsmanager

"Das ist so kompliziert, dass sie dachten, da kommt niemand drauf. Und das sind die Firmen, durch die Geld nach Deutschland kam. Insgesamt waren das 31 Millionen Euro."

William Browder leitete einst einen der größten Investmentfonds in Russland – bis er in Moskau in Ungnade fiel. Ab 2005 durfte er nicht mehr einreisen.

Danach, so Browder,  seien ihm drei seiner Firmen in Russland von Kriminellen quasi "gestohlen" worden – mit Hilfe korrupter russischer Beamter. Anschließend hätte die Bande sich illegal eine Steuerrückzahlung für diese Firmen erschlichen – 230 Millionen Dollar.

Doch statt der mutmaßlichen Betrüger wurde Browders Steuerberater, Sergej Magnitski im Juli 2008 verhaftet.  Ein Jahr darauf starb er im Gefängnis, offizielle Todesursache: Herzversagen. Browder behauptet, er wurde totgeprügelt.

Der ehemalige Investmentbanker sagt, Magnitskis Schicksal sei für ihn der Antrieb gewesen, der Spur des Geldes zu folgen.

William Browder, Fondsmanager

"Ich habe gesagt, wir müssen uns außerhalb Russlands um Gerechtigkeit bemühen. Und einer der Wege ist zu fragen, wer hat die 230 Millionen Dollar bekommen, die Sergej Magnitski gemeldet hat und wegen derer er getötet wurde."

Noch ist nicht gerichtsfest geklärt, ob die Gelder tatsächlich so geflossen sind, wie Browder behauptet.

Im vergangen Jahr hat er Anzeige gegen Mitarbeiter der Danske-Bank in Estland erstattet: wegen Geldwäsche.

Denn die Danske Bank steht im Zentrum des Netzwerks, so Browders Recherchen.

Die 230 Millionen Dollar aus der russischen Finanzverwaltung sollen bei mehreren Firmen mit Sitz in Steueroasen gelandet sein. Firmen, die alle ein Konto bei der Danske Bank hatten. Von diesen Konten wanderte das Geld weiter, auch nach Deutschland –

… zum Beispiel hierher:

Zu einem Gebrauchtwagenhandel vor den Toren Berlins. Es ist nur ein kleiner Teil der Millionensumme, ein sehr kleiner: 16.000 Euro.

Kontraste

"Im Jahr 2008 - das ist schon zehn Jahre her - da hat mal jemand einen Mercedes Sprinter bei ihnen gekauft."

Mitarbeiter Gebrauchtwagenhandel

"2008?"

Kontraste

"Ich kann es ihnen zeigen…"

Als wir ihm eine Kopie vorlegen, bestätigt er, dass es sich um sein damaliges Konto handelt.

Mitarbeiter Gebrauchtwagenhandel

"Ach so stimmt, war ja damals bei der Deutschen Bank."

Nur ein Fall von Hunderten. Die Kontoauszüge zeigen, dass zwischen 2007 und 2011 mehr als 30 Millionen Euro bei deutschen Privatpersonen und vor allem Unternehmen gelandet sind.

Sie sollen zu den gestohlenen Millionen aus dem Magnitski-Fall gehören. Über die Konten dieser 16 Firmen kam das Geld nach Deutschland. Die meisten von ihnen hatten ihren Sitz in Steueroasen wie den British Virgin Islands oder in Ländern, in denen die Eigentümer anonym bleiben können, wie Neuseeland. Ihr Konto aber hatten alle Firmen bei der estnischen Danske Bank. Von dort aus wurden Rechnungen bezahlt – an deutsche Firmen für hunderte Warenlieferungen. Geliefert wurde aber nicht in die Steueroasen, sondern massenhaft nach Russland. Dort wurden die Waren dann wohl einfach verkauft. Und damit war das Geld erfolgreich gewaschen.

Ein ausgeklügeltes System und ein klarer Fall, meint Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter.

Sebastian Fidler, Bund Deutscher Kriminalbeamter

"Man kann schon sagen, dass es ein typisches Geldwäschesystem ist. Man liefert aus Deutschland heraus an eine Firma in Russland und würde zunächst einmal erwarten, dass die auch die Rechnung begleicht. Wenn es nun eine dritte Firma tut, die auch das Konto wiederum noch in einem anderen Staat hat und wenn der Sitz der Firma in einem bekannten Schattenfinanzplatz sich befindet, dann müssten eigentlich so alle Warnlampen angehen, wenn man an Geldwäsche denkt."

Sind sie aber nicht. Ein Unternehmen teilt uns mit, es sei erst durch unsere Anfrage auf das Problem aufmerksam geworden.

Von Hansgrohe, bei denen sechs Millionen Euro eingingen – gar keine Reaktion.

Duravit – immerhin mit gut 800.000 Euro betroffen, lehnt eine Stellungnahme ab, weil es nicht nur um ihre Daten, "sondern auch um Daten Dritter geht."

Sebastian Fidler, Bund Deutscher Kriminalbeamter

"Das Dunkelfeld ist enorm groß, weil wir fest davon ausgehen müssen, dass diejenigen, die gewerblich Güter handeln, überhaupt nicht sensibel sind für das Thema Geldwäsche und in den allermeisten Fällen wahrscheinlich unbedarft Teil eines Geldwäschekreislaufes werden."

Vielleicht aber hätte das System doch schon viel früher aufgedeckt werden können: Die Firma Bosch Siemens Hausgeräte – auf ihren Konten sind gut zwei Millionen Euro eingegangen.

Die Firma bestätigt unsere Recherchen und teilt uns außerdem noch etwas mit: Man habe den Vorgang nämlich bereits 2011 aufgearbeitet und dabei, Zitat "vollumfänglich (…) mit den Behörden kooperiert". Doch wer diese "Behörden" waren – dazu schweigt das Unternehmen.

Zuständig wäre die Staatsanwaltschaft München 1: Doch auch hier gibt es auf diese Frage keine Antwort. Begründung: Steuergeheimnis.

Aber nicht nur die Unternehmen haben sich nicht für die Herkunft der Gelder interessiert: auch die jeweiligen Hausbanken sind nicht eingeschritten, obwohl sie verpflichtet sind, auffällige Geldbewegungen zu melden.

Allen voran die Commerzbank inklusive der von ihr übernommenen Dresdner Bank. Auf den Plätzen folgen Deutsche Bank, Unicredit Hypo und die Sparkassen. Keine der Banken wollte den Vorgang kommentieren.

Michael Findeisen hat jahrelang im Bundesfinanzministerium an den deutschen Geldwäschegesetzen mitgearbeitet. Er sagt, die Banken hätten ganz klar bemerken müssen, dass die Danske-Bank-Überweisungen höchst auffällig sind.

Michael Findeisen, ehemaliger Mitarbeiter Bundesfinanzministerium

"Gerade wenn man diese Volumina anguckt und auch die Einzelbeträge, die vielfach sechsstellig und höher waren, wenn man sich die anguckt, muss man sagen: Das hätte in keinem Fall so durchrutschen dürfen."

Abmoderation: Es rutschte“ aber wohl durch. Und deswegen war das eben auch erst ein kleiner Ausschnitt von dem was da jahrelang in Estland gespielt wurde: Die ersten 200 Millionen von 200 Milliarden. Also: Sicher nicht die letzte Geschichte zu der Bank in Tallinn.

Beitrag von René Althammer und André Karschall

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Bild: rbb

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