Rettungskräfte durchsuchen die Trümmer in einem Gebäude. Bild: Kontraste
Kontraste
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Angriff auf die Ukraine - Die Schrecken des Krieges

Sie hängen sich an Panzer oder stellen sich russischen Soldaten in den Weg. Es sind Helden-Bilder, die um die Welt gehen und den Mut der Ukrainer zeigen. Der 29-jährige Journalist Yurii etwa sitzt nun mit seinen Kameraden im Schützengraben. Die Großmutter Elena harrt in der stark zerstörten Stadt Charkiw im Bunker aus - oben schlagen die Bomben ein. Und während die einen verzweifelt um ihre Heimat kämpfen, suchen andere verzweifelt den Weg raus aus der Kriegshölle. Vor allem Müttern mit Kindern quetschen sich in die letzten Züge und lassen ihre Männer im Krieg zurück. Kontraste-ReporterInnen haben Menschen in der Ukraine gesprochen und andere auf der letzten Etappe ihrer Flucht begleitet. Eine Reportage zwischen Mut, Kriegsverbrechen und einer humanitären Katastrophe.

Anmoderation: Gut, dass sie da sind. Zwei Wochen ist dieser Krieg alt - und auch wenn die Bomben die Ukraine treffen - diese Bilder treffen uns alle: Die Entbindungsklinik in Mariupol nach den russischen Luftangriffen, metertiefe Krater übersähen das Gelände: Hochschwangere und Kinder sterben. Die russische Armee scheint vor nichts zurückzuschrecken. Und erleiden müssen diesen Krieg nicht nur die, die im Land ausharren. sondern auch die, die es längst verlassen haben. Puneh Djalilevand, Daniel Donath und Susett Kleine zeigen wie es ist, wenn das eigene Leben zum Kriegsschauplatz wird.

Ewa hat es geschafft. Endlich ist sie in Sicherheit. Die Sechsjährige musste mit ihrer Mutter ihr Zuhause in Kyjiw verlassen – auf der Flucht vor den russischen Bomben.

Ewa

„Als ich auf dem Handy meiner Mutter einen Zeichentrickfilm geschaut habe, kamen die Nachrichten: Alarm, es wird geschossen!“

Noch am Tag des russischen Angriffs bringt ihre Mutter sie in die Kita – sie will den Krieg nicht wahrhaben - doch dann:

Ewa

„Wir sind von Zuhause weg und haben uns in der Garage versteckt, damit uns keiner tötet.“

Ewa

„Ich hatte Angst, dass alle Menschen sterben.“

Wir sind in Vyšné Nemecké an der slowakisch-ukrainischen Grenze. Über zwei Millionen Menschen sind bisher vor dem russischen Angriff geflohen. Allein an diesem Übergang kommen täglich knapp 10.000 an. Es sind vor allem Frauen und Kinder. Viele von ihnen kommen aus den umkämpften Städten im Osten und im Zentrum des Landes. Die Flucht aus der Heimat – viele hier hatten keine andere Wahl.

Frau

„Ich fühle mich als Verräterin, aber ich habe vier Kinder und ich kann sie nicht wegen meines Stolzes im Stich lassen“

Kontraste

“Wären sie sonst geblieben?”

Frau

“Ja. Ja, ich wäre geblieben.”

Ihre Flucht dauert oftmals mehrere Tage – bei ihr waren es vier – sie floh mit ihrem kleinen Sohn, als russische Panzer auf ihre Heimatstadt Kramatorsk im Osten der Ukraine zurollten.

Frau

“Seine neuen Geräusche sind AUAUAU – die Sirenen. Leider.”

Kind

“AUAUAU.”

Frau

“Zum Glück versteht er das noch nicht alles. Zum Glück versteht er diesen Horror nicht.”

Oma (aus Off)

“Sie müssten eigentlich weinen und nicht lachen”

Frau

“Das ist ein nervöses Lächeln.”

Oma

“Fahren Sie nach Kyjiw nach Charkiw, in den Donbass und nach Odessa und schauen sie was dieses Arschloch Putin angerichtet hat mit diesen Kindern. Wir könnten nur weinen. Er soll verrecken. Er soll verdammt werden, für das was er gemacht hat.”

Direkt an der Grenze werden die Geflüchteten von den Slowaken versorgt. Kleidung, Süßigkeiten, Kinderwagen - für den Moment sind die Menschen versorgt.

Anastasja aus Kyjiw ist gerade hier angekommen. Neun Tage dauerte es, bis sie sich endlich entschloss, ihre Heimat zu verlassen – aus Sorge um ihre drei Monate alte Tochter.

Anastasja

“Ich bin so viel gereist in meinem Leben. Ich hätte nie gedacht, dass ich in einem fremden Land in so einer Situation landen werde - als Flüchtling.”

Kontraste

“Wo ist Ihr Mann?”

Anastasja

“Mein Mann ist in Kyjiw geblieben. Die werden ja nicht rausgelassen. Er hat uns losgeschickt und will in die Selbstverteidigung eintreten.”

Zwei Tage warteten sie am Kyjiwer Hauptbahnhof, denn alle Zügen Richtung Westen waren überfüllt. Als es endlich klappt, verbringt sie 12 Stunden mit Mutter und Tochter im Zug, abgedunkelt, damit sie nicht beschossen werden.

In der Slowakei angekommen, können sie jetzt erstmal bei Bekannten unterkommen. Von einem Tag auf den anderen musste sie Ihr gesamtes Leben aufgeben.

Dass sie als russischsprachige Ukrainerin von der russischen Armee zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen wird, macht sie wütend.

Anastasja

“Mir fällt es noch etwas schwer ukrainisch zu sprechen. Aber es gab jetzt einige Tage, wo ich angefangen habe, meinen Freunden Nachrichten auf Ukrainisch zu schreiben. Ich will in dieser Situation so sehr mein Land unterstützen und zeigen: wenn das alles wegen der Sprache angefangen hat, dann nehmt doch einfach euer Russisch. Keiner hat mich jemals beeinträchtigt. Ich habe mein Leben lang ganz normal russisch gesprochen. Keiner hat mich jemals beleidigt. Ich muss nicht gerettet werden.”

Nach drei schlaflosen Nächten kommen sie endlich an.

Anastasja

“Hallo Liebster, Wir sind angekommen!”

Die Lage in der Ukraine wird immer dramatischer. Charkiw – Millionenmetropole im Osten des Landes. Russische Bomben zerstören Teile der Stadt -

- und verwüsten so ganze Wohnviertel. Kriegsverbrechen gegen die ukrainische Bevölkerung, mit denen sich mittlerweile auch der Internationale Gerichtshof in Den Haag beschäftigt.

Elena versteckt sich seit zwei Wochen gemeinsam mit ihren Nachbarn im Keller ihres Hauses.

Elena

„Wir sind eben aufgestanden. Eine weitere Nacht im Bunker liegt hinter uns. Schwer zu sagen, was in der Nacht passiert ist.“

In einer Feuerpause schafft Elena es kurz uns anzurufen.

Elena

„Die vielen Grad-Raketen verwandeln unsere wunderschöne Stadt in Ruinen. Als ich den zerstörten Platz der Freiheit sah, nachdem dort eine Rakete eingeschlagen hat, war ich unendlich traurig, weil dieser Platz unsere Freiheit symbolisiert.“

Vor vier Wochen haben wir die Ukrainerin bei einem Waffentraining kennengelernt. So wollte sie sich auf einen möglichen Krieg vorbereiten. Nur 11 Tage später fallen Bomben auf ihre Heimat Charkiw.

Elena

„Wir sind durch heftige Explosionen aus dem Schlaf gerissen worden. Ich bin hochgeschreckt und wusste gar nicht, was ich tun sollte, wohin laufen, was einpacken. Das war grauenvoll, ich zitterte am ganzen Leib den ganzen Tag. Es war blanker Horror, den ich mir nicht mal im Albtraum vorstellen konnte. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schrecklich es war.“

Zu wissen, was in seinem Heimatland passiert, ist für Denys kaum zu ertragen. Seit einem Jahr macht der Ukrainer eine Ausbildung in der Gastronomie im brandenburgischen Lübbenau. Darauf kann er sich gerade kaum konzentrieren.

Denys

„Jeden Tag sage ich meiner Mutter, es gibt eine Möglichkeit zu mir zu fahren, dann wird es ruhiger für mich und für sie. Aber sie will meinen Vater nicht alleine lassen.“

Für Denys bedeutet das: jeden Tag Angst haben, um seine Mutter, seinen Bruder und den Vater.

„Hallo! Bist du schon von der Arbeit zurück?“

„Ja. Eben gab es Luftalarm.“

„Ich rufe dich später an.“

Denys

„Ist manchmal schwierig, zu sprechen. Sie ist dort und ich bin hier.“

Seine Familie wohnt in Iwano-Frankiwsk. Der Flughafen wurde als einer der ersten von Russland mit Raketen beschossen. Seitdem lebt seine Familie in ständiger Angst. Haben seine Mutter und sein kleiner Bruder Nasja ein sicheres Versteckt? Denys versucht sie noch einmal zu erreichen.

Mama

“Nasja legt sich sonst immer auf den Fußboden hinter dem Bett im Schlafzimmer – aber im Flur gibt es ja zwei Wände, also verstecken wir uns jetzt im Flur.”

Nasja ist acht Jahre alt. Stolz zeigt er Denys eine Zeichnung. Er hat ein Maschinengewehr gemalt, das er morgen mit seinem Vater aus Holz bauen will.

Denys

“Wenn du groß bist, ziehst du für zwei Jahre zum Armeedienst. Ich werde mit dir gehen. Wir bleiben zusammen.”

Nasja

“Aber jetzt bist du nicht hingegangen, also gehe ich auch nicht hin.”

Denys

“Hätte ich gewusst, was passieren würde, wäre ich hingegangen.”

Hier in Irpin, rund 30 Kilometer vor Kyjiw, verläuft seit Tagen die Frontlinie.

Eine Gruppe Journalisten und Einheimische geraten unter Artillerie-Beschuss.

60 Kilometer vor Kyjiw wurde die Stadt Borodyanka schwer bombardiert. Nach den Angriffen wird das ganze Ausmaß der Zerstörung sichtbar.

Aus einem Schützengraben - am Rande von Kyjiw - meldet sich der 29-Jährige Yurii Petrushevsky bei uns.

Yurii

„Bis zum 24. Februar 2022 war ich ein Journalist bei einem ukrainischen Fernsehsender. Heute bin ich kein Journalist mehr. Ich habe die Entscheidung getroffen, ein Gewehr in die Hand zu nehmen (…) und mein Land vor den russischen Besatzern zu schützen.“

Yurii ist unser Kollege. Erst vor drei Wochen hat er für Kontraste in Charkiw gedreht, dort den Bürgermeister interviewt. Jetzt schickt er uns Videos von sich und seinen Kameraden aus ihrer Stellung im Wald. Darunter auch Artem.

„Servus, ich bin Artem, ich komme eigentlich aus Kyjiw. Ich habe aber seit sieben Jahren in München gewohnt. In der Zeit habe ich mich gefragt, wie weit muss es gehen, bevor ich nachhause gehe und dann war meine Antwort eigentlich: wenn meine eigene Stadt in Gefahr ist, dann gehe ich heim. Und jetzt bin ich wieder zwei Tage in Kyjiw und wir planen zu kämpfen und zu gewinnen. Ruhm der Ukraine!“

Keiner hier ist ausgebildeter Soldat. Sie alle griffen zu den Waffen, um ihre Heimat zu verteidigen. Dazu hatte sie ihr Präsident aufgerufen.

Wolodymyr Selenskyj

„Ukrainer in allen Städten des Landes, wo der Feind eingefallen ist. Ihr müsst in die Offensive gehen. Es ist notwendig, dass ihr die Chance nutzt zu kämpfen, wenn es möglich ist. Es ist notwendig das Böse aus unseren Städten zu vertreiben.“

Früher wurde der ukrainische Präsident Selenskyj wegen seiner Vergangenheit als Schauspieler belächelt. Jetzt ist er für viele zur Identifikationsfigur geworden, auch wegen solcher Videobotschaften.

Wolodymyr Selenskyj

„Wir sind alle hier. Unser Militär ist hier. Unsere Bürger sind hier. Wir sind alle hier. Verteidigen unsere Unabhängigkeit und unser Land und so wird es auch bleiben.”

Täglich hält Selenskyj über Social Media Kontakt mit seinem Volk. Und der Welt.

„Slava Ukraini“

Yurii

„Ich lege das Gewehr nur dann nieder, wenn der Präsident sagt, dass wir das Gewehr hinlegen sollen und nach Hause gehen können und wir gewonnen haben.“

Auch hier im besetzten Kherson leistet die Bevölkerung noch Widerstand. Unbewaffnet. Die Offensive der russischen Armee gerät ins Stocken – auch weil die Ukrainer bereit sind sich bis zuletzt zu wehren.

„Geht nachhause! Wir sind unbewaffnet.“

Auch Schüsse können die Menschen hier nicht auseinandertreiben.

Schüsse

Ein Mann legt sich sogar auf die Straße, um die Militärfahrzeuge aufzuhalten.

Diese Frau wird für ihren Mut in den sozialen Medien gefeiert.

Frau

„Ihr seid Besetzer, Faschisten. Was zum Teufel tut ihr in unserem Land mit all den Waffen? Nehmt Sonnenblumensamen und steckt sie in eure Taschen, damit zumindest Sonnenblumen wachsen, wenn ihr hier alle sterben werdet.“

Er muss an der diplomatischen Front in Deutschland kämpfen. Doch die Ereignisse in der Ukraine betreffen ihn auch persönlich. Botschafter Andrij Melnyk und seine Frau bangen um das Schicksal ihrer Familie. Ständig erreichen sie neue Nachrichten.

Svitlana Melnyk

Das ist die Tochter von meinem Bruder. Nichte. Nichte. Sie ist fünf Jahre alt, und die letzten fünf Tage war sie im Keller.

Melnyk

“Dann hat sie ein Video dir geschickt. Sie hat ein Video geschickt. Am nächsten Tag war das nicht möglich. Sie stand auf dem Balkon und hat mit sich selbst gesprochen und, und der Bruder hat sie gefilmt. Und dann musste ich weinen, weil sie hat über den Krieg so gesprochen, als ob das ein Erwachsener war.”

Es sind Tage, die nicht enden wollen für Botschafter Melnyk. Oft schläft er nur zwei bis drei Stunden. So auch die Nacht davor als russische Truppen das Gelände des Kernkraftwerkes Saporischschja beschießen.

Melnyk

„Das war um 1 Uhr 39. Das kann ich ganz genau sagen, weil da hat mich mein Außenminister persönlich angerufen und ich habe noch gearbeitet, aber wollte schon mich zur Ruhe setzen. Und da hat mir gesagt er bitte alle zu wecken in Berlin. Also wir müssen Alarm schlagen, denn die Gefahr, dass eine Explosion geschieht, eine sehr hohe ist da muss man etwas unternehmen. Bitte.

Andrij Melnyk kämpft in Berlin an vielen Fronten. Hier besucht er Freiwillige, die Medikamente sammeln, Geflüchtete versorgen, russische FakeNews aufklären. Der Mann, der in letzten Wochen sehr viel gefordert hat – heue ist er da, zum Trösten.

Gestern erreichen die Angriffe auf die Ukraine eine neue Eskalationsstufe. Eine Kinder- und Geburtsklinik in der umkämpften Hafenstadt Mariupol wird bei einem Luftangriff zerstört. Bei dem mutmaßlich russischen Angriff werden mehrere Personen verletzt. Auch Frauen in Wehen. Drei Menschen sterben, darunter ein Kind. Drei von über 500 Zivilisten, die bisher in diesem Krieg gestorben sind.

Beitrag von Sascha Adamek, Pune Djalilevand, Daniel Donath und Susett Kleine

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