Impfstoff gegen Corona. Foto: ROBIN UTRECHT
ROBIN UTRECHT
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Corona-Impfungen auf dem Vormarsch - Wie wirksam und sicher sind sie wirklich?

Gerade sind die Corona-Impfungen in England gestartet, ab Januar soll es damit auch in Deutschland losgehen. Doch die Unsicherheit und Skepsis in der Bevölkerung ist nach wie vor groß - nur jeder zweite Bundesbürger will sich bisher impfen lassen. Befeuert wird das Unbehagen auch von Impfgegnern, die seit einiger Zeit mit Verschwörungsmythen gegen die Corona-Impfung mobil machen – etwa, dass die Impfung unser Erbgut verändern könnte. Völliger Unsinn, sagen durch die Bank alle seriösen Wissenschaftler. Und auch sonst sind die Ergebnisse der Impf-Studien bislang vielversprechend. Doch es mangelt noch an einer wirklich offenen und transparenten Informationspolitik.

Anmoderation: Das ist - ich sach es mal gerade heraus: Unsinn. Aber es gibt ja nicht nur die, die rundheraus gegen Impfungen sind - sondern auch die, die sich Sorgen machen. Und das sind viele. Mehr als die Häfte der Deutschen gibt an unsicher zu sein, ob sie sich impfen lassen sollen. Und es stimmt ja: Die Corona-Impfstoffe wurden in Rekordgeschwindigkeit entwickelt. Was normalerweise Jahre braucht, wurde in Monaten geschafft. Da regt sich natürlich die Sorge, dass in dieser Eile vielleicht Fehler passiert sind. Silwio Duwe, Markus Pohl und Ursel Sieber klären für sie die drängendsten Fragen.

Ein kleiner Stich, verbunden mit großen Hoffnungen. Die 90-jährige Britin Margaret Keenan war die erste bei den jetzt beginnenden Massenimpfungen gegen das Corona-Virus. 

In Deutschland soll es Anfang Januar losgehen. Der Impfstoff ist hier noch gar nicht zugelassen, doch überall werden schon die Impfzentren aufgebaut.

Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister

„Wir bereiten uns darauf vor, mehrere zehn Millionen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland innerhalb kürzester Zeit mit einem Impfstoff zu versorgen.“

Während die Politik aufs Tempo drückt, gibt es in der Bevölkerung noch viele Fragen – und Sorgen. Manche unnötig, manche berechtigt.

Wie wirksam ist die Impfung?

Die Probeanwendungen der neuartigen, genbasierten Impfstoffe an zehntausenden Freiwilligen waren äußerst vielversprechend: Beim Hersteller Moderna traten unter den Geimpften nur 11 Covid-Erkrankungen auf. In der gleich großen Kontrollgruppe, die ein wirkungsloses Placebo bekommen hatte, 185. Eine Wirksamkeit von 94 Prozent. Ähnlich das Bild bei den Herstellern Biontech und Pfizer: Nur acht Covid-Erkrankte unter den Geimpften, aber 162 in der Kontrollgruppe. Eine Wirksamkeit von 95 Prozent.

Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, aber dämpft die Euphorie. Denn bislang kennt die Öffentlichkeit nur Mitteilungen der Hersteller, aber nicht die Rohdaten und Details der Studien. 

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

„Die konkrete Sorge ist, dass der Anteil der Älteren, die am meisten von der Impfung profitieren werden am Anfang, dass diese Proportion gar nicht bekannt ist. Wir wissen nicht genau, wieviel ältere Patienten mit Begleiterkrankungen waren in diesen Studien inkludiert.“

Zwar geben die Biontech-Vorstände an, mehr als 40 Prozent der Teilnehmer seien älter als 55 Jahre gewesen. Unklar ist aber bislang, wie viele zur besonders gefährdeten Gruppe der über 70- und über 80-Jährigen gehörten. Also ob die guten Zahlen möglicherweise nur für Jüngere mit potenziell leichteren Covid-Erkrankungen gelten.

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

„Wir werden nicht sicher sein können, ob wir bei älteren Leuten schwere Verläufe verhindern können und auch vor allen Dingen Krankenhausaufenthalt und Beatmung.“

Allerdings: Die Stiko, die Ständige Impfkommission des RKI, hat alle Daten der Biontech-Studie seit kurzem vorliegen.

Kommissionsmitglied Christian Bogdan will der Prüfung nicht vorgreifen, zeigt sich aber zuversichtlich.

Prof. Christian Bogdan, Infektionsimmunologe, Mitglied Ständige Impfkommission RKI 

„Im Moment ist der Eindruck dessen, was uns vorliegt, dass auch hier im höheren Alter, auch im hohen Alter die Wirksamkeit erwartet werden kann. Wenn die etwas geringer ist als bei einem jungen Menschen, ist das letztlich jetzt kein Problem.“

Kontraste

„Sollen sich auch junge Menschen impfen lassen?“

Prof. Christian Bogdan, Infektionsimmunologe, Mitglied Ständige Impfkommission RKI 

„Grundsätzlich ja, auch bei Jüngeren können schwere Covid-Verläufe und Langzeitfolgen auftreten. Allerdings haben viele zwar um sich selbst keine Angst, wollen aber andere schützen. Ob jedoch die Impfung auch eine Weitergabe des Virus verhindert, ist bislang unklar.“

Prof. Christian Bogdan, Infektionsimmunologe, Mitglied Ständige Impfkommission RKI

„Es geht ja jetzt in erster Instanz da drum, die, die am meisten gefährdet sind, zu schützen. Und das heißt Selbstschutz. Was im Moment nicht probat wäre zu sagen: Wir impfen jetzt nicht die Gefährdeten, sondern wir impfen quasi die Umgebung. Und dazu gehören dann die jungen Menschen. Und das würde ja natürlich voraussetzen, dass ich genau weiß, dass die Virus-Weitergabe verhindert wäre. Das ist das, was wir im Moment nicht wissen.“

Angesichts der Knappheit des Impfstoffs stellt sich die Frage nach einer Impfung Jüngerer derzeit ohnehin nicht. Sie werden wohl nicht vor Sommer an der Reihe sein. Bis dahin wird es weitere Erkenntnisse geben.“

Kontraste

„Verändert die Impfung wirklich unser Erbgut?“

Prof. Christian Bogdan, Infektionsimmunologe, Mitglied Ständige Impfkommission RKI

„Beide Impfstoffe, die kurz vor der Zulassung stehen, setzen auf Gentechnik. Die gute Nachricht: Einen Einfluss auf unser Erbgut halten Experten für ausgeschlossen.“

Prof. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft

„Zur Frage, inwieweit das Genom dadurch tangiert wird, kann man ganz klar sagen, dass durch diese Impfstoffe keine Veränderungen des Genoms auftreten.“

Prof. Timo Ulrichs, Epidemiologe, Akkon Hochschule Berlin

„Der Vorwurf, da würde irgendetwas im Erbgut eingegriffen oder verändert werden, das entbehrt wirklich jeder Grundlage, das Erbgut ist in keiner Weise irgendwo berührt.

Bei beiden neuen Impfstoffen wird sogenannte m-RNA gespritzt. Diese enthält einen Bauplan für ein spezielles Eiweiß des Corona-Virus. Unsere Zellen beginnen dann gemäß Bauplan das Virus-Eiweiß herzustellen. Unser Immunsystem aber erkennt das als fremd und produziert Abwehrkörper, die dann auch vor dem echten Virus schützen. Die gespritzte mRNA zerfällt nach kurzer Zeit.

Prof. Timo Ulrichs, Epidemiologe, Akkon Hochschule Berlin 

„Wenn dann nach dem Bauplan entsprechend produziert worden ist, nämlich Virus-Proteine, dann wird der Bauplan zur Seite getan und dann macht die Zelle wieder das, was sie sonst auch macht. Das ist also schon ein ziemlich tolles neues Verfahren.“

Kontraste

„Drohen Nebenwirkungen und Spätfolgen?“

Prof. Timo Ulrichs, Epidemiologe, Akkon Hochschule Berlin

„Aus den Impfstoff-Studien sind keine gravierenden Nebenwirkungen bekannt. Unangenehme, aber harmlose Impfreaktionen werden jedoch recht häufig auftreten.“

So berichteten in der Biontech-Studie 80 Prozent der Probanden über Schmerzen an der Einstichstelle, 60 Prozent über Müdigkeit und die Hälfte über Kopfschmerzen.

In Großbritannien hat die Arzneimittelaufsicht eine Warnung für schwere Allergiker erlassen, nachdem zwei Impflinge allergische Schocks erlitten hatten. Grundsätzlich gilt: Ob möglicherweise noch sehr seltene Nebenwirkungen oder Spätfolgen auftreten, kann man heute nicht absehen.

Prof. Christian Bogdan, Infektionsimmunologe, Mitglied Ständige Impfkommisssion RKI

„Wir gehen nicht davon aus, aber das kann man ja mit hundertprozentiger Sicherheit natürlich nie ausschließen.“

Umso wichtiger ist die gründliche Nachverfolgung der Geimpften, um unerwünschte Wirkungen zu entdecken. In einem Brandbrief an die Bundesregierung drängen derzeit mehrere epidemiologische Fachgesellschaften, die Daten bei der Impfung besser zu erfassen. 

Denn in den Impfzentren ist das Einlesen der Versichertenkarten derzeit nicht vorgesehen. Das wäre aber nötig, um die Impf-Daten mit Daten über Klinikeinweisungen schnell abgleichen zu können, sagt die Epidemiologin Ulrike Haug.

Prof. Ulrike Haug, Epidemiologin, Leibniz-Institut für Präventionsforschung

„Man kann dann innerhalb relativ kurzer Zeit vergleichen: Wie häufig kam es bei Geimpften jetzt zu meinetwegen Herzinfarkt. Und wie häufig kam es bei einer vergleichbaren Gruppe von nicht Geimpften zu einem Herzinfarkt? Das kann dann dazu beitragen, diese Verdachtsmomente, dass man denen möglichst schnell nachgehen kann.“

Der Bundesgesundheitsminister aber lehnt die Datenerhebung mittels Chipkarte bislang ab. Eine vertane Chance, Transparenz und Vertrauen in die Impfung zu stärken.

 

Beitrag von Silvio Duwe, Markus Pohl und Ursel Sieber

 

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