Nur wenige Passanten sind während der so genannten blauen Stunde in der Mecklenburgstraße mit einigen wenigen Verkaufsbuden unterwegs. Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild
dpa-Zentralbild
Bild: dpa-Zentralbild

Eine Vorweihnachtsreportage - Glühwein, Shoppen, Feiern trotz Corona

Während unsere europäischen Nachbarn hart durchgreifen, ringt die deutsche Politik noch um den richtigen Kurs. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt,“ meint der Lüneburger Bürgermeister und wirbt mit seinem exklusiven Weihnachtsmarkt, ganz im Sinne der lokalen Gewerbetreibenden. Andere Städte verwirren ihre Bürger mit einem Regulierungsdurcheinander. Und die Infektionszahlen bleiben unverändert hoch, die Todeszahlen steigen. Eine Reportage zwischen Dauer-Halbschlaf, Wohlfühl-Adventszeit und Superspreader-Weihnachten.

Anmoderation: Naja: Bisschen spät. Besser wäre es gewesen, wenn sie sich früher durchgesetzt hätte - gegen die Länderchefs, die immer wieder vor härteren Maßnahmen zurückschreckten. Heute ist er dann da: der Tag an dem wir die Zahl von 20.000 Toten überschritten haben. Und am dem das droht, was alle verhindern wollten: Harter Lockdown in der heiligen Nacht. Genau das, was wir gerade nicht gebrauchen können - am Ende dieses Jahres. Und die Sehnsucht nach ein bisschen "Weihnachten wie früher" ist groß. Cosima Gill, Chris Humbs und Marcus Weller 

Radio

In Deutschland hat die Zahl der Corona-Infektionen einen neuen Höchstwert erreicht. Knapp 24.000 neue Fälle sind innerhalb der letzten 24 Stunden dazugekommen. Die Zahl der Todesfälle in Deutschland hat die Marke von 20.000 überstiegen.

Weihnachten muss abgesagt werden. Kein Rummel an Ständen, keine Familienfeiern zuhause. Harter Lockdown, das ist die Empfehlung, die die nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina gegeben hat. Jetzt zieht sogar die evangelische Kirche den historischen Schritt in Betracht, das Fest der Nächstenliebe quasi ausfallen zu lassen.  

Heinrich Bedford-Strohm – Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland

„Für uns als Kirchen ist das, was die Wissenschaft über die Risiken für Leib und Leben von Menschen sagt, von zentraler Bedeutung. Wenn die Nächstenliebe, die sich darin ausdrückt, wenn die an oberster Stelle steht und Teil unserer Botschaft ist, dann schließt die Weihnachtsbotschaft ein, dass wir uns an die Regeln halten, die verhindern, dass Menschen sterben.“ 

In Lüneburg zeigt sich am zweiten Advent beispielhaft wie es soweit kommen konnte. Hier hat der Bürgermeister den einzigen echten Weihnachtsmarkt der Republik zugelassen. Es ist der Versuch, trotz aller Warnungen Weihnachten irgendwie stattfinden und Menschen zusammenkommen zu lassen.

Überall Maskenpflicht, nur in eingezäunten Bereichen ist Essen und Trinken erlaubt.  Kaum verwunderlich: In den Corona-Gehegen wird es schnell zu eng. Obwohl so die Ansteckungsgefahr steigt, kennen die Security-Mitarbeiter keine Gnade. Auch Familie Malsch wird hinter den Zaun geschickt. Wer sich weigert, dem drohen 150 Euro Strafe.

Maike Malsch

„Da vorne steht niemand, da haben wir ganz viel Platz. Aber hier standen gerade diverse Leute und da hat keiner auf Abstand geachtet. Welchen Sinn macht das?“

Tobias Malsch

„Ich bin auch nicht wirklich begeistert davon.“

Maike Malsch 

„Ich werde hier nichts mehr essen, weil ich mich hier nicht wohl fühle.“

Trotz des Ärgers mit den Regeln, Familie Malsch freut sich über ein bisschen Weihnachtsstimmung. In Lüneburg zeigt sich: Was die Politik erlaubt, wird auch angenommen. Die Möglichkeit, einmal raus und unter Leute zu kommen, wollen die Lehrerin und der Architekt nutzen. Also auf zum Glühweinstand. 

Standverkäuferin 

„Wir haben die Chance direkt genutzt, als wir gehört haben, wir dürfen doch. Unter der Woche haben wir einen kleinen Stand und am Wochenende machen wir es ein bisschen größer.

Maike Malsch 

„Darf ich ihn hier überhaupt trinken.“

Standverkäuferin

„Ja, auf der anderen Straßenseite. Da dürfen sie ihn trinken“

Eigentlich müsste man zum Trinken jetzt wieder hinter den Zaun. Aber weil sich hier in der Seitenstraße niemand von der Security blicken lässt – bleibt man stehen, wo man ist. Zum Abend hin steigt die Stimmung. 

Paar

„Guten Abend, ich möchte nur ungern stören. Setzen sie bitte ihre Maske auf oder gehen sie da rüber, wenn sie noch turteln wollen, in den Verweilbereich, da können sie dann weiter machen.“

Unterdessen in der Verweilfläche: Ein paar Studenten machen eine Pause vom Weihnachtsmarktbummel. Was denken Sie über das Lüneburger Corona-Experiment? 

Studentin

„Meine instinktive Reaktion wäre, das geht jetzt eigentlich nicht. Genau diesen Reiz zu schaffen, dass Menschen von außerhalb von Lüneburg nach Lüneburg kommen, deswegen, geht es halt eigentlich nicht.“

Aber: Es geht eben doch, weil Bund und Länder sich Ende Oktober nur auf einen windelweichen Kompromiss verständigen konnten. 

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

„Es zählt jeder Tag und deshalb hätte ich mir auch gestern noch ein paar mehr Beschlüsse vorstellen können.“

Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen

„Wir wollen Schulen, Kitas und das wirtschaftliche Leben aufrechterhalten.“

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Jetzt an Weihnachten zu sagen, die Leute dürfen sich nicht mehr sehen wäre glaube ich das falsche Signal für das Miteinander der Gesellschaft.“

Eine weihnachtliche Erlebniswelt am Stadtrand von Köln. Christmas-Shoppen für das große Fest. Und doch beinahe sieht es so aus, als würden die Menschen nur darauf warten, dass die Politik endlich durchgreift. 

Marie Brockmann

„Ich würde sagen: Schotten dicht. Ich würde sagen komplett. Einmal vier Wochen. Da reichen keine zwei, vier Wochen. Komplett. Und nach vier Wochen hat man es wieder im Griff. Ich befürchte, dass wenn es so weitergeht, dann ist es der 10. Februar, dann ist der 10. März. Ich glaube, dass das so kein Ende hat.“

Weil sie glauben, dass es mit dem Shoppen bald vorbei sein könnte, machen sie es jetzt erst recht. 

Wie in den meisten Bundesländern dürfen auch hier in Nordrhein-Westfalen bis zu zehn Erwachsene Weihnachten gemeinsam feiern. Plus Kinder. Für Max und Marie ist das lange nicht genug

Max

„Ich feiere nur mit zehn Leuten.“

Die Großeltern müssen dieses Jahr zuhause bleiben. 

Marie

„Weil Oma und Opa können sich halt ganz schnell anstecken.“

Berlin am zweiten Advent: ein Tanz auf dem Vulkan. 

Aida

„Ich bin total in Weihnachtsstimmung. Höre jeden Morgen Weihnachtsmusik und hab mir schon sämtliche Weihnachtsklassiker angeguckt.“

In der Hauptstadt dürfen an Weihnachten nur fünf Menschen gemeinsam feiern. Die ganze Stadt ist ein einziger Hot-Spot. 

Heute aber rücken alle noch einmal dicht zusammen. Nur Polizei und Ordnungsamt sind – wieder einmal - nicht zu sehen. 

Christina Beer

„Ja, das Berliner Abstand halten. Also eigentlich gar nicht. Gar keine einundfünfzig mehr.“

Henry Kahlert

„Die Polizei ist überfordert. Ordnungsamt darf nicht. Will nicht, kann nicht, soll nicht. Wer soll es tun?“

Klassische Weihnachtsmärkte sind in Berlin verboten. Was solls? Nun schenken eben die Kneipen an jeder Ecke Glühwein aus. Weil es den Gastwirten selbst zu voll ist, haben Manche eigene Sicherheitskräfte engagiert. Die einzige Polizei, die während unserer Dreharbeiten hier vorbeikommt, ist diese: Corona-Leugner ohne Maske aber mit Megafon: 

„Achtung, Achtung, hier spricht die Glühweinpolizei.“

Knut

„Aber man muss sich dann trotzdem an die Regeln halten und nicht herumkrakeelen. 

Frau

„Ne, man kann ruhig selber denken. Also an eine Regel, die überhaupt keinen Sinn machen halte ich mich mit Sicherheit nicht.“

Captain Future

„Wir sind vorbildliche Bürger und trinken unseren Glühwein von der Polizei angehalten in Bewegung. Wir sollen ja nicht verweilen und deswegen trinken wir unseren Glühwein vorbildlich in Bewegung. Aber ich muss weiter. Aber ich muss in Bewegung bleiben. Ich trinke nur noch mal ein bisschen. Nur nichts hinterfragen …“

Der Zirkus macht den Wirten Sorgen und nicht nur bei ihnen reift zwei Wochen vor Weihnachten die Erkenntnis, dass es so nicht weiter gehen kann.  

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

„Ich weiß wieviel Liebe dahinter steckt, wenn Glühweinstände aufgebaut werden, wenn Waffelbäckerein aufgebaut werden. Es tut mir wirklich im Herzen leid, aber wenn wir dafür den Preis zahlen, dass wir Todeszahlen am Tag von 590 Menschen haben, dann ist das nicht akzeptabel.“ 

Markus Söder (CSU), Ministerpräsident Bayern

„Sind verschärfende Maßnahmen notwendig? Ja, natürlich.“

Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident Sachsen

„Deswegen ist jetzt der Punkt mit aller Entschlossenheit zu handeln.“

Kommt der Lockdown vor oder nach Weihnachten? Die Gedächtniskirche im Herzen Berlins lädt am zweiten Advent zum öffentlichen Gottesdienst. Der Küster gibt den Türsteher.

Küster

„Um halb sechs ist Einlass. Aber nur wenn sie angemeldet sind. Wir sind schon ausgebucht-

Jetzt vorm Gottesdienst muss gelüftet werden. Weil jetzt hier Publikum drinne war und die Chorprobe. Wir haben von 850 Plätzen nur noch 130. Mehr dürfen wir nicht.“

Manfred Germer, Gemeindepfarrer der Kaiser-Willhelm Gedächtniskirche

„Wir werden natürlich niemanden drängen. Wir werden auch nicht werben für unsere Gottesdienste. Sie sind ein wichtiges Angebot, was Menschen wahrnehmen können. Und gleichzeitig jeder, der im Moment sagt ich versuche, unnötige Kontakte zu vermeiden, tut sicherlich das Richtige.“ 

Die Heiligabend-Gottesdienste aber ganz absagen? Damit tut sich die Kirche schwer. Doch weil sie auf die Wissenschaft hört und deswegen einsieht, dass es besser ist, zieht nun zumindest die evangelische Kirche die Notbremse. Weihnachten ja, aber nicht um jeden Preis: 

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

„Es muss oberstes Gebot sein, Leben zu schützen. Und wenn das auch heißt, dass wir noch mehr Einschränkungen als bisher vorgesehen war, in unserer Art Weihnachten zu feiern, hinnehmen müssen, dann ist das notwendig, um die Weihnachtsbotschaft selbst, die von Liebe und von Hoffnung spricht, nicht zu konterkarieren.“ 

Damit ist die evangelische Kirche da, wo die meisten Menschen im Land ohnehin längst sind. Auf die Frage, ob sie planen, an den Feiertagen Kontakte wegen Corona einzuschränken, sagen 49 Prozent, sie würden sich stark oder sehr stark einschränken, 31 Prozent immerhin noch ein bisschen und nur 18 Prozent der Deutschen wollen Weihnachten feiern wie bisher. 

Bund und Länder werden am Sonntag entscheiden, auf was sich die Deutschen an Weihnachten einzustellen haben – reichlich spät. Denn schon heute ist klar: 

Radio

„Die Forderungen nach strengen Einschränkungen werden jetzt lauter.“

 

Beitrag von Cosima Gill, Chris Humbs und Marcus Weller

weitere Themen der Sendung

Machen oder nicht? Für eine Grippeimpfung bei Kindern gibt es gute Argumente. Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa-tmn
ZB

Verschwörungsmythen der Impfgegner

Seit einiger Zeit verbreiten umstrittene Ärzte und Wissenschaftler Verschwörungsmythen über die neuen Corona-Impfstoffe. Sie würden etwa das Erbgut verändern oder Frauen unfruchtbar machen. Dass das jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt, ist ihnen offenbar egal. Das gleiche Milieu, das trotz Tausender Toter die Gefahren des Corona-Virus herunterspielt, beschwört jetzt die Schrecken kommender Impfungen.

Impfstoff gegen Corona. Foto: ROBIN UTRECHT
ROBIN UTRECHT

Corona-Impfungen auf dem Vormarsch - Wie wirksam und sicher sind sie wirklich?

Gerade sind die Corona-Impfungen in England gestartet, ab Januar soll es damit auch in Deutschland losgehen. Doch die Unsicherheit und Skepsis in der Bevölkerung ist nach wie vor groß - nur jeder zweite Bundesbürger will sich bisher impfen lassen. Befeuert wird das Unbehagen auch von Impfgegnern, die seit einiger Zeit mit Verschwörungsmythen gegen die Corona-Impfung mobil machen – etwa, dass die Impfung unser Erbgut verändern könnte. Völliger Unsinn, sagen durch die Bank alle seriösen Wissenschaftler. Und auch sonst sind die Ergebnisse der Impf-Studien bislang vielversprechend. Doch es mangelt noch an einer wirklich offenen und transparenten Informationspolitik.

In einem Hochhaus in Lichtenberg sind einige Fenster beleuchtet. Foto: Christophe Gateau/dpa
dpa

Der Berliner Mietendeckel - Zwischen Fluch und Segen

In keiner deutschen Großstadt sind die Mieten in den vergangenen Jahren so rasant gestiegen wie in der Hauptstadt. Gegen diese Entwicklung hat der Berliner Senat zu einem drastischen Mittel gegriffen: dem Mietendeckel. Viele Berliner Mieter freuen sich seither über eine deutlich geringere Miete. Doch daneben bleibt für sie eine Unsicherheit: Vielleicht müssen sie die eingesparte Miete im nächsten Jahr zurückzahlen, sollte der rechtlich umstrittene Mietendeckel vom Bundesverfassungsgericht gekippt werden. Und es gibt weitere Nebenwirkungen: seit einiger Zeit ist das Angebot von Mietwohnungen in der Hauptstadt offenbar in Folge des Mietendeckels stark rückläufig.