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Alexa - Alles, was Sie sagen kann gegen Sie verwendet werden

Amazons digitaler Sprachassistent Alexa hört ständig mit und Konversationen mit dem Gerät werden als Audio- und Textdateien unbegrenzt gespeichert. Was datenschutzrechtlich problematisch ist, wird nun noch heikler, denn das Innenministerium möchte, dass Ermittler Alexa künftig für ihre Arbeit nutzen können. Deutsche Nachrichtendienste können schon heute über ihre Partner in den USA auf Alexa-Abhörmaterial zugreifen.

Anmoderation: Sieht erstmal aus wie ein Eishockey-Puck, ist aber um einiges schlauer, dieser kleine Mitbewohner, den uns Amazon gerne ins Haus stellen würde. Ein Sprachassistent, der alles kann: Musik abspielen, Einkaufliste mitschreiben – aber vorallem: Uns belauschen. Alexa – "Hörst du eigentlich immer zu?" "Ich bin keine Spionin und höre nur zu, wenn du das Aktivierungswort sagst" - Also wenn man das Ding beim Namen nennt ... Aber leider ist die liebe Alexa doch neugieriger als sie behauptet. Und für die Geheimdienste längst die perfekte Abhöranlage. Eine, die wir uns netterweise auch noch selbst in die Bude stellen. Fürchterlich. Praktisch. Marcus Weller.

Das ist die Welt, wie sie sich Amazon vorstellt. Moderne Menschen leben mit der Sprach-Assistentin "Alexa", lassen sich von ihr wecken, das Licht anmachen, den Wetterbericht vorlesen – das klappt einfach so, wenn man "Alexa" darum bittet.

Alexa: Alexa Echo Dot ist ein Gerät, das Informationen, Musik und vieles mehr bereitstellen kann …

Prof. Norbert Pohlmann – Institut für Internetsicherheit

"Mein sprachgesteuerter privater Assistent hat quasi ständig seine Mikrofone an und wartet auf das Aktivierungswort, zum Beispiel Alexa."

Fühlt sich "Alexa" angesprochen, zum Beispiel weil man die Schlüsselwörter "Computer", "Amazon" oder eben "Alexa" sagt, schickt es das Gesagte an den Amazon-Server und verarbeitet es dort. Erkennt es einen Befehl, führt es ihn aus und spielt zum Beispiel Musik.

Alles was man mit dem Gerät bespricht wird auf den Amazon-Servern gespeichert. Sowohl die Aufnahme der Stimme, als auch eine verschriftlichte Fassung dessen, was gesagt wurde.

Gerhart Baum. Der ehemalige Bundesinnenminister sieht die Verbreitung von Sprachassistenten mit größter Sorge.

Gerhart Baum - ehem. Bundesinnenminister

"Mit Alexa holen Sie sich den Lauschangriff sozusagen in die Wohnung. Und mit der Weitergabe, auch wenn sie ihr zustimmen, öffnen Sie die Tür für eine Verwendung die sie als Nutzer gar nicht mehr übersehen."

Amazon verspricht - wie alle anderen Anbieter auch - sorgfältig mit den Daten seiner Kunden umzugehen. Besonders wichtig ist dem Konzern, dass die Daten der Kunden vor dem Zugriff des Staates geschützt sind.

Tatsächlich wurde bis jetzt erst ein einziger Fall bekannt, in dem Ermittler Zugriff auf die Sprachdateien eines Amazon-Kunden haben wollten und sie auch bekamen.

Im November 2015 wurde  im Whirlpool eines Mannes in Arkansas eine Leiche aufgefunden. In der Nähe stand ein Amazon Echo Lautsprecher. Um dessen Daten ging es dem Staatsanwalt.

Staatsanwalt

"Er könnte Teile der Tat aufgezeichnet haben…."

Amazon verweigerte damals die Herausgabe der Daten. Erst nachdem der Angeklagte zugestimmt hatte, gab der Konzern die gespeicherten Inhalte frei.

So versteht man in der Amazon-Zentrale in Seattle Datenschutz: Möglichst hohe Hürden für den staatlichen Zugriff. Doch ganz so hoch sind die Hürden dann doch nicht - nicht einmal für Ermittler aus Deutschland.

Nikolaos Gazeas – Experte für internationales Strafrecht

"Die Alexa-Sprach-Aufzeichnungen die auf den Servern von Amazon liegen, sind keineswegs vor einem staatlichen Zugriff geschützt. Soweit sie in den USA liegen können sie nach den dortigen Gesetzen abgefragt und abgerufen und über den Weg der Rechtshilfe etwa in Strafsachen können solche Erkenntnisse auch an deutsche Behörden herausgegeben werden."

KONTRASTE-Recherchen zeigen nun erstmals, dass letztes Jahr auch deutsche Ermittler versucht haben, an Alexa-Sprachaufnahmen zu gelangen.

2018 stand der Betreiber einer Handelsplattform im sogenannten Darknet vor Gericht. In seinem Forum wurden Drogen und Waffen gehandelt. Eine dieser Waffen benutzte der Attentäter David S., um in München neun Menschen zu erschießen. Der Betreiber des Forums, Alexander U., hatte in seinem Wohnzimmer einen Amazon Echo Lautsprecher – die Ermittler erkannten die Chance. Sie beantragten einen Durchsuchungsbefehl für Amazon.

Nikolaos Gazeas – Experte für internationales Strafrecht

Der Fall zeigt vor allem, dass die Strafverfolgungsbehörden Alexa als mögliches Ermittlungsinstrument entdeckt haben. Jeder, der ein solches Gerät zu Hause auf dem Wohnzimmertisch stehen hat, sollte wissen dass er damit potentiell freiwillig Beweismittel gegen sich selbst schafft.

Der Beschluss wurde nicht vollstreckt, die Ermittler hatten bereits genügend Beweise. Der Angeklagte wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Auf Anfrage sagt Amazon: Man werde Kundendaten dann teilen, wenn die Aufforderung dazu rechtsgültig, verbindlich und korrekt zugestellt sei.

Der Griff nach den Sprachdaten von Alexa und Co ist immer ein tiefer Eingriff in die Privatsphäre, denn er kann auch Unbeteiligte betreffen.

Wir machen einen Versuch: nimmt Alexa auch Gespräche auf, die nicht für Amazon bestimmt sind? Das Szenario: Ein Gespräch unter Kolleginnen

Person 1       "Alexa setzte auf die Einkaufsliste Zucker…Kaffeesahne, Hafermilch"

Person 2       "Ich komm gestern in das Zimmer von meinem Sohn, dann sitzt der da                           vorm Screen mit einem Riesenjoint"

Person 1       "Tee, Kaffee …"

Person 2       "vor ihm ein großer Berg an Gras. Vielleicht dealt der oder so. ich mach                           mir voll die Sorgen."

Prof. Norbert Pohlmann - Institut für Internetsicherheit

"Wenn das Aktivierungswort gesagt wird dann wird halt angefangen aufzuzeichnen und man wartet jetzt auf ein natürliches Ende. Aber wenn dieses Ende für die Software nicht erkennbar ist dann wird halt viel mehr aufgenommen."

In unserem Beispiel wurde nicht das ganze Gespräch übertragen, aber entscheidende Teile davon:

Person 2       Riesenjoint

Person 1       Tee …

Person 2       vor ihm ein großer Berg an Gras.

Mal angenommen, gegen die Firma würde ermittelt und deswegen auf die auf die Alexa-Sparach - Daten zugegriffen …

Nikolaos Gazeas – Experte für internationales Strafrecht

"Es kann es in solchen Fällen immer dazu kommen, dass man Zufallsfunde findet, also Hinweise auf Straftaten die überhaupt nichts mit dem konkreten Verfahren zu tun haben das man gerade ermittelt, sondern auf andere Straftaten hinweisen. Solche Zufallsfunde sind verwertbar und führen in aller Regel dazu, dass dann eben noch ein weiteres Strafverfahren eingeleitet wird."

Auch die deutschen Nachrichtendienste haben den Wert der Sprachassistenten erkannt. Und sie haben die Möglichkeit an die Daten zu heran zu kommen,  zumindest wenn es sich um amerikanische Konzerne wie Amazon handelt. Denn in den USA ist es Nachrichtendiensten wie der NSA erlaubt, Daten von Konzernen abzufragen - und die müssen liefern, zumindest wenn es sich um Daten von Ausländer handelt.

Künftig sollen Hersteller wie Amazon verpflichtet werden, den deutschen Nachrichtendiensten automatisierte, technische Zugänge zu ihren Geräten einzurichten. So steht es im Entwurf des Innenministeriums zur Reform des BND und Verfassungsschutz - Gesetzes.

Thorsten Wetzling – Stiftung Neue Verantwortung

"Wenn das Gesetz kommt, das kann heißen dass man das Mikrofon oder die Kamera eines mit dem Internet verbundenen Geräts so manipuliert, dass man die Aufnahmen mitschneidet und das könnte man jetzt auch durch den Bundesnachrichtendienst und den Militärischen Abschirmdienst machen."

Kontraste

"Das wären dann solche Alexa-Teile?"

Thorsten Wetzling – Stiftung Neue Verantwortung

"Das wäre dann genau das, ja."

KONTRASTE hat  die Nachrichtendienste gefragt, ob sie schon heute in der Lage sind, Amazons "Echo" Lautsprecher als Wanze zu nutzen. Der BND will nichts dazu sagen und das Bundesamt für Verfassungsschutz verweist darauf, dass es laut Gesetz das Recht zur Wohnraumüberwachung habe.

Der Bundestags-Abgeordneten Martina Renner verweigert die Bundesregierung die Antwort auf eine gleichlaufende Frage, denn dann wäre diese Fähigkeit öffentlich und damit verloren und

Zitat: kein Ersatz durch andere Instrumente möglich.

Gerhart Baum - ehem. Bundesinnenminister

Wir stehen unter einem ständigen Lauschangriff. Das müssen die Leute sich mal vor Augen führen. Sie tauschen ihre Menschenwürde ein gegen ihre Bequemlichkeit.

Beitrag von Marcus Weller

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