Bild: rbb

Masern-Epidemie - Wie Impfgegner und Impffaule das Leben von Kindern in Gefahr bringen

Insbesondere im bürgerlich-alternativen Milieu gibt es viele Impfgegner, bestärkt in ihrer Ablehnung von medizinisch sinnvollen Impfungen werden sie oftmals durch Anthroposophen und Heilpraktiker. So sind Kinder an Waldorfschulen weitaus weniger geimpft als an anderen Schulen. Die Folge: immer wieder gibt es hier Epidemien, die Kinder, die nicht geimpft werden können in Lebensgefahr bringen können.

Seit acht Jahren lebt Gina Rentschler in einem Alptraum. Damals erkrankte ihre Tochter Angelina an einer chronischen Gehirnentzündung – eine seltene Spätfolge einer Maserninfektion im Säuglingsalter. Seitdem zersetzt sich Angelinas Gehirn unwiederbringlich. Sie kann weder sprechen noch essen, was sie überhaupt noch wahrnimmt, weiß keiner.
Gina Rentschler, Mutter von Angelina
"Vorgestern ist sie mir dunkelblau angelaufen. Sie schafft dann das Erbrochene nicht hoch. Es ist halt traurig, wenn man als Mutter sagt, man wünscht seinem Kind eher Krebs, das ist schon schlimm, weil da kann man wenigstens versuchen, was zu machen. Aber so bei Angelina kann man ja nichts machen, man kann nur Schmerzmittel geben. Und hoffen halt, dass man es halt irgendwie dann übersteht die Zeit. Bis es dann halt irgendwann mal zu Ende geht."
Anfangs schien es Familie Rentschler, als hätte ihre Tochter die Masern gut überstanden. Angelina war ein fröhliches, lebhaftes Kind. Kurz vor ihrer Einschulung zeigten sich dann die ersten Symptome.
Angelina vergaß Dinge, hatte motorische Störungen, fiel immer wieder unvermittelt hin.
"Opp, plups, nix passiert!"
Angelina baute rasant ab. Wenige Wochen später sprach sie ihren letzten Satz.
Dominik Rentschler, Vater von Angelina
"Papa, warum weinst du? Und da hab ich gesagt, weil ich dir nicht helfen kann Angelina. Und diesen Satz hat sie vier-, fünfmal wiederholt. Und das war wirklich der letzte Satz, den sie mit mir gesprochen hat, und danach haben wir beide nur geweint. Ich bin dann auch raus aus dem Zimmer. Und bin dann später rein, da hatte sie dann gedöst und am nächsten Tag hat sie dann nicht mehr gesprochen."
Wo sich Angelina mit Masern ansteckte, ist unklar. Sie war erst sechs Monate alt – zu klein für eine Impfung. Sie wäre auf den sogenannten Herdenschutz angewiesen gewesen, also darauf, dass alle um sie herum geimpft sind, das Virus nicht übertragen können.

Anmoderation: Aber es sind eben nicht alle geimpft, und darum geht es heute bei Kontraste. Wenn man das sieht, kann man eigentlich nicht fassen, dass Eltern IHRE aber eben auch ANDERE Kinder wie Angelina ganz bewusst dieser gefährlichen Krankheit aussetzen. Warnungen von Wissenschaftlern ignorieren, stattdessen auf ihre eigene Mythen-Medizin setzen. Cosima Gill und Markus Pohl über die die dafür sorgen, dass die Masern nicht auszurotten sind.

Wie nachlässig viele mit der Gefahr umgehen, zeigt sich vergangene Woche in Freiburg. Die Masern sind an der Waldorfschule im Stadtteil Rieselfeld ausgebrochen. Zum Unterricht darf laut behördlicher Anordnung nur noch, wer geimpft ist und ein blaues Bändchen vorweisen kann.
Kind
"Bei uns sind nur zwölf in der Klasse, und eigentlich sind wir 21."
Insgesamt fehlen fast 100 Kinder, weil sie nicht geimpft sind – nahezu jeder vierte Schüler!
Wir machen uns auf die Suche. Das Viertel um die Schule ist komplett kinderwagengerecht, die Häuser energiesparend gebaut. Es ist eine Hochburg der Grünen.
Wir finden einen Waldorf-Vater, der seine Kinder ganz bewusst nicht hat impfen lassen. Die beiden müssen heute zuhause lernen. Der Vater, ein Sozialarbeiter, hat dafür wenig Verständnis.
Vater
"Die tun so, als ob da Ebola ausgebrochen ist. Und das ist einfach … Leute, kommt mal runter, lediglich Masern! Ich bin ziemlich angstfrei. Ich habe selber auch Masern gehabt, und ich kann mich da gut dran erinnern, das war einfach schwierig, und es war auch, es hat auch was Schönes! Ich meine, es ist auch eine Erfahrung!"
Dass jede tausendste Masern-Erfahrung tödlich verläuft, wird gerade im alternativen Wohlfühl-Milieu gern verdrängt. Auch Frau G., selbst Pädagogin, unterrichtet ihre 13-jährige Tochter heute zuhause. Auch die ist, natürlich, nicht geimpft.
Frau G.
"Manche Impfungen erachte ich nicht als so notwendig. Also da finde ich es eigentlich gut, wenn sie die Krankheiten durchmachen. Zum Beispiel hatten meine Kinder auch die Röteln. Und ich denke, dass auch viel Angst gemacht wird mit dem Thema Impfen."
Dass gerade an ihrer Waldorfschule so viele Impfverweigerer sind, überrascht die vierfache Mutter nicht.
Frau G.
"Ich glaube, da sind schon eher auch so kritischere Leute, die vielleicht da genauer hingucken oder sich nicht so von der Schulmedizin oder der Pharmaindustrie vorschreiben lassen wollen, was jetzt richtig ist oder falsch."
Dieser Glauben, es besser zu wissen als die Wissenschaft, macht Virologen wie Professor Klaus Überla große Sorgen. Denn um die Masern endlich auszurotten, müssten 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.
Prof. Klaus Überla, Virologe, Universitätsklinikum Erlangen
"Wir sehen immer wieder in der Umgebung von Waldorfschulen letztlich Masernausbrüche. Das ist dann ein kleiner Prozentsatz in der Bevölkerung. Aber aufgrund der hohen Ansteckungsfähigkeit der Masern brauche ich eben auch extrem hohe Durchimpfungsraten, und das ist dann eben in dem Fall letztlich schwer zu erreichen."
Bei fast allen Masernwellen in den vergangenen Jahren spielten Waldorfschulen eine Rolle. Deutschlandweit sind sie Brutstätten des Virus.
Es ist ein Erbe des Begründers der anthroposophischen Waldorfpädagogik. Rudolf Steiner, der auch an Naturgeister glaubte, sah Masern als Chance, das eigene Karma zu verbessern.
Bis heute schüren anthroposophische Ärzte auf Veranstaltungen Zweifel an den offiziellen Impfempfehlungen. Zwar lehnen sie Impfungen nicht generell ab. Immer wieder verweisen sie aber auf angeblich segensreiche Seiten der Masern.
In einem Merkblatt der Gesellschaft anthroposophischer Ärzte heißt es unter der Überschrift "Welchen Sinn kann es haben, dass ein Kind Masern bekommt?":
"Aufmerksame Eltern erleben gerade bei den Masern oft eine tiefgreifende Reifung ihres Kindes."
Einer der Autoren des Papiers ist der Kinderarzt René Madeleyne. Er schreibt dem Masernfieber wahre Heilkräfte zu.
René Madeleyn, anthroposophischer Kinderarzt, Filderklinik Filderstadt
"Ich habe es einmal erlebt, dass ein Kind eine Sprachentwicklungsverzögerung hatte und plötzlich ganz viele Schritte im Sprechen gemacht hat, die es vorher nicht in diesem Tempo gemacht hat oder motorische Entwicklungsschritte gemacht hat, sich besser behaupten konnte, aus einem schüchternen Kind ein selbstbewussteres Kind geworden war. Das sind so typische Schritte, die wir beobachten können."
Kontraste
"Diese Erzählungen vom Segen einer durchstandenen Masern-Erkankung …?"
OT Prof. Klaus Überla, Virologe, Universitätsklinikum Erlangen
"Das ist 'ne wilde Spekulation, für die es weder konkrete harte Belege gibt, noch erscheint es mir in irgendeiner Weise plausibel."
Doch die Anthroposophen werden weiter hofiert - vor allem von den Grünen im Ländle. Zwar spricht sich die Partei offiziell für Masernimpfungen aus. Eine Impf-Pflicht aber lehnt man kategorisch ab.
Und Ministerpräsident Winfried Kretschmann beehrte erst im Februar das Stuttgarter Rudolf-Steiner-Haus mit seinem Besuch.
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident Baden-Württemberg
"Rudolf Steiners Lebenswerk verdanken wir Impulse in fast allen Lebensbereichen."
An der schwäbischen Grünen-Basis hört man das gern. Andreas Roll sitzt für die Partei im Ludwigsburger Kreistag. Er nennt sich ganzheitlicher Gesundheitsberater und verbreitet esoterische Weisheiten über die Masern.
Andreas Roll, Bündnis 90/Die Grünen, Kreisrat Ludwigsburg
"Ich glaube ein Kind, das die Masern bekommt zu einem bestimmten Zeitpunkt, also im Kindesalter, braucht sie vermutlich auch."
Zur Erinnerung: Es geht um eine schwere Infektionskrankheit, die selbst bei gutem Verlauf hohes Fieber und wochenlange Beschwerden verursacht.
In einem im Selbstverlag publizierten Heft schürt Roll Angst vor angeblichen Impfschäden. Den Nutzen von Impfungen leugnet er.
Andreas Roll, Bündnis 90/Die Grünen, Kreisrat Ludwigsburg
"Also ich persönlich glaube nicht an die Wirkung der Masern-Impfung. Da gibt´s für Wales und England gibt´s da eine schöne Grafik dazu. Also für ein ganzes Land hat man das eruiert, und da sieht man sehr schön, dass die Todesfälle also auf annähernd auf Null gesunken sind und dann erst wurde die Impfung eingeführt."
Das ist Unfug. Tatsächlich hatte sich die Anzahl der Maserntoten dort seit Mitte der 50er Jahre auf etwa 100 im Jahr eingependelt. Erst mit Einführung der Impfung 1968 sank die Zahl der Todesfälle langsam gegen Null. In Deutschland gab es eine vergleichbare Entwicklung.
Alternative Fakten aus dem alternativen Milieu – Cornelia Betsch stellt das immer wieder fest. Die Professorin erforscht Strategien, solchen Impfverweigerern zu begegnen.
Prof. Cornelia Betsch, Psychologin, Universität Erfurt
"Das ist schwierig anzugehen. Aber es gibt Möglichkeiten zum Beispiel an das Wertesystem anzuknüpfen. Es gibt Kampagnen zum Beispiel in Australien oder Neuseeland, wo man aus so einer alternativeren Community Leute rekrutiert hat, die eben fürs Impfen waren. Wo man dann Plakate gemacht hat, wo draufstand: Ich benutze Stoffwindeln oder ich stille und impfe trotzdem. Wo man dann über diesen Weg versucht hat, den Weg zu den Eltern zu finden."
Überzeugte Impfgegner zu bekehren aber ist schwer. Betsch fordert deshalb, sich verstärkt um all die anderen Ungeimpften zu kümmern, die aus Unwissen oder Bequemlichkeit nicht impfen lassen.
Prof. Cornelia Betsch, Psychologin, Universität Erfurt
"Es gibt kein zentrales Impfregister, das mich regelmäßig zum Impfen einlädt. Impfen findet nicht in Schulen oder Kindergärten statt, sondern ich muss selbst einen Termin machen, muss selber wissen, wann es fällig ist. Und das heißt, das wäre eine Möglichkeit, hier einzugreifen und Impfen einfacher zu machen und diese praktischen Barrieren abzubauen."
Es könnte dazu beitragen, dass nicht noch mehr Kinder Opfer einer Krankheit werden, die längst überwunden sein könnte.

Abmoderation: Die Debatte um die Impfpflicht schwelt ja schon länger und da hat Brandenburg heute als erstes Bundesland beschlossen, dass nur noch Kinder, die gegen Masern geimpft sind die Kita besuchen dürfen.

Beitrag von Cosima Gill und Markus Pohl

weitere Themen der Sendung

Öko-Aussteiger aus der "Anastasia"-Bewegung, Bild: rbb
rbb

Siedler-Bewegung Anastasia - Grüner Garten, brauner Boden

Die Siedler der "Anastasia"-Bewegung sehen aus wie Öko-Aussteiger, doch bei so manchem verbirgt sich hinter der grünen Fassade eine völkische, braune Ideologie. In Deutschland hat die Bewegung ca. 800 Anhänger, die sich in ländlichen Regionen ausbreiten. Die Anführer pflegen Kontakte zu Reichsbürgern, Holocaust-Leugnern und Anhängern der Identitären Bewegung.

Bild: rbb

Alexa - Alles, was Sie sagen kann gegen Sie verwendet werden

Amazons digitaler Sprachassistent Alexa hört ständig mit und Konversationen mit dem Gerät werden als Audio- und Textdateien unbegrenzt gespeichert. Was datenschutzrechtlich problematisch ist, wird nun noch heikler, denn das Innenministerium möchte, dass Ermittler Alexa künftig für ihre Arbeit nutzen können. Deutsche Nachrichtendienste können schon heute über ihre Partner in den USA auf Alexa-Abhörmaterial zugreifen.