Lunapharm-Krebsmittelskandal - Das Netzwerk des illegalen Medikamentenhandels

Ein internes Dokument der europäischen Arzneimittelaufsicht belegt: Der Medikamentenhändler Lunapharm steht offenbar im Zentrum eines internationalen, kriminellen Netzwerks. Trotz des Skandals schließen nach KONTRASTE-Recherchen Krankenkassen neue Verträge mit einem Lunapharm-Partner ab. Einzelne Krankenkassen und Apothekerverbände fordern daher jetzt, den Importhandel mit sensiblen Arzneien ganz zu unterbinden. Dagegen läuft die Lobby der Importeure, die um ihr Geschäft fürchtet, Sturm. Sie umgarnt die Politik – vor allem die CDU.

Anmoderation:
Seit Kontraste den bundesweiten Lunapharm-Skandal um gestohlene und möglicherweise wirkungslose Krebsmedikamente aus Griechenland aufdeckte, ist viel passiert. Das Versagen der Brandenburger Aufsichtsbehörden kostete ddie Gesundheitsministerin das Amt. Und jetzt? Es gibt Forderungen, den Import von sensiblen Arzneimitteln abzuschaffen. Denn weiterhin sind Krebspatienten durch unkontrollierbaren Import von Arzneimitteln gefährdet.  Sascha Adamek und Caroline Walter.

Apotheker Johannes Loh musste viel aushalten in den letzten Wochen. Er ist direkt vom Lunapharm-Skandal betroffen. Von dem Händler hatte er mehrmals ein Medikament bezogen und an eine Krebsklinik geliefert – in gutem Glauben.

Johannes Loh, Apotheker

"Das Belastende für mich ist natürlich auch dass ich Arzneimittel abgegeben habe die illegal waren, das hat mich sehr beunruhigt, denn die Patienten sind womöglich zu Schaden gekommen."

Dieses exklusive Dokument der Europäischen Arzneimittelbehörde belegt, wie verzweigt das internationale Geflecht rund um Lunapharm ist. Die roten Pfeile signalisieren verdächtigen illegalen Arzneihandel quer durch Europa. Ausgangspunkt - diese griechische Apotheke in Athen, die seit 2013 gestohlene Krebsmedikamente vertrieben hat. Die sensiblen Arzneien wurden über einen Fischmarkt und dubiose Transportwege geschleust – nach Deutschland zum Händler Lunapharm.

Wir verfolgen die Spuren des kriminellen Netzwerkes bis nach Zypern, zur Firma Gnomon. Hier in diesem Gebäude sitzt der Händler – er unterhielt Geschäftsbeziehungen zu Lunapharm. Aus den Ermittlungsakten geht hervor, Gnomon diente offenbar als Tarnfirma, die mit Scheinrechnungen den Handel verschleiern sollte.

Auch dieser Zwischenhändler in Bulgarien ist auffällig. Eine schöne Internetseite, die nach professionellem Unternehmen aussieht.

Doch die Seite ist ein Fake – denn vor Ort in Sofia sieht es ganz anders aus –  kein Hinweis auf den Händler.

Der Lunapharm-Skandal zeigt deutlich, die Handelswege von Arzneimittelimporteuren sind nicht zu kontrollieren.

Der deutsche Gesetzgeber macht den Importmarkt für Arzneimittel erst möglich. So werden im Sozialgesetzbuch Apotheker zur "Abgabe von preisgünstigen importierten Arzneimitteln" verpflichtet.

Apotheker Franz Stadler kritisiert schon lange diesen Zwang. Bevor er ein Medikament bestellt, muss er prüfen, ob es die gleiche Arznei aus dem Ausland billiger gibt. Er muss eine bestimmte Importquote erfüllen. Ob die Importarzneien in Ordnung sind, kann er nicht überprüfen. Darin sieht er ein großes Risiko für die Patienten.

Dr. Franz Stadler, Apotheker

"Diese Medikamente sind empfindlich für Temperatur, mechanischen Stress und ähnliche Sachen und niemand braucht das, dass es einfach noch drei, vier Mal umgepackt wird und verschiedene Ländergrenzen überschreitet. Das ist nicht notwendig."

Apotheker sind empört, dass sie finanziell sogar bestraft werden, wenn sie die Quote nicht erfüllen. Die Lobby der Arzneimittelimporteure behauptet, die Kassen würden dank der Importquote große Einsparungen erzielen. Dem widerspricht aber der Vorstandsvorsitzende einer der größten deutschen Krankenkassen.

Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender AOK Baden-Württemberg

"Wir haben durch die Importquote sieben Millionen Euro eingespart bei einem Arzneimittelumsatz von weit über 2,1 Milliarden, das ist im Promillebereich. Und für die Gefahren, die damit verbunden sind, steht das in keinem Verhältnis. Die Importquote muss weg."

Eine Studie des staatlichen Paul-Ehrlich Instituts bestätigt, dass die Zahl der Arzneimittelfälschungen mit dem Importhandel deutlich angestiegen ist. Immer mehr gestohlene Arzneien kämen so in den Umlauf. Die Herkunft eines Medikaments sei in diesen Fällen "durch nationale Behörden kaum nachzuvollziehen."

Auch in der Slowakei folgen wir dem Netz von Lunapharm. Die Pfeile lassen einen dubiosen Kreislauf vermuten: Anscheinend soll die Brandenburger Firma an zwei slowakische Händler geliefert haben, die wiederum an den Importeur NMG Pharma in Bonn und dieser zurück an Lunapharm.

Wir suchen einen der slowakischen Pharmahändler an der eingetragenen Adresse auf. Dort gibt es die Firma aber nicht. Wir bekommen schließlich eine Telefonnummer vom Geschäftsführer. Der verweigert am Ende jede Aussage zu seinen Handelspartnern.

Intransparenz auf allen Seiten. Die NMG Pharma in Deutschland – hier die Zentrale - schweigt zu unseren Fragen. Dabei musste der Händler kürzlich mehrere sensible Arzneien vom deutschen Markt zurückrufen - wegen Unstimmigkeiten in der Lieferkette.

Mindestens elf Krankenkassen hatten Rabattverträge mit NMG abgeschlossen, ohne den Händler zu überprüfen. Seit Kontraste berichtete, haben acht gekündigt.

Den Lunapharm-Skandal versuchen die größten Importeure wie Eurimpharm und Kohlpharma seit Wochen herunterzuspielen. Denn sie fürchten strengere Gesetze für die Branche.

Die Lobbyarbeit läuft auf Hochtouren. So werden Bundestagsabgeordnete persönlich kontaktiert.

Und vor kurzem empfing das saarländische Unternehmen Kohlpharma Politiker und Aufsichtsbeamte zum "Informationsfrühstück" in der Vertretung des Bundeslandes. Der Importhandel sei sicher, so die pauschale Botschaft.

Kohlpharma ist offenbar gut vernetzt in der CDU. Gründer Edwin Kohl lässt sich gern mit der Politprominenz ablichten.

Christopher Hermann, Vorstandsvorsitzender AOK Baden-Württemberg

 "Die Lobby ist sehr aggressiv, was man verstehen kann insoweit aus deren Sicht wird ein ganz sicheres Geschäftsmodell sozusagen infrage gestellt. Man kann günstig im Ausland einkaufen und mit hohem Gewinn in Deutschland mit hundertprozentiger Sicherheit wiederverkaufen. Das will man mit Zähnen und Klauen verteidigen."

Wie massiv die Importeure Druck auf Kritiker ausüben, hat gerade Apotheker Stadler erlebt. Weil er öffentlich vor den Risiken der Importarzneimittel warnt.

Dr. Franz Stadler, Apotheker

"So, ich hab hier zwei Unterlassungs- und Verpflichtungserklärungen, sowohl von Kohlpharma als auch von Eurim-Pharm, ich soll nichts mehr zur Arzneimittelsicherheit und zu Importen, zu dem Zusammenhang, sagen. Es ist strafbewährt, wenn ich etwas dazu sage, werde ich mit 5.000 beziehungsweise mit 6.000 Euro bedroht, hm, finde ich ein starkes Stück, weil man im Prinzip versucht mir einen Maulkorb anzulegen, obwohl ich das ja als freie Meinungsäußerung begreife."

Abmoderation:
Übrigens: Auf unsere Nachfrage beim Importhändler Kohl heißt es auf einmal kleinlaut: Man verfolge die Angelegenheit nicht weiter. Und Bundesgesundheitsminister Spahn? Er will die Arzneimittelaufsicht zentralisieren. Hoffentlich legt er sich auch mit der mächtigen Lobby der Importeure an.

Beitrag von Sascha Adamek und Caroline Walter

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