Deutschland uneinig Vaterland - Wie sich Politik und Menschen immer weiter entfernen

Die Volksparteien sind im Umfragetief, in den Ländern drohen sie ihre Mehrheiten zu verlieren. Und Angela Merkel findet kaum noch Zugang zu den Bürgern. Selbst am Tag der Deutschen Einheit wollten der Kanzlerin nur peinlich wenige Menschen die Hand schütteln. Wie konnte es so weit kommen? KONTRASTE hat am 3. Oktober mit Menschen in ganz Deutschland gesprochen.

Anmoderation:
Unzufriedenheit und Misstrauen. Viele Bürger sind ziemlich sauer auf ihre Regierung. Und damit Guten Abend, liebe Zuschauer. Die neuesten Umfragen müssen für Angela Merkel ein Schock sein. Ihre Union kommt im ARD Deutschlandtrend von heute nur noch auf 26 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit es diese Umfrage gibt. Wie konnte das passieren? Wir waren am Tag der Deutschen Einheit in der ganzen Republik unterwegs und haben mit vielen Menschen gesprochen. Ein Stimmungsbild, das mehr sagt, als so manche Analyse.

Baden-Baden in Baden-Württemberg. Der Verband der Pudelfreunde lädt zum Hunderennen. Zur Feier des Tages der deutschen Einheit für alle Rassen und Mischlinge.

"Deshalb ist dieses Hunderennen an dem alle Hunde teilnehmen können am Tag der deutschen Einheit ein Gedenktag für die Freiheit der Hundezüchter und Hundefreunde in diesem freien Deutschland."

Die Unzufriedenheit in anderen Teilen Deutschlands liegt den Hundeliebhabern völlig fern.

"Mir geht es recht gut. Ich habe den William. Das ist mein großer Mittelpunkt."

Dass Angela Merkel das Ruder noch einmal rumreißen kann, daran glaubt aber auch im Pudelclub kaum einer mehr.

Kontraste

"Was halten Sie denn von Angela Merkel?"

"War an und für sich ganz gut die ganze Zeit, muss man sagen. Aber ich glaube, dass sie sich ein bisschen distanziert hat von der Bevölkerung."

So mancher hier hat Angst, dass die wütenden Bürger anderswo die deutsche Demokratie zerstören könnten.

"Es ist fast eine Stimmung wie 1933. Nur, dass es den Leuten noch besser geht, wie in dieser Zeit."

Am anderen Ende der Stadt noch ein Turnier. Im Golf-Club wird um den "Cup der Deutschen Einheit" gespielt. Mit dabei ein Ehepaar aus Dresden. Sie sind vor kurzem hierher geflüchtet. Wegen der feindseligen Stimmung dort.

"Die Stimmung, die PEGIDA-Demonstrationen, das Gemuffel und die unterschwellige Aggression der Menschen, egal wo man ihnen begegnet. Es ist in der Tat, es ist extrem auffallend."

Man fühlt sich wohl in einer der reichsten Städte Deutschlands.

"Es gibt keine schönere, freundlichere Stadt in Deutschland. Wenn Sie sich die Landschaft anschauen, wenn Sie sich den Golfplatz anschauen, ist ja schon schön hier."

Auch hier sind die Leute unzufrieden mit Angela Merkel, ihre Flüchtlingspolitik aber unterstützen manche schon.

"Also ich finde, wir sollten alle aufnehmen, die Not haben. Menschlichkeit oder die Moral ist eh gesunken. Und ich finde, dass jemand, wo Hilfe braucht, sollte man auch unterstützen. Weil uns geht’s so gut hier."

Oktoberfest im sächsischen Kemnitz mit K., nahe der polnisch-tschechischen Grenze. Auf dem Bauernmarkt entdecken wir zwischen Töpfen, Pantoffeln und Kartoffelschälern auch Schilder im Look des Dritten Reichs.

Kontraste

"Warum verkaufen Sie sowas hier?"

"Warum nicht?"

Kontraste

"Solche Hassbotschaften?"

"Halt das Maul, du alte Kuh."

Kontraste

"Was sagen Sie zu mir? Alte Kuh?"

Womit sind die Leute hier so unzufrieden?

"Ausländer, Syrier, ist egal wo die herkommen."

"Na mit allem, mit den Ausländern."

"Wenn man das alles sieht, was die in den Arsch geblasen kriegen."

Hört man genauer hin, gibt es viele andere Gründe für den Frust, der sich seit der Wende bei den Menschen angestaut hat.

"Es ist ja auch generell so, Ost und West, das ist ja immer noch ein riesengroßer Unterschied. Was die verdienen, was wir verdienen, ist immer noch."

"Diesen Zipfel hat unsere Mutti elende vergessen."

"Wir haben es noch nicht geschafft nach 30 Jahren die 178 fertig zu stellen, damit sich Wirtschaft hier ansiedelt. Und über diese Dinge sollte man ganz schnell nachdenken. Ansonsten brauchen wir nicht über irgendwelche Nazis nachdenken, das ist totaler Schwachsinn. Wir sind keine Nazis."

In Dortmund spielt am Abend die Borussia in der Champions League.

Gute Stimmung in der Ratsschänke, aber nur solange es nicht um Politik geht.

"Omid ist der beste Wirt der Welt."

"Solange eine Friseurin noch weniger verdient als ein Hartz-IV-Empfänger ist irgendwas falsch."

"Wenn ich Bundeskanzlerin wäre (Gelächter): Die müssten, weißt du was, soziale Arbeiten erledigen, das ist nun mal so, sollen sie für den Staat oder für andere Arbeiten leisten."

Dass die Regierung die kleinen Leute verprellt, ärgert sie.

"Die spielen alles der AfD in die Karten. Und die AfD, die braucht gar nichts zu machen, die steht einfach, macht so weiter, wir gewinnen, super, alles klar."

"Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen."

"Rein in die Gaskammer."  

Rechtsextreme Parolen in Berlin. Die Gruppierung "Wir für Deutschland" marschiert zum "Tag der Nation". Wie so oft in letzter Zeit: Rentner und Familien Seit an Seit mit Neonazis und Hooligans. Einigkeit im Hass auf Flüchtlinge und Merkel.

"Das hat was mit Mittelalter zu tun, dort werden Verbrecher auch auf Forken gesteckt. Das ist mein Ausdruck, mein künstlicher Ausdruck zu dem, was sie uns antut."

"Verpisst euch, verpisst euch, das wird doch alles zensiert."

"Ich fick dich gleich, du Wichser. Verpiss dich!"

Die Stimmung ist aggressiv, mehrfach wird unser Reporter an der Arbeit gehindert.

Kontraste

"Hier auf der Demo sind schon einige Rechtsradikale …"

"Ich hab hier noch keine gesehen. Seid ihr Rechtsradikale?"

Kontraste

"Nein."

"Sehen sie, ich sehe hier keine, das sind hier alles aus dem normalen Volke hier."

Kontraste

"Aber geht’s Ihnen persönlich jetzt, geht’s Ihnen tatsächlich schlecht hier in Deutschland?"

"Nein, mir geht’s relativ gut. Ich bin Rentner, habe eine vernünftige Rente und habe keinen Grund wirtschaftlich zu klagen."

Diese Frau allerdings schon. Ihre Rente reiche nicht aus, erklärt sie uns.

Kontraste

"Aber die Frage ist, wenn es Ihnen um mehr Rente und soziale Gerechtigkeit geht, dann könnten Sie ja auch bei der Linkspartei mitmarschieren, das machen sie aber nicht."

"Nein. Aus einem einfachen Grund. Die Linkspartei haben wir schon länger wie die AfD ist und da ist bis jetzt auch noch nichts passiert."

Entlang der Strecke viele Gegendemonstranten.

"Ich hab nur davor Angst, dass die Leute zu spät anfangen auf die Straße gehen um dagegen zu demonstrieren und ihre Meinung zeigen. Das sowas passiert, was wir schon mal hatten im Dritten Reich."

Wolgast in Mecklenburg-Vorpommern. Das Erste Pommersche Blasorchester lädt zum Tag der Deutschen Einheit in die örtliche Turnhalle.

Kontraste

"Der 3. Oktober, ist das für Sie ein Tag, den man feiern kann. Oder feiern sollte?

"Feiern, für uns nicht so direkt."

"Doch unbedingt."

Kontraste

"Ja, unbedingt?"

"Doch unbedingt muss man das machen."

Kontraste

"Warum?"

"Ja, weil wir ja die Freiheit dadurch gekriegt haben."

"Das Beste daran sind die Radwege. Das war nicht vorher, jetzt ist wunderbar getrennt, das ist sehr wichtig für die Sicherheit."

Nach der Wende sind viele Jüngere in den Westen gezogen. Für ihre Eltern ist die Veranstaltung hier das Highlight des Jahres.

"Hier ist ja nichts mehr, ganz wenige Veranstaltungen. Ganz wenige. Wir haben ja früher die Anlagen gehabt, die große Freilichtbühne, haben sie ja alles verkommen lassen. Jetzt haben sie sie abgerissen, jetzt ist gar nichts mehr, ne."

Die Wolgaster machen keinen Hehl aus ihrem Unmut auf die Politiker.

"Die machen praktisch ihre Politik und der kleine Bürger, der ist praktisch außen vor. Das ist ja das Schlimme daran. Dadurch haben die Leute ja oft Frust."

Doch die Menschen hier finden sich irgendwie ab mit dem, was für sie übrig blieb.

Achtzig Kilometer weiter. Groß Spiegelberg. 101 Einwohner.

Kontraste

"Dürfen wir mal reinkommen?"

"Ja, kommen sie doch rein."

Sieben von ihnen treffen wir am Ende des Tages in Dirk’s Bierstube. Die Einheit für den Stammtisch kein Grund zum Feiern. Auch hier fühlen sich die Leute von den Politikern im Stich gelassen.

"Es ist auch scheißegal ob es nun AfD, SPD, naja ist doch so, CDU oder sonst wie was ist: Es macht keiner was. Die quatschen und sülzen vor sich hin."

"Die reden zwar, aber …"

"Der kann jetzt vor mir stehen und sagen: Kriegen wir schon irgendwie hin, wir machen irgendwas, kriegen wir da hin. Aber er macht ja nichts, das ist das ja."

"Wir hier aufm Lande sind am Arsch."

"Früher haben die Wessis auf die Ossis geschimpft, die Ossis auf die Wessis. Und jetzt schimpfen beide auf die Ausländer."

Deutschland fast 30 Jahre nach der Einheit: Das Volk ist weitgehend von seiner Obrigkeit entfremdet. Was sich die Menschen wünschen:

einen Dialog mit den Politikern auf Augenhöhe. Zum Einheits-Festakt in Berlin beraumt das Kanzleramt extra einen bürgernahen Termin an. Doch dieses Angebot nehmen nur auffällig wenige wahr.

Die Presse soll die Kanzlerin volksnah zeigen und bitte keine Fragen stellen. Doch auch wir sind Bürger und sprechen sie an.

Kontraste

"Hallo Frau Merkel."

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

"Guten Tag."

Kontraste

"Frau Merkel, was glauben Sie denn, warum so viele Leute mittlerweile das Vertrauen in die Politik verloren haben?"

Einfach alles weglächeln. Genau mit dieser Art hat die Kanzlerin es sich mit vielen Bürgern verscherzt.

Beitrag von Andrea Everwien, Cosima Gill, Diana Kulozik, Markus Pohl und Lisa Wandt

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